»Glaube mir, ich habe von alledem nichts gewusst« sagte Martin F. J. Luther im Mai 1945 zu seinem Sohn. Er war Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt unter Ribbentrop und Teilnehmer der Wannseekonferenz. Diese Geschichte brachte Hans Jürgen Paas, den Ehemann von Luthers Enkelin, dazu, dessen Lebenslauf und seine Verstrickung in den Holocaust intensiv zu erforschen. Was hat ein Mensch in dieser Position wirklich gewusst? Was musste er als Teilnehmer einer Konferenz zwangsläufig wissen, einer Besprechung, auf der ausführlich beratschlagt und maßgeblich mit darüber entschieden wurde, wo wie viele Juden vernichtet werden sollten? Allein Luthers berufliche Funktion, spätestens aber seine Konferenzteilnahme strafen seine Aussage Lügen! Das vorliegende Buch ist nicht nur eine detaillierte Aufzeichnung von Luthers Lebensweg und Beschreibung seiner Persönlichkeitsstruktur, sondern eine generelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

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Glaube mir, ich habe von alledem nichts gewusst
Die Verstrickung von Unterstaatssekretär Martin F. J. Luther in den Holocaust
- 340 Seiten
- German
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Glaube mir, ich habe von alledem nichts gewusst
Die Verstrickung von Unterstaatssekretär Martin F. J. Luther in den Holocaust
Über dieses Buch
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Information
1 Einleitung
Es waren zwei Erlebnisse, die mich dazu brachten, mich mit dem Großvater meiner Frau, Martin Franz Julius Luther, und seiner Verstrickung in den Holocaust zu beschäftigen:
Ziemlich am Anfang unserer Beziehung erzählte mir meine Frau Doris, dass ihr Großvater Martin F. J. Luther Teilnehmer der Wannseekonferenz war. Ich weiß noch, wie mir durch den Kopf ging: »Du hast dich zwar schon lange mit dem Holocaust beschäftigt, aber bisher war doch alles weit weg. Und jetzt war der Großvater deiner Frau Teilnehmer der Wannseekonferenz.«
Kurze Zeit später erfuhr ich aus der Familie, dass Martin F. J. Luther kurz vor seinem Tod noch einmal seinen jüngsten Sohn Gerhard traf – sein ältester Sohn Hans war da schon gefallen, sein mittlerer Sohn Klaus, mein Schwiegervater, in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Während dieses Gesprächs sagte er zu ihm: »Glaube mir, ich habe von alledem nichts gewusst.«
Mir ging sofort durch den Kopf: »Wie kann das sein? Wenn schon ein Teilnehmer der Wannseekonferenz nichts vom Holocaust gewusst haben will, wer dann überhaupt?«. Und um ein Ergebnis dieser Arbeit vorwegzunehmen: Martin F. J. Luthers damalige Behauptung war definitiv gelogen.
Im weiteren Verlauf der Zeit gab es viele Gespräche, die meine Frau und ich mit meinem Schwiegervater Klaus Luther führten. In diesen Gesprächen war immer jener tiefe Zwiespalt zu spüren: Einerseits war Martin F. J. Luther sein Vater, auch wenn es ein distanziertes Verhältnis gewesen war. Andererseits aber war er in jene unglaublichen Verbrechen involviert. Ich glaube, mein

Martin Franz Julius Luther (Foto aus dem Jahr 1927)
Schwiegervater hatte nicht an die obige Schutzbehauptung seines Vaters geglaubt und sein Leben lang unter diesem Zwiespalt gelitten.
Ich bin kein Historiker, war aber schon zu Schülerzeiten sehr an Geschichte interessiert. Und die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden – nicht Verbrechen im deutschen Namen, wie man verharmlosend sagt, sondern von Deutschen begangene Verbrechen – haben mich dabei immer besonders berührt. Dies hatte für mich zwei Konsequenzen: ein starkes Interesse an der Kultur des Judentums und ein besonderes Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus und dabei insbesondere am Holocaust und der Frage, wie solch ein unvorstellbares Verbrechen überhaupt möglich war
Mit der persönlichen – wenn auch indirekten – Verstrickung in diese Thematik war für mich schnell klar, dass ich mich einmal intensiv mit Martin F. J. Luther auseinandersetzen musste.
