Love & Passion
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Gender und Musik(praxis)

  1. 336 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Gender und Musik(praxis)

Über dieses Buch

Musik und Musikschaffen ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, zu dem neben Gefühlen, Botschaften, Technik, Handwerk... ganz besonders Geschlechterbilder gehören, die oft beiläufig oder verdeckt transportiert werden. Dabei stehen konservative und normative Stereotype von 'Frauen' und 'Männern' längst innovativ praktizierten Realitäten im aktuellen Musikgeschehen gegenüber. 16 Expertinnen* aus dem deutschsprachigen Raum kommen in diesem Sammelband zu Wort. Im ersten Teil widmen sie sich den Themen Homosexualität (Musical, Operette, Heavy Metal), Männlichkeit* (Reggae) sowie den (De)Konstruktionen von Geschlechterbildern in Musikvideos, in der Popmusik und den Gender-Aspekten in musikalischen Aneignungs- und Vermittlungsprozessen. Im zweiten Teil geht es um feministische Musikpraxis. Ein Autorinnen*-Duo untersucht den "Geniekult" und erfahrene Praktikerinnen berichten von den Niedersächsischen Frauenmusiktagen, der MädchenMusikAkademie, von dem pink noise Girls Rock Camp und vom laDIYfest kiel, das seit 2014 stattfindet!...

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783746012995
eBook-ISBN:
9783746084824
I Geschlechter(de)konstruktionen
in der Musik

Love is gay again.
(Musikalischer) Witz und historische
Utopie in Bill Sollys und Donald Wards
Musical Boy meets Boy (1975)

von Ulrich Linke
Für Kevin Clarke

Boy meets Boy meets the Stage

Es waren ausgesprochen schlechte Voraussetzungen, als Bill Solly und Donald Ward ihr bereits 1972 geschriebenes und komponiertes Musical Boy meets Boy ausgerechnet in Broadway-Nähe auf die Bühne bringen wollten: Es stand nicht zu erwarten, dass sich das New Yorker Publikum für ein Stück interessierte, dass 1936/37 in Europa spielt und in dem zwei Männer ein Liebespaar bilden. Schon in London konnten die Autoren ihr Stück nicht unterbringen. Und auch in den USA scheiterte der erste Versuch einer szenischen Realisierung. Erst als sich die Produzenten Edith O’Hara und Christopher Larkin1 des Stückes annahmen, erblickte Boy meets Boy in New York das Licht der Welt: anfangs im Thirteenth Street Theater, wo am Valentinstag, den 14. Februar 1975 die Uraufführung stattfand und sieben Monate lang lief, dann Off-Broadway im Actor’s Playhouse (ab dem 17. September 1975), wo es sich für vierzehn weitere Monate halten konnte2. Trotz einer schlechten Kritik in der New Times füllte Boy meets Boy die Säle und erhielt eine gute Resonanz in der Gay Community. Auch über die Aufführungen hinaus behauptete sich Boy meets Boy in kleinem Rahmen: 1979 wurde der Text in die Dramenanthologie Gay Plays. The First Collection von William M. Hoffman aufgenommen3, des Weiteren entstanden zwei kommerzielle Langspielplatten4. Seitdem wird das Stück immer wieder einmal aufgeführt, in jüngerer Zeit z.B. im Jermyn Street Theatre in London (Spielzeit 2012/13) und im LGTB-Theater Pandora in Louisville (Saison 2013/14)5. Dass ein Musical mit homosexuellen Protagonisten, das in den 1930er Jahren spielt, im New York der 1970er Jahre überhaupt einen gewissen Erfolg erzielen konnte und zu einem der beliebtesten „Gay Musicals“ avancierte, liegt an seiner dramaturgischen, textlichen und musikalischen Qualität (d.h. an seiner originellen Grundidee, seinem geistreichen Wortwitz und seiner eingehenden und dramaturgisch kohärenten Musik), gleichzeitig traf das Stück den Nerv einer homopolitisch ausgesprochen bewegten Zeit.
Dennoch blieb dem Stück der große Erfolg verwehrt – die homosexuelle Liebesgeschichte stellt ein offenbar zu großes Hindernis bei einem auf Identifizierung ausgerichteten Publikum dar. Anscheinend ist es leichter, sich mit singenden Katzen oder Lokomotiven, mit Löwen oder Meerjungfrauen zu identifizieren als mit zwei Männern, die sich ineinander verlieben. Dabei verdient Boy meets Boy aufgrund seiner Qualitäten und seiner Verve einen größeren Bekanntheitsgrad.
Interessant an diesem Musical ist vor allem sein besonderer Umgang mit der Homosexualität, die eine zentrale Rolle spielt, auch wenn sie an keiner einzigen Stelle thematisiert oder gar problematisiert wird. Dennoch ist Boy meets Boy ein im besten Sinne schwules Musical – und zwar nicht nur hinsichtlich seines Inhalts, sondern auch hinsichtlich seiner Sprache, seiner Umgangsformen und seiner Bilder. Schließlich spielt Heterosexualität und Homosexualität auch auf der Ebene der Komposition eine gewisse Rolle.

