Selbstbestimmung des Menschen und der Welt (1991)
Einführung
Im Schnittpunkt der geistesgeschichtlichen Linien, die den modernen Menschen in seiner Identität bestimmen, steht zweifellos die Problematik der Autonomie, der Selbstbestimmung. Entstanden in der Tradition der Aufklärung und geprägt von dem Bestreben, alle Lebensbereiche am Prinzip der Vernunft zu orientieren, bildet der Selbstbestimmungsgedanke eines der markantesten Kennzeichen, aber auch einen Ansatzpunkt für eine nachhaltige Krise und Kritik der Neuzeit.
Auch die Existenz des Christen und das Handeln der Kirche in der Welt von heute spielt sich logischerweise in dieser von der Selbstbestimmung geprägten neuzeitlichen Welt ab. Vorbei ist die Zeit des Mittelalters, in dem das weltanschaulich und gesellschaftlich geschlossene Weltbild der „civitas dei“, des Gottesstaates, herrschte und die Kirche alle religiösen und weltlichen Fragen bestimmte. Dieser gewandelten historischen Situation müssen wir uns heute stellen. dass dies auch geschieht, sehen wir an den Ergebnissen des II. Vatikanischen Konzils, das in seiner Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Brücken zwischen einer säkularisierten Welt und der Kirche zu schlagen versucht und als tragfähiges Prinzip für den Weg der Kirche in Artikel 36 „Gaudium et spes“ die „relative Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ vorschlägt. Bevor ich jedoch auf die heute aktuellen Probleme eingehe, zunächst ein kleiner historischer Exkurs zur Geschichte der Selbstbestimmung.
Die Selbstbestimmung unter historischem Aspekt
Den historisch überlieferten archaischen Gesellschaften ist der Gedanke der Selbstbestimmung völlig fremd. Ob Sie nun die alten Babylonier, die alten Ägypter oder Perser betrachten, überall finden wir eine streng hierarchisch aufgebaute Gesellschaft, in der eigentlich nur das Herrschergeschlecht - das seinen Herrschaftsanspruch im übrigen fast immer auf göttliche Abstammung zurückführte - tun und lassen konnte, was es wollte. Die Untertanen waren auf Gedeih und Verderb dem Willen des Herrschers ausgeliefert. Selbst in der sogenannten Demokratie der Athener war - ähnlich wie in der Gesellschaft der Germanen - nur ein relativ geringer Prozentsatz der Bevölkerung frei und konnte insofern an der Willensbildung des Staatswesens teilnehmen. Die Mehrheit waren Unfreie oder Rechtlose, deren Wohlergehen ganz davon abhängig war, wie der jeweilige Herr sie behandelte.
Wenn man rein vom heutigen Begriff der Selbstbestimmung ausgeht, brachte das Mittelalter - das Zeitalter des Feudalismus - in unserem Sinn noch keinen entscheidenden Fortschritt. Die christlich geprägte Ständegesellschaft geht von dem Gedanken aus, dass jeder Mensch in seinen Stand hinein geboren wird und sich innerhalb des eigenen Standes bewähren muss. Selbstbestimmung also innerhalb strenger Regeln und vor allem innerhalb es eigenen Standes durchaus, aber sozialer Aufstieg, Mobilität bei der Wahl des Wohnortes u.ä. waren seltene Ausnahmen. Man konnte beispielsweise nicht heiraten, wen und wann man wollte, und durfte nicht jeden beliebigen Beruf ergreifen, man durfte nicht alles sagen, was man wollte, und von Gleichbehandlung zwischen den Menschen war noch keine Rede. Das Herrschaftssystem beruhte auf der Basis persönlicher Bindungen, vereinfacht und plakativ ausgedrückt heißt das, dass hier christlicher Lehnsherr für das Auskommen und das leibliche und geistliche Wohlergehen seiner Untertanen sorgen musste, und der Lehensträger war ihm dafür Gehorsam und Gefolgschaft schuldig. Das funktionierte über ein Jahrtausend lang und hätte, wenn jeder seine Aufgabe vor Gott ernst genommen hätte, wohl auch noch länger Bestand gehabt. Das Missliche war nur, dass die von Natur aus Stärkeren bei diesem gegenseitigen Treueverhältnis, die Lehnsherren, im Laufe der Zeit ihre Aufgaben immer mehr vernachlässigten, so dass aus dem „Herrscher von Gottes Gnaden“ allmählich ein „absoluter Herrscher“ wurde, der nicht mehr die Gebote Gottes als Richtschnur für sein Handeln ansah, sondern sein Gutdünken. Das heißt mit anderen Worten, dass der den Blick verlor für die sozialen Nöte und die existentiellen Bedürfnisse seiner Mitmenschen, da ein Mensch, der seine eigenen Wünsche, und Ziele als Maßstab nimmt und dabei von niemand gebremst wird, im Laufe der Zeit das Verantwortungsbewusstsein für das Wohl des Ganzen verliert. Kein Wunder, dass die Menschen im ausgehenden Mittelalter mit dieser Gesellschaftsstruktur unzufrieden waren und vor allen das selbstbewusst gewordene Bürgertum mit den Ideen der Aufklärung die Voraussetzungen dafür schuf, dass der Begriff „Selbstbestimmung“ die Bedeutung erlangte, die er heute hat.