James Tiptree Jr. – Zwischen Entfremdung, Liebe und Tod
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James Tiptree Jr. – Zwischen Entfremdung, Liebe und Tod

SF Personality 27

  1. 360 Seiten
  2. German
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James Tiptree Jr. – Zwischen Entfremdung, Liebe und Tod

SF Personality 27

Über dieses Buch

James Tiptree Jr. – die Geheimnisse hinter der Kunstfigur und ihre Bedeutung für die Science Fiction. James Tiptree Jr. (d. i. die Psychologin Dr. Alice B. Sheldon) begann nach einem bewegten Leben erst mit 53 Jahren, SF zu veröffentlichen, und avancierte in kurzer Zeit zum Szenestar. In der Rolle des fiktiven Autors, der real eine Frau war, forcierte Tiptree feministische Themen und verhalf den Frauen in der SF zum Durchbruch. Doch Tiptrees Bedeutung geht weit darüber hinaus. Durchaus der klassischen SF verbunden, gehört Tiptree zu den innovativen Autoren der amerikanischen New Wave. Sein tiefgründig-wunderbares Werk mit dem ihm eigenen Stil der "entfremdeten Nähe" hat der SF neue Dimensionen eröffnet, die Frauen wie Männer gleichermaßen berühren. Autor Hans Frey beschäftigt sich eingehend mit James Tiptree Jr. und schafft damit einen einmaligen Werksüberblick.

