Komplexe posttraumatische Belastungsstörung
Von Derrick Jensen
Eine der zentralen Fragen meiner Arbeit war immer, warum wir uns nicht wehren. Und dies ist es, worüber ich wirklich sprechen möchte. Ich denke, dass unsere ganze Kultur unter dem leidet, was Judith Herman89 „Posttraumatische Belastungsstörung“ nennt, und unter der damit einhergehenden erlernten Hilflosigkeit, welche traumatisierte Menschen oftmals erfahren. Der britische Psychiater R.D. Laing schreibt: „In diesem Augenblick der Geschichte sind wir alle gefangen in der Hölle der fieberhaften Passivität. Wir finden uns wieder, bedroht vom Aussterben. Niemand möchte dies, und wir alle haben Angst davor, und es sieht aus, als würde es einfach passieren, weil niemand von uns weiß, wie man es stoppt. Es gäbe eine Möglichkeit, wenn wir die Struktur unserer eigenen Entfremdung erkennen würden; die Entfremdung unserer Wahrnehmung von unserem Handeln; die Entfremdung unserer Handlungen von der Verantwortung, die wir als Menschen tragen. Wir alle folgen Weisungen. Wo kommen diese her? Immer von woanders. Ist es noch immer möglich, unser Schicksal neu zu erschaffen und dieser höllischen Unabwendbarkeit eines tödlichen Ausgangs zu entkommen?“ Das ist wirklich die Frage.
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Wenn du an den Irak denkst, denkst du dann an Zedernwälder, die so dicht sind, dass kaum ein Sonnenstrahl auf den Boden trifft? So war es dort, bevor diese Kultur entstand. Der erste niedergeschriebene Mythos der dominanten Kultur handelt von Gilgamesch, der die Wälder vernichtet, welche die Ebenen und Berghänge des heutigen Irak bedeckten. Die arabische Halbinsel war eine von Eichen bewachsene Savanne; der Nahe Osten war dicht bewaldet; Griechenland war dicht bewaldet; die Wälder Nordafrikas wurden für die phönizischen und ägyptischen Flotten gerodet. Es gab Wale im Mittelmeer. Im Nordatlantik gab es so viele Wale, dass sie eine Gefahr für die Schifffahrt waren. So viele Wale, dass ihr Atem wie Nebel über dem Ozean stand. Es wird berichtet, dass ein Eichhörnchen vom Atlantik zum Mississippi oder von Maine nach Texas gelangen konnte, ohne den Boden zu berühren. Die großen Prärien waren Heimat der größten Herden von Wiederkäuern auf der Welt. An den Flüssen Kaliforniens konnte man etwa alle fünfzehn Minuten einen Grizzlybären beobachten. Natürlich gibt es immer noch Grizzlys in Kalifornien. In den Zoos und auf der Flagge.
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Die Hügel waren von Bäumen bedeckt und die Wiesen von dichtem, hohen Gras bewachsen. Ein französischer Kapitän schrieb: „Es gibt kein anderes Land auf der Welt mit einem größeren Reichtum an Fischen und Wild jeglicher Art. Die Herden von Gänsen, Enten und Meeresvögeln sind so enorm, dass ihre Schwärme dichte Wolken bilden mit dem Lärm eines Wirbelsturms. Große Herden von Hirschen grasen auf den Flächen. Die Steine am Ufer sind schwarz von den Seelöwen, so viele, dass es aussah, als sei die See gepflastert.“ Ein Europäer schrieb über die Bucht von Monterey: „Es ist unmöglich, sich die Menge von Walen vorzustellen, die uns mit einer nie gesehenen Zutraulichkeit umgaben. Jede halbe Minute blies einer aus seinem Atemloch und erfüllte die Luft mit dem typischen Gestank.“ Die zahlreichen Wale an den Küsten boten eine reiche Nahrungsquelle für alle. Gruppen von Grizzlybären taten sich an ihnen gütlich. Heutzutage gibt es keinen Einzigen. Die Tiere hatten keine Angst vor Menschen, denn die Menschen, die hier lebten, schlachteten sie nicht im großen Stil ab. „Man musste aufpassen, nicht auf die Füchse zu treten, und Kojoten kamen regelmäßig in menschliche Behausungen, um sich zu nehmen, was ihnen gefiel. Wachteln waren so zahm, dass sie nicht flüchteten, wenn man einen Stein nach ihnen warf. Kaninchen konnten mit der Hand gefangen werden. Gänse waren oft so aufdringlich, dass man sie verscheuchen musste, indem man auf sie schoss.“
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So war die Welt. Es ist alles weg. Zweihundert Spezies wurden heute durch die dominante Kultur ausgerottet. Sie waren meine Brüder und Schwestern. Es betrifft nicht nur nichtmenschliche Kreaturen. Indigene Sprachen werden mit einer noch schnelleren Rate ausgelöscht als Tierarten. Der Genozid geht weiter, tatsächlich nimmt er an Tempo zu. Zwischen zehntausend und dreißigtausend Menschen lebten mindestens in dieser Region, bevor sie erobert wurde.90 Diese Kultur versuchte, sie von der Erde zu tilgen, bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nur noch ein paar Hundert von ihnen übrig waren.
