Hans Deichelmann arbeitete als Arzt in Königsberg und blieb auch nach der Einkesselung der Stadt durch die Rote Armee im Frühjahr 1945 in der alten Hauptstadt der Provinz Ostpreußen. Hier verfaßte er sein Tagebuch, das das Leiden und Sterben der zurückgebliebenen Bewohner, ihren Überlebenskampf, den täglichen Terror der sowjetischen Besatzungstruppe und das Warten auf die ersehnte Ausreise schildert. Der Leser erlebt voller innerer Erschütterung mit, wie eine deutsche Stadt und ihre Kultur in wenigen Jahren für immer zerstört wurden. Von den über 125 000 Menschen, die sich bei der Eroberung der Stadt durch die russischen Truppen noch in Königsberg befanden, überlebten nur 25 000 die drei Jahre der Gewaltherrschaft, des Hungerns und der Seuchen bis zum März 1948.

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Ich sah Königsberg sterben
Aus dem Tagebuch eines Arztes von April 1945 bis März 1948
- 400 Seiten
- German
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Ich sah Königsberg sterben
Aus dem Tagebuch eines Arztes von April 1945 bis März 1948
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Deutsche GeschichteMontag, 1. Oktober 1945
Das Leben in der Stadt geht weiter. Lediglich die Massenvergewaltigungen haben aufgehört. Einzelüberfälle zwecks Vergewaltigung und Beraubung (oder meist beides) sind nach wie vor an der Tagesordnung. Auch die plötzlichen Wohnungsräumungen geschehen noch tagtäglich in allen Stadtteilen. Gott sei Dank sind jetzt die Brandstiftungen nur noch selten. Die Zahl der Typhuskranken im Yorkkrankenhaus hält sich nun um etwa 1800. Auch unsere Belegzahl steigt langsam weiter. Das Hungerelend wächst. Die Verlausung ist allgemein. Gegen Krätze, die sich überall draußen und in den Krankenhäusern verbreitet, sind wir machtlos. Die wirksamen Präparate sind ausgegangen. Bei manchen Patienten ist die gesamte Hautfläche, mit Ausnahme von Kopf, Hals sowie Hand- und Fußflächen, flammend rot entzündet und brennt Tag und Nacht. Weiter rollen die Trecks von Lastautos und Panjewagen, hochgetürmt mit Hausrat, durch die Stadt gen Osten. Die Ausfallstraßen der Stadt sind oft streckenweise verstopft von ihnen. Es sieht grotesk aus, wenn hoch oben auf einem schaukelnden Sofa zwei, drei rauchende Russen lümmeln oder wenn auf einem Panjewagen ein Diwan sich verschoben hat, geziert von dem laut schnarchenden Fahrer, die mit Draht provisorisch verlängerten Zügel um einen Arm geschlungen, während die Pferde langsam im Treck hinter dem nächsten Fahrzeug einhertrotten. Nachts knallt oft irgendein Besoffener mit der Pistole wild in die Fensterscheiben des Krankenhauses, das durch sein großes Schild in deutscher Sprache ihm vielleicht am Vortag unangenehm aufgefallen ist.
Die Verpflegung hat sich jetzt etwas gebessert. Der faule Fleck hat endlich aufgehört. Fast ein Vierteljahr haben wir mittags nichts anderes gehabt. Jetzt gibt es in Abwechslung mittags Grütze, Graupen oder auch Hirse, eine reisähnlich schmeckende, sehr beliebte Getreideart, die wir fast alle nur noch aus den Märchen kannten. Manchmal hat die Küche sogar vergessen, die paar Fleischfasern vorher herauszunehmen. Abends gibt es winzige Portionen von Fett, Zucker, amerikanischen Fleischkonserven und Sirup. Manchmal ist es lukullisch, dann gibt es an einem Abend alles gleichzeitig; aber die Tage mit trocken Brot – wenn es nur „trocken” wäre – bilden einen Ausgleich gegen das Üppigwerden. Manchmal gibt es sogar etwa daumengroße Stückchen kalten Bratfisches. Diese Delikatessen sind jedoch nur für die Kranken, aber das Stationspersonal weiß sich seinen Anteil abzuzweigen. Freilich, die Handwerker und Arbeiter des Krankenhauses sehen diese Dinge alle nur in unerreichbarer Ferne. So hat sich die Krankenhausleitung einen besonderen Brotfonds geschaffen – wahrscheinlich ist er lediglich eine Abzweigung vom täglichen Krankenkontingent – aus dem jede etwas aus dem Alltäglichen herausfallende Leistung honoriert wird. Die Stationsschwestern müssen jeden Schlüssel, jeden Korb Holz mit Brot bezahlen; sonst können sie lange darauf warten, bis ihre Wünsche erfüllt sind. Mittagssuppe erhält jeder vom Personal, einzelne besonders schwer Arbeitende, wie z.B. der Holzhackertrupp, erhalten Zuschlag.