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Information

Jahr
2018
Auflage
1
eBook-ISBN:
9783948616359
1. – Das Leben der Alice B. Sheldon (1915–1987)
1.1 – Geburt, Eltern, Kindheit
Geburt
Alice B. Sheldon kam am 24.8.1915 als Alice Hastings Bradley in Chicago zur Welt. Sie blieb das Einzelkind ihrer Eltern Herbert Edwin Bradley (1874–1961) und Mary Wilhelmina Bradley geb. Hastings (1882–1976). Eine vier Jahre später geborene Schwester lebte nur einen einzigen Tag. Den Tod ihres zweiten Kindes überwand die Mutter Mary nie. Umso mehr konzentrierten sich ihre vereinnahmende Liebe und ihre fordernde Erziehung auf Alice, was sich als Segen, aber noch mehr als Fluch erweisen sollte.
Der Vater
Der Farmerssohn Herbert Bradley stammte aus der kanadischen Provinz Ontario und arbeitete sich über verschiedene Stationen zu einem angesehenen Anwalt in Chicago hoch. Daneben versuchte er sich erfolgreich in Immobiliengeschäften, die ihn zeitweise zu einem reichen Mann machten. (Durch den Börsencrash 1929 und die anschließende große Depression in den USA der 30er-Jahre schwanden Herberts finanzielle Mittel. Dennoch konnten die Bradleys ihren aufwendigen Lebensstil aufrechterhalten, weil inzwischen seine Frau genug Geld verdiente.)
1909 lernte der 34-jährige Mann die 27-jährige Mary Hastings kennen. Sie heirateten und bezogen 1912 die oberste Etage plus Penthouse und Dachgarten in einem seiner Häuser am 5344 Hide Park Boulevard in Chicago. Diese Adresse sollte bis zum Lebensende der Eltern das Stammhaus der Familie bleiben.
Herbert Bradley wird als attraktiver Mann beschrieben, der vernünftig, praktisch und umsichtig war, eine lustige Seite hatte, gerne anstößige Witze erzählte, aber auch einen Hang zur Melancholie besaß, den er möglichst zu verbergen suchte. Seine Offenheit gegenüber ungewöhnlichen Unternehmungen war sicherlich auch ein Grund, warum er und Mary gut zueinanderpassten, unterstützte er doch seine Frau uneingeschränkt bei ihren wahrlich nicht alltäglichen Aktivitäten.
Wie sah ihn seine Tochter Alice? »In Alice Sheldons Kindheitsschilderungen ist Herbert weniger präsent als Mary; weniger erdrückend, weniger verfügbar, weniger anwesend. (…) Sie glaubte, ihr Vater hätte lieber einen Jungen gehabt und sie sei in seinen Augen ›eine mindere Ausführung‹, eben ›nur ein Mädchen‹ gewesen.« (JP1, S. 49) Trotzdem kann Allis Verhältnis zu ihrem Vater als gut bezeichnet werden. »[Alli] schätzte Herberts nüchterne Einstellung, seine Fähigkeit, sich auf allgemeine Grundsätze zu berufen, im Gegensatz zu Marys Forderungen nach Aufmerksamkeit und Liebe. Er stand in jedem Konflikt leidenschaftlich auf ihrer Seite. Und er war lustig und amüsierte sich über ihre Witze, wohingegen Mary (…) im Grunde ihres Herzens ernst war.« (JP1, S. 49)
In dem Interview für CONTEMPORARY AUTHORS (siehe JS, S. 281 ff.) singt sie sogar ein regelrechtes Hohelied auf ihren Vater. Während also die Vater-Tochter-Beziehung alles in allem unproblematisch, ja herzlich war, war Allis Verhältnis zur Mutter enger, dafür aber auch weit konfliktträchtiger und in deren übermächtiger Präsenz geradezu erstickend.
Die Mutter
»Beide Bradleys waren charismatische, engagierte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren Abenteuer die Familie mit einem Hauch von Exotik umgaben.« (JP1, S. 12)
Sieht man das als Ranking, so übertraf Mary ihren Mann um ein Vielfaches. Sie war die glamouröse, alles überstrahlende Mitte der Familie. Geschickt vermarktete sie sich als (durchaus talentierte, heute vergessene) Schriftstellerin, Journalistin und Vortragskünstlerin. Das schmeichelte nicht nur ihrem Ego, sondern ließ auch die Kasse klingeln. Als Abenteurerin bewegte sie sich ebenso souverän im afrikanischen Dschungel wie auch als Dame der vornehmen Gesellschaft auf dem Parkett der Partys und Empfänge, und ihr ungewöhnliches Leben war eine Fundgrube für die Klatsch- und Tratschspalten der Chicagoer Zeitungen. Dabei war Mary keineswegs durchgehend der tatendurstige, optimistische Wirbelwind. Auch sie hatte ihre Ängste und Abgründe. Doch sie hatte sie besser im Griff als andere.
So sagt denn Alli über ihre »liebe, verdammungswerte« (zit. nach JP1, S. 19) Mutter: »Du hilfst ihr durch die Tür – und findest dann heraus, dass sie 45 Meilen weit bergauf wandern kann, während sie ihr Gewehr trägt und deins dazu. (…) Und dabei Witze erzählt. Und umwerfend aussieht.« (zit. nach JP1, S. 13) Julie Phillips ergänzt: »Sie konnte eine blauäugige Schönheit im Spitzenkleid sein und gleich darauf eine geschickte Scharfschützin in Khakihosen.« (JP1, S. 19)
In der Summe war Mary Bradley bemerkenswert emanzipiert, und zwar in einer Zeit, in der die weitgehende Rechtlosigkeit, Unterdrückung und Verächtlichmachung der Frau hoffähig und selbstverständlich war. Sie widersetzte sich dem und entsprach in keiner Weise dem Bild des »Heimchens am Herd«. Indes war Mary keine Frau, die ihren Lebensstil in einen politisch bewussten Kampf für die Gleichberechtigung ummünzte.
Sie vermochte es – nicht zuletzt auch wegen ihrer privilegierten Stellung –, sich in ihrem individuellen Umfeld einen großen Entfaltungsspielraum zu verschaffen, kam aber nie auf die Idee, daraus ein Programm zu machen. Im Gegenteil akzeptierte sie im Prinzip die herrschende Rollenverteilung und achtete sorgfältig darauf, dass die grundsätzlichen gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau erfüllt und Grenzen nicht überschritten wurden. »Wenn sie Abenteuer erleben oder über diese schreiben wollte, würde sie den Anschein von Schicklichkeit wahren müssen. Die Frau und die Abenteurerin mussten zwei verschiedene Menschen sein.« (JP, S. 20)
