1 Menschlichkeit beweisen
Überbrückt
In einem kleinen Dorf in Vietnam lebten am Song Hong Menschen, die mit den Bewohnern jenseits des Flusses verfeindet waren. Den Grund für diesen anhaltenden Zwist kannte keiner mehr. Doch muss einmal viel Blut geflossen sein, denn Song Hong bedeutet Roter Fluss. Das Wasser des Flusses ist aber gelb und schlammig, seit eh und je, und nicht blutrot.
Eines Morgens begab sich Ly Bon in den nahe gelegenen Wald, um Bambusstangen zu fällen. Als er einen ansehnlichen Stapel beieinander hatte, schleppte er die Stöcke zum Fluss und rammte sie in den Boden. Zunächst wunderten sich seine Dorfnachbarn über dies merkwürdige Treiben. Doch bald erkannten sie, dass sich Ly Bon anschickte, eine Brücke über den Fluss zu bauen. Das war wirklich kein leichtes Unterfangen. Es war nicht nur schwer, die Stangen tief genug in den Boden zu treiben; immer wieder war Ly Bon dabei auch in Gefahr, selbst ins Wasser zu stürzen. Eines Abends versammelten sich die Dorfältesten und fragten Ly Bon, warum er dies mache.
Ly Bon antwortete ohne zu zögern: „Frieden können wir nur bekommen, wenn wir ihn hinüberbringen.“
Nach einer kurzen Pause sagte er dann fast beschwörend: „Das Bauen von Brücken ist schwierig, besonders diese, aber machbar. Wer Frieden schaffen will, muss damit anfangen.“
Er atmete tief durch und setzte dann hinzu: „Ich muss sogar dann anfangen, wenn ich nicht weiß, ob ich auf der anderen Seite mit Bambusstöcken vertrieben werde. Selbst dann würde ich wieder und wieder damit beginnen.“
Viele standen auf und griffen zu den Bambusstangen.
Vögel in unseren Köpfen
Ein Student der Philosophie fragte seinen Professor: „Ich weiß, die menschliche Seele hat zwei Gesichter, eine dunkle und eine helle Seite. Helle und dunkle Gedanken fliegen wie Vögel durch meinen Kopf. Abwechselnd! Sie gleichen den farbenfrohen, bunten oder den einfarbigen, tristen Himmelsstürmern, ähneln den Buchfinken oder Meisen, den Dompfaffen oder Stieglitzen, dann aber auch den Krähen oder Amseln, den Blauelstern oder Moorenten.“
Der Professor sah seinen Schüler an und bestätigte mit einem Kopfnicken seine Ausführungen: „Du hast recht. Dunkle wie helle Gedanken ziehen wie Schwaden durch unsere Köpfe. Sie gehören zum Menschsein.“
„Was soll ich machen? Wie kann ich die dunklen bekämpfen?“, wollte der Student wissen.
„Gar nicht! Wir Menschen müssen die Polarität in uns akzeptieren. Sie gehört zu unserem Wesen wie das Gute und Böse zu dieser Welt.“
Er machte eine Pause, lächelte und sagte dann: „Einen Rat kann ich dir aber geben. Lass die bunten Vögel bei dir nisten. Achte darauf, dass die schwarzen keine Nester bauen, dann fliegen sie eher fort.“
Mit-leid
Wenn man eine Million im Lotto gewonnen hat, dann glaubt man, man wüsste, was Glück ist. Doch dieses Gefühl ist nicht annähernd vergleichbar mit dem Empfinden einer Mutter, die erfährt, dass ihr todkrankes Kind leben wird.
Im Alter von siebenundzwanzig Jahren bekam die Belgierin Janet Pinon ihr erstes Baby. Nach der Geburt schien alles normal zu verlaufen. Ein halbes Jahr später aber erklärten ihr die Ärzte, dass bei ihrem Sohn Michel der Verdacht auf Erkrankung an Blutkrebs bestünde. Untersuchungen wurden gemacht und die Ergebnisse waren positiv.
„Ist das eine gefährliche Krankheit in diesem Alter?“, fragte Frau Pinon noch völlig ahnungslos, als sie diese Mitteilung bekam.
„Tödlich“, sagte der Arzt unverblümt, setzte aber hinzu, „Hoffnung gibt es immer.“
Erst behandelte man Michel mit Medikamenten. Später folgten Bestrahlungen. Unzählige Krankenhausbesuche wurden fällig. Mit drei Jahren hatte Michel keine Haare mehr auf dem Kopf, sein Körper war ausgemergelt. Seinen vierten Geburtstag feierte er im Krankenhaus. Alle Besucher und er selbst trugen einen Mundschutz. Die kleinste Infektion hätte das Leben des Kindes beenden können.