Übrigens verdanken wir die Fische unserem zurückgekehrten Fischkommando. Sie haben von morgens bis abends Fische putzen, ausnehmen und einsalzen müssen. Mitbringen konnten sie nichts. Verpflegung und Unterkunft seien gleichermaßen menschenunwürdig gewesen, erzählen sie bei ihrer Rückkunft. Auf der Rückfahrt nahm der russische Fahrer aus den aufgeladenen Fässern eine ordentliche Wucht Fische, ersetzte das fehlende Gewicht aus einem versteckten Sack durch Salz, überließ den verdutzten Zuschauern einen Fisch als Schweigegeld und fuhr weiter.
Freitag, 5. Oktober 1945
Die Ärzte haben Erlaubnis, krankem Personal, auch wenn es arbeitet, Krankenkost zu verordnen und machen von ihr weitgehenden Gebrauch. Aber all dies ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Verpflegung ist im ganzen unzureichend und die Möglichkeit, sich nebenher zusätzliche Nahrungsmittel zu besorgen, haben nur wenige Glückliche in ausreichendem Maße. Zwar gehen jetzt viele aufs Land und bringen Kartoffeln von den im Frühjahr noch bestellten Feldern, aber die wenigsten haben einen Wagen, und in einen Rucksack, der weit getragen werden muß, kann man nicht allzuviel hineintun. Auch Pilze werden jetzt viel gesammelt.
Die Bevölkerung draußen lebt genauso, mit dem Unterschied, daß sie auch diese Grundverpflegung, die das Krankenhauspersonal vom Krankenhaus erhält, sich selbst beschaffen muß. Nur die Arbeitenden erhalten ihre 400 g Brot und etwas Salz. Die wenigen Arbeitsstellen, die schon im Vormonat „Produktenkarten” verteilten, haben dies auch im September getan. Aber jetzt ist der Monat vorbei und nirgends hat es etwas auf die Karten gegeben. Überall auf der Straße bieten Deutsche russischen Soldaten Kleidungsstücke an, fast ausschließlich im Tausch gegen Lebensmittel. Aber kommt eine Streife dazu, so ist die geringste Strafe der Verlust der Tauschware, meist kommt noch eine kürzere oder längere Kellerhaft, gewöhnlich mit Strafarbeit, dazu. Hat einer großes Pech, so büßt er noch seine Registrierkarte dabei ein. Die Wiederbeschaffung ist schwierig und langwierig. Von Lichtbildausweisen ist nichts zu merken.
In der Stadt hängt jetzt ein zweisprachiger gedruckter Anschlag, wonach alle im Besitz von Deutschen befindlichen Devisen, russischen Staatspapieren, Gold, Silber, Photos und Radioapparaten als beschlagnahmt gelten und abgeliefert werden müssen. Von irgendeiner Entschädigung ist hierbei nicht die Rede. Ich habe nicht gemerkt, daß irgend jemand diese Anordnung beachtet, geschweige denn befolgt.
