Die über Dornen gehen
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Die über Dornen gehen

  1. 300 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Die über Dornen gehen

Über dieses Buch

London: Marquise und Maxim - zwei vielversprechende Talente - treffen aufeinander.Eine Begegnung, die ihr Leben fortan prägen wird, obwohl sie doch so verschieden sind. Sie: Sängerin, extrovertiert und extravagant. Er: Zehn Jahre älter als sie, Geiger, Querdenker, in sich gekehrt und verschlossen.Gemeinsam haben beide lediglich die Liebe zur Musik sowie das Streben nach Ruhm.Trotzdem fühlen sie sich von der ersten Sekunde an miteinander verbunden. Dass ein Leben im Rampenlicht auch seine Schattenseiten hat, müssen beide schmerzlich erfahren.Denn über allem Glanz schwebt letzten Endes die Angst.Die Angst zu fallen. Tief zu fallen. Selbstzweifel, Neid, Depressionen, Exzesse und Schicksalsschläge stellen ihr junges Glück auf eine harte Probe.Wird ihre Liebe all dem standhalten? Welchen Tribut fordert die Bühne?

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Information

Jahr
2015
ISBN drucken
9783738630510
eBook-ISBN:
9783739257273
Auflage
1
Thema
Drama

Das Jahr mit dem Tod

Chérie,
ich habe lange nachgedacht. Meine Entscheidung steht fest. Ich werde mein Leben beenden. Schon bald. Die meiste Zeit fühle ich mich bereits tot. Es handelt sich also nur um eine logische Konsequenz. Ich möchte endlich sein, wer ich bin.
Nicht glücklich zu sein, ist doch nicht dasselbe, wie unglücklich zu sein. Was ich früher mal gedacht habe, ist falsch. Ich wollte nicht, dass es so weh tut. Doch die Schmerzen sind schlimmer geworden, überwiegen jetzt. Ich rede nicht nur von den Selbstzweifeln, der Homosexualität, den Depressionen… Ich rede auch von meinem Körper. Etwas ist in mir. Ich spüre es. Es zerrt an meinen Nerven, fühlt sich krank an. Es macht mich kaputt, zerstört mich innerlich. Ich habe einen übermächtigen Feind, der mich umbringen will.
Marquise, mein Ein und Alles, weine nicht um mich. Ich bin froh, dass ich dir begegnet bin. Ich wünsche dir alles Glück der Welt. Viel Erfolg in der Liebe. Ich weiß jetzt, wie furchtbar es ist, wenn man ihn nicht hat. Nimm dir von meinen Sachen was du willst. Sie sind dir. Was weg ist, fällt weder meinen Eltern, noch meinen Geschwistern in die Hände. Ach ja… Könntest du mir noch einen letzten Gefallen tun? Beschütze meine Werke. Sonst landen sie am Ende noch auf dem Müll.
Du bist ein fantastischer Mensch, Marquise. Es ist mir eine Ehre, mit dir ein Stück des Weges gegangen zu sein. Vergiss mich nicht.
In Liebe, François
Marquise ahnt, dass irgendwas faul ist. Was es ist, weiß sie nicht. Sie hat bis spät abends geprobt, befindet sich nun auf dem Weg zu François. Den hat sie schon ein paar Tage nicht mehr besucht. Sie versucht, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, indem sie sich einredet, dass sie einfach keine Zeit gefunden hat. Außerdem hat François jetzt ja noch Dimitri, denkt sie. Wie es aussieht, hat auch er endlich mal Glück gehabt.
Eine Gestalt kreuzt ihren Weg. Sie erkennt erst nicht, wer es ist. Als sie genauer hinschaut, glaubt sie, es zu wissen. „Dimitri?“ Der Mann hält im Gehen inne, dreht sich um. „Oh! Hallo, Marquise“, grüßt er zögernd. Offensichtlich ist ihm diese Begegnung peinlich. „Wie geht es dir?“, fragt er aus Höflichkeit. „Bestens“, erwidert sie. „Wie geht es François? Ich habe seit Sonntag nichts mehr von ihm gehört. Ich hatte viel zu tun.“ Ein Schatten legt sich auf Dimitris Gesicht. „Um ehrlich zu sein, Marquise…“, rückt er zögernd mit der Sprache heraus. „Das mit François und mir… Wir… Wir haben uns getrennt. Also… Ich habe mich getrennt.“
