Das Internet zum Ort der Menschenwürde
machen!
Wie reagiert man auf Hass und Enthemmung im Netz?
Im Internet wird über andere hergezogen, gepöbelt und hemmungslos gehetzt, dass es einem die Sprache verschlägt. Das Phänomen greift derart um sich, dass es einen eigenen Namen hat: »Hate Speech« – hasserfüllte Äußerungen mit dem Ziel der Verunglimpfung und Ausgrenzung von Menschen oder Personengruppen, bis hin zur Androhung von Gewalt. Häufig geht es gegen geflüchtete Menschen und Ausländer oder politisch anders Denkende. Die Kommentare sind mal sexistisch, mal rassistisch, mal antisemitisch, immer aber sind sie herabwürdigend. Der Ton wird in atemberaubender Geschwindigkeit rauer und hat längst alle moralischen Grenzen überschritten. Der Großmeister der Disziplin: Donald Trump.
Leider ist er bei weitem nicht der Einzige. Für immer mehr Menschen existieren im Web keine Hemmschwellen mehr. Dabei ist es nur ein geringer Teil der User, die tatsächlich Hasskommentare postet; sozusagen Profi-Hass-Poster. Dafür mit sehr hoher Frequenz und Intensität – ausreichend, um das Debattenklima im Netz zu vergiften. Ein großer Teil der Internetuser ist bereits zum Ziel übler Beschimpfungen. Besonders belastet sind Politiker und Journalisten – also all jene, deren Meinungen und Handlungen nicht allen passen, und diejenigen, die Vorurteilen sachliche Informationen und neutrale Berichterstattung entgegenstellen.
Wie kommt es zu Hate Speech? In Studien konnten verschiedene Mechanismen identifiziert werden, die zu dem erschreckenden Phänomen beitragen. Einerseits ist da der Schutz durch die Anonymität des Internets. Viele Hassposter fürchten keine Konsequenzen und lassen ihren üblen Empfindungen hemmungslos freien Lauf. Darüber hinaus reduziert das Netz das Verantwortungsgefühl für das eigene Tun – man ist Teil einer diffusen Masse. Es ist keine große Sache, die Finger über eine Tastatur gleiten zu lassen und Hass zu säen. Konsequenzen sind nicht ohne Weiteres spürbar und schon gar nicht körperlich zu erleben. Denn wer jemanden in der realen Welt absichtsvoll anrempelt, macht eine physische Erfahrung, fühlt sein Tun, sieht die Reaktion des anderen – und muss eine unmittelbare Reaktion fürchten. Vor einem Bildschirm sind Menschen jedoch gewissermaßen entkörperlicht. Und auch das Leid, das man anderen antut, ist nicht spürbar. Dass da tatsächlich ein anderer Mensch ist, der den Hass voll auf die Zwölf bekommt, ist nicht unmittelbar sichtbar. Der Andere als menschliches, fühlendes Wesen bleibt abstrakt.
Andererseits kann Anonymität nur für einen Teil der Täter als Erklärungselement dienen. Denn sehr viele posten ihren Hass geradezu stolz unter ihren Klarnamen. Viele Hater sehen sich als Opfer der Umstände und finden es mutig und ehrenvoll, die „Wahrheit“ zu sagen. Sie wollen sich von »denen da oben« nicht »einschüchtern« lassen. Sie wollen durch ihr Handeln dazu beitragen, dass »endlich wieder gerechte Verhältnisse« geschaffen werden, in denen auch sie wieder die ihnen zustehende Anerkennung erhalten. Und überhaupt: „Das wird man doch noch sagen dürfen.“
Vorurteile sind die wichtigste Grundzutat für den Hass – hier einige Klassiker:
- Emanzipierte Frauen machen dem Mann seine Rolle streitig.
- Homosexuelle bedrohen und entwerten das klassische Familienmodell.
- Südeuropäer sind faul und wollen auf Kosten der fleißigen Mittel- und Nordeuropäer leben.
- Die Flüchtlinge kommen zu uns, um unseren Sozialstaat auszunutzen. Sehr viele von ihnen sind Kinderschänder, Vergewaltiger und Diebe.
- Aus „politischer Korrektheit“ verzichtet der Staat auf eine angemessene Verbrechensbekämpfung.
- Juden streben zusammen mit Politikern, Bankern und mit Unterstützung einer gleichgeschalteten Lügenpresse nach der Macht über das deutsche Volk, wenn nicht über die ganze Welt.
- Der Klimawandel ist eine Erfindung hysterischer Umweltschützer (oder der Chinesen).