Freitag, 12. Oktober 1945
Seit einigen Tagen habe ich für einen alten Freund zu sorgen, einen biederen, ehemaligen Polizeimeister, den ich beim Aufnahmearzt unter den Kranken fand, die ein Posten aus dem nahen Lager Tharau gerade gebracht hat. Wie alle bisherigen Gefangenen und alle aus seinem Trupp ist er hochgradig verlaust, völlig zerbrochen und verfallen, hohlwangig und unrasiert, mit dicken Ödemen an den Füßen und in schmutzstarrende Lumpen gehüllt. Als er die Entlausung passiert hat und auf der Inneren Station untergebracht ist, suche ich ihn auf. Er erzählt von manchem, den ich schon totgeglaubt hatte, von vielen, die schon tot sind. Nach einigen Tagen Bettruhe erholt er sich wieder, erhält Stadturlaub, findet seine Frau in trostlosem Zustand, aber doch lebend wieder. Es gelingt mir, für sie ebenfalls einen Platz im Krankenhaus zu finden. Ohne derartige „Beziehungen” ist es für den Kranken oft schwer, rasche Aufnahme im Krankenhaus zu finden. Das liegt nicht am schlechten Willen der Ärzte oder etwa daran, daß „Vermögende” bevorzugt werden bzw. sich eine derartige Bevorzugung erkaufen könnten. Derartige „Vermögende” gibt es nicht mehr, keiner weiß, wovon er morgen leben wird. Alte Freunde und Bekannte werden freilich bevorzugt und die Ärzte sorgen natürlich zunächst für die Kranken am ersten, die sie als besonders behandlungsbedürftig aus ihren überlaufenen Ambulanzen herausfischen.
Samstag, 13. Oktober 1945
Im Krankenhaus gibt es nur Einheitsklasse. Bettwäsche, selbst bunte, ist ein verklungener Traum. Fast alle Betten sind Luftschutzbetten, in den Männerstationen zweistöckig übereinander gebaut. Die wenigen eisernen Bettstellen bleiben langliegenden Schwerkranken bzw. solchen, die halbsitzend gelagert werden müssen, vorbehalten. Die Betten haben kaum mehr Matratzen, sondern Strohsäcke. Das Stroh ist noch niemals erneuert worden. Darauf liegen, oft nicht einmal mit einer Decke als Unterlage, die Männer, in voller Kleidung natürlich, denn es gibt nur eine Decke zum Zudecken und die Nachttemperaturen sind schon herbstlich kühl. Überall stehen die Bündel und Rucksäcke mit der armseligen Habe in den schmalen Zwischenräumen zwischen den Betten. Der eiserne Ofen in der Mitte, dessen Rohr irgendwo durchs Fenster ins Freie geleitet ist, sprüht den ganzen Tag Hitze aus. Bei jedem Windstoß wird der Rauch ins Zimmer gedrückt, einer löst den anderen ab. Jeder hat für sein Holz selbst zu sorgen und verwahrt es irgendwo unter dem Bett. Immer wieder kommt es zu lauten Szenen, wenn jemand Diebstahl an seinem Holz, seinem Gepäck, seinem im Bett versteckten Stückchen Brot, seinem Beutel mit Kartoffeln feststellen muß. Zu dem Ofenrauch gesellen sich der feuchte Dunst von etwas Wäsche, die irgendwo zwischen den Bettpfosten aufgehängt ist, die Ausdünstungen der vielen Menschen in der durchschwitzen Kleidung, des muffigen Strohs der Strohsäcke, der schimmeligen Matratzen und der menschlichen Ausscheidungen. Für das ganze Zimmer ist gewöhnlich nur ein Nachtschieber vorhanden. Kein Fenster mehr mit Doppelverglasung. Überall Pappstücke dazwischen.
Sonntag, 14. Oktober 1945
Ein katholischer Geistlicher – es gibt deren eine ganze Anzahl hier im ehemals evangelischen Königsberg, zur Zeit vielleicht mehr als evangelische Pastoren – Pfarrer D., hat aus eigener Initiative und unter Überwindung allerschwerster Hindernisse ein Waisenhaus eröffnet. Es gelang ihm tatsächlich, hierfür ein großes unzerstörtes Haus in Maraunenhof zu erhalten. Er hat es, zusammen mit anderen Hilfsbereiten allmählich wieder instand gesetzt, mühsam Stück für Stück Betten und sonstiges Mobiliar zusammengetragen und für die Kinder sogar eine Zuweisung von Lebensmitteln erwirkt. So ringt er dem Tod manche schon sichere Beute ab. Aber wieviel solcher Heime müßten geschaffen werden, wenn allgemein das Elend auch nur etwas gebessert werden soll!
