Mitten im Leben
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Mitten im Leben

Die ungeplante Reise mit meinem demenzkranken Vater

  1. 64 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Mitten im Leben

Die ungeplante Reise mit meinem demenzkranken Vater

Über dieses Buch

Mitten im Leben erzählt, wie ich meinen Vater neun Jahre gepflegt habe, als er sich nicht mehr selbst versorgen konnte und an Demenz litt. Dabei steht nicht der biografische Aspekt im Vordergrund, sondern das Buch soll Verständnis und Wertschätzung für pflegende Angehörige wecken. Pflegende sollen ermutigt werden ihren Pflegeauftrag anzunehmen, aber auch ohne Scheu Grenzen zu setzen, wo es notwendig ist.Im letzten Kapitel finden sich Lernprozesse, die ich durchgegangen bin, und praktische Tipps aus dem Alltag eines pflegenden Angehörigen vom Antrag auf Pflegegeld bis hin zu Hilfsmitteln. Es ist ein sehr persönliches Buch, das viel mit mir und meinen Lebensumständen zu tun hat. Dennoch glaube ich, dass es eine Hilfe für manchen sein kann, der sich ähnlichen Problemen gegenübergestellt sieht.Mir war wichtig, zu erzählen, wie ich mit dieser herausfordernden Situation umgegangen bin, eine Situation, die sehr schnell jeden betreffen kann.

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783743182325
eBook-ISBN:
9783743172104