Das Stück: Handlung, Gattung, Zeit und Ort

Die Handlung
Im Mittelpunkt des in London (und später in Paris) angesiedelten Plots stehen drei Männer: der amerikanische Star-Journalist und Bonvivant Casey O’Brien, der amerikanische Millionär Clarence Cutler sowie der englische Adlige Guy Rose.
Casey, der in London weilt, um über den frisch gekrönten Edward VIII zu berichten, verschläft nach einer rauschenden Party in seinem Hotelzimmer (Prologue, Nr. 3: Party in Room 203) die Nachricht des Jahres, nämlich die Abdankung des Königs. Um seine berufliche Haut zu retten, beschließt er auf Anraten seines Busenfreundes Andrew über eine Hochzeit zu berichten, die noch an demselben Tag stattfinden soll: die Heirat des amerikanischen Millionärs Clarence mit dem gesellschaftlich völlig unbekannten Aristokraten Guy Rose. Diese Hochzeit platzt jedoch, da Guy nicht zur Trauung erscheint. Von den umherstehenden Journalisten angestachelt, beschließt Casey, den mysteriösen Adligen ausfindig zu machen. Dieser befindet sich tatsächlich als „Alkoholleiche“ in dessen Hotelsuite und gibt sich als der Gesuchte zu erkennen. Da Guy Casey gegenüber jedoch als Ausbund der Schönheit gepriesen wurde und der tatsächliche Guy unscheinbar und unattraktiv ist, glaubt er ihm nicht. Der tatsächlich wenig anziehende und darüber hinaus auch noch völlig mittellose Adlige weiß nach dem Skandal nicht, wohin er gehen soll und so beschließt er, bei Casey zu bleiben. Er behauptet, ein Freund des Verschollenen zu sein und bietet an, bei der Suche nach dem Ausreißer zu helfen. Widerwillig lässt sich Casey auf den Vorschlag ein. Die beiden Männer freunden sich schließlich an, nachdem sie entdeckt haben, dass sie beide als Jungen bei den Boy Scouts waren (I, 5, Nr. 16: It’s a Boy’s Life). Guy verliebt sich in Casey, weiß aber, dass er mit seinem Aussehen nicht auf Gegenliebe hoffen kann. Ihm wird ebenso bewusst, dass auch eine bessere Kleidung sein Aussehen nicht verbessern wird. Dagegen wirkt – immerhin handelt es sich um ein Musical! – die Liebe Wunder. Sie verwandelt Guy in einen bestrickend schönen jungen Mann (I, 7, Nr. 20: You’re beautiful). Casey, der den ursprünglichen Guy nicht erkennt, verliebt sich nun auch in ihn. Beide planen, noch am gleichen Abend nach Paris zu reisen. Der betrogene Clarence, der sich mittlerweile ebenfalls für Casey interessiert, spinnt daraufhin in letzter Minute eine Intrige, um die Frischverliebten voneinander zu trennen, was ihm auch gelingt: Guy fährt allein zu seiner Tante Josephine nach Paris.
Der zweite Akt handelt von der Wiedervereinigung der beiden Männer. Guy sucht seine Tante Josephine auf, die als Sängerin in den Folies de Paris arbeitet, deren Hauptattraktion Striptease tanzende Jünglinge sind (II, 2, Nr. 32: It’s a dolly). Als der Haupt-Tänzer des Etablissements seinen Dienst quittiert, nimmt der vom Leben und der Liebe enttäuschte Guy diese Position an. Casey erfährt von den Plänen Guys als Nackttänzer in Paris aufzutreten und reist auf Drängen Andrews in die französische Hauptstadt. Dort trifft er auch auf Clarence, der sein intrigantes Verhalten mittlerweile bereut, sich bessern will und Casey deshalb sein Falschspiel gesteht. Er gibt ihm zu verstehen, dass Guy den Journalisten tatsächlich liebt. Daraufhin hält Casey den erstaunten Guy in letzter Sekunde davon ab, sich vor dem Pariser Publikum zu entblößen. Das Musical endet mit der Hochzeit des Liebespaars.
Die Gattung
Boy meets Boy besitzt zahlreiche Ingredienzien zu verschiedenen Komödientypen, wie der Boulevard-, der Gesellschafts- und der Konversationskomödie:
Es gibt einen bekennenden Lebemann, der sich vom Saulus zum Paulus wandelt, indem er aus Liebe seinem bisherigen ausschweifenden Liebesleben abschwört, um sein Schiff in den sicheren Hafen der Ehe zu segeln.
