1. Theorie der Sozialen Lagen
Im diesen Kapitel soll neben der Darstellung des Konzeptes sozialer Lagen erklärt werden, warum dieses Konzept besonders geeignet ist für die Darstellung der Situation einer Berufsgruppe, um sowohl berufliche als auch außerberufliche Elemente der sozialen Lage zu erfassen.
Hradil (1987, S.153) definiert soziale Lagen als „typische Kontexte von Handlungsbedingungen, die vergleichsweise gute oder schlechte Chancen zur Befriedigung allgemein anerkannter Bedürfnisse gewähren“. Der Begriff soziale Lagen bezieht sich demnach auf die Komplexität der Handlungsbedingungen, die typisch für einzelne Bevölkerungsgruppen sind. Hradil unterscheidet dabei insgesamt 13 Typologien sozialer Lagen, die anhand mehrerer Dimensionen ungleicher Lebensbedingungen erstellt wurde. Zu den von ihm gewählten Dimensionen gehören: formale Macht, Geld, formale Bildung, Risiken, Prestige, Arbeitsbedingungen, Freizeitbedingungen, Wohnbedingungen und soziale Absicherung. Die typischen sozialen Lagen reichen von Randgruppen, Armen über Normalverdiener bis hin zu Bildungseliten, Reichen und Machteliten (Hradil 1987, S. 154). Der Singular des Begriffes sozialer Lagen bezieht sich auf die Situation einer sozialen Gruppe, wobei die Bestimmung der Chancen auf die Realisierung der Lebensziele maßgeblich durch eine Determinante bestimmt wird. Eine mögliche Determinante kann der ausgeübte Beruf sein, so dass von der sozialen Lage der Lehrkräfte in Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen gesprochen werden kann. In der vorliegenden Studie wird demnach der Begriff soziale Lage im Singular verwendet.
Im Konzept der sozialen Lagen wird unterstellt, dass die Artikulation von individuellen Lebenszielen immer auch schon an gesamtgesellschaftliche Prozesse der Klärung, Selektion und Abstraktion gekoppelt ist (Hradil 1987, S. 143). Da die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung je nach Ressourcenausstattung unterschiedlich ausfallen, kommt es zur ungleichen Verteilung von Chancen zwischen sozialen Gruppen zur Erreichung der Lebensziele. Hradil (1987, S. 144) definiert soziale Ungleichheit als „gesellschaftlich hervorgebrachte und relativ dauerhafte Handlungsbedingungen [...], die bestimmten Gesellschaftsmitgliedern die Befriedigung allgemein akzeptierter Lebensziele besser als anderen erlauben“. Die Untersuchung der sozialen Lage einer sozialen Gruppe erfordert eine Klärung darüber, was allgemein akzeptierte Lebensziele, im Sinne von Zielvorstellungen bezüglich des „guten Lebens“, sind. Vereinfacht gesagt: Lebensziele gelten dann als allgemein akzeptiert, wenn sie sich im „[...] Prozeß der politischen Willensbildung relativ durchgesetzt haben und in Form von ‚offiziellen‘ oder ‚quasi-offiziellen‘ Verlautbarungen greifbar sind (z.B. in Gesetzestexten, Parteiprogrammen oder Verbandsdeklarationen)“ (Hradil 1987, S. 143). Die Allgemeinheit der Lebensziele schließt, aufgrund des Rechtes auf Selbstbestimmung jedes Einzelnen, sowohl subjektive Einschätzungen der individuellen Wünsche und Interessen als auch objektive Ziele mit ein. Da in der Hradil’schen Vorstellung die Lebensziele den Anspruch allgemeiner Anerkennung erfüllen müssen, erfährt nicht jeder individuelle Wunsch seine gesamtgesellschaftliche Legitimation. Die Annahme, dass die individuelle Artikulation eines Lebensziels immer auch schon an einen kollektiven Ermöglichungshorizont gekoppelt ist, kann dabei insofern kritisiert werden, weil dieser immer nur einen gesellschaftlichen und damit affirmativen Zuschnitt annehmen kann. Das potentiell spannungsreiche Verhältnis von Individualität und Kollektivität wird in der Hradil’schen Vorstellung also dadurch überwunden, dass sich die Artikulation von individuellen Handlungszielen und deren Verfolgung immer auch schon an kollektiven Handlungserwartungen orientiert und diesen untergeordnet ist. Offen bleibt in diesem Konzept somit die Frage nach der Übereinstimmung heterogener gesellschaftlicher Gruppen hinsichtlich der Bestimmung der gesellschaftlich akzeptierten Lebensziele und der damit verbundenen Lebensbedingungen. Die Bedürfnisse der einzelnen sozialen Gruppen müssen nicht nur artikuliert, sondern von anderen sozialen Gruppen akzeptiert und deren Legitimität durch Entscheidungsträger anerkannt werden.