Marquises Gesicht versteinert. „Warum?“, fragt sie fassungslos. „Ihr wart doch vor kurzem noch ein Herz und eine Seele.“ „Es ist so“, druckst Dimitri herum, „dass ich mich entschlossen habe, zu heiraten.“ „Zu heiraten?“ Sie ist sprachlos. „Und wen bitte willst du heiraten?“, fragt sie, als sie sich halbwegs gefangen hat. „Meine Kusine zweiten Grades… Es… Es tut mir leid, Marquise. Ich muss es tun. Der Familie zu Liebe.“ „Du heiratest jemanden, den du nicht heiraten willst?!“, braust Marquise auf. Sie hat geahnt, dass es Dimitri nicht leicht fallen würde, zu seiner Homosexualität zu stehen. Sie hat auch geahnt, dass seine Eltern großen Druck auf ihn ausüben würden. Trotzdem: Dieser Entschluss ist für sie nicht nachvollziehbar.
„Dimitri, du verleugnest dich selbst!“, mahnt sie, denkt dabei an François, dem es nun sicher ziemlich schlecht geht. „Was hat François dazu gesagt?“ Er weicht ihrem Blick aus. „Himmel, Marquise, sieh mich nicht so an, als ob ich ein Schwerverbrecher wäre. Es tut mir ja leid, aber… Ich kann das nicht. Ständig schief angesehen zu werden, nur weil… Ich kann das einfach nicht.“ „Ich wollte wissen, wie es François geht“, wiederholt Marquise energisch. „Wie hat er diese Neuigkeit aufgefasst?“ Dimitri zuckt hilflos mit den Schultern. „Was willst du hören? Natürlich war er verletzt. Er hat gesagt, dass er so nicht weiterleben kann. Du kennst ihn ja… Er wird über mich hinwegkommen, Marquise. Da bin ich mir sicher…“ Als er ihren schockierten Gesichtsausdruck bemerkt, hält er abrupt inne.
„Er hat gesagt, dass er so nicht weiterleben kann?“, fragt sie aufgebracht. „Das war doch zu erwarten.“ Wieder zuckt Dimitri hilflos mit den Schultern. „Er macht doch immer gleich aus allem ein Drama.“ Marquise schluckt, hat das dringende Bedürfnis ihm wehzutun. „Ich muss nach François sehen“, erwidert sie schnell, versucht ihren Zorn zu bändigen. Manchmal weiß ich nicht, wofür ich mich entscheiden soll. Für das Leben oder für den Tod. Im Grunde läuft beides auf das Gleiche hinaus. Ihr wird eiskalt, als sie sich an seine Worte erinnert. Würde er tatsächlich…? Sie will keine Sekunde länger darüber nachdenken, startet durch und rennt. François, denkt sie. Tu es nicht… bitte!
Sie vermutet ihn in seinem Atelier. Wenn er jetzt irgendwo zu finden ist, dann dort. Es gibt keinen Ort, an dem er lieber ist. Zwischen den Farben und den Leinwänden fühle ich mich zu Hause, hat er immer gesagt. Ja, ganz sicher ist er dort. Atemlos stößt Marquise die Tür auf. Sie ist nur angelehnt. Das Erste, was ihre Augen sehen, ist eine nicht unbeachtliche Menge an leeren Cognac und Whisky-Flaschen. Das kann er doch unmöglich alleine… Entsetzt schwenkt ihr Blick zum Sofa, auf dem eindeutig ein Mensch liegt. „Gott steh mir bei…“ Vorsichtig durchquert sie die Werkstatt, geht näher heran. Tatsächlich, es ist François.
Sein Gesicht ist weiß, bewegt sich nicht. Als sie seine Lider öffnet, starren seine Pupillen teilnahmslos an die Decke. Sie bemerkt unzählige Tablettenhülsen auf dem Boden. Ihr Atem wird flach. Hastig fühlt sie nach seinem Puls, findet ihn nicht, tastet nach seinem Herzschlag, glaubt etwas zu spüren, hastet zum Telefon, wählt mit zitternden Fingern den Notruf. Aufgeregt versucht sie, der Dame am anderen Ende der Leitung in ein paar knappen Sätzen zu erklären, was passiert ist. Als man ihr versichert, dass der Rettungswagen kommen wird, sinkt sie erschöpft auf den Boden. „Verdammt, François…“
Auf dem Teppich vor dem Sofa findet sie einen Brief, ordentlich verschlossen. Er ist an sie adressiert. Mit klopfendem Herzen reißt sie den Umschlag auf.