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Wissenschaftler sagen, dass die Ozeane in dreißig Jahren leergefischt sein könnten. Austern und andere Muscheln haben bereits „Misserfolge bei der Fortpflanzung“, ein wissenschaftlicher Ausdruck dafür, dass ihre Babies sterben. Die Antwort der dominanten Kultur auf das Schmelzen der arktischen Eisdecke war nicht etwa Schrecken oder Scham oder eine absolute Entschlossenheit, diesmal das Richtige zu tun, nämlich die fürchterlichen Dinge, die sie getan hat, wieder zu berichtigen. Die Antwort war Gier. Gier auf die Ressourcen, die nun ausgebeutet werden können. Die dominante Kultur ermordet den Planeten. Wenn wir sie nicht stoppen, wird sie jedes Lebewesen umbringen. Wenn wir sie nicht stoppen. Diese Kultur ist soziopathologisch und sie hat einen Todesdrang, einen Drang, Leben zu zerstören.
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Warum ist diese Kultur so destruktiv und wie können wir sie stoppen? Ich habe über 20 Bücher geschrieben, um Antworten auf diese Frage zu finden. Um ehrlich zu sein, muss ich sagen, dass ich nicht viel weiter gekommen bin. Welche Antwort man auch findet, sie reicht nicht aus, um den Mord an dem Planeten zu erklären, auf dem wir leben. Egal wie soziopathologisch ihr seid, es ist wahnsinnig. Es ist nicht möglich, Vergewaltigung zu erklären. Es reicht nicht aus, so viele der Dinge zu erklären, die um uns herum passieren. Dennoch möchte ich versuchen, hier einige mögliche Erklärungen für die Destruktivität dieser Kultur darzustellen. Ich glaube, dass uns ein besseres Verständnis des Problems helfen kann, angemessene Antworten zu finden. Oder, um es mit den Worten eines befreundeten Arztes auszudrücken: Der erste Schritt zur Heilung ist eine richtige Diagnose. Wenn man die Krankheit falsch diagnostiziert hat, spielt es keine Rolle, wie gewissenhaft man der Kur folgt. Man wird die Krankheit nicht heilen. Dies gilt auch für den größeren Maßstab. Viele Menschen möchten die Kultur nicht wirklich verändern, sondern lediglich die Energiequellen, die für die Wirtschaft gebraucht werden, auf Solar und Wind umstellen. Vielleicht wäre es hier treffend zu erwähnen, was mit Vögeln passiert, die über Solarparks in der Wüste fliegen. Ihre Flügel fangen Feuer und verbrennen. Mal ganz abgesehen davon, dass es praktisch unmöglich ist, die gesamte industrielle Ökonomie mit Elektrizität aus Solar und Wind zu betreiben, und abgesehen von den extremen Kosten, die eine solche Umstellung mit sich bringt (wie der 47 km2große Tagebau für seltene Erden in China), wird hier ignoriert, dass das Verbrennen von Öl nicht das eigentliche Problem ist. Es ist ein Symptom. Diese Kultur hat bereits Leben auf dem Planeten vernichtet, lange bevor sie begann, Erdöl zu verbrennen. Öl beschleunigt und verschlimmert den Prozess. Ich behaupte nicht, dass die Ölwirtschaft nicht gehen muss. Ich sage, dass sie ein Symptom ist. Und ich bin absolut dafür, auch die Symptome zu therapieren. Nur sollten wir nicht so tun, als könnten wir mit der Behandlung des Symptoms die Krankheit heilen.