Hinsichtlich der objektiven Lebensziele besteht ein minimaler gesellschaftlicher Konsens, der vor allem auf der Anerkennung der Grundbedürfnisse aller Menschen beruht. In Wohlfahrtsgesellschaften spielen nicht die Grundbedürfnisse, sondern eher wohlfahrtsstaatliche, soziale und ökonomische Bedürfnisse die zentrale Rolle im Diskurs um die allgemeine Anerkennung der Lebensziele. In Tabelle 1-1 sind die Bedürfnisse und die Dimensionen der ungleichen Lebensbedingungen in Hradils Konzept der sozialen Lagen dargestellt.
Neben den sogenannten vertikalen Ungleichheitsdimensionen wie Einkommen, Bildung oder Macht werden für die Bestimmung sozialer Lage auch horizontale Ungleichheitsdimensionen herangezogen. Diese sind vor allem Geschlecht, Region und Alter. Obwohl von diesen Merkmalen nicht a priori gesagt werden kann, dass sie für die Benachteiligung oder Privilegierung entscheidend sind, so haben sie dennoch einen indirekten Einfluss auf die Chancen zur Erreichung der Lebensziele. Sie entscheiden über die Chancen der Teilnahme auf dem Arbeitsmarkt und damit die Einkommenshöhe und da sie mit Stereotypen behaftet sind, wirken sie sich indirekt auf die Möglichkeiten der Erreichung der Lebensziele aus.
Tabelle 1-1: Dimensionen sozialer Ungleichheit
| Bedürfnisse | | Dimensionen ungleicher Lebensbedingungen |
| Wohlstand, Erfolg, Macht | „ökonomische“ | Geld, formale Bildung, Berufsprestige, formale Machtstellung |
| Sicherheit, Entlastung, Gesundheit, Partizipation | „wohlfahrtsstaatliche“ | Arbeitslosigkeits- und Armutsrisiken, soziale Absicherung, Arbeitsbedingungen, Freizeitbedingungen, Wohn(umwelt)bedingungen, demokratische Institutionen |
| Integration, Selbstverwirklichung, Emanzipation | „soziale“ | soziale Beziehungen, soziale Rollen, Diskriminierungen/Privilegien |
Quelle: Hradil 1987, S. 147; eigene Darstellung
Die Mehrdimensionalität des Konzeptes soziale Lagen bedeutet, dass die soziale Lage einer Berufsgruppe entlang diverser Dimensionen als „gut“, unter Berücksichtigung anderer Dimensionen als „schlecht“ bezeichnet werden kann. Durch diese Mehrdimensionalität können Statusinkonsistenzen erfasst werden (Burzan 2007, S.142). Ein typisches Beispiel für unterschiedliche Bewertungen von Lebensbedingungen ist der Konflikt zwischen Freizeit und Einkommen. Häufig wird die soziale Lage von Selbständigen hinsichtlich der Einkommenssituation als relativ „gut“ beurteilt. Zieht man jedoch zusätzlich die Dimension Freizeit bzw. Arbeitszeit heran, so ändert sich womöglich die Beurteilung der sozialen Lage zu Gunsten von Angestellten und Beamten.