„Liebe Marquise“, steht da in François‘ sauber gemalter Handschrift. „Ich habe lange nachgedacht. Meine Entscheidung steht fest…“ Darunter Gründe, aufgelistet wie Lebensmittel auf einem Einkaufszettel. Warum er sich so entschieden hat. Sie kann es nicht lesen, will es nicht lesen. Ihr Blick verschwimmt. Wie in Trance legt sie den Brief wieder zur Seite. Als die Rettungskräfte erscheinen, ist sie nicht mehr ansprechbar, sitzt apathisch auf dem Boden, kann keine der Fragen, die ihr gestellt werden, beantworten. Die Sanitäter vermuten einen Schock, nehmen sie zur Beobachtung gleich mit ins Krankenhaus. Später wird sie sich an nichts mehr erinnern können. Bis auf die Worte aus dem Brief, die sie gesehen hat. Die haben sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Als sie aufwacht, weiß Marquise nicht, wo sie sich befindet. Die Wände um sie herum sind weiß, genau wie ihre Bettwäsche. „Endlich bist du wach.“ Annabelles Gesicht erscheint in ihrem Blickfeld. Benommen fasst Marquise sich an den Kopf. „Was ist passiert?“ „Dein Schwuchtel-Freund hat versucht, sich umzubringen. Bei seinem Anblick hast du vermutlich einen Schock erlitten. Die haben dich mit Beruhigungs- und Schlafmitteln vollgepumpt“, erklärt Annabelle nicht ohne einen leisen Anflug von Genugtuung. Schlagartig kehren ein paar Bilder zurück. „François… wie geht es ihm? Ist er…“ „Er ist über den Berg.“ Annabelles Stimme klingt alles andere als erfreut. „Scheinbar ist er zu dumm, die richtige Menge Tabletten zu schlucken.“
Marquise spürt einen Stich in der Magengrube. Sie bemüht sich, über Annabelles zweifelhaftes Gedankengut hinwegzusehen. Weil Annabelle ihre Schwester ist und sie früher einmal anders war. Diese schreckliche Schule. Ja, allein die Schule ist schuld.
„Warum bist du hier?“, fragt sie bloß. „Wo ist Maman?“ „Sie ist zu Hause. Wir haben uns abgewechselt“, erklärt Annabelle. Marquise ist beruhigt. „Gut, dann solltest du jetzt gehen.“ Die jüngere Schwester starrt sie entrüstet an. „Du sagst mir, dass ich gehen soll?“ „Ja, ich möchte alleine sein.“ Marquise richtet sich auf. „François ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich möchte jetzt nichts Schlechtes über ihn hören.“ Das kann Annabelle so nicht stehen lassen. „Genau das ist es ja, was mir Sorgen bereitet, Marquise“, entgegnet sie mit gespielter Fürsorge. „Einer der wichtigsten Menschen in deinem Leben macht so was.“ Sie fasst sich an die Stirn. „Seine Eltern sind nicht ins Krankenhaus gekommen, obwohl man sie benachrichtigt hat… Aber du… Du liegst hier.“ Dann geht sie.
Als Marquise sich wieder besser fühlt, macht sie sich auf die Suche nach François. Sie findet ihn in einem der Einzelzimmer am Ende des Ganges, schlafend, einen durchsichtigen Schlauch im Arm. Farblose Flüssigkeit bahnt sich ihren Weg zu seinem Körper. Minutenlang kann sie nicht anders als einfach dazustehen und ihn anzustarren. Ihn, ihren besten Freund, der in den vergangenen Stunden mit dem Tod gekämpft hat, der allein gewesen ist. Nicht einmal seine Eltern sind gekommen.
Sie fängt an zu weinen. Nicht leise, sondern laut, bis Sturzbäche über ihre Wangen laufen. „Wie kannst du nur so verdammt feige sein?“, fragt sie ihn vorwurfsvoll. „Wie kannst du dich so einfach davonstehlen wollen?“ Plötzlich erscheinen ihre eigenen Probleme unwichtig. Sie sind nichts, im Vergleich zu den Problemen, die François mit sich herumschleppt. Wie schlecht muss es dir gegangen sein, François, denkt sie, und ich war nicht da, um dir zu helfen.“
„Sind Sie eine Freundin?“ Marquise zuckt zusammen, dreht sich um. Eine junge Schwester in weißem Kittel steht hinter ihr, hält ein Tablett in den Händen, auf dem verschiedene Medikamente liegen, Tabletten und Spritzen. „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.“ „Schon gut“, erwidert Marquise. „Ja, ich bin eine Freundin.“ Die Schwester lächelt. „Ich hatte schon Angst, es würde niemand nach ihm sehen.“ Marquise nickt stumm. Sie ist immer noch benommen. „Wissen Sie… Es war ziemlich knapp“, sagt die Schwester vorsichtig. „Eine Stunde später hätten wir nichts mehr für ihn tun können.“ „Warum erzählen Sie mir das?“ Marquise wischt sich mit einer Hand über die Augen, fragt sich, wie schrecklich sie wohl aussehen muss.
