ZUR SOZIALEN ORGANISATION DER BOVIDEN -ZÜCHTER
Dieser Essay ist ein Nachtrag zu meinen Anmerkungen »Bandkeramiker« (S. 320), »Catal Hüyük »(S. 352) und »Bovidenzüchter« (S. 394) und damit eine soziologische Ergänzung und Vertiefung meines Buches »Die Erfindung der Götter«.*
Ich gehe chronologisch vor und behandle
A. Catal Höyük,
B. Die Bandkeramiker,
C. Die Städte der Ubaid-Kultur.
Wir haben ja davon auszugehen, dass allen Rinder-Züchtern/Bauern die Tatsache der physiologischen Vaterschaft bereits – seit mehr als 1.000 Jahren- bekannt war (vgl. *mein Kapitel IX, S. 151 ff.). Deshalb ist bei allen Boviden-Kulturen das zur »Heiligen Hochzeit »führende Fruchtbarkeits-Ritual vorauszusetzen. (vgl. mein Kapitel X, S.162 ff.).
Einer besonderen Untersuchung bedarf die Frage: In wie weit das bilineare Fruchtbarkeitsritual der Heiligen Hochzeit, das von jenen Sozialverbänden zelebriert wurde, bereits zur Herausbildung der Paarungsfamilie aus der Blutsfamilien-Organisation geführt hat. (Kapitel III, S. 28 ff.), d.h. wie weit »Hochzeit« und »Ehe« in den Gesellschaften bereits individualisiert wurden.
Auf der Grundlage der Fakten und Belege mache ich ein Gedankenexperiment, wie sich die Sozialverbände von Rinderbauern zwischen 7.000 v. Chr. und 3.500 v. Chr. entwickelt und verändert haben.
Mellaarts Buch: »The Neolithic of the Near East« (1975) zitiere ich nur mit Seiten-Angabe; sein voran gegangenes Buch: »Catal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia »(1967) zitiere ich mit »Catal Hüyük«. (siehe auch das Literaturverzeichnis meines Buches).
A. CATAL HÖYÜK (ab 7.200 v.Chr.)
1) Die Zeit der urbanen Bebauung Catal Höyüks ist nach den kalibrierten C-14-Daten auf 7.200 v. Chr. anzusetzen mit einer Besiedlungsdauer bis etwa 6.400 v. Chr. (Mellaart S. 98, 283) d.h. der Ort war mindestens 800 Jahre lang bewohnt. (aaO. S. 101), vielleicht auch 1000 Jahre bis 6.200 v. Chr. Es gab dort etwa 1.000 Lehmziegel- Häuser, und, nach Mellaarts Schätzung, ca. 5.000 Bewohner (nach Wikipedia nur die Hälfte).
2) Die Einwohner waren Westasiaten, gehörten sämtlich dem sogen. »europeiden« Phänotyp an, aber verschiedenen Ethnien (aaO. S.99):
(a) Über die Hälfte (59%), d.h. bis zu 3.000 Individuen (also rd. 30 Genossenschaften von ca. 100 Individuen), gehörten zu einem paläolithischen Menschentyp, der uns schon im Aurignacien bekannt wurde, gefunden in der Dordogne in COMBE-CAPELLE: Eine langschädelige Ethnie, die graziler und kleiner war als die robuste, west-asiatische, homo sapiens-Ethnie der Cro Magnon, die zuvor als erste Angehörige unserer Gattung von Westasien nach Europa eingewandert waren. (b) Ein Viertel (24%), also etwa 1.000 Individuen (d.h. rund 10 Genossenschaften), gehörten dem sogen. rundschädeligen »alpiniden»Phänotyp an. (c) Eine weitere Minderheit (17%), also bis zu 800 Individuen (8 Genossenschaften), gehörten zum Phänotyp der langschädeligen, feingliedrigen »Proto-Mediterranen«. (aaO. S. 99). Es hatten sich also in Catal Höyük drei verschiedene, west-asiatische (»europeide«) Ethnien angesiedelt, also vielleicht 40, (nach Wikipedia mindetens 20) Genossenschaften von je 100 bis 120 Individuen, die dort, wie es den Anschein hat, konfliktfrei miteinander lebten und erfolgreich im Aufbau ihrer Siedlung und zur Erhöhung ihres Wohlstandes zusammen arbeiteten und zudem eine Kult-Gemeinschaft bildeten. Ob sie verschiedenen Sprachfamilien angehörten und sich auf eine gemeinsame Verkehrssprache verständigen mussten, ist mir nicht bekannt, auch nicht, ob wir damit rechnen müssen, dass einige der Bewohner zur proto- indoeuropäischen Sprachfamilie gehörten. (s. unten Ziffer 14)
Auf jeden Fall belegen die archäologischen Befunde, dass jene drei Ethnien eine Kultgemeinschaft bildeten; denn alle bestatteten ihre Toten unter den Häusern und alle zelebrierten in ihren Kulträumen die bilineare Fruchtbarkeit, d.h. sie alle verehrten eine Göttin u n d den Stier, wie es für alle Rinderbauern nachgewiesen ist. (s. unten Ziffer 16).