Lernprozesse und praktische Tipps

Nachdem mein Vater gestorben war, fragte man mich öfters, was ich denn in all den Jahren für mein Leben gelernt hatte.
Diese Lernprozesse und auch praktische Tipps, die mir sehr halfen, möchte ich zum Schluss hier weitergeben, denn ich muss sagen, es waren die härtesten neun Jahre meines Lebens, aber auch die lehrreichsten.
Ich habe gelernt, wie man sich abgrenzt
Grundsätzlich ist zu sagen, dass eine gesunde Abgrenzung nichts mit Vernachlässigung der zu pflegenden Person im körperlichen oder seelischen Bereich zu tun hat. Ich habe meinen Vater sehr gewissenhaft gepflegt, sodass die Ärztin mich immer wieder gelobt hat. Ich habe mich sehr bemüht und mir auch viele Dinge überlegt, damit es ihm gut ging und er sich wohlfühlte. Dazu gehörte, dass ich ihm seine Lieblingslieder auf CD kaufte oder ihm immer wieder Zeitungsberichte oder aus der Bibel vorlas.
Aber ich achtete auch sehr darauf, dass ich nicht völlig erschöpft war, denn das hätte weder ihm noch mir genützt! Deshalb habe ich mir immer wieder Auszeiten gegönnt und organisierte eine Betreuung für einen halben Tag. Ich habe alle Angebote an Hilfsmitteln der Pflegekasse angenommen sowie die Kurzzeit- und Verhinderungspflege.
Ich habe meine Grenzen erkannt und meinem Vater gegenüber durchgesetzt.
  • Gegenüber seiner Erwartung, dass das Mittagessen immer um 12 Uhr auf dem Tisch stehen muss.
  • Gegenüber seiner Traurigkeit darüber, in Kurzzeitpflege gehen zu müssen. Er weinte wie ein kleiner Junge, weil er nicht dort bleiben wollte. Doch nur ein paar Tage später fand er da einen Freund.
  • Gegenüber seinem Drängen, mir seelsorgerliche Probleme zu erzählen. Ich wollte mich nicht damit belasten und holte den Pfarrer, damit er diese Gespräche mit ihm führte.
  • Gegenüber seinem Wunsch, dass ich den ganzen Tag neben ihm sitze. Ich ging ohne schlechtes Gewissen weg und einem Hobby nach, während jemand anderes nach ihm schaute.
Auch andere Leute hatten gewisse Erwartungen an mich, doch auch hier war es wichtig, meine Grenzen zu erkennen und meine Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen. Ich konnte und wollte nicht allen entsprechen. Darunter waren:
  • Die Erwartungen, die einige Bekannte an mich hatten, meinen Vater bis zu seinem Tod zu pflegen. Ich sagte von Anfang an, wenn mein Mann oder die Kinder nicht mehr mitmachen, dann gebe ich ihn ins Pflegeheim.
  • Der Druck, ihn nie auch nur für kurze Zeit wegzugeben. Jedes Jahr nutzte ich die Kurzzeit- und Verhinderungspflege für meine Erholung und meinen Urlaub.
  • Die Erwartung, jeden Besuch zu empfangen. Ich hatte genug mit der Pflege zu tun. Deshalb lud ich keinen schwierigen Besuch ein, aber dafür oft meine Großtante. Mit ihr war mein Vater sehr gerne zusammen und sie konnte sich mit ihm gut unterhalten – das tat meinem Vater gut und mir auch.
Ich distanzierte mich von dem Gerede in meinem Heimatdorf. Ich schützte mich vor Verletzungen, indem ich mir sagte, dass es mir völlig egal sein konnte, was die Leute über mich redeten. Ob es gutes oder schlechtes Gerede war, interessierte mich nicht. Die meisten konnten sich sowieso nicht vorstellen, wie mein Leben aussah.
Humor
Eins der wichtigsten Dinge im Zusammenleben mit einem Demenzkranken ist Humor. Humor ist eine Gabe, für die man nicht genug danken kann!
Oft behauptete mein Vater Dinge, die nicht logisch waren oder nicht der Wahrheit entsprachen. Wir mussten lernen, mit ihm nicht einen „Wahrheitskampf“ zu kämpfen, sondern auf humorvolle Weise die Situation leichtzunehmen.
Mitunter lachten wir zusammen mit meinem Vater so herzhaft, dass uns der Bauch wehtat. Mein Vater wusste zwar nicht, warum er lachte, doch das war egal, danach war alles wieder in bester Ordnung.
Ohne Jesus hätte ich es nie geschafft
Manchmal waren Situationen so ausweglos, dass ich wirklich hätte verzweifeln können. In diesen Momenten war niemand da, der mir beistehen konnte. Es gab nur meinen Vater und mich – und Jesus.
Als mein Vater beispielsweise einen Bauchdeckenkatheter gelegt bekam, wurde diese Operation ambulant durchgeführt. Das Krankenhaus war nicht bereit, ihn wenigstens eine Nacht zu behalten. Mein Vater bekam auch keine Narkose, sondern wurde nur örtlich betäubt. So war die Operation die reinste Tortur für ihn, für den Arzt und auch für mich.
Er spürte, dass etwas mit ihm passierte, konnte es aber nicht einordnen. Auch konnte man ihm nichts erklären, weil er nichts mehr begriff. Deshalb schrie er die ganze Operation hindurch und fuchtelte mit den Armen, wollte immer irgendetwas greifen, das er jetzt gerade nicht haben konnte. Ich bin heute noch dankbar, dass der Chirurg ein älterer, erfahrener Arzt war, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Die Operation war gelungen, ich war froh, dass mein Vater es nun hinter sich hatte, da warnte mich der Arzt, dass mein Vater sich den Bauchdeckenkatheter daheim gleich wieder herausziehen könnte. Gute Aussichten, oder?
„Übrigens“, sagte der Arzt, „Sie haben meine höchste Anerkennung für das, was Sie tun!“
Gerade erst war ich selbst zu Hause angekommen, da brachte der Krankentransport meinen Vater auch schon. Die zwei Sanitäter,...

Inhaltsverzeichnis

  1. Widmung
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. Verlust
  5. Entscheidung
  6. Verzweiflung
  7. Wunder
  8. Vollzeitpflege
  9. „Hitze“ – Intensive Pflege
  10. „Glühende Hitze“ – noch intensivere Pflege
  11. Finale
  12. Lernprozesse und praktische Tipps
  13. Impressum

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