In der empirischen Forschung nutzte u.a. Schwenk (1999) das Konzept der sozialen Lagen für die Untersuchung der Lebensbedingungen der West- und Ostdeutschen. In seiner Analyse hat Schwenk eine Reihe von objektiven Merkmalen (Bildung, Einkommen, Wohnbedingungen) und subjektiven Einschätzungen (Anomie, Soziale Integration) getrennt für die Analyse der beiden Teile Deutschlands verwendet. Durch die Analyse konnten neun typische Lebenslagen in Ostdeutschland und zehn in Westdeutschland identifiziert werden, wobei in dieser Typologie die gesamte Bevölkerung (nicht nur Berufstätige) einbezogen wurde. Der Begriff soziale Lagen wird explizit im Datenreport - Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland des Statistischen Bundesamtes verwendet (Statistisches Bundesamt 2002; Statistisches Bundesamt 2006; Statistisches Bundesamt & GESIS-ZUMA 2008; Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2011; Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2013). Es existieren aber auch andere Publikationen, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung anhand ausgewählter Indikatoren im Sinne des Konzeptes sozialer Lagen darstellen. Zu den bekanntesten gehört der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (BMAS 2001; BMAS 2005; BMAS 2008; BMAS 2012). Für den Datenreport 2002 des Statistischen Bundesamtes wurden insgesamt 16 idealtypische soziale Lagen gebildet und zusätzlich die regionale Zugehörigkeit (Ost/Westdeutschland), Geschlecht und zwei Altersgruppen (bis 60, 61 Jahre und älter) berücksichtigt (Statistisches Bundesamt 2002). Die Zuordnung der Gesamtbevölkerung zur jeweiligen sozialen Lage erfolgte primär anhand der Hauptbeschäftigung der Personen. Der Begriff Hauptbeschäftigung berücksichtigt dabei gleichermaßen nicht nur die berufliche Tätigkeit, die als zentral für die Bestimmung der Lebensbedingungen (Facharbeiter, Leitende Angestellte/Höhere Beamte, Meister/Vorarbeiter u.a.) gelten kann, sondern auch Personen, die nicht berufstätig sind (Arbeitslose, Hausfrauen, Studenten, Rentner u.a.) (Statistisches Bundesamt 2002; Statistisches Bundesamt 2006; Statistisches Bundesamt & GESIS-ZUMA 2008; Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2011; Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2013).
Das Konzept sozialer Lagen ist mit klassischen Konzepten und Vorstellungen über die Sozialstruktur einer Gesellschaft wie Klassen- oder Schichtkonzepten verwandt. Im Unterschied zum Konzept sozialer Lagen betonen Klassen- und Schichtkonzepte vor allem die Machtkonstellationen, Konfliktlinien innerhalb der Gesellschaft und sozio-ökonomische Positionen. Sie versuchen die unterschiedlichen Lebensbedingungen der sozialen Gruppen entlang der vertikalen Ungleichheitsdimensionen zu erklären (u.a. Nollmann 2004; Teckenberg 2004; Burzan 2007; Rössel 2005; Rössel 2009; Groß 2008). Soziale Klassen werden vereinfacht als Gruppen mit konträren Interessen definiert, wobei die Unterschiedlichkeit der Interessen in der Ungleichheit der Lebensbedingungen und Machtstellung begründet ist. Die Ungleichheit hinsichtlich der materiellen Lebensbedingungen und Machtverteilung beruht auf der unterschiedlichen Stellung im Produktionsprozess (Hradil 1987, S. 68). Neben den klassischen Klassenkonzepten wie die von Karl Marx (2011) oder Max Weber (1980) existieren weitere moderne Konzepte, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sind, in denen Sozialforscher die Angleichung der Lebensbedingungen aller sozialen Gruppen als Folge des wachsenden, wirtschaftlichen Wohlstandes propagierten. Zu den prominentesten Vertretern der These der nivellierten Mittelstandsgesellschaft in Deutschland gehörte in den 1960er Jahren Schelsky (1965). In allen Klassenkonzepten ist die ungleiche Verteilung der Ressourcen das wichtigste Zuordnungsmerkmal zu einer bestimmten Klasse. So sind bei Wright und Goldthorpe Produktionsmittel und Qualifikationen die wichtigsten Ressourcen für die Klassenbestimmung einer Person (Rössel 2005, S. 201). Während Wright zusätzlich Organisationsressourcen heranzieht, erweitert Goldthorpe sein Klassenkonzept um die Kategorie der Hierarchiepositionen als eine der zentralen Ressourcen für die Zuordnung zu einer je spezifischen Klasse. Bourdieu unterteilt alle Ressourcen auf drei Arten: ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Kreckel hingegen spricht von Vermögen, symbolischem Wissen, Hierarchiepositionen und sozialen Beziehungen als Determinanten der Klassenzuordnung (Rössel 2005, S. 201). Alle modernen Klassenkonzepte vereint, dass sie sich vordergründig in ihren Analysen einer ungleichen Verteilung der Ressourcen widmen, die eine Auswirkung auf die Lebensstile der Menschen haben (Kreckel 2004; Goldthorpe 1987; Goldthorpe 1996; Wright 1985; Wright 1997; Bourdieu 1982).