Ohne eine Knochenmarkübertragung waren seine Tage gezählt. Fieberhaft suchten die Ärzte nach einem geeigneten Spender. Zunächst in Belgien, dann in Deutschland. Ein Wettlauf mit der Zeit begann. Michels Chancen zu überleben wurden mit jedem Tag geringer. Die Krankheit zeichnete ihn.
Am Donnerstag, dem ersten Februar, klingelte bei Frau Pinon das Telefon. Der Chefarzt des Krankenhauses war am Apparat.
„Wir haben einen Spender gefunden“, sagte er, „und die Chancen sind optimal, denn alle Werte stimmen.“
Frau Pinon setzte sich auf einen Stuhl. Das Glück hatte ihre Knie zittrig werden lassen. Dann ging sie an das Bett ihres Sohnes, streichelte ihn und weinte hemmungslos. Sollte es möglich sein, dass dieses Kind ein normales Leben führen kann, dass diese unzähligen Krankenhausbesuche ein Ende nehmen, sollte es wahr werden, dass Michel wie andere Kinder lachen und toben darf, was ihm in seinem kurzen Dasein bisher versagt war?
Frau Pinon wagte das kaum zu hoffen. Doch weitere erfreuliche Nachrichten folgten. Der Spender, ein junger Mann aus Essen, war zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus gekommen. Alle waren positiv und der Transplantation stand nichts mehr im Wege. Aber die Zeit drängte auch mächtig. Der Termin sollte am einundzwanzigsten Februar, Aschermittwoch, sein. Frau Pinon betete zu Gott in Dankbarkeit.
Sonntagabend klingelte erneut das Telefon. Wieder war der Chefarzt am anderen Ende. „Wir müssen die Transplantation abgesagen“, sagte er und tiefe Verbitterung klang in seiner Stimme.
„Nein!“, schrie Frau Pinon, denn sie wusste: Dies war das Todesurteil für ihren Sohn!
„Es ist nichts zu machen, der Spender hat seine Bereitschaft zurückgezogen. Alle Versuche der deutschen Ärzte, ihn umzustimmen, sind gescheitert. Selbst die Versicherung, dass der Eingriff harmlos sei und für Michel lebenswichtig, konnte ihn nicht davon abhalten, mit unbestimmtem Ziel zu verschwinden.“
Am Freitag, dem ersten März, starb Michel, nicht einmal fünf Jahre alt. In die Fernsehkameras sagte die Mutter unter Tränen: „Ich verzeihe dem Mann aus Essen.“
Willkommenskultur
Die deutsche Sprache ist schwer. Bei der Kindererziehung handelt es sich um die Erziehung der Kinder, bei der Medienerziehung nicht um die Erziehung der Medien. Der Blumenverkäufer verkauft Blumen, der Straßenverkäufer aber keine Straßen.
Ein Gasthaus ist ein Haus für Gäste, so dachten Wanderer im oberfränkischen Zapfendorf in Bayern und klopften an die Tür. Kawa Suliman bat sie herein. Er legte ihnen weder Getränke- noch Speisekarte vor, sondern bewirtete sie mit dem, was er hatte und viel Herzlichkeit. Ein etwas anderes Gasthaus, dachten die Fremden, aber es gefiel ihnen und alles schmeckte gut, etwas fremdländisch, denn der Wirt war Syrer, sprach aber ziemlich gut Deutsch. In meiner Heimat, meinte er, bedeutet Gastfreundschaft ein wenig Wärme, ein wenig Essen und große Ruhe. Die strahlte er aus, zu essen gab er reichlich und gastfreundliche Wärme erfüllte das Zimmer. Suliman plauderte mit seinen Gästen offenherzig, erzählte von seiner Heimat, die er liebte, seiner Frau, die er liebte, seinen drei Kindern, die er über alles liebte. Leider sind sie noch in Syrien. Er hoffte, sie bald wiederzusehen. Suliman strahlte Zuversicht aus, in seinen Augen spiegelte sich Vorfreude.
Nur plötzlich versteinerte sich Sulimans Gesicht, seine Züge erstarrten, Tränen traten in seine Augen. Die Ausflügler hatten ihr Portmonee auf den Tisch gelegt, sie wollten bezahlen, ihre Rechnung begleichen. „Welche Rechnung?“, fragte Suliman und das blanke Entsetzen war in sein Gesicht geschrieben.
Die Zeitung „Fränkischer Tag“ berichtete ausführlich über diesen Vorfall. Die beiden Wanderer hatten nicht mitbekommen, dass es den ehemaligen Gasthof, in dem sie früher oft und gern eingekehrt waren, gar nicht mehr gab. Hier lebten seit längerer Zeit Asylbewerber. Kawa Suliman hatte sie als Gäste aufgenommen. Diese sind immer willkommen. Das gehört zur Kultur seines Landes.
So ist es mit der deutschen Sprache. Wo Gasthaus drauf steht, muss nicht immer Gasthaus drin sein, es kann auch als Herberge für jedermann genutzt werden.