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht im Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere ande! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Mit diesem Zitat von Immanuel Kant sind wesentliche Aspekte der Selbstbestimmung und der Aufklärung insgesamt genannt. Die Aufklärung will den Menschen aus allen entmündigenden und traditionellen Bindungen herauslösen, emanzipieren, ihr Ziel ist die Ratio, der Verstand. Nun ist das Bestreben, den Verstand zu gebrauchen, nichts von vorneherein Verwerfliches oder gar Antichristliches, sondern etwas durchaus Positives. Bedenklich wird dies erst durch den unbeschränkten Optimismusglauben an die gute Natur des Menschen. U.a. geht dieser feste Glaube an die unverdorbene Natürlichkeit und Erziehbarkeit des Menschen aus Jean-Jacques Rousseaus Jugendwerk „Emile“ hervor, dem die Theorie zugrunde liegt, dass der Mensch von Natur aus gut sei und alle negativen Verhaltensweisen aus der verdorbenen Zivilisation kommen. Das theologische Faktum der Schuld des Menschen wird völlig ignoriert, es gibt keine Sünde mehr, sondern nur „menschliches Versagen“ oder strukturelle Schwächen. Die Ursache des Bösen ist nicht das gestörte Verhältnis zu Gott, sondern Unwissenheit, Unkenntnis der Naturgesetze oder ein Organisationsfehler im menschlichen Zusammenleben.
Als Folge der Aufklärung entwickelt sich der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt und der Gedanke, dass die Natur durch die Anwendung zunehmend verfeinerten Methoden dem Menschen unbeschränkt dienstbar gemacht werden kann. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet entwickelte Adam Smith die Idee, dass sich allgemeiner Wohlstand und sogar ein gerechter sozialer Ausgleich aller individuellen Einzelinteressen unter dem Kriterium des Gemeinwohls herstellen lasse, wenn man die Wirtschaft nur unter absolut freien, logischen und vernünftigen Gesichtspunkten gestalte. Hand in Hand damit gehen auch die gesellschaftlich - politischen Fortschrittsideen der Selbstbestimmung, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und in der französischen Revolution gipfeln. Man wollte in der französischen Revolution absolute Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durchsetzen, man glaubte an die rationale Vollendbarkeit der Geschichte. Und die beiden prägenden Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts, der Marxismus einerseits und der Faschismus andererseits - so entgegengesetzt sie in allen sonstigen Bereichen auch sind - haben als gemeinsame Grundidee jenen ungebrochenen geschichtlichen Fortschrittsoptimismus, der sich in der Überzeugung artikuliert: „Wir wissen den Plan, wir wissen die Ordnung, in der sich die Geschichte vollenden wird, wir repräsentieren diese Zukunft.“ (A. Freyer)
Wenn Sie mir bei meinem historischen Exkurs bisher gefolgt sind, werden Sie bei einer kritischen Betrachtung dessen, welche Auswirkungen diese Ideen halten, selbst zu dem Schluss kommen: Man muss nicht unbedingt religiös sein, es genügt schon, die Betrachtung der Geschichte, um festzustellen: Mit Selbstbestimmung, die nur den menschlichen Willen zum Maßstab aller Dinge macht, ist es nicht allzu weit her. Denn wenn Sie sich einmal die praktischen Auswirkungen dieses naiven Fortschrittsglaubens vor Augen führen, kann einem manchmal das kalte Grauen kommen. Ich möchte gar nicht auf die menschenverachtenden Praktiken und Auswirkungen des Nationalsozialismus und Kommunismus eingehen, diese sind Ihnen sicherlich nur allzu gut bekannt. Aber wo blieben - so muss man doch in gleicher Weise fragen - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der französischen