Die durchschnittliche Körpergrösse der Männer betrug 1,70, die der Frauen 1,56 Meter (aaO. S. 156). Frauen starben, im statistischen Mittel, mit etwa 30 Jahren, Männer im Alter von knapp über 34 Jahren, d.h. beide lebten etwa ein bis eineinhalb Jahre länger als ihre Vorfahren im Paläolithikum. (aaO. S. 99).
3) Catal Höyük war eine voll-neolithische KERAMIK-Kultur (schon in der ältesten Schicht XII (aaO. S 104), und die Agrikultur wurde bereits in einem einfachen BEWÄSSERUNGS-FELDBAU betrieben mit 14 Kulturpflanzen (aaO. S.98 f.). Den Ackerbau treibenden Frauengemeinschaften war es offenbar gelungen, auch ohne Hierarchie einfache Bewässerungssysteme zu realisieren.
Erst wenn für komplexe Bewässerungssysteme, wie Kanalbau und Flussumleitungen, erhebliche Erdarbeiten notwendig sind, wie wir sie später finden, ist dafür eine bereits hierarchische Gesellschaft mit hoch entwickelter sozialer Arbeitsteilung die Voraussetzung.
Es fanden sich zudem bereits in der untersten Schicht XII Nachweise, dass (neben Kleinhornvieh) die RINDER-DOMESTIKATION gelungen war (aaO. S. 98), nach den kalibrierten Daten um 7.000 v. Chr. Dies wird belegt durch den Fleischkonsum der Bewohner: 90% des verzehrten Fleisches waren Rinder (aaO. S. 99), der Anteil an verspeistem Kleinhornvieh, den Caproviden (Schafe und Ziegen), war wesentlich geringer, (aaO. S. 105).
Mellaart hält es für denkbar, dass die vielen Gruppen sich ursprünglich deshalb in Catal Höyük angesiedelt hatten, weil dort auf den Weideflächen der Ebenen grosse Herden von Auerochsen grasten. (Mellaart: Catal Hüyük, S. 223).
Die grosse Zahl von BUKRANIEN und mit Lehm oder Gips übermodellierten Stierschädeln, die so prominent neben der – u.a. durch eben so viele anthropomorphe Skulpturen nachgewiesenen – GÖTTIN von Catal Höyük und deren Symbole in Erscheinung treten, führen uns Kulturhistoriker zu der Annahme, dass es sich bei den Boviden-Symbolen um mehr handelt, als um die, von einem männlichen Jägerkollektiv in den Kulträumen angebrachten Trophäen der Rinder-JAGD. Es gibt nämlich nirgends Hinweise oder Belege dafür, dass Boviden-Jäger, die es ja seit paläolithischer Zeit gab, solche Trophäen zu einer derartigen kultisch-sakralen Prominenz hätten aufwerten können.
Es ist daher keine Überraschung, dass Mellaart uns in seinem Nachtrag von 1975 (»Neolithic«) seinen endgültigen Befund mitteilt, es habe sich um eine voll entwikkelte Rinderbauern-Kultur gehandelt. Mellaart weist auch ausdrücklich auf seinen Befund hin, dass in Schicht VI, (unkalibriert 6.000 v. Chr. kalibriert ca. 6.700 v.Chr.) also rd. 500 Jahre nach dem Beginn der Domestikation, die Rinder (durch die Züchtung) bereits erheblich kleiner geworden waren als die ursprünglichen Auerochsen. (aaO. S. 98).
Durch Hodders weitere Grabungen und von Archäozoologen wurde auf Grund der Untersuchung gefundener Rinderknochen bestätigend nachgewiesen, dass in Catal Höyük bereits das fortgeschrittene Stadium der Rinder- ZUCHT, erreicht war, und dies spätestens um 6.000 v. Chr. (so Wikipedia: »Catal Höyük« unter Verweis auf Hodder,-- (Frage: Datierung Kalibriert? Nach Mellaart bereits ca. 6.700 v. Chr.).