Geburtstag eines Kindes
Marion hat eingeladen und alle sind gekommen. Ihr Bruder Jan mit Frau und seinen beiden erwachsenen Töchtern, ihre Schwester Jutta mit ihrem Mann und ihre Schwägerin, allein erziehende Mutter eines 18-jährigen Sohnes, der auch mitgekommen ist. Sie sitzen in gemütlicher Familienrunde, essen und plaudern, vor allem loben sie Marions Kochkünste. Nach dem Festschmaus setzen sich alle ins Wohnzimmer, unterhalten sich bei einem Glas Saft, einer Tasse Kaffee, einem guten Tropfen Wein oder einem kühlen Bier und genießen die gesellige Runde. Als man sich verabschiedet, ist man sich einig, es war ein gemütliches Familientreffen.
Die Gäste sind gegangen, der 4-jährige Sohn kommt aus seinem Kinderzimmer mit verweintem Gesicht: „Warum heulst du?“, fragt der Vater. „Ich habe heute Geburtstag“, schluchzt Julius, „den wollten wir feiern.“
„Das haben wir doch auch“, erwidert der Vater, „es waren alle da, wir haben zusammengesessen, erzählt und dabei viel gelacht.“
„Die Großen haben miteinander gefeiert, mich hat keiner beachtet. Ihr habt nicht einmal gemerkt, dass ich in mein Zimmer gegangen bin und alleine gespielt habe.“
„Leider ist das so“, mischt sich die Mutter ein und nimmt ihren Sohn tröstend in den Arm, „und wiederholt sich Millionen Mal.“
„Frau, jetzt übertreibst du“, protestiert ihr Mann.
„Nein, nein“, sagt sie, „es wiederholt sich wirklich Millionen Mal, in Millionen Haushalten, jedes Jahr. Die Menschen feiern Geburtstag so wie wir heute. Jedes Jahr zu Weihnachten, an jedem Heiligabend. Sie feiern bei gutem Essen und reichlich Alkohol und verschwenden keinen Gedanken an das Geburtstagskind. So wie wir heute. Wer denkt schon am Heiligabend daran, dass Jesus, der Retter der Welt, geboren wurde; will gerettet werden, wenn es einem in gemütlicher Runde gut geht?
Schön wäre es
„Ich bin neu bei euch und ich muss noch viel lernen“, sagt Frau Reimann.
„Warum sind Sie Lehrerin geworden?“, fragt Sarah.
„Ich wollte“, antwortet Frau Reimann, „mein Leben nicht hinter einem Schreibtisch verbringen. Ich möchte mit jungen Menschen zusammen sein, ihnen etwas beibringen und natürlich auch etwas von ihnen lernen.“ Die junge Lehrerin geht zu ihrer Aktenmappe und holt ein Heft heraus.
„Obwohl ich erst eine kurze Zeit hier an der Schule bin, habe ich meine Beobachtungen gemacht und sie aufgeschrieben. Ich werde euch meine Notizen vorlesen.“
Ihre Schülerinnen und Schüler nicken, sind gespannt. Frau Reimann trägt vor: „An unserer Schule gibt es 383 Schülerinnen und Schüler, die von 24 Lehrkräften unterrichtet werden. Die meisten von euch kommen gerne zur Schule und lernen fleißig, vor allem achten sie auf Disziplin. Das heißt: Sie kommen pünktlich zum Unterricht, fertigen sorgfältig ihr Hausaufgaben an und verhalten sich im Schulgebäude ruhig. Dem Lehrstoff folgen sie aufmerksam und melden sich, wenn sie einen Beitrag leisten wollen. Keiner spricht ungefragt in die Klasse. Sie respektieren die Meinung der anderen oder setzen sich fair mit ihr auseinander. Bei der Stillarbeit ist es wirklich leise und ruhig, damit sich jeder auf seine Aufgaben konzentrieren kann.“
Frau Reimann schaut in die Runde, ihre Schülerinnen und Schüler sehen sie mit großen Augen an. Dann fährt sie fort: „Ganz erstaunlich ist das Verhalten auf dem Schulhof. Man redet, lacht und spielt miteinander. Nirgendwo gibt es Ärger, Zank oder Streit. Beim kleinsten Rempler entschuldigt man sich höflich. Oft sitzen sogar einige auf den Bänken zusammen und erklären einander den Unterrichtstoff. So hilft man liebevoll den Schwächeren.“
„Das stimmt doch alles gar nicht“, platzt Sarah dazwischen.
„Schön wäre es, wenn es so wäre“, meint Hülya, „wunderschön sogar.“
„Und warum ist es dann nicht so, wenn es so schön wäre?“, fragt Frau Reimann.
Den Bruder sehen
Beim ersten Schulgottesdienst nach den Osterferien geschieht etwas Merkwürdiges. Als der Priester den Altarraum betri...