Die familiären Kontakte waren mir dabei nur von sehr beschränktem Nutzen. Über Politik wurde im Hause Martin F. J. Luther nicht gesprochen und seine Söhne wussten deshalb so gut wie nichts über Luthers Tätigkeit im Auswärtigen Amt (im Folgenden kurz AA genannt). Zudem stand sein einziger noch lebender Sohn Gerhard für Auskünfte nicht zur Verfügung. Lediglich über andere Familienmitglieder bekam ich für die kurze Zeit zwischen Luthers Flucht aus dem KZ und seinem Tod einige Informationen. Ansonsten aber blieb mir nur der klassische Historikerweg über Quellen und Fachliteratur. Doch während ich noch überlegte, wie ich mich an das Thema annähern könnte, kamen mir zwei Zufälle zu Hilfe.
Im Jahr 2010 erschien die noch von Joschka Fischer als Außenminister in Auftrag gegebene Studie »Das Amt und die Vergangenheit«, welche die Verstrickungen des AA in die Verbrechen des Nationalsozialismus und ihre mangelnde Aufarbeitung nach dem Krieg untersuchte. Dieses Buch gab mir schon viele Informationen zu diesem Themenkomplex.
In einer Kritik, die dieses Buch ziemlich verriss, fand ich die Bemerkung, dass das alles von Christopher Browning – der Name sagte mir damals noch nichts – doch viel besser und präziser beschrieben wäre. Das Buch, das der Kritiker meinte, war »The Final Solution and the German Foreign Office«, die Doktorarbeit von Browning aus dem Jahr 1978, das ebenfalls 2010 – also schändlicher Weise erst 32 Jahre nach dem Original – in Deutsch mit dem Titel »Die ›Endlösung‹ und das Auswärtige Amt« erschienen war.
Der Vergleich zwischen beiden Büchern ist sicher unfair: »Das Amt und die Vergangenheit« ist in der ersten Hälfte eine Gesamtuntersuchung der Verstrickung des AA in die Politik des dritten Reiches und in der zweiten Hälfte eine Dokumentation der mangelhaften Aufarbeitung, während sich Brownings Buch, wie es sich für eine Doktorarbeit gehört, ein Detail herausgreift, die Judenpolitik des Referates D III im AA, diese aber in aller wissenschaftlichen Tiefe durchleuchtet.1
Für meine Arbeit war Brownings Buch aber genau das richtige: Dieses Referat D III war innerhalb der von Luther geleiteten Abteilung D der Bereich, unter dem die ganze Verstrickung des AA in den Holocaust stattfand.
Zwei weitere Arbeiten Brownings halfen mir, das Thema noch erheblich zu erweitern:
- der Aufsatz »Unterstaatssekretaer Martin Luther and the Ribbentrop Foreign Office«, den er schon ein Jahr früher geschrieben hatte und in dem er noch detaillierter die Tätigkeit Luthers selbst untersucht
- das 2004 erschienene Buch »The Origins of the Final Solution – The Evolution of Nazi Jewish Policy, September 1939 – March 1942«, in dem er ausführlich beschreibt, wie und wann es zur Endlösung im Sinne von »Massenvernichtung« kam
Browning steht inzwischen völlig zu Recht im Ruf, einer der bedeutendsten Holocaustforscher der letzten Jahrzehnte zu sein, ein würdiger Nachfolger von Raul Hilberg, dessen Standardwerk »The Destruction of European Jews« – auch ein Werk, das erst mit 20 Jahren Verspätung ins Deutsche übersetzt wurde – mir ebenfalls viele wichtige Anregungen gab.2 Brownings Doktorarbeit über die Abteilung D III gab mir einen stringenten Einblick in die Tätigkeit Luthers und lieferte mir mit den wichtigsten einschlägigen Quellen einen perfekten Ausgangspunkt für weiterführende Studien sowohl der Quellen als auch der sehr umfangreichen Fachliteratur.
Weitere nützliche Informationen und zusätzliche Einsichten zum Thema Holocaust stellen u.a. Hans-Jürgen Döscher, der ebenfalls eine Doktorarbeit über das AA im 3. Reich3 und einen Aufsatz über den Werdegang Martin F. J. Luthers schrieb4 und Peter Longerichs Buch »Die Wannseekonferenz – Der Weg zur ›Endlösung‹«5 dar.