Zur Datierung ist zu bedenken, dass die Rinder-DOMESTIKATION der regelrechten ZUCHT natürlich vorausgeht. Es dauert lange, bis sich die von den Archäozoologen festgestellten, auf Züchtung zurück zu führenden, Knochenveränderungen entwickeln. Wir können deshalb weiterhin davon ausgehen, dass die Domestikation, wie Mellaart angibt, bereits um 7.000 v. Chr. gelungen war.
Mellaart hatte bereits 1975 vermutet, dass die Rinderbauern auch Milch, Joghurt, Käse und Butter hergestellt und gegessen hätten, obwohl dafür die Belege noch ausstünden. Mellaarts Annahme wurde unlängst bestätigt: R.P. Evershed et al. haben in NATURE v. 25.9.2008 (vol. 455, p. 528 ff.) auf Keramikfunden die Rückstände von Milch, auch von RINDER-Milch, untersucht und festgestellt, dass Catal Höyük und Akarkay Tepe in Südost-Anatolien die ersten (und ältesten) Siedlungen waren, an denen bereits vor 6.500 v. Chr. Rückstände von Rindermilch auf KERAMIKBruchstücken nachgewiesen wurden. (vgl. besonders Evershed´s Tabelle auf S. 528 und zur Datierung S. 531).
4) Catal Höyük war demnach eine voll entwickelte Rinderbauern-Kultur, die ich als Modus III des Neolithikums beschreibe. (vgl. Kapitel VIII, S. 137 ff., sowie S. 321 ff.). In den Schichten V. und III. hat Mellaart auf Wandmalereien in Kulträumen auch die Darstellung von Stier-Spielen (bull games) gefunden. Leider habe ich davon bisher keine Abbildung gesehen, so dass ich nicht weiss, ob eine Ähnlichkeit mit den in der späteren Boviden-Kultur Kretas zelebrierten Stierspielen gegeben ist.
Zeitgleich mit Catal Höyük gibt es um 7.000 v. Chr. auch in AIN GHAZA, südöstlich von Jerichow, durch 24 Tonfiguren Hinweise auf einen Rinderkult. (so K. Schmidt, S. 38).
Zu Catal Höyüks Rinderbauern-Kultur des Modus III passt der Fund der Skulptur eines menschlichen Sexualaktes, die jener ältesten Sexual-Skulptur von AIN SAKHRI (Natufien, Jordanien, 8.200 v.Chr.) sehr ähnlich ist. Dieser Fund ist ein bisher nicht widerlegtes und kaum widerlegbares Indiz dafür, dass in Catal Höyük die »Heiligung der Sexualität« erfolgt und Gegenstand des Kultes war, was ja immer bedeutet, dass damit der männlichen Sexualität ein Fruchtbarkeitsbeitrag zugeordnet wurde. (vgl. mein Kapitel IX, S. 151 ff,).
Wir haben damit gute Gründe, in Catal Höyük einen bilinearen Fruchtbarkeitskult anzunehmen, der also bereits mit Sexualität verbunden wurde. Jene sakrale Skulptur eines menschlichen Sexualaktes führt uns auf Grund der vorgenannten Erwägungen zur Annahme, dass hier bereits der traditionelle unilineare Fruchtbarkeitskult der urgeschichtlichen Göttin ergänzt und ein bilinearer Fruchtbarkeitskult zelebriert wurde, welcher der Keim ist für das spätere Ritual der »Heiligen Hochzeit«. (vgl. mein Kapitel X., S. 163 ff.).
Der mit dem neuen (bilineren !) Fruchtbarkeitskult verbundene STIERKULT tritt also als neues Element zum traditionellen Kult der GÖTTIN. (siehe unten Ziffer 16).
5) Der Schluss allerdings, dass mit dem bilinearen Fruchtbarkeitskult von den Männern auch die neue Familienform der Paarungsfamilie bereits durchgesetzt worden wäre, kann nicht ohne weiteres gezogen werden, sondern eine derartige Annahme bedürfte besonderer Belege, die es nicht gibt:
Da es keine direkten archäologischen Hinweise auf die Existenz von Paarungsfamilien gibt, sondern der Bestattungskult, sowie die Bauweise der Häuser, viel mehr deren Nicht- Existenz belegen, gehe ich von folgenden Überlegungen aus.