Revolution? Auch hier wandelten sich die anfänglich so begeistert aufgenommenen Ideen sehr rasch zu Plünderungen, Terror, Mord und Totschlag, da die Selbstbestimmung sich immer nur auf das Ich beschränkte, der andere, der Nächste, der Mitmensch aber in seinem Willen völlig missachtet wurde. Als im Verlauf der Revolution z.B. die Einwohner der Vendée die Ideen der Revolution nicht mittragen und ihren katholischen Glauben behalten wollten, wurden sie zu Zehntausenden hingeschlachtet. Nicht anders war es bei der amerikanischen Unabhängigkeit: dass sich die amerikanischen Einwanderer vom englischen Mutterland lösten und ihr Schicksal jetzt selbst in die Hand nehmen konnten, wurde und wird heute noch als großer Fortschritt in der Menschheitsgeschichte gepriesen: dass jedoch in der Folge das Selbstbestimmungsrecht der Ureinwohner völlig übergangen wurde und Millionen von Indianern mit Frauen und Kindern kaltblütig getötet wurden, ist bis heute noch nicht jedem ins Bewusstsein gedrungen. In ähnlicher Weise hat sich die Idee von allgemeinem wirtschaftlichem Wohlstand und einem sozialen Ausgleich als Illusion erwiesen, wenn wir einmal die sozialen Gegensätze und den Hunger in der Welt betrachten. Ja selbst unser technischer Fortschrittsglaube ist heute im Zeichen der ökologischen Krise ins Wanken gekommen, aber bezeichnenderweise erst dann, als wir selbst die Auswirkungen verspüren, nicht schon zu einer Zeit, als nur die anderen davon betroffen waren. Vom Historischen her ist also die Selbstbestimmung etwas durchaus Zweischneidiges: Kann ein Mensch bzw. ein ganzes Volk sein Schicksal selbst bestimmen, kann das zunächst einmal durchaus positive Auswirkungen haben, denn Unterdrückung und Fremdbestimmung sind immer von Übel. Nur zeigt sich immer wieder, dass die Menschen nur allzu leicht übersehen, dass Selbstbestimmung ein sehr hohes Maß an Selbstverantwortlichkeit und Selbstbeschränkung voraussetzt. Der Mensch, der sich selbst zum Maßstab aller Dinge und sein eigenes Walten zum Maßstab seines Handelns erklärt, gerät immer in Gefahr, die Rechte und die Selbstbestimmung des Mitmenschen zu übersehen und zu missachten.
Der Mensch ist auf Erfüllung angelegt
Um den Aspekt der Selbstbestimmung einmal von einem ganz anderen Blickwinkel anzugehen, möchte ich im folgenden ein wenig die Psyche und die Sehnsüchte des Menschen betrachten, und vor allem wie sich dieser Drang nach Selbsterfüllung in den Zeugnissen bedeutender Dichter und Philosophen widerspiegelt.
Aufstehen - frühstücken - in die Arbeit gehen - mittagessen - arbeiten - abendessen - fernsehen - schlafen.
Aufstehen - frühstücken - in die Arbeit gehen - mittagessen - arbeiten - abendessen - fernsehen - schlafen.
Tag für Tag wiederholt sich für die meisten Menschen der gleiche Tagesablauf, nur dass sie am Samstag statt zu arbeiten das Auto putzen und am Sonntag ein wenig länger schlafen und noch ein bisschen mehr fernsehen: Der Alltag des selbstbestimmten Durchschnittsbürgers in Deutschland. Für die meisten erscheint dieses Leben an sich durchaus lebenswert, es sind die Menschen auf der Sonnenseite, die ein Leben weitgehend ohne Leid und größere Enttäuschungen führen. Aber es sind weniger als wir denken: Viele kommen durch irgendein Ereignis in ihrem Leben zum Nachdenken oder sind von sich aus mit einem veräußerlichten Leben nicht zufrieden, weil sie eine innere Unruhe, eine Sehnsucht spüren. Jeder Mensch, der ein bisschen zum Nachdenken neigt, trägt diese Sehnsucht nach mehr, nach einer geistigen Erfüllung tief in seinem Inneren, unabhängig davon, ob er glaubt oder nicht.
So sagt zum Beispiel Hemingway als schon gealterter Mann:
„Eigentlich habe ich am Leben vorbeigelebt.“
Der Liedermacher Wolf Biermann schreibt:
„Das kann doch nicht alles gewesen sein
das bisschen Fußball, Führerschein
das bisschen Liebe und Kinderschrein
das kann doch nicht alles gewesen sein.“
Ungeduld, ja Ratlosigkeit über die in der menschlichen Natur enthaltene Sehnsucht nach etwas Unbekanntem spricht auch aus Bert Brechts Gedicht „Radwechsel“:
Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gerne, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gerne, wo ich ...