Friedrich als katholischer Kaiser
Im September 1197, im Alter von nicht einmal zwei Jahren, verlor Friedrich seinen Vater Heinrich VI. Als seine Mutter Konstanze ihrem Mann ein Jahr später ins Grab folgte, sah der junge König einer höchst ungewissen Zukunft entgegen. Die einzige Absicherung, die die Kaiserin für ihr Kind hatte treffen können, war, es unter die Vormundschaft des neugewählten Papstes Innozenz III. zu stellen.
Trotzdem überlebte Friedrich seine Jugend nur mit einer gehörigen Portion Glück. Berichte, nach denen er von den Bürgern Palermos abwechselnd mit durchgefüttert wurde, entspringen wahrscheinlich dem Reich der Phantasie. Doch unumstritten ist, dass er bis zu seiner Volljährigkeit lediglich ein Spielball wechselnder Machtinteressen war.
In Deutschland hatte man das „Chint von Pulle“ (Kind von Apulien) – immerhin offizieller deutscher König – schon 1198 abgeschrieben und seinen Onkel Philipp von Schwaben zum neuen König gewählt. Nach dessen Ermordung 1208 wurde der Welfe Otto IV. vom Papst zum Kaiser gekrönt – und überwarf sich wenig später mit diesem. Das war die Chance für Friedrich, der nach seiner Volljährigkeit mit Unterstützung des Papstes, vor allem aber dank seines Charismas und einiger glücklicher Zufälle sein eigenes Reich zurückerobern konnte.
Am 25. Juli 1215 wurde er in Aachen ein zweites Mal zum deutschen König gekrönt und gelobte bei diesem Anlass, zu einem Kreuzzug nach Palästina aufzubrechen. 1220 wurde er von Papst Honorius III., einem freundlichen älteren Herrn, zum römischen Kaiser gekrönt und in der Folge immer wieder an die Einlösung seines Gelübdes erinnert. 1227 schien es endlich so weit zu sein: Im Hafen von Brindisi stand ein gewaltiges Heer unter Führung des Kaisers zur Überfahrt bereit. Doch dann brach eine Seuche aus (vermutlich die Cholera) und erzwang einen neuerlichen Aufschub.
Inzwischen war Honorius gestorben und ihm Gregor IX. auf dem Heiligen Stuhl nachgefolgt. Dieser sah in dem Staufer das größte Hindernis für sein eigenes Machtstreben und nahm die Verschiebung des Kreuzzuges zum Vorwand, um ihn zu exkommunizieren. Als der Kaiser zwei Jahre später tatsächlich ins Heilige Land aufbrach, zeigten sich Gregors wahre Absichten. Denn während Friedrichs Abwesenheit versuchten Truppen des Kirchenstaates vergeblich, das nunmehr führungslose Königreich Sizilien zu erobern. Zwar verbot das Kirchenrecht ausdrücklich, sich am Eigentum von Kreuzfahrern zu vergreifen, doch die Gelegenheit war günstig und der Kaiser schließlich gebannt. Selbst der erfolgreiche Ausgang des Kreuzzuges, mit dem der angebliche Grund für die Exkommunikation weggefallen war, konnte den Papst nicht zu ihrer Aufhebung veranlassen. Diese erfolgte erst Ende August 1230, über ein Jahr nach Friedrichs Rückkehr.