Montag, 15. Oktober 1945
Das Gerede vom „Rauskommen” – so ist das geläufige Kurzwort für unseren Abtransport – hat sich zur Zeit etwas beruhigt. Im Vordergrund des Interesses steht jetzt die Kartoffelernte. Wer nur etwas laufen kann, holt Kartoffeln. Aber nicht etwa vom Bauern. So etwas gibt es nicht mehr. Alle ländlichen Siedlungen sind jetzt zu Kolchosen (Kollektivwirtschaften) oder Sowchosen (Staatsgütern) zusammengefaßt. Natürlich stehen sie ausschließlich unter russischer Leitung. Die Deutschen arbeiten hauptsächlich als landwirtschaftliche Arbeiter – manch einer auf seinem eigenen Gut –, Inspektoren, Schmiede usw. und erhalten dafür ein Deputat an Naturalien; oder vielmehr, sie erhalten es gewöhnlich nicht. Aber sie stehlen es sich, wenn sie es brauchen und Gelegenheit dazu haben. Ich täte das auch. Vereinzelte Kolchosen sollen auch einmal Milch ausgeben. Fleisch und Fett gibt es so gut wie niemals, vielleicht einmal Pferdefleisch, wenn es soweit verfault ist, daß es niemand mehr kaufen will, Zucker höchstens geschenkweise, besonders für „Liebes”-Dienst. Aber die Leute erhalten Korn oder Brot, 400 g, vielleicht auch 600 g täglich und sie wissen, wo die Kartoffeln stehen und wann und wo die russischen Posten kommen und gehen. So gräbt sich jeder vom Krankenhaus irgendwo seinen Rucksack voll Kartoffeln oder er kommt mit einem Handwagen, arbeitet einen, zwei Tage, schläft irgendwo im Stroh und kommt mit drei prallen Säcken nach Hause.
Freilich, jeder Sack kostet einen Ring, ein Paar Stiefel oder was man sonst hat. Wählerisch ist der „Verkäufer” nicht, brauchen kann man alles. Ganz Königsberg ist so auf den Beinen. Ab und zu bringt auch ein Russe einen Sack an, der irgendwo in der Nacht abgeladen und verkauft wird. Die Spitzel sind bereitwillige Mittler, auch für sie fällt dabei eine Mahlzeit ab oder mehr. Die frischen Kartoffeln – seit einem halben Jahr überhaupt die ersten Kartoffeln – esse ich mit der Schale. Man scheut die Schälverluste. Jetzt habe ich gewöhnlich zwei, drei Mahlzeiten Vorrat. Habe ich sehr viel Glück gehabt, dann wird an einem Abend dreimal gekocht – man ist unersättlich. Gibt es etwas Köstlicheres als Pellkartoffeln mit Salz? Aber trotzdem wird der Durchfall nicht besser, ich nehme weiter ab. Oft werde ich beim Bücken schwindelig, komme kaum mehr hoch. Die Ödeme an den Füßen werden langsam stärker. Vorsichtshalber mache ich die Sitte, Kartoffelplinsen in Paraffinöl oder gar Autoöl zu backen, nicht mit, ich kenne ja die abführende Wirkung dieser Öle. Aber die anderen lassen sich nicht belehren; sie kennen kein lieblicheres Geräusch als das Bruzzeln der Plinsen in der Pfanne. Ich spare mir mein bißchen Fett – ich gehöre ja nun auch zu den glücklichen Empfängern von Krankenkost – für Bratkartoffeln auf.