Die aus Lehmziegeln oder Lehm errichteten Häuser mit Dacheinstieg (die ja eine frappierende Ähnlichkeit mit den Häusern der Pueblo-Indianer aufweisen), werden, wie bei den Blutsfamilien jener amerikanischen Ethnien üblich, auch in Catal Höyük als Gemeinschaftseigentum derjenigen matrilinearen Blutsfamilie gehört haben, welcher die Bewohnerin (d.h. Besitzerin eines Hauses, nicht Privat-Eigentümerin) angehörte. (vgl. dazu meine Essays S. 329 ff. und S. 352 ff.). Die von Mellaart festgestellte regelmässige Marginalisierung der Männer im Bestattungskult unter dem Fussboden des Hauses wirft die Frage auf: Wer war dieser Mann?
Genetische Untersuchungen, die belegen, ob es sich bei jenen, marginal bestatteten, Männern um einen blutsfremden, also exogamen, Sexualpartner der »Frau des Hauses« (Mellaart nennt sie »mistress of the house«), handelt, oder um einen Blutsverwandten, z.B. um ihren Bruder oder den Bruder ihrer Mutter, sind m.W. bisher (auch von Hodder) nicht veröffentlicht worden. Wir haben deshalb beide Alternativen in Betracht zu ziehen:
Zur ersten Alternative:
Wäre der bestattete erwachsene Mann ein Blutsverwandter der Frau, so würde dadurch ein matrilinearer Ahnenkult belegt. In einem matriliearen Verwandtschaftssystem ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Bruder oder der Bruder der Mutter jener »Frau des Hauses« dort bestattet wird, wo seine Mutter ihn einst zur Welt brachte. Dies entspräche einem matrilinearen Ahnenkult. Im Falle des Bruders hätte dessen Schwester, der matrilinearen Nachfolge entsprechend, das Haus von beider Mutter übernommen; im Falle des Mutterbruders wäre die matrilineare Grossmutter der jetzigen Bewohnerin zuvor die »Herrin des Hauses« gewesen, in welchen sie sowohl die Mutter der jetzigen Bewohnerin als auch den Bruder der Mutter, also den Mutterbruder der aktuellen Besitzerin, zur Welt gebracht hätte.
Bei der erwogenen Alternative hätten wir also einen weiteren Beleg für ein ausgeprägtes Verwandtschaftssystem von Matrilinearität. Der nicht blutsverwandte Sexualpartner einer »Frau des Hauses« würde bei diesem Brauchtum nicht in deren Haus, sondern im Haus seiner Mutter oder seiner matrilinearen Schwester seine letzte Ruhe finden, d.h. in einem Haus, das seiner matrilinearen Blutsfamilie gehört.
Zur zweiten Alternative:
Sollten andererseits genetische Untersuchungen belegen, dass jener, abseits, am Rande, bestattete erwachsene Mann ein Blutsfremder, also wohl ein exogamer Sexualpartner der Frau des Hauses, gewesen wäre, so könnte ja aus einem solchen Befund nicht geschlossen werden, dass dieser Sexualpartner der »Ehemann« oder auch nur Erzeuger aller Abkömmlinge jener Frau des Hauses gewesen wäre und sein ganzes Erwachsenenleben in jenem Hause verbracht haben müsse. Wer solche Trugschlüsse zieht, hat die heutige Ehe so tief internalisiert, dass ihn eine Denkhemmung befallen hat.
Die Tatsache, dass die Hausbesitzerin denjenigen ihrer männlichen Mitbewohner, der in ihrem Haus verstarb, dort auch -zmindest seinen von Totenvögeln exkarnierten Gebeinen- eine letzte Ruhestätte einräumte, lässt ja, nicht den Schluss zu, dass es sich um ihren »Ehemann« gehandelt haben müsse und dass dort bereits die Paarungsfamilie vom Mann durchgesetzt worden wäre. (Zur »Ehe« vgl. meinen Essay S. 306 ff., zu den evolutions-biologisch unhaltbaren Hypothesen einer bereits paläolithischen monogamen Paarbindung meine Essays S. 238 ff., 273 ff., 294 ff.). Es muss indessen der Schluss gezogen werden, dass in keinem der beiden Fälle der Mann, neben der »mistress of the house« der »master of the house« (wie Mellaart schreibt) gewesen sein kann: Dass ein »Herr des Hauses« in seinem eigenen Haus nicht prominent, sondern nur in der Abseite bestattet würde, ist nicht plausibel und daher unglaubwürdig. Logischerweise...