Daneben gibt es eine zweite Figur, die liebenswert, aber schüchtern ist, und deren innere Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes erst noch „entdeckt“ werden muss.
Das Figurenensemble der Komödie gehört größtenteils der High Society an.
Daneben gibt es ein wenig Demi-Monde in Londoner und Pariser Etablissements, die für eine gemäßigte Anrüchigkeit und für Anzüglichkeiten sorgt.
Örtlichkeiten wie das Savoy Hotel, das Londoner Trocadero oder die Folies de Paris sorgen für eine mondäne Couleur locale.
Das Libretto zeichnet sich durch schnelle und geschliffenspitze Dialoge aus (inklusive einiger Spitzen gegen die Amerikaner).
Es treffen gegensätzliche, im Grunde aber sympathische Hauptfiguren mit menschlich nachvollziehbaren Schwächen aufeinander.
Ein voraussehbares Happy End führt am Ende zur Hochzeit.
Die Handlung ist zwar anregend, jedoch nicht immer zwingend; auch die Verhaltensweisen der Figuren sind nachvollziehbar, aber ausgesprochen naiv.
Die Figuren entsprechen – literarisch gesehen – eher Typen als psychologisch ausgearbeiteten Charakteren. Das Leben betreffende Hintergründe (z.B. Familienverhältnisse, Lebensgeschichten) werden lediglich angedeutet.
Liebesintrigen ändern den Gang der Handlung.
Der Zuschauer erkennt schnell, welche Figuren füreinander bestimmt sind und zieht sein Vergnügen daraus, dass die beiden Liebenden sich nicht erkennen, sich widerborstig verhalten und dem Glück nahe sind, ohne es selbst zu bemerken.
Es gibt mehrere innere Wandlungen sowie eine äußere Verwandlung.
Eine Figur (Guy) erscheint in einer Quasi-Doppelrolle als unscheinbarer und schüchterner Junge einerseits, und als Beau mit hohem Selbstbewusstsein andererseits.
Soweit es seine Erzählstruktur angeht, unterscheidet sich Boy meets Boy kaum von anderen Boulevard-, Gesellschafts- und Konversationskomödien. Originell wird das Musical erst dadurch, dass es mit einer Konvention bricht, die bislang in sämtlichen Musical Comedies vorausgesetzt wurde, nämlich mit der Konvention der Heterosexualität: Alle männlichen Hauptfiguren dieses Stückes nämlich lieben Männer. Und als sei dies noch nicht ungewöhnlich genug, spielt Boy meets Boy in einer Gesellschaft, in der Homosexualität neben Heterosexualität eine nicht zu hinterfragende Norm darstellt. Nicht nur können Männer als Paare auftreten, öffentlich miteinander tanzen und sich öffentlich küssen, sondern sie können auch heiraten und sind gesellschaftlich akzeptiert. Es macht den Anschein, als sei dies in der Welt von Sollys und Wards Musical auch nie anders gewesen.
Auf diese Weise bedienen sich die beiden Autoren zwar gewohnter Erzählstrukturen, gattungstypischer Elemente und Klischees der Musical Comedy, nur in dem einem – für viele Liebhaber und Liebhaberinnen von Musicals jedoch entscheidenden – Punkt verweigern sie sich der Konvention.
Historische vs. ahistorische Zeit
Realer vs. fiktiver Ort
Eine weitere Besonderheit des Musicals ist ein eigenartiges paradoxes Zeitdilemma, dass Solly und Ward konstruieren: Sie verbinden in ihrem Stück eine reale historische Zeit (die durch ein konkretes kulturelles Umfeld und durch exakt datierbare Fixpunkte determiniert ist) mit einer fiktiven, ahistorischen Zeit.
Boy meets Boy spielt im Jahr 1936. Dies wird spätestens in der dritten Sze...

Inhaltsverzeichnis

  1. Über das Buch
  2. Die Herausgeberinnen
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Vorwort: von Dagmar Filter und Jana Reich
  5. I. Geschlechter(de)konstruktionen in der Musik
  6. II. Musikalische Praxis
  7. III. Anhang
  8. Weitere Informationen
  9. Impressum

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