Eine starke inhaltliche Verwandtschaft mit dem Begriff Klassen hat der Begriff soziale Schicht, mit dem man ebenfalls eine hierarchische vertikale Sozialstruktur bezeichnen kann (Hradil 1987, S.81). In der Ungleichheitsforschung wurde der Begriff Schicht in den 1930er Jahren von Geiger (1955, S. 186, Hervorhebung im Text) eingeführt und wie folgt definiert: „Jede Schicht besteht aus vielen Personen (Familien), die irgendein erkennbares Merkmal gemein haben und als Träger dieses Merkmals einen gewissen Status in der Gesellschaft und im Verhältnis zu anderen Schichten einnehmen. Der Begriff des Status umfasst Lebensstandard, Chancen und Risiken, Glücksmöglichkeiten, aber auch Privilegien und Diskriminationen, Rang und öffentliches Ansehen.“ Allen Schichtungsmodellen ist die zentrale Rolle des Berufes als Zuordnungsmerkmals zur jeweiligen Schicht gemeinsam (Geiger 1955; Geiger 1967; Parsons 1940, Geißler 2002; Bolte, Kappe & Neidhardt 1975; Dahrendorf 1965; Scheuch 1961). Außer dem ausgeübten Beruf werden je nach Modell weitere Faktoren zwecks Schichtzuordnung verwendet wie: Einkommen, Haustyp und Wohngegend (Warner 1963).
Ein alternatives Modell zur gängigen Praxis der Zuordnung der Befragten anhand ihrer sozioökonomischen Ressourcen stellt die Selbsteinstufung der Befragten zu einer Schicht dar, wobei in diesem Fall der Beruf die einzige Zuordnungsgröße zur Schicht ist. In der Studie von Kleining und Moore (1959; 1960; 1968) wurde zunächst eine Berufsprestigeskala durch Befragungen entwickelt, im nächsten Schritt sollten die Personen nur ihren Beruf aufgrund der Ähnlichkeit des eigenen Berufes zu den vorgegebenen Berufsgruppen angeben. Diese Methode nannten die Forscher zwar „Soziales Selbsteinstufungs-Instrument zur Messung sozialer Schichten“ aber letztlich sollten die Befragten nur ihren Beruf als einzigem Merkmal mit ähnlichen Berufen hinsichtlich deren Berufsprestige vergleichen (Kleining & Moore 1968). Auf diese Weise erhielt man nur die Aussagen von Personen über die Ausübung eines Berufes, mit dem ein bestimmtes Berufsprestige verbunden ist. Die Anteile der Personen, die jeweiligen Schichten angehören, ähnelten in diesem Verfahren den Befunden, die anhand anderer gängiger Schichtmodelle ermittelt wurden (z.B. Bolte, Kappe & Neidhardt (1975) und Geiger (1967)).
Ein bedeutender Unterschied zwischen Klassen- und Schichtkonzepten besteht darin, dass die Klassentheorien bzw. Modelle den Anspruch haben soziale Ungleichheit zu erklären (Burzan 2007, S.64). Die Schichttheorien und -Modelle dagegen haben eher ein deskriptives Ziel und suchen nach Zusammenhängen zwischen sozioökonomischen Ressourcen und dem Verhalten der Menschen, ohne sich mit den Ursachen der ungleichen Verteilung der Ressourcen vertiefend zu befassen. Diese Feststellung trifft auch auf das Konzept der sozialen Lagen zu. Es hat nicht zum Ziel, die soziale Ungleichheit zu erklären (Hradil 1987, S. 139). Die funktionalistische Schichtungstheorie sieht sogar die ungleiche Verteilung von Ressourcen als funktional notwendig für das Zusammenleben in der Gesellschaft an (Davis & Moore 1973; Parsons 1940). Die Klassentheorien und -Modelle betonen die Stellung im Produktionsprozess und den Besitz von Produktionsmitteln, was Auswirkungen auf das Bewusstsein der Klassenangehörigen haben soll und ein Konfliktpotential mit sich bringt. Dagegen müssen die Schichten nicht unbedingt in Interessenkonflikte verwickelt sein (Burzan 2007, S. 65). Gemeinsam ist allen Klassen- und Schichtkonzepten, dass sie die Gesellschaft in vertikal angeordnete Gruppen unterteilen, die ungleich mit Ressourcen (vor allem den sozioökonomischen) ausgestattet sind.