Auf dem Boden solcher Ressentiments gedeihen Gefühle intensiver Bedrohung. Das Resultat ist Angst – und damit sinkt die Fähigkeit zum differenzierten Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Annahmen in den Keller, was Vorurteile weiter bestärkt und immunisiert: ein Teufelskreis. Wer derart mit sich selbst beschäftigt und von Ängsten besessen ist, erfüllt schon rein neurophysiologisch nicht mehr die nötigen Voraussetzungen, um die Empathiemodule im Gehirn nutzen zu können. Der Andere wird nur noch als Objekt (»Kakerlake!«, »Stück Dreck!«) wahrgenommen – und nicht mehr als Mensch mit Gefühlen. Damit ist der Schritt heraus aus der lähmenden Angst und hinein in den kraftvollen, vitalisierenden Hass auf das Andere nur noch ein sehr kleiner – Attacke statt Flucht! Zunehmend entwickelt sich eine digitale Parallelwelt von Hass und Kampf. Gewissermaßen ergibt sich aus der verhängnisvollen Kette von Vorurteilen, Bedrohungsgefühl und Angst ein zwingender Schluss: »Wir oder die. Es geht um alles.« Und das rechtfertigt fast alles – auf jeden Fall aber vieles.
Durch die digitalen Medien hat die sprachliche und emotionale Verrohung eine nochmal neue, besonders gefährliche Qualität erhalten. Die Angriffe gegen Menschen und Werte kommen aus der Unbestimmtheit des digitalen Raumes und treffen die Opfer meist schutzlos und häufig unvorbereitet. Man kann die Täter nicht direkt erreichen und konfrontieren; sie können nicht leicht gesellschaftlich eingehegt und auf Werte des sozialen Miteinanders verpflichtet werden. Hasskommentare sind rasch retweetet – die Gefahr rasanter viraler Ausbreitung ist enorm.
Aber warum ist die digitale Verrohung eigentlich eine unmittelbare Bedrohung für die Demokratie? Weil Menschen herabzuwürdigen deren Würde verletzt und damit die wichtigste Voraussetzung der Demokratie: die gegenseitige, voraussetzungsfreie Anerkennung als vollkommen gleichwertige Menschen. Das demokratische Gemeinwohl beruht maßgeblich auf dem vernünftigen Austausch von Argumenten. Hasskommunikation zerstört diese unabdingbare Grundlage, da sie die Beziehungen zwischen den Menschen erodieren lässt. Hasssprache spaltet und blockiert vernünftige demokratische Diskurse. Die Angst davor, (wieder und wieder) Ziel von Hass und Gewaltandrohung zu werden, führt zum Rückzug der Besonnenen aus der öffentlichen Kommunikation. Fakten und Meinungsäußerungen, die Vorurteilen entgegenwirken, drohen so immer leiser und seltener zu werden – bis sie möglicherweise ganz verstummen.
Hinzu kommt: Das Netz wird zum Testfeld, zu einer Art enthemmendem Trainingsplatz für reales Verhalten, zum Katalysator für Verrohung unterschiedlichster Art. Die »Hater« fühlen sich durch Likes bestätigt; oder schon einfach deswegen ermutigt, ihren Hass weiter von der Leine zu lassen, weil sie noch viel zu oft keinen Widerspruch erfahren. Dadurch verschiebt sich die Norm des Sag- und Machbaren immer weiter, die Enthemmung nimmt zu und wird zum gefährlichen Modell für andere. Wer im Netz mit Hasskommentaren „ankommt“, fühlt sich bestärkt, seinen Hass auch in der realen Welt kundzutun und sich entsprechend zu verhalten. In den Hallräumen des Internet wird der Hass wie in einem Inkubator ausgebrütet, droht von dort ins echte Leben zu schlüpfen und schließlich gar zu körperlich gewalttätigem Verhalten zu mutieren.
Das reale und das virtuelle Leben verschmelzen zunehmend miteinander, was schon daran zu erkennen ist, wie viele Menschen im öffentlichen Raum ständig auf ihr Handy schauen. Das begünstigt Ungeduld, Oberflächlichkeit und emotionale Verflachung. Die Symptome der digitalen Verrohung werden immer massiver sichtbar, breiten sich aus, beschränken sich nicht auf Hasskommentare – wenngleich diese das bekannteste Phänomen sind. Zunehmend wird die Würde von Menschen auch durch Handyvideos und deren Verbreitung im Netz massiv verletzt. Pädophile Täterkreise haben es im Darknet vorgemacht, dann hat der IS mit Köpfungsszenen auf Youtube nachgezogen. Und heute zeigen auch Mitglieder der ganz »normalen« gesellschaftlichen Mitte erschreckende Symptome der Verrohung:
- Verprellte Expartner stellen intime Fotos ihrer Verflossenen im Web auf digitale Pranger.