Obwohl Allis kindliche Entwicklung dieses von der Mutter vorgegebene Muster emotional tief in ihr verankerte, verfügte Alice über einen scharfen Verstand, der sie ab einem gewissen Alter das opportunistische Konstrukt rational durchschauen ließ – mit der Folge, von ihm ein Leben lang gequält zu werden. Das erklärt ihre Worte: »Sie [ihre Mutter, H. F.] war mir kein Vorbild, sie stellte eine Unmöglichkeit dar.« (zit. nach JP, S. 13) Und weiter: »Vielleicht hätten wir wirklich [kursiv im Original, H. F.] Freundinnen sein können, wenn ich nicht zugleich ihr einziger Besitz und ihre Projektion in die Zukunft gewesen wäre.« (zit. nach JP1, S. 49)
In der Zeit vom kleinen Mädchen bis hin zur jungen Frau stand Alli vollständig unter dem Einfluss Marys. Die besitzergreifende Mutter bestimmte alles, erklärte, was gut oder böse war, und brachte ihr das »richtige« weibliche Verhalten bei. Alli reagierte, indem sie schon übereifrig versuchte, den Ansprüchen Marys gerecht zu werden – das aber nicht unbedingt aus freiem Willen, sondern aufgrund des emotionalen Drucks.
Ein missglücktes Liebesverhältnis
Es versteht sich, dass unter diesen Umständen ein entspanntes Verhältnis zwischen Tochter und Mutter unmöglich war, und das sollte bis zum Tod Marys so bleiben. Als Alli erwachsen wurde, gelang es ihr unter großen Mühen, sich aus der allumfassenden Umarmung der Mutter zu lösen. Aber auch nach ihren diversen Ausbruchs- und Befreiungsversuchen gehörte der sie verfolgende und bedrückende Schatten einer dominanten Mutter zu einer Konstante, die ihr Leben ungewollt, aber ständig begleitete. Viele (nicht alle) Eskapaden einer Alice B. Sheldon lassen sich aus diesem verunglückten Grundverhältnis ableiten.
Zweifellos hat Mary Bradley, die ihr Verhalten als echte Mutterliebe verstand, durch die umfassende Förderung ihrer Tochter viel dazu beigetragen, Alli zu einer hochgebildeten, polyglotten, sich bewussten, offenen, faszinierenden Persönlichkeit und zu einer begnadeten Schriftstellerin zu machen. Für Allis sensible, verletzliche Psyche und ihren sezierenden Verstand, der die Unaufrichtigkeit von Marys Verhalten durchschaute, war die Hegemonie der Mutter indes zeitlebens eine Hypothek, die schwer wie ein Mühlstein auf ihr lastete.
Dennoch sei schon jetzt gesagt: In besagter Mutter-Tochter-Beziehung geht es nicht um Schwarz und Weiß. Sowenig Mary Bradley nur und ausschließlich die Dampfwalze war, die ihr Kind überrollte, so wenig war Alice nur und ausschließlich das Opfer, das ohne jeden Eigenanteil zum hilflosen Objekt gemacht wurde. Es gab Züge in Allis Wesen, die durchaus eine gewisse »Mitschuld« durchschimmern lassen, so wie es Züge in Marys Wesen gab, die das missglückte Verhältnis zu ihrer Tochter keineswegs als vorprogrammiert erscheinen lassen. Nur – Alice war eben ein Kind, und das machte sie von vornherein zum schwächeren Teil des unglücklichen Spiels.
Behütung und Isolation
Alli wuchs in einem begüterten, weltoffen-liberalkonservativen, angesehenen und gesellschaftlich umworbenen Hausstand mit Nannys und weiteren Bediensteten auf. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr kannte sie praktisch nur ihre großzügige Wohnung und den Dachgarten, denn ihre Eltern meinten, die Chicagoer Umgebung sei für ihr Kind zu gefährlich.
Ein Nebeneffekt dieser isolierten Behütung war, dass Alli kaum andere Kinder kannte, somit ihre Sozialkontakte mit Gleichaltrigen unterentwickelt waren – ein Umstand, der später (z. B. in den diversen Schulen) immer wieder dazu führte, dass sie Schwierigkeiten hatte sich einzuordnen und sich nicht nur als Außenseiterin fühlte, sondern sich auch so benahm. Das sollte in der Folgezeit nicht wesentlich anders aussehen, ansonsten aber änderte sich ihre Situation mit ihrem sechsten Geburtstag schlagartig.
Die erste Afrikareise 1921/22
Ein Freund der Familie, Carl Akeley, erzählte oft von seinen Expeditionen nach Afrika. Akeley, ursprünglich ein Tierpräparator, der sich dann zum besonnenen Großwildjäger und laienhaften Naturforscher entwickelte, suchte Finanziers für eine neue Afrikareise. Die Bradleys, die die Mittel hatten, waren mehr als interessiert, und es dauerte nicht lange, bis man beschloss, den Sprung zum Schwarzen Kontinent zu wagen, und zwar mitten in sein Herz, in den Kongo (zu jener Zeit belgisches Kolonialgebiet).
War das Vorhaben an sich schon ganz und gar außergewöhnlich, so wurde das noch durch den Willen der Bradleys überboten, ihr sechsjähriges Mädchen mitzunehmen. Akeley gefiel die Idee, wollte er doch ein neues Bild von Afrika zeichnen und die blutrünstigen Tiergemetzel durch Naturbeobachtungen ersetzen (Akeley gehört auch zu den Pionieren des naturfreundlichen Tierfilms). Ein süßes, unschuldiges Mädchen war dafür, so seine Vorstellung, ein ausgezeichnetes Symbol.
Weniger begeistert zeigte sich die Chicagoer Presse, als Mary den Plan öffentlich verkündete. Man zweifelte Marys Qualitäten als Mutter an, und es kostete sie große Mühe, die Gemüter zu beruhigen. Ein Mittel, das sie dabei einsetzte, war jenes Verhaltensmuster, von dem schon die Rede war. »Um zu beweisen, dass sie eine gute Mutter war, musste Mary ihr Bestes geben, musste ihre Tochter nicht nur beschützen, sondern auch zu einem vorbildlichen Mädchen erziehen. Sie durfte Abenteuer erleben, aber nur, wenn Alice dies durch weiße Kleidchen, blonde Locken, ein hübsches Gesicht und bestes Betragen wettmachte.« (JP1, S. 28) Anders gesagt: Mutter wie Tochter mussten bei aller Extravaganz die tradierte Frauenrolle glaubwürdig vermitteln. Dass es dabei zu seelischen Verletzungen kam, die Alli ein ganzes Leben lang mit sich herumzutragen hatte, offenbarte sich erst später.
Abgesehen von diesen psychosozialen Konflikten w...