Als eine Erweiterung des Konzeptes sozialer Lagen kann das Konzept der sozialen Milieus begriffen werden. Unter dem Begriff soziales Milieu wird ein „Gruppe von Menschen verstanden, die solche äußeren Lebensbedingungen und/oder inneren Haltungen aufweisen, aus denen sich gemeinsame Lebensstile herausbilden“ (Hradil 1987, S. 165). In den klassischen Klassen- oder Schichttheorien wird angenommen, dass der Besitz an sozio-ökonomischen Ressourcen (Geld, Bildung, formale Macht, berufliche Stellung) einen einheitlichen Stellenwert hat und gleiche Effekte für Betroffene erzeugt. Es kann aber nachvollzogen werden, dass beispielsweise Bildungszertifikate einen unterschiedlichen Stellenwert in Abhängigkeit von horizontalen Ungleichheitsfaktoren (Geschlecht, Wohnort, Alter) haben und mit unterschiedlich hohen Chancen versehen sind. Die Bündelung von objektiven Faktoren bzw. sozioökonomischen Ressourcen, horizontalen Ungleichheitsfaktoren und subjektiven Einschätzungen der eigenen Lage führt zur Bildung eines Handlungskontextes. Die milieuspezifischen Haltungen (z.B.: Rolle der Frau, Einstellung gegenüber der Institution Ehe, Stellenwert der sozialen Sicherheit unter Aussteigern oder alternativen Gruppierungen, Stellenwert des Berufsprestiges unter Aufsteigern) wirken auf die Lebensstile der Menschen (Hradil 1987, S. 166f.). Lebensstile „stellen [...] die typischen Verhaltensmuster sozialer Gruppierungen dar, und sind erst durch Abstraktionen (von Seiten der Forscher und der Gesellschaftsmitglieder) vom konkreten Denken und Verhalten zu erschließen“ (Hradil 1987, S. 165). Lebensstile sind nicht nur von Ressourcen abhängig, sondern auch von Moden, Trends und der momentanen Lebensform des Individuums. Der Begriff der Lebensstile ist gewissermaßen eine Erweiterung des Begriffes soziales Milieu. Er umfasst eben nicht nur objektive und subjektive Einschätzungen der eigenen Lebenslage, sondern beschreibt zusätzlich alltagspraktisches Handeln und ein Set von typischen Verhaltensweisen eines Menschen. Mit dem Begriff Lebensstil wir einerseits die Freiheit in der Gestaltung des Alltags betont, andererseits wird aber ein starker Zusammenhang zwischen Lebensstilen und Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit postuliert (Hradil & Spellerberg 2011, S. 61).
Das Konzept der sozialen Milieus kann die klassischen Schicht- und Klassenkonzepte nicht ersetzen, sondern eher um weitere Aspekte der Sozialstruktur erweitern (Endruweit 2000; Eder 2001). Die klassischen Ressourcen wie Geld, Bildung und Beruf sind nach wie vor wichtige Determinanten der Milieuzugehörigkeit und werden in den meisten Milieuanalysen berücksichtigt (Vester 2001; Schulze 1995).
Soziale Milieus können grundsätzlich in zwei Typen unterschieden werden: Mikro- und Makromilieus. Das zentrale Unterscheidungskriterium beider Typen besteht in der Dimension räumlicher Nähe und Distanz. Ein Individuum kann einem Makromilieu angehören, so wie Millionen andere Individuen auch, ohne dabei direkten Kontakt zu anderen Mitgliedern seines Milieus aufzuweisen. Von einem Mikromilieu spricht man dagegen, wenn die Personen nicht nur einen ähnlichen Lebensstil aufweisen, sondern sie in einem unmittelbaren persönlichen Kontakt zueinander stehen (Herlyn 2000, S. 155). Entscheidungen der Individuen können unter der Perspektive des sozialen Raumes betrachtet werden. Nach Bourdieu bildet die soziale Position eine Handlungsstruktur, die sich über den Habitus auf den Lebensstil auswirkt, wobei der Habitus als eine Verinnerlichung der klassenspezifischen Dispositionen zu verstehen ist (Bourdieu 1982; 1983). Bourdieu verbindet in seiner Arbeit ein Klassenmodell mit einer Lebensstilanalyse, womit er eine Sonderstellung innerhalb der Klassentheoretiker einnimmt (Burzan 2007, S. 125; Rössel 2009, S. 315; Groß 20...