Mittwoch, 17. Oktober 1945
Jetzt schickt das Krankenhaus öfters Kartoffelkommandos nach Braunsberg. Unter dem Kommando eines Leutnants oder Oberleutnants gehen Lastautos mit zehn, zwölf Leichtkranken bzw. Männern oder Frauen des Personals dorthin, graben 8 bis 10 Tage Kartoffeln und kehren mit der Last zurück. Die Teilnahme ist ziemlich begehrt. Ein Teil hofft, sich dort ordentlich satt essen und mit Kartoffeln beladen zurückkommen zu können. Die anderen denken daran, von dort aus zu „türmen”, so lautet unser terminus technicus für Ausrücken. Denn Braunsberg liegt schon jenseits der Grenze zum Polnischen. Vom ersten Kommando sind schon zwei Männer auf diese Weise weggekommen. Leider gelingt es mir nicht, unseren Personalchef dafür zu erwärmen, mich zu einem derartigen Kartoffelkommando einzuteilen. Einem meiner Bekannten wird Gelegenheit zum Mitfahren geboten, er lehnt ab. Ich verstehe das nicht.
Donnerstag, 18. Oktober 1945
Es gibt auch noch andere Gelegenheiten zu türmen. Jeden zweiten Mittwoch geht ein Lastzug, geführt von deutschen Kriegsgefangenen unter dem Kommando eines Russen, in Richtung Pommern ab. Etwas Schnaps oder Tabak genügt als Fahrgeld. Ich bitte Bekannte, für mich Fühlung aufzunehmen. Ich selbst kann es mir nicht leisten, mich bei dergleichen Geschichten erwischen zu lassen. Ich stehe, weiß Gott aus welchem Grunde, unter der andauernden Beobachtung eines Spitzels, wohl des übelsten im ganzen Krankenhausbereich. Er ist Patient der Tuberkulosestation, aber kaum krank und läuft den ganzen Tag überall herum. Er interessiert sich für meine Bücher und verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Neulich habe ich ihm fast die Türklinke ins Auge gestoßen –meine Tür geht nach außen auf. Er war nicht einmal verlegen, sondern sagte nur, er hätte bloß mal sehen wollen, ob er mich nicht mit seinem Besuch störe. Er bietet mir immer wieder Fluchtmöglichkeiten an; ich bin sicher, ich brauche ihn nur einen Moment meine Neigung zum Türmen ahnen zu lassen, so bin ich im Keller.
Neulich wollte er einen Chirurgen „hochgehen” lassen, schwatzte aber diese Absicht im Suff – Schnaps hat er dauernd, auch Speck, Butter und sonst alles Gute, das wir nur noch in unseren Träumen kennen – seinem Bettnachbarn Franz aus. Aber Franz ist dem Chirurgen absolut zugetan und hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihn zu warnen. Natürlich flog der Vogel aus und wurde am nächsten Tag vergeblich von der NKWD gesucht. Er ist auch bis heute noch nicht wiedergekommen. Dafür wurde nun Franz von der NKWD eingesperrt und kam drei Tage später ziemlich verprügelt, aber grinsend zurück. Nein, er habe natürlich nie dem Chirurgen etwas gesagt, aber der gute Gustav, so heißt der Spitzel nämlich, sei ja so besoffen gewesen und habe ja überall herumerzählt, daß der Chirurg verhaftet werden würde, daß der es ja unbedingt habe erfahren müssen. Diese Darstellung hatte der NKWD absolut eingeleuchtet. Da Franz in mehrfachen Verhören bei seiner Behauptung blieb, kriegte er nochmal den Gewehrkolben zu schmecken, mußte unterschreiben, daß er über nichts sprechen dürfe und konnte nach Hause gehen. Nun kam aber Gustav an die Reihe, auch er blieb drei Tage weg. Natürlich leugnete er hinterher, überhaupt verhaftet oder gar geprügelt worden zu sein, aber seine Striemen über dem Schädel und sein blaues Auge ließen sich nicht wegleugnen. Ich würde ja auch heute noch zu Fuß ausrücken, aber mein Kräftezustand erlaubt es nicht.
So richte ich mich langsam auf den Winter ein. Nun gibt es wenigstens Wasser, aber der Druck reicht nur bis zum zweiten Stock des Krankenhauses. Die chirurgische und die Kinderabteilung müssen ihr Wasser aus den tieferen Etagen holen. Wenn es auch oft genug noch für Tage oder Stunden, immer ohne jede Ankündigung wegbleibt, so ist das doch eine riesige Verbesserung. Freilich sieht es nicht so appetitlich aus wie früher und ich möchte es immer noch nicht ungekocht trinken, aber besser als das Schloßteichwasser ist es auf alle Fälle.