Inhaltsverzeichnis

  1. Legende
  2. Einleitung
  3. II. – Zum Namenslabyrinth
  4. III. – Die drei Universen der Alice B. Sheldon
  5. 1. – Das Leben der Alice B. Sheldon (1915–1987)
  6. 1.2 – Die Puppe in der Schachtel
  7. 1.3 – Abnabelung
  8. 1.4 – Auf der Suche nach dem Ich
  9. 1.5 – Neue Horizonte
  10. 1.6 – Der letzte große Lebensabschnitt
  11. 2. – Wer war Alice B. Sheldon?
  12. 2.2 – Sex, Erotik, Liebe
  13. 2.3 – Gewalt und Humor
  14. 2.4 – Psyche und Gesellschaft
  15. 3. – Der geheimnisvolle Mr. Tiptree
  16. 3.1 – Leben und Sterben des Tiptree Jr.
  17. 3.2 – Vom Wesen eines Phantoms
  18. 4. – Alice B. Sheldon und die Science Fiction
  19. 4.2 – Warum ausgerechnet SF?
  20. 4.3 – Traditions-SF, Feminismus, New Wave
  21. 4.4 – Der Kern der Tiptree/Sheldon-SF
  22. 5. – Anmerkungen zum Werk
  23. 5.2 – Im Spiegel der Kritik
  24. 5.3 – Auszeichnungen und Ehrungen
  25. 6. – Das Werk im Detail
  26. 7. – Die Erzählungen
  27. 7.2 – Die 60er-Jahre
  28. 7.3 – Die 70er-Jahre
  29. 7.4 – Die 80er-Jahre
  30. 7.5 – Posthum veröffentlichte Geschichten
  31. 8. – Zusammenhängende SF-Erzählungen
  32. 8.1 – Invasion
  33. 8.2 – Quintana Roo
  34. 8.3 – The Starry Rift
  35. 9. – Die zwei Romane
  36. 9.2 – Helligkeit fällt vom Himmel
  37. 10. – Selbstzeugnisse und Lyrik
  38. 10.1 – Kommentare & Sachtexte
  39. 10.2 – Briefe
  40. 10.3 – Lyrik
  41. 11. – Schlussbemerkung
  42. 12. – Deutsche Bibliographie
  43. Der Autor
  44. Bücher bei MEMORANDA

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