Ein knappes Jahrzehnt lang herrschte relativer Frieden zwischen den beiden mächtigsten Männern des Abendlandes. Dann schlug Gregor erneut zu und verhängte am 20. März 1239 zum zweiten Mal den Kirchenbann über seinen Widersacher. Ein konkreter Anlass fehlte diesmal und so behalf sich der Papst mit einem Sammelsurium von Anklagen. Friedrich habe Geistlichen die Durchreise verwehrt, er hindere Abd al-Aziz, den bereits erwähnten Neffen des Emirs von Tunis, am Empfang der Taufe, er erhebe unrechtmäßig Steuern von Kirchen und Klöstern etc., etc. Selbst die Verantwortung für den Mongoleneinfall wurde ihm von der Kurie in die Schuhe geschoben. Die meisten der Vorwürfe waren derart grotesk, dass sogar König Ludwig IX. von Frankreich – genannt „der Heilige“ – entschiedenen Widerspruch gegen sie einlegte. Der Kaiser selbst erklärte den Gang der Ereignisse damit, dass Gregor „von der allgemeinen Verwirrung einen Juckreiz bekam und an uns, dem höchsten und einzigen Sohn der Kirche, die Stacheln seiner Niedertracht rieb.“54
Der nächste Papst starb schon vor seiner Weihe. Aber der Übernächste – Innozenz IV. – führte den Kampf gegen Kaiser und Reich entschlossener als je zuvor. Im Juli 1245 ließ er Friedrich durch das Konzil von Lyon sogar offiziell seines Amtes entheben. Zwar regierte der Staufer unbeeindruckt hiervon weiter, zumal die meisten Kardinäle auf dem Konzil gefehlt hatten und der Beschluss somit jeglicher Rechtsgrundlage entbehrte. Doch der Bruch mit dem Vatikan war unumkehrbar geworden und Friedrich sagte, er wolle jetzt nur noch der Hammer sein und nicht mehr der Amboss. Erst auf seinem Sterbebett wurde die Exkommunikation durch Erzbischof Berard von Palermo wieder aufgehoben.
Dass er in jungen Jahren fest im christlichen Glauben verankert war, beweist sein Kreuzzugsgelübde, das er 1215 ohne irgendeine politische Notwendigkeit ablegte. Auch später wurde er nicht müde, sich als katholischer Kaiser und Beschützer der Christenheit darzustellen, selbst in den Zeiten der schlimmsten Auseinandersetzungen mit dem Papst. Was darf man dabei jedoch nicht vergessen? Als christlicher Kaiser des Römischen Reiches mit dem Zusatz „heilig“ war er schon kraft seines Amtes auf Gedeih und Verderben mit dem Katholizismus verbunden. Dieser bildete das geistige Fundament seiner Herrschaft und ihn öffentlich anzuzweifeln, hätte ihn sein Amt, sein Reich und sein Leben gekostet.
„In der Öffentlichkeit spielte Friedrich notwendigerweise immer die Rolle des katholischen Fürsten – des ältesten Sohns der Kirche –, aber es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass seine privaten Ansichten ganz andere waren.“ – so urteilt Georgina Masson in ihrem 1957 erschienenen Buch55. Und von ihm selbst ist der Satz überliefert: „Wie schön wäre es, einen muslimischen Staat zu regieren, ohne Päpste, ohne Priester.“56 Um etwas über seine persönlichen religiösen Anschauungen zu erfahren, ist es daher unumgänglich, seine vordergründigen Bekenntnisse zum christlichen Glauben genau zu analysieren und gewissermaßen zwischen den Zeilen zu lesen.
Beginnen wir mit seinem Testament, in dem er – nach dem Historiker Hans Martin Schaller – „zum Heil seiner Seele die riesige Summe von 100 000 Goldunzen zur Unterstützung des Heiligen Landes stiftete.“57 Der Betrag stimmt natürlich, aber in einer derart verkürzten Darstellung geht unter, dass im gleichen Testament Konrad als König von Jerusalem bestimmt und ihm damit die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über das Geld erteilt wurde. Dieses sollte also keineswegs in den dunklen Kanälen syrischer Barone und korrupter Kardinäle versickern, sondern war für das staufische Imperium bestens angelegt.