Freitag, 19. Oktober 1945
Groß war die Freude, als plötzlich das elektrische Licht aufflammte. Nun kann man abends wieder lesen, man stößt nicht plötzlich das Geschirr vom Tisch oder tritt in den Patscheimer, die Ärzte können wieder röntgen, der Ohrenarzt kann Ohren, der Augenarzt Augen spiegeln und der Elektrokocher kann den eisernen Ofen ablösen. Freilich können wir unsere Öllämpchen, die wir zuletzt hatten, noch nicht pensionieren, denn auch das Licht bleibt immer wieder weg, aber es ist doch immer Aussicht, daß es wiederkommt und bis jetzt hat sich die Aussicht noch immer bewahrheitet. Aber der Kohlenvorrat des Elektrizitätswerkes soll verschwindend sein. Wir hoffen das Beste.
Sonntag, 21. Oktober 1945
Nun bin ich durch einen Glücksfall in den Besitz zweier Uhren gekommen. In einem Polstersessel, den ich gelegentlich durchsah, fand ich eine Herrentaschenuhr, die nur etwas reparaturbedürftig ist. Als ich daraufhin im Sofa innerhalb meines Bereiches heimlich nachschaute, fand sich in seinen Spalten außer einem Löffel, einer für mich wertlosen Landkarte und einem Paket Mottenpulver eine zweite, etwas stärker defekte Armbanduhr und ein gutes Militärfernglas. Beide Uhren brachte ich zu meinem Uhrmacher, einem jungen Kriegsgefangenen, der mir die Taschenuhr rasch instand setzte. Mit der Armbanduhr wird es nicht so rasch gehen, hier fehlen Ersatzteile. Er behält sie, vie...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort zur ersten Veröffentlichung
- Vorwort des Verfassers
- Mittwoch, 4. April 1945
- Donnerstag, 5. April 1945
- Freitag, 6. April 1945
- Samstag, 7. April 1945
- Sonntag, 8. April 1945
- Montag, 9. April 1945
- Freitag, 20. April 1945
- Donnerstag, 10. Mai 1945
- Mittwoch, 30. Mai 1945
- Freitag, 15. Juni 1945
- Samstag, 30. Juni 1945
- Sonntag, 15. Juli 1945
- Montag, 30. Juli 1945
- Mittwoch, 15. August 1945
- Donnerstag, 30. August 1945
- Sonntag, 2. September 1945
- Mittwoch, 5. September 1945
- Samstag, 8. September 1945
- Samstag, 15. September 1945
- Mittwoch, 19. September 1945
- Freitag, 21. September 1945
- Sonntag, 30. September 1945
- Montag, 1. Oktober 1945
- Freitag, 5. Oktober 1945
- Freitag, 12. Oktober 1945
- Samstag, 13. Oktober 1945
- Sonntag, 14. Oktober 1945
- Montag, 15. Oktober 1945
- Mittwoch, 17. Oktober 1945
- Donnerstag, 18. Oktober 1945
- Freitag, 19. Oktober 1945
- Sonntag, 21. Oktober 1945
- Montag, 22. Oktober 1945
- Mittwoch, 24. Oktober 1945
- Freitag, 26. Oktober 1945
- Dienstag, 30. Oktober 1945
- Donnerstag, 1. November 1945
- Samstag, 3. November 1945
- Montag, 5. November 1945
- Dienstag, 6. November 1945
- Donnerstag, 15. November 1945
- Freitag, 16. November 1945
- Samstag, 17. November 1945
- Montag, 19. November 1945
- Freitag, 30. November 1945
- Mittwoch, 12. Dezember 1945
- Freitag, 14. Dezember 1945
- Samstag, 15. Dezember 1945
- Montag, 17. Dezember 1945
- Dienstag, 18. Dezember 1945
- Mittwoch, 19. Dezember 1945
- Donnerstag, 20. Dezember 1945
- Freitag, 21. Dezember 1945
