I Heilung in der germanischen Überlieferung
Heilung ist ein sehr komplexer Vorgang, der hier nicht mit all seinen physischen, psychologischen, astrologischen und magischen Aspekten umfassend dargestellt werden kann.
Aus den folgenden Betrachtungen werden aber immerhin in deutlichen Konturen die Ansichten der Germanen über körperliche Leiden und ihre Vorgehensweisen bei der Heilung von Krankheiten und Verletzungen sichtbar. Diese germanische Tradition enthält durchaus auch einige unerwartete Elemente wie z.B. die Homöopathie.
I 1. Wortschatz
I 1. a) Heilung
Das zentrale Wort in Bezug auf die Heilung ist „heill“, das eine recht umfassende Bedeutung hat und in jeder Hinsicht den „richtigen Zustand“ bezeichnet:
| heill | = heil, gesund, ganz, geheilt (Wunden), genesen (Krankheit), gesegnet, glücklich, wahr, aufrichtig, redlich, gut, heilvoll, unverletzt, vollständig |
| heil-liga | = fair, gerecht, ehrlich, aufrichtig, gut |
| heil-ligr | = fair, gerecht |
| heil-vita | = „von gesundem Verstand“ = vernünftig |
| heilagr | = heilig |
| heilag-leikr | = Heiligkeit |
Auch der „falsche Zustand“ wird mithilfe des Wortes „heill“ gebildet:
| illa-heill | = übel-heil = krank (englisch: „ill“) |
Der angestrebte Zustand ist das „heil-Sein“, was physisch die Gesundheit, psychisch das Glück und spirituell ein gutes Omen ist:
| heilsa | = Gesundheit, Heilung, Erlösung (das christliche „Heil“) |
| heili | = Gesundheit |
| heilendi | = Gesundheit |
| heilsa | = Heil, Glück, Gesundheit |
| heill | = Heil, Glück, Omen |
Interessanterweise ist es das Gehirn, das dieses „heil-Sein“ erkennt bzw. was heil sein sollte:
Durch das Heilen wird der „richtige Zustand“ wiederhergestellt. Da dies auch ein magisch-spiritueller Vorgang ist, wurde das Wort „heilen“ in der frühchristlichen Phase in den Nordlanden, also ca. von 1000-1300 n.Chr., auch für „verzaubern“ und „behexen“ verwendet:
| heila | = heilen |
| gröda | = „grünen“ = wachsen, wachsen lassen, mehr werden lassen, heilen |
| gröda … at heilu | = „ins heil-Sein hineingrünen/-wachsen“ = vollständig heilen |
| heilla, heillra | = verzaubern, behexen |
| heilan | = Heilung |
| heil-brigdi | = „Heil-Anrecht/Veränderung“ = Heilung, Gesundung, Gesundheit |
| heilsu-bragd | = „Bringer/Mittel der Heilung“ = Heilungsprozeß, Heilung |
| heisu-gjöf | = „Heil-Geschenk/Gabe“ = Heilung, Wiederherstellung der Gesundheit |
Die Qualität dessen, was heilt, d.h. das einen Menschen wieder in den „richtigen Zustand“ versetzt, ist „heilsam“:
| heil-samligr | = heilsam |
| heil-samr | = heilsam |
Für den Vorgang der Wiederherstellung der „richtigen Ordnung“ werden Hilfsmittel benutzt. Dies ist zunächst das Wissen um die Krankheiten und um die Gesundheit, also die Diagnose und die Therapie:
| heil kenning | = gute, nützliche Lehre |
| heilsu-rad | = „Heilungs-Rat“ = Mittel zu Wiederherstellung der Gesundheit |
| läknis-domr | = „Wissens-Entscheidung“ = (richtiges) Heilmittel |
| läkinis-bragd | = „Wissens-Bringer“, „Wissens-Mittel“ = Heilmittel |
Eine Person, die dieses Wissen hatte und anwenden konnte, war ein Heiler bzw. eine Heilerin:
| grödari | = „der etwas grünen/wachsen läßt“ = Heiler, Erretter |
| Groa | = „Grüne“ = Erdgöttin, Jenseitsgöttin, Wiedergeburtsgöttin und Schutzgöttin sowie wahrscheinlich auch Heilungsgöttin (wer den Tod durch die Wiedergeburt „heilen“ konnte, konnte auch alle anderen Krankheiten heilen) |
Als nächstes werden spezielle Heilmittel benötigt, unter denen die Kräuter besonders wichtig waren:
| läknis-gras | = „Wissens-Kraut“ = Heilkraut |
| läknis-lyf | = „Wissens-Kraut“ = Heilkraut |
| lyf | = Kraut, Gift (englisch „leaf“ = „Blatt“) = Heilkraut, Medizin, Zaubermittel |
Weitere Arzneien waren Tränke:
| heilsu-drykkr | = Heilungstrank |
| heili-vatgr | = „Heil-Wasser“ = flüssige Medizin, Balsam, Heilungstrank |
Heilsteine sind keine speziellen Steinarten, sondern spezielle einzelne Steine:
| lyf-steinn | = Heilstein, Stein mit einer besonderen Fähigkeit oder Eigenschaft (analog dem „Siegstein“ – siehe „Siegstein“ in Band 67) |
Zur Heilung gehörten auch Zaubersprüche, wobei das Wort „liknar“ („Gleichheit“) zeigt, daß die Krankheiten von Dingen geheilt wurden, die der Krankheit ähnlich sind, und daß man bei der Heilung Zauberlieder („galdr“) benutzt hat:
| liknar-galdr | = „Gleicheits-Zauberlied“ = Heilungs-Zaubersprüche |
Auch das „Handauflegen“, das vermutlich auch bei den Germanen als Übertragung von Lebenskraft angesehen wurde, war bekannt:
| läknis-hendr | = „Wissens-Hände“ = heilende Hände, Heiler-Hände |
| njotid heilir hand | = „Deine Hände seien gesegnet!“ = „Gut gemacht!“ |
Die folgende Redewendung könnte man mit viel Wohlwollen als „Präventiv-Medizin“ ansehen:
| er um heilt bezt at binda | = es ist besser zu heilen (Krankheit) als zu verbinden (eine Wunde verbinden) |
Es lag nahe, jemandem beim Gruß das „heil-Sein“ zu wünschen:
| kom heill | = „Werde heil!“ = Willkommen!, Heil! |
| far heill | = „Fahre heil!“ = „Gute Fahrt!“ |
| heilsa | = jemandem Glück wünschen, jemanden begrüßen |
| heilsan | = Gruß, Salutation |
I 1. b) Zusammenfassung
Gesundheit ist der physische Aspekt des „richtigen Zustandes“, der sich auch auf die Psyche (Glück) und auf den magisch-spirituellen Bereich (gute Omen) bezieht.
Zur (Wieder-)Herstellung dieses „richtigen Zustandes“ ist das Wissen über diesen heilen Zustand sowie die Kenntnis der passenden Hilfsmittel notwendig, die Kräuter, Tränke, Heilsteine, Zaubersprüche und heilende Hände umfassen.
Beim Gruß wünschte man einander diesen „heilen Zustand“.
I 2. Das Streben nach Gesundheit
I 2. a) Havamal
Wie vermutlich alle Völker haben auch die Germanen die Gesundheit als eines der wichtigsten Dinge im Leben angesehen:
Feuer ist das Beste dem Erdgebornen,
Und der Sonne Schein;
Nur sei Gesundheit ihm nicht versagt
Und lasterlos zu leben.
I 2. b) Havamal
Ganz unglücklich ist niemand, auch wenn er nicht gesund ist:
Einer hat an Söhnen Segen,
Einer an Freunden, einer an vielem Gut,
Einer an trefflichem Tun.
I 2. c) Zusammenfassung
Gesundheit ist eines der wichtigsten Dinge im Leben.
I 3. Krankheiten
I 3. a) Jakob Grimm: Deutsche Mythologie
1. Namen für „Krankheit“
Unsere heutige, nicht aus dem volk hervorgegangne arzneigelehrsamkeit hat allmälich beinahe alle deutschen benennungen der krankheiten verdrängt und durch griechische oder römische wörter ersetzt. da jene oft noch auf vorstellungen des alterthums von den krankheiten und ihrer heilung führen, wird es nöthig sein wenigstens die bedeutendsten anzuführen.
Krank hat im Mittelalter nur den sinn von debilis, infirmus, althochdeutsch wanaheil, nicht von aeger, und für dieses gilt siech, gothisch siuks, neuhochdeutsch sioh; morbus wird folglich nicht durch krankheit ausgedrückt, sondern durch sucht, gothisch saúhts, althochdeutsch suht, altnordisch sôtt, während wir mit sucht jetzt den sittlichen begrif von hang, heftigem verlangen verbinden, und nur noch in den zusammensetzungen schwindsucht, gelbsucht u. a. seine alte bedeutung behalten.
Analog verhalten sich das altnordische þrâ (desiderium, aegritudo animi) und lîkprâ (lepra), vergleiche schwedisch trå, helletrå, dänisch traa, helletraa.
Allgemeine wörter, die auch den leiblichen schmerz des siechthums ausdrücken, sind althochdeutsch suero, mittelhochdeutsch swer, althochdeutsch und mittelhochdeutsch wê, wêtago, wêtage (wie siechtage).
Sonst heißt ein siecher auch althochdeuts...