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Die Populationen an Wildtieren sind in den letzten vierzig Jahren um mehr als die Hälfte geschrumpft, von den kleinsten Insekten bis zu den größten Fischen. Die wenigsten dieser Verluste gehen auf die globale Erwärmung zurück, welche erst jetzt beginnt, uns härter zu treffen. Wir müssen tiefer gehen. Wenn Außerirdische aus dem Weltraum kämen und die Ozeane aussaugen würden, das Klima verändern, Dioxin in die Muttermilch jeder stillenden Frau tun, wüssten wir, was zu tun wäre. Wenn Aliens aus dem Weltraum all dies tun würden, all diese Veränderungen bis hin zu unseren körpereigenen Immunsystemen, wüssten wir, was zu tun wäre. Aber weil es Mitglieder dieser Kultur sind, der Kultur, in die nahezu alle von uns inkulturalisiert wurden, verhalten wir uns plötzlich ziemlich dumm. Wir dürfen niemals vergessen, dass unhinterfragte Annahmen die wahren Autoritäten einer Kultur sind. Und wir denken, wir könnten die Zerstörer stoppen, indem wir recyceln oder kürzer duschen, oder anders ausgedrückt, indem wir die Dinge kontrollieren, die wir unter Kontrolle haben, während wir gewissenhaft die wahren Zerstörer ignorieren. Oder wir würden bestenfalls die Aliens bitten, sich die richtigen Genehmigungen erteilen zu lassen, bevor sie uns ausrotten. In den USA stehen viele Staaten vor der Entscheidung, ob sie sauberes Trinkwasser bevorzugen oder Fracking. Die Frage stellt sich, warum wir keinen Widerstand leisten, wenn wir mit derartigen Problemen konfrontiert sind. Wir reden nicht zuletzt über den Mord am Planeten. Wenn ich dies sage, antworten Menschen oft komm schon, der Planet wird nicht ermordet. Ich las diesen Artikel über das Sterben der Ozeane, aber die Wissenschaftler sagten nicht, dass sie getötet werden. Nein, sie werden reorganisiert. Sie sagen immer, man könne den Planeten nicht zerstören, es werden zumindest ein paar Bakterien übrig bleiben. Wenn dies jemand zu mir sagt, frag ich immer, ob ich mir ein Messer leihen dürfe. Und dann frage ich, ob ich ihre Hand haben könne. Ich will sie ja nicht umbringen. Nur reorganisieren. Ich werde euch nicht töten, ich schneide euch nur die eine Hand ab, dann die andere, dann vielleicht ein Bein, und das zweite … Alles halb so schlimm. Und sogar wenn eure Herzen aufhören zu schlagen, was wollt ihr denn, die Bakterien in euren Körpern sind doch immer noch lebendig. Mein Punkt ist, dass wir zehntausend Gründe finden, keinen Widerstand zu leisten, und zehntausend Wege, um die Zerstörung herunterzuspielen.
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Bevor wir über einige der Gründe sprechen, warum diese Kultur so destruktiv ist, möchte ich zwei Gründe, die sehr häufig genannt werden beiseitelegen. Der erste ist Gier. Wenn man Menschen auf der Straße fragt, warum diese Kultur den Planeten zerstört, werden viele Gier als Grund anführen. Natürlich ist Gier ein Teil des Problems. Aber mit einem Planeten, der zerstört wird, geht das Problem viel weiter als nur einfache Gier. Zudem kann Gier zahlreiche der Grausamkeiten nicht erklären, beispielsweise Vergewaltigung. Natürlich verstehe ich, dass Vergewaltigung ein Akt von politischen Terror ist, und als Ganzes als Methode fungiert, Frauen als Kategorie von Menschen zur Unterordnung zu zwingen. Aber dies erklärt es immer noch nicht. Es gibt einen Drang zu verletzten, einen Drang zu dominieren, auszurotten, zu vernichten, der weit über Gier hinausgeht. Erinnert euch an die Beschreibung Kaliforniens, die ich am Anfang dieses Textes gegeben habe. Die Ohlone91 hatten es ziemlich einfach, an Nahrung zu kommen. Würdest du lieber für einen großen Konzern arbeiten, um Miete und Essen bezahlen zu können, oder lieber einen Schritt aus deiner Behausung machen, wo du die zahlreichen Gänse verscheuchen musst, um eine davon zum Mittagessen zu fangen? Von einer eigennützigen Perspektive aus gesehen, hatten die Ohlone einen deutlich besseren Lebensstil.
