Menschenkenntnis
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Über dieses Buch

Wer Menschenkenntnis besitzt, kann seine Persönlichkeitseigenschaften und die wesentlichen Charakterzüge seiner Mitmenschen besser wahrnehmen und kompetent mit ihnen umgehen. Der Bestseller Menschenkenntnis von Alfred Adler schärft den Blick für besondere menschliche Eigenarten und schult die soziale Kompetenz.Im Buch über die Menschenkenntnis beschreibt Alfred Adler auf verständliche Weise die menschliche Psyche und die Faktoren, die den Charakter von Menschen prägen. Das Buch ist sehr flüssig geschrieben und für jedermann verständlich. Seine Darstellung menschlicher Charakterzüge unterlegt Alfred Adler in seinem Werk Menschenkenntnis mit zahlreichen Beispielen, in denen viele Leserinnen und Leser sich selbst und ihre Umgebung wiedererkennen werden.Alfred Adler war einer der bekanntesten Schüler Sigmund Freuds. Seine Werke bilden die Grundlage vieler erfolgreicher psychotherapeutischer Methoden. Adlers Arbeit war wegweisend für die Entwicklung der modernen Psychosomatik. Er begründete die Individualpsychologie.Alfred Adler lebte von 1870 bis 1937. Als einer der bekanntesten Wissenschaftler an der Seite Sigmund Freuds bildete er zahlreiche bekannte Psychologen aus. Neben dem Bestseller Menschenkenntnis (1927) erlangte vor allem sein Werk Über den nervösen Charakter (1912) weltweite Bekanntheit.

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Information

Jahr
2018
Auflage
1
eBook-ISBN:
9783743173675

II. Kapitel: Charakterzüge aggressiver Natur


1. Eitelkeit (Ehrgeiz)

Sobald das Geltungsstreben überhandnimmt, ruft es im Seelenleben eine erhöhte Spannung hervor, die bewirkt, dass der Mensch das Ziel der Macht und Überlegenheit deutlicher ins Auge faßt und ihm mit verstärkten Bewegungen näherzukommen trachtet. Sein Leben wird wie die Erwartung eines großen Triumphes. Ein solcher Mensch muss unsachlich werden, weil er den Zusammenhang mit dem Leben verliert, weil er immer mit der Frage beschäftigt ist, was er für einen Eindruck macht und was die andern von ihm denken. Seine Aktionsfreiheit wird dadurch außerordentlich gehemmt, und es tritt der am häufigsten anzutreffende Charakterzug zutage, die Eitelkeit. Man kann sagen, bei jedem Menschen ist die Eitelkeit, und sei es auch nur in Spuren, vorhanden. Und da es nicht imponiert, wenn einer seine Eitelkeit ganz offen zur Schau trägt, ist sie meist gut verdeckt und nimmt die verschiedensten Formen an. Man kann auch bei einer gewissen Bescheidenheit eitel sein. Ein Mensch kann so eitel sein, dass ihm entweder am Urteil der andern gar nichts gelegen ist, oder dass er gierig darnach hascht und es zu seinen Gunsten zu wenden sucht.
Wenn die Eitelkeit einen gewissen Grad übersteigt, wird sie äußerst gefährlich. Abgesehen davon, dass sie den Menschen zu allerhand nutzlosen Arbeiten und Aufwendungen zwingt, die mehr auf den Schein gehen als auf das Sein, dass sie den Menschen mehr an sich denken lässt und höchstens an das Urteil der anderen über sich, verliert er durch sie leicht den Kontakt mit der Wirklichkeit. Er geht einher ohne Verständnis für die menschlichen Zusammenhänge, ohne Beziehung mit dem Leben, er vergißt, was das Leben von ihm fordert und was er als Mensch zu geben hätte. Die Eitelkeit ist wie keine andere Untugend imstande, den Menschen von jeder freien Entwicklung abzuhalten, da er stets daran denkt, ob zum Schluss für ihn ein Vorteil herausschaut.
Manchmal helfen sich die Menschen damit, dass sie für das Wort Eitelkeit oder Hochmut das schöner klingende Wort Ehrgeiz gebrauchen, und es gibt eine Menge Menschen, die mit Stolz von sich aussagen, wie ehrgeizig sie seien. Manchmal gebraucht man auch nur den Begriff „Strebsamkeit“. Soweit sich diese nun für eine Sache als nützlich erweist, die der Allgemeinheit dient, kann man sie hinnehmen. In der Regel aber decken diese Ausdrücke nur eine außerordentliche Eitelkeit.
Die Eitelkeit macht es frühzeitig aus, dass solche Menschen keine rechten Mitspieler werden, eher Spielverderber. Und wenn sie sich von der Befriedigung ihrer Eitelkeit ausgeschlossen sehen, suchen sie oft wenigstens zu erreichen, dass andere leiden. Man kann bei Kindern, deren Eitelkeit im Wachsen ist, oft bemerken, wie sie in bedrohlichen Situationen ihre Geltung stark hervorkehren und Schwächere gern ihre Stärke fühlen lassen. Auch die Fälle von Tierquälerei gehören hierher. Andere, die schon etwas entmutigt sind, werden ihre Eitelkeit mit unverständlichen Kleinigkeiten zu befriedigen trachten und abseits vom großen Turnierplatz der Arbeit, auf einem zweiten Kriegsschauplatz, den sich ihre Laune geschaffen hat, versuchen, ihren Geltungsdrang zu befriedigen. Hier werden jene zu finden sein, die immer klagen, wie schwer das Leben sei und die behaupten, man sei ihnen etwas schuldig geblieben. Wäre die Erziehung nicht so schlecht gewesen oder wäre irgendein Übel nicht eingetreten, dann ständen sie, wie sie behaupten, an erster Stelle. So und ähnlich sind ihre Klagen. Immer finden sie Vorwände, um sich nicht an die Front des Lebens ziehen zu lassen. Aber aus ihren Träumen schöpfen sie noch immer Befriedigung ihrer Eitelkeit.
Der Mitmensch befindet sich dabei im Allgemeinen recht schlecht. Er ist der Kritik dieser Leute in hohem Grade ausgesetzt. Der Eitle wird gewöhnlich die Schuld für irgendwelche Fehlschläge von der eigenen Person abzuwälzen trachten. Immer hat er Recht und die andern haben unrecht, während es sich im Leben gar nicht darum handelt, recht zu haben, sondern darum, dass man seine Sache vorwärts bringt und zur Förderung der andern beiträgt. Stattdessen hört man immer nur Klagen und Entschuldigungen aus seinem Munde. Wir haben es hier mit Kunstgriffen des menschlichen Geistes zu tun, mit Versuchen, sich dagegen zu schützen, dass die eigene Eitelkeit verletzt werde, damit das Gefühl der Überlegenheit unversehrt bleibe und nicht ins Wanken komme