„Sehen Sie“, beginnt die Schwester, verlagert das Tablett auf einen ihrer Arme. „Wir haben viele Leute hier, die wegen versuchtem Selbstmord eingeliefert wurden. Bei den meisten reicht der Wille nicht aus. Es sind nur stumme Schreie nach Aufmerksamkeit. Aber bei diesem hier…“ Sie nickt in Richtung François. „…war der Wille da. Bei so vielen Tabletten hatte er es wohl ernsthaft geplant.“ Marquise schluckt den Kloß, der sich in ihrem Hals anstaut, hinunter. „Ich bin froh, dass er Glück gehabt hat“, ist alles was sie sagt.
„In seinem Abschiedsbrief an eine Frau namens Marquise, steht, dass er hofft, endlich das sein zu können, was er ist“, plaudert die Schwester weiter. „Was denken Sie, hat er damit gemeint?“ „Er ist schwul“, erwidert Marquise ehrlich, sieht, wie sich das Gesicht der Schwester verändert. „Das würde einiges erklären“, sagt die mit spitzer Stimme. Dann kramt sie eine Spritze hervor. „Ich muss Sie jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen. Ich werde ihm etwas für den Kreislauf geben.“ „Kann ich ihm einen Zettel da lassen?“, fragt Marquise. „Damit er sieht, dass ich hier war?“ „Sicher.“ Die Schwester hebt den Kopf nicht, während sie die Kappe der Nadel abzieht. „Stift und Papier bekommen Sie an der Rezeption.“
Mein Yang, schreibt sie,
ich weiß, dass es dir schlecht geht. Doch was auch passiert, ich werde immer an dich glauben und für dich da sein. Ich bin so froh, dass du noch bei mir bist. Verlass mich nicht.
Dein Yin
Als sie von ihrer Mutter abgeholt wird, hat sie sich wieder beruhigt. Im Auto ist sie noch sehr still, antwortet nur ausweichend auf Mamans Fragen. Die regt sich furchtbar über François‘ Eltern auf, bemitleidet den armen Jungen und Marquise, weil sie diejenige ist, die ihn gefunden hat. „Annabelle ist wie seine Eltern“, entgegnet Marquise bissig, lässt Madame Montiniere verstummen. „Du übertreibst“, behauptet Maman nach einer Weile, obwohl sie es besser weiß. „Sie hat gesagt, sie bedauert, dass François es geschafft hat“, Marquises Stimme ist eisig geworden. Das Gesicht der Mutter versteinert. „Das hat sie gesagt?“ „Hat sie.“ Für längere Zeit bleibt es still. Später, als sie schon fast zu Hause sind, räuspert sich Maman. „Sie ist deine Schwester, Marquise“, sagt sie kraftlos. „Vergiss das nicht.“
Es ist Abend, als François die Augen aufschlägt. Kann so der Himmel aussehen?, fragt er sich. Weiße Wände, eine weiße Decke? Sein Schädel dröhnt. „Kann man noch Schmerzen spüren, wenn man tot ist?“ Die Tür öffnet sich. Eine Person erscheint in seinem Blickfeld. „Endlich sind Sie aufgewacht“, sagt eine männliche Stimme, direkt neben seinem Bett. Tatsächlich: Er liegt in einem Bett… Wo zum Teufel ist er? „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, erkundigt sich der Mann mit freundlicher Stimme. François‘ Wahrnehmung ist verschwommen. Er kann das Gesicht des Mannes nicht näher in Augenschein nehmen. „Sie sind hier, weil Sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen“, erklärt der Mann, als er keine Antwort erhält. Jetzt erinnert sich François. Die vielen leeren Flaschen. Der Brief. Die Tabletten. Tränen rinnen über seine Wangen.
„Ist schon gut. Alles kommt wieder in Ordnung. Sie werden sehen“, versucht der Mann ihn zu trösten. „Mein Name ist Dr. Smith. Ich bin Ihr Psychologe. Sie sind noch am Leben, brauchen also nicht zu weinen.“ Doch genau das kann François nicht beruhigen. „Genau das“, erklärt François zwischen zwei Schluchzern, „ist ja das Schlimme.“