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Eine andere verbreitete Meinung, die man oft hört, ist die, dass Menschen inhärent destruktiv seien. Ich habe sogar nicht selten gehört, dass „Intelligenz eine tödliche Mutation“ sei. Ich bin nicht so sicher, ob Mitglieder der dominanten Kultur intelligent sind … Wie auch immer, die Tolowa92 lebten dort, wo ich nun lebe für mindestens zwölftausendfünfhundert Jahre, wenn man den Mythen der Wissenschaft glaubt. Wenn man den Mythen der Tolowa glaubt, lebten sie dort seit Anbeginn aller Zeiten. Als die Europäer ankamen, war der Ort ein Paradies. Genauso lebten an anderen Orten Menschen seit mindestens sechstausend Jahren oder seit Anbeginn aller Zeiten. Sie machten das Land nicht kaputt. Und der Grund dafür, dass sie das Land nicht zerstörten, ist nicht, dass sie zu dumm gewesen wären, um Bagger zu erfinden. Diejenigen die behaupten, dass Menschen inhärent destruktiv wären, müssen entweder die existierenden Beispiele indigener Völker ignorieren, was sie normalerweise tun, oder sie behaupten, dass indigene Menschen genauso viel Zerstörung verursachen würden; oder sie behaupten, dass indigene keine Zerstörung verursachen würden, weil sie offensichtlich nicht clever genug waren, Werkzeuge mit der entsprechenden Zerstörungskraft zu entwickeln. Es gibt diese sehr seltsame und schädliche Verquickung von Zerstörung mit Intelligenz in dieser Kultur. Ich habe kürzlich ein Interview angeschaut mit diesem Arschloch Elon Musk93, in dem er über extra-terrestrische Intelligenz sprach. Er sagte ein Zeichen, nach dem wir suchen müssten, sei die Verschmutzung der Atmosphäre. Ernsthaft. Verschmutzung ist ein Zeichen für Intelligenz. Offen gesagt suche ich noch nach Zeichen für Intelligenz innerhalb der dominanten Kultur. Niemals erkennen Mitglieder der dominanten Kultur an, dass indigene Völker ihre Landbasis vielleicht deswegen nicht zerstören, weil sie nicht verrückt sind. Worauf ich wirklich hinauswill ist, dass einige Menschen nachhaltig gelebt haben, was bedeutet, dass es nicht inhärent ist für Menschen, sich zu verhalten, wie wir es tun. Es gab Kulturen, die keine Vergewaltigung und keinen Kindesmissbrauch kannten. Wenn eine Kultur es kann, so ist es nicht biologisch determiniert. Zu behaupten, das Problem sei die menschliche Natur, ist eine Verleugnung, eine Lüge und eine Entschuldigung, keine unbequemen Fragen zu stellen. Schlimmer noch, es tut, was Tyrannen immer versuchen zu tun, nämlich die Unterdrückung als etwas Natürliches darzustellen, ihr eigenes Verhalten, welches das Resultat persönlicher und sozialer Entscheidungen ist. Wenn man Menschen davon überzeugen kann, dies sei die natürliche Ordnung der Dinge, hat man gewonnen.
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Du denkst, mit der ganzen Welt, die auf dem Spiel steht, werden wir uns nicht mit Ausreden oder Lügen zufriedengeben. Aber wir verwenden mehr Zeit damit, uns zu zwingen, nicht zu sehen was los ist, als damit, Fragen zu stellen oder zu versuchen, es zu stoppen. Ich denke, es ist sehr hilfreich, sich die dominante Kultur mit derselben Dynamik anzuschauen wie eine missbräuchliche Familie. Von R. D. Laing stammen die drei Regeln einer disfunktionalen Familie: Regel A: Nicht. Regel A1: Regel A existiert nicht. Regel A2: Diskutiere niemals die Existenz oder nicht-Existenz der Regeln A, A1 oder A2. Was dies in meiner eigenen Fa...