- Männer filmen auf der A60 bei Ginsheim einen brennenden LKW, während Ersthelfer vergeblich versuchen, den eingeklemmten Fahrer zu retten.
- Schaulustige vor einem Hotel in Baden-Baden fordern mit gezückter Handykamera einen lebensmüden Mann auf, zu springen. Rettungskräfte können das Unglück gerade noch abwenden.
- Gaffer filmen ein kleines Mädchen, das nach einem Verkehrsunfall im Sterben liegt.
- Eine 18-jährige filmt nach einem Verkehrsunfall lieber ihre sterbende Schwester und streamt das Video auf Instagram, anstatt Hilfe zu rufen.
Viele Rettungskräfte machen regelmäßig die Erfahrung, dass die Aufnahmen von Unglücksfällen schneller im Netz landen, als sie von ihren Einsätzen zurück auf die Wache kommen. Im Angesicht solcher Entwicklungen ringt man um Fassung. Klar: Das Rohe, die Lust am Leiden des Anderen, ungezügelter Hass – das alles ist schon immer ein Teil des Menschen gewesen. Aber erst das Digitale setzt die über Jahrhunderte erkämpften gesellschaftlichen Mechanismen der sozialen Eingrenzung des Rohen in beunruhigendem Maße außer Kraft. Das Rohe im Menschen ist ein Teil, der dauerhaft eingehegt werden muss und nie endgültig bekämpft sein wird.
Wie also kann man mit der Verrohung im Netz umgehen? Wie bekämpft man Hate Speech? Das Phänomen einfach zu ignorieren hilft nicht. Es breitet sich so oder so immer weiter aus und verändert die Gesellschaft zum Schlechten – nicht nur virtuell.
Natürlich wäre es erfreulich, den einen oder anderen Hater aus seinem Teufelskreis herausholen zu können: man könnte ihn nach seinen Befürchtungen befragen und ihn ermutigen, sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen; ihm dabei helfen, Vorurteile zu erkennen und zu hinterfragen; ihn einladen, das Fremde als Chance zur Bereicherung des eigenen Lebens zu begreifen; ihm vor Augen führen, dass andere Netznutzer nicht abstrakt, sondern fühlende Menschen aus Fleisch und Blut sind. Meist wird das aber Wunschdenken bleiben. Hat der Hass bereits Fahrt aufgenommen und wird zur Mission, kann man häufig nur noch versuchen, seine weitere Verbreitung zu begrenzen.
Heute wissen wir, dass Vorurteile und Rassismus vor allem dort entstehen, wo wenig oder kein Kontakt mit anderen Gruppen stattfindet. Die Fremdenfeindlichkeit ist nicht in Mannheim, Duisburg oder Berlin am größten, sondern in den ostdeutschen Flächenländern – also dort, wo kaum Ausländer leben. Genaugenommen wissen wir das schon ziemlich lange. Bereits der römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus schrieb vor über zweitausend Jahren: »Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.« - »Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt.« Was also hilft, ist klar: Begegnung; die Vorbeugung und Auflösung von Ghettoisierung; gemeinsames Leben und Arbeiten; viele Möglichkeiten zum Miteinander. Der Abbau von Vorurteilen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und eine Frage der politischen Steuerung.
Was aber kann jeder einzelne tun, um Hate Speech zu begegnen? Die Möglichkeiten des Handelns lassen sich in drei Bereiche einteilen: Soziale Eindämmung; Sanktionierung; Opfer- und Selbstfürsorge. Der Reihe nach:
Wo und wann immer möglich, sollte man Hass sozial eindämmen und ihm den Raum zur Ausbreitung entziehen. Viele Foren haben eine »Netiquette«, Chats eine »Chatiquette« – digitale Benimmregeln. Halten sich Teilnehmer nicht daran, kann man sie auf die Regeln hinweisen und deren Einhaltung anmahnen. Wer selber entsprechende Formate betreibt, sollte nicht zögern, Verstöße konsequent zu ahnden und Hater zu sperren.
Sehr gut funktioniert die soziale Eindämmung von Hass immer dort, wo die Kommunikation durch einen Moderator geordnet und gegen Auswüchse geschützt wird. Müssen Beiträge durch diesen erst freigeschaltet werden, wird der Fluss der Kommunikation gleichzeitig auch entschleunigt und kann sich nicht ungehemmt ausbreiten. Wird ein unmoderierter Ort im Netz mit Hass übergossen, besteht die Möglichkeit, sich mit anderen »anständigen« Netzteilnehmern abzusprechen, um in ein moderiertes Forum umzuziehen oder ein solches zu gründen. Dann haben alle die Wahl: sich zukünftig an die Regeln halten oder außen vor bleiben.
Nich...