- Sonntag, 23. Dezember 1945
- Montag, 31. Dezember 1945
- Dienstag, 8. Januar 1946
- Donnerstag, 10. Januar 1946
- Freitag, 11. Januar 1946
- Samstag, 12. Januar 1946
- Dienstag, 15. Januar 1946
- Sonntag, 20. Januar 1946
- Donnerstag, 31. Januar 1946
- Samstag, 2. Februar 1946
- Sonntag, 3. Februar 1946
- Mittwoch, 6. Februar 1946
- Freitag, 8. Februar 1946
- Samstag, 9. Februar 1946
- Freitag, 15. Februar 1946
- Samstag, 16. Februar 1946
- Donnerstag, 28. Februar 1946
- Samstag, 2. März 1946
- Montag, 4. März 1946
- Freitag, 8. März 1946
- Freitag, 15. März 1946
- Sonntag, 17. März 1946
- Dienstag, 19. März 1946
- Donnerstag, 21. März 1946
- Freitag, 22 März 1946
- Sonntag, 24. März 1946
- Dienstag, 2. April 1946
- Donnerstag, 4. April 1946
- Samstag, 6. April 1946
- Montag, 8. April 1946
- Dienstag, 9. April 1946
- Samstag, 13. April 1946
- Sonntag, 14. April 1946
- Montag, 15. April 1946
- Dienstag, 16. April 1946
- Mittwoch, 17. April 1946
- Freitag, 19. April 1946
- Samstag, 20. April 1946
- Donnerstag, 25. April 1946
- Mittwoch, 1. Mai 1946
- Montag, 6. Mai 1946
- Dienstag, 7. Mai 1946
- Freitag, 10. Mai 1946
- Mittwoch, 15. Mai 1946
- Donnerstag, 16. Mai 1946
- Freitag, 17. Mai 1946
- Samstag, 18. Mai 1946
- Montag, 20. Mai 1946
- Samstag, 1. Juni 1946
- Mittwoch, 5. Juni 1946
- Freitag, 7. Juni 1946
- Samstag, 8. Juni 1946
- Mittwoch, 12. Juni 1946
- Donnerstag, 13. Juni 1946
- Samstag, 15. Juni 1946
- Montag, 17. Juni 1946
- Mittwoch, 19. Juni 1946
- Mittwoch, 26. Juni 1946
- Sonntag, 30. Juni 1946
- Dienstag, 2. Juli 1946
- Mittwoch, 3. Juli 1946
- Donnerstag 4. Juli 1946
- Freitag, 5. Juli 1946
- Samstag, 6. Juli 1946
- Montag, 15. Juli 1946
- Mittwoch, 17. Juli 1946
- Samstag, 20. Juli 1946
- Dienstag, 30. Juli 1946
- Freitag, 2. August 1946
- Samstag, 3. August 1946
- Sonntag, 4. August 1946
- Montag, 5. August 1946
- Mittwoch, 7. August 1946
- Donnerstag, 8. August 1946
- Freitag, 9. August 1946
- Sonntag, 11. August 1946
- Montag, 12. August 1946
- Mittwoch, 14. August 1946
- Freitag, 16. August 1946
- Samstag, 17. August 1946
- Dienstag, 20. August 1946
- Mittwoch, 21. August 1946
- Donnerstag 22. August 1946
- Freitag, 23. August 1946
- Samstag, 31. August 1946
- Dienstag, 3. September 1946
- Mittwoch, 4. September 1946
- Donnerstag, 5. September 1946
- Samstag, 7. September 1946
- Montag, 9. September 1946
- Dienstag, 10. September 1946
- Montag, 16. September 1946
- Mittwoch, 18. September 1946
- Donnerstag, 19. September 1946
- Samstag, 21. September 1946
- Mittwoch, 2. Oktober 1946
- Donnerstag, 3. Oktober 1946
- Sonntag, 6. Oktober 1946
- Mittwoch, 16. Oktober 1946
- Mittwoch, 23. Oktober 1946
- Freitag, 25. Oktober 1946
- Montag, 28. Oktober 1946
- Samstag, 2. November 1946
- Montag, 4. November 1946
- Dienstag, 5. November 1946
- Mittwoch, 6. November 1946
- Samstag, 16. November 1946
- Sonntag, 17. November 1946
- Montag, 18. November 1946
- Mittwoch, 20. November 1946
- Freitag, 20. November 1946
- Montag, 25. November 1946