Eine Stunde Patientengespräch folgt, indem Dr. Smith ihm rät, sich schnellstmöglich in eine professionelle Hilfeeinrichtung zu begeben. Nun will man mich also wegsperren, denkt François. In eine Klapsmühle. Wie einen Gestörten. Er versucht die Fassung zu bewahren, während er Smith klar und deutlich zu verstehen gibt, dass er keines der mitgebrachten Papiere unterschreiben wird. Erst recht keine Selbsteinweisung.
„Also schön“, gibt Smith nach, als er eingesehen hat, dass sie so nicht weiterkommen. „Sie werden ein paar Tage hierbleiben. Zur weiteren Beobachtung. Solange, bis sich Ihr Zustand verbessert hat. Wir werden Sie Tag und Nacht überwachen. Denken Sie also gar nicht erst drüber nach, sich was anzutun. Wenn Sie entlassen werden, suchen Sie sich ambulante Hilfe. Ich werde mich nach Ihnen erkundigen.“ François nickt resigniert, beschließt seine Nummer zu ändern, sobald er wieder zu Hause ist.
„Selbstmord ist keine Lösung, François“, betont Smith, bevor er geht. „Das Leben hält so viel für uns bereit. Sie sind noch jung. Werfen Sie nicht alles weg.“ Ehe er den Raum endgültig verlässt, dreht er sich noch einmal um. „Gleich wird noch jemand vorbeikommen“, sagt er. „Wegen ihrer Blutwerte.“ Dann verschwindet er endlich.
Wenig später erscheint ein anderer Arzt. Er sieht aus wie ein untersetzter, freundlicher Kindergärtner, in seinem weißen Kittel, der ihm zwei Nummern zu klein ist. „Also, François“, beginnt er, während er mit zusammengekniffenen Augenbrauen die mitgebrachten Papiere studiert, „wir haben Ihre Blutwerte etwas genauer unter die Lupe genommen. Die waren ihrem Zustand entsprechend in Ordnung. Eine Sache ist jedoch aufgefallen…“ François mag dieses Rumgedruckse nicht. „Nun rücken Sie schon mit der Sprache heraus“, fordert er den Arzt auf, „bevor ich am Ende noch vor Nervosität krepiere!“
„Sagen Sie mir“, beginnt der Doktor langsam, „haben sich bei Ihnen in letzter Zeit Symptome gezeigt… Schweißausbrüche, Appetitlosigkeit, Übelkeit oder sonstige Schmerzen?“ „Ich habe öfter Fieber“, antwortet François wahrheitsgemäß. „Gelegentlich Gelenkschmerzen. Nichts Schlimmes.“ „In Ihrem Fall ist es nicht ganz so harmlos, fürchte ich.“ Der Arzt blättert in seinen Akten. „Wir haben Antikörper gefunden. Wie mir zugetragen wurde, sind Sie homosexuell. Waren Sie in der Schwulenszene aktiv?“
François richtet sich ruckartig auf. „Tut das irgendwas zur Sache?“ „Vermutlich ja“, erklärt der Doktor in sachlichem Tonfall. „Sehen Sie, wir wissen noch nicht viel über diese Krankheit... Sie tritt bei Leuten wie Ihnen häufiger auf. Sagt Ihnen der Name HIV was?“ François schüttelt den Kopf. „Auch bekannt als Immunschwäche, übertragbar durch sexuellen Kontakt. Die Erreger zerstören nach und nach das gesamte Immunsystem. Mit der Zeit treten die verschiedensten Symptome auf. Solche, die Sie mir beschrieben haben, sind sehr wahrscheinlich darauf zurückzuführen. François, hören Sie mich?“
François Augen starren ins Leere.
Etwas ist in mir. Ich spüre es. Es zerrt an meinen Nerven, fühlt sich krank an. Es macht mich kaputt, zerstört mich innerlich. Ich habe einen übermächtigen Feind, der mich umbringen will.
„Womit muss ich rechnen?“, will François wissen. Der Arzt seufzt. „Wie ich schon sagte… Diese Krankheit ist noch nicht erfo...

Inhaltsverzeichnis

  1. Widmung
  2. Motto
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Das Jahr in dem es endet
  5. Das Jahr in dem es beginnt
  6. Das Jahr der Farben
  7. Das Jahr der neuen Bekanntschaften
  8. Das Jahr der Verirrungen
  9. Das Jahr der Enttäuschungen
  10. Das Jahr des Zusammenfindens
  11. Das Jahr der Dreisamkeit
  12. Das Jahr des Ruhmes
  13. Das Jahr der Tränen
  14. Das Jahr des Schweigens
  15. Das Jahr mit dem Tod
  16. Das Jahr der Rückschläge
  17. Das Jahr der Erkenntnisse
  18. Das Jahr der Vergebung
  19. Impressum