In der Zwischenzeit kamen viele weiteren Werke und auch eigene Studien in verschiedenen Archiven dazu, wobei naturgemäß das »Politische Archiv des Auswärtigen Amtes« die wichtigsten
Dokumente hat. Nach und nach gelang es mir so, mich immer mehr in die Materie zu vertiefen.
In der Maschinerie des Holocausts ist Martin F. J. Luther als mittelgroßes Rad zu sehen, auch wenn die Auswirkungen seines Handelns durchaus gravierend waren. Aber er gehört nicht zu den ganz großen und entscheidenden Tätern.
Der Grund, mich gerade mit ihm zu beschäftigen, liegt einerseits natürlich in meiner familiären Verstrickung. Andererseits jedoch darf sich eine Theorie des Holocausts nicht auf eine Auseinandersetzung mit den wenigen Hauptverantwortlichen beschränken. Wie in einer späteren Bewertung6 dargestellt werden wird, konnte der Holocaust als industrialisierter Genozid nur funktionieren, weil es die Betreiber auf allen drei Ebenen gab:
- die Planer und Befehlshaber – Hitler und seine Entourage
- die Organisatoren im Mittelfeld als Schreibtischtäter – hier ist eindeutig Martin F. J. Luther anzusiedeln
- die ausführenden unteren Organe
Wäre eine der drei Ebenen ausgefallen, hätte es den Holocaust nicht gegeben. Insofern ist die Beschäftigung mit Luther durchaus auch unabhängig von meinem familiären Interesse lohnenswert.
Ein Wort zur Terminologie: In dieser Arbeit unterscheide ich bewusst zwischen Genozid und Holocaust:
- Genozid oder Völkermord sind gemäß meinem Lexikon7 »Handlungen, gegen die Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören«.
- Holocaust (zurückgehend auf das griechische »holokautéo« = ein Brandopfer darbringen) ist der englische Ausdruck für den Versuch der Nationalsozialisten, systematisch alle verfügbaren Juden zu eliminieren.8 Seit der gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie aus dem Jahr 1978 hat sich auch im Deutschen der Begriff Holocaust eingebürgert. Es wäre sicher interessant, sich einmal darüber Gedanken zu machen, warum wir lieber den englischen als den deutschen Begriff »Massenvernichtung« verwenden.
Die Unterscheidung ist mir deshalb wichtig, weil sich darin die Entwicklung widerspiegelt: Der Holocaust ist sozusagen die ultimative Form des Genozids, ab Mitte 1942 kann man sicher bei den Naziverbrechen davon sprechen. Aber ein Genozid war es schon vorher, spätestens nach dem Überfall auf die UdSSR. Vielleicht sollte man diesen Begriff aber auch früher ansetzen: Am 11.11.1939 – also nicht einmal zweieinhalb Monate nach Kriegsbeginn – wurden im polnischen Dorf Ostrów Mzowiecka als »Vergeltungsmaßnahme« für eine Brandstiftung sämtliche 2.000 Juden ermordet. Dies war der erste Fall einer vollständigen »Vernichtung«9 aller Juden einer bestimmten Lokation.
Dieses Buch selbst besteht aus drei Teilen:
- Zunächst wird das Umfeld beschrieben, in das Luther schließlich hineinkam. Dies ist ein Versuch, die Zusammenhänge verständlich zu machen.
- Der zweite Teil schildert möglichst detailliert den Werdegang Luthers, wobei der Schwerpunkt auf den Jahren 1941 und 1942 liegt, der Zeit, in der Luthers Verstrickung in den Holocaust hauptsächlich lag.
- Im dritten Teil versuche ich mich an einer Bewertung der Handlungen Luthers. Diese soll die Schlussfolgerung aus den Schilderungen im vorhergehenden Kapitel sein.
Der Besuch einer Ausstellung10 brachte mich in einem Punkt zum Nachdenken: In dieser Arbeit, genauso wie in sämtlicher verwendeten Literatur und allen herangezogenen Dokumenten, ist fast immer nur von den Juden die Re...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- 1. Einleitung
- 2. Das Umfeld, in dem Martin F. J. Luther arbeitete
- 3. Der Werdegang Martin F. J. Luthers
- 4. Ein Versuch, Luther zu bewerten
- Nachworte
- Dank
- Anhang
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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