- Mittwoch, 27. November 1946
- Donnerstag, 28. November 1946
- Freitag, 29. November 1946
- Sonntag, 1. Dezember 1946
- Dienstag, 3. Dezember 1946
- Freitag, 6. Dezember 1946
- Montag, 9. Dezember 1946
- Montag, 16. Dezember 1946
- Freitag, 20. Dezember 1946
- Montag, 23. Dezember 1946
- Silvester, 31. Dezember 1946
- Mittwoch, 15. Januar 1947
- Donnerstag, 23. Januar 1947
- Sonntag, 26. Januar 1947
- Donnerstag, 30. Januar 1947
- Freitag, 31. Januar 1947
- Dienstag, 11. Februar 1947
- Montag, 17. Februar 1947
- Freitag, 21. Februar 1947
- Dienstag, 25. Februar 1947
- Mittwoch, 26. Februar 1947
- Donnerstag, 27. Februar 1947
- Samstag, 1. März 1947
- Sonntag, 2. März 1947
- Samstag, 15. März 1947
- Dienstag, 18. März 1947
- Dienstag, 25. März 1947
- Montag, 31. März 1947
- Dienstag, 1. April 1947
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- Freitag, 4. April 1947
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- Donnerstag, 17. April 1947
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- Samstag, 19. April 1947
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- Dienstag, 15. Juli 1947
- Mittwoch, 16. Juli 1947
- Donnerstag, 17. Juli 1947
- Freitag, 18. Juli 1947
- Samstag, 19. Juli 1947
- Sonntag, 20. Juli 1947
- Montag, 21. Juli 1947
- Mittwoch, 23. Juli 1947
- Freitag, 25. Juli 1947
- Donnerstag, 31. Juli 1947
- Sonntag, 3. August 1947
- Montag, 4. August 1947
- Mittwoch, 6. August 1947
- Donnerstag, 7. August 1947
- Freitag, 8. August 1947
- Samstag, 9. August 1947
- Sonntag, 10. August 1947
- Montag, 11. August 1947
- Dienstag, 12. August 1947
- Mittwoch, 13. August 1947
- Donnerstag, 14. August 1947
- Freitag, 15. August 1947
- Montag, 18. August 1947
- Mittwoch, 20. August 1947
- Donnerstag, 21. August 1947
- Sonntag, 24. August 1947
- Sonntag, 31. August 1947
- Freitag, 5. September 1947
- Mittwoch, 10. September 1947
- Donnerstag, 18. September 1947
- Montag, 22. September 1947
- Samstag, 27. September 1947
- Dienstag, 30. September 1947
- Donnerstag, 2. Oktober 1947
- Samstag, 4. Oktober 1947
- Mittwoch, 8. Oktober 1947
- Montag, 13. Oktober 1947
- Mittwoch, 15. Oktober 1947
- Donnerstag, 16. Oktober 1947
- Donnerstag, 30. Oktober 1947
- Freitag, 7. November 1947
- Samstag, 15. November 1947
- Samstag, 22. November 1947
- Sonntag, 30. November 1947
- Samstag, 6. Dezember 1947
- Donnerstag, 11. Dezember 1947
- Montag, 15. Dezember 1947
- Silvester 1947
- Donnerstag, 15. Januar 1948
- Freitag, 16. Januar 1948
- Montag, 19. Januar 1948
- Donnerstag, 22. Januar 1948
- Montag, 26. Januar 1948
- Freitag, 30. Januar 1948
- Montag, 2. Februar 1948
- Freitag, 6. Februar 1948
- Dienstag, 10. Februar 1948
- Donnerstag, 12. Februar 1948
- Sonntag, 15. Februar 1948
- Mittwoch, 18. Februar 1948
- Donnerstag, 19. Februar 1948
- Sonntag, 22. Februar 1948
- Montag, 23. Februar 1948
- Samstag, 28. Februar 1948
- Sonntag, 29. Februar 1948
- Mitte März 1948
- Am 14. März 1948
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