Auch andere Bestimmungen des Testamentes, die auf den ersten Blick sehr kirchenfreundlich wirken, haben bei genauerem Hinsehen ihre Tücken:
„Ferner bestimmen wir, dass der Heiligen Römischen Kirche, unserer Mutter, alle ihre Rechte zurückerstattet werden …“
Bis hierhin könnte man tatsächlich annehmen, dass ein reuiger Sünder in den Schoß der Mutter Kirche zurückkehrt. Aber es geht noch weiter im Text:
„… – unbeschadet jedoch in allem und bei allem der Rechte und der Ehre des Reiches, unserer Erben und unserer anderen Getreuen …“
Damit werden schon sämtliche Transaktionen ausgeschlossen, die zu Ungunsten des Staates und der Dynastie erfolgen würden. Doch der wichtigste Halbsatz kommt am Schluss dieser Passage:
„…, sofern die Kirche selbst die Rechte des Reiches zurückerstattet.“
Es sprechen also keineswegs Demut, Reue und Unterwerfung aus diesen (beinahe) letzten Worten des Kaisers, sondern die knallharte Forderung an seine Gegner im Vatikan, die weltliche Macht uneingeschränkt anzuerkennen. Auch das scheinbar großzügige Angebot, „alle Güter des Tempelritterordens, die im Besitze unseres Hofes sind, zurückzuerstatten“, wird sofort relativiert durch den Nachsatz „natürlich aber nur die, die ihm von Rechts wegen zustehen.“ Die Rechtmäßigkeit der nach dem Hochverrat der Templer erfolgten Enteignung aber wird mit keinem Wort in Frage gestellt. Im Gegenteil:
„Ferner wollen und wünschen wir, dass keiner der Verräter am Königreich in das Königreich zurückzukehren wagen oder einem von ihrem Schlage zu Hilfe kommen kann; vielmehr sollen unsere Erben verpflichtet sein, Rache an ihnen zu nehmen.“
Welche Zugeständnisse an die Kirche sind in dem Testament also tatsächlich zu finden? Nur ein einziges, nämlich die Anweisung, die Kirchen von Lucera und Sora auszubessern und wiederherzustellen. Dies ist jedoch ein sensationell niedriger Preis für die Aufhebung des Kirchenbanns, die Erlangung der Absolution und den Erhalt der Sterbesakramente. Denn ohne dies alles wäre der tote Kaiser nach mittelalterlichem Verständnis der ewigen Verdammnis anheimgefallen und der Herrschaftsanspruch der Staufer wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Im vollen Wortlaut enthält der Passus darüber hinaus noch eine gewisse Pikanterie, denn er bezieht sich „falls irgendwelche andere Kirchen durch unsere Beamten (!) beschädigt worden sind, auch (auf) diese.“ Dem könnte man nämlich durchaus entnehmen, dass der Kirchenabriss in Lucera kein bedauerlicher Fauxpas war, sondern vielmehr eine gezielte Aktion unter direkter Beteiligung der königlichen Verwaltung.
Für gewöhnlich falsch wiedergegeben wird auch die Antwort des Kaisers auf die vom Papst erhobene Anschuldigung, er habe Moses, Jesus und Mohammed in einer Schmähschrift unter dem Titel „De tribus impostoribus“ als drei Betrüger bezeichnet. Nachdem dieser Vorwurf einmal in der Welt war, wurde er gern wiederholt, so von Alberich von Troisfontaines in seiner 1232 begonnenen Chronik: „Drei Betrüger oder Gaukler, sagt er (Friedrich), lebten in der Welt: Moses, Christus und Mohammed. Und so große Ehre erweist er auf diese Weise dem Mohammed, dass er ihn an die Seite von Moses und Christus stellt. Niemals jedoch nannte Mohammed Moses oder Christus Betrüger, und darin ist dieser Kaiser schlimmer als Mohammed.“58
Daraufhin verteidigte sich Friedrich nach Darstellung des renommierten britischen Historikers David Abulafia wie folgt: „Er stehe fest auf dem Boden des katholischen Glaubens, erkenne die ruhmreiche Rolle an, die Moses bei der Übergabe der göttlichen Gesetze an die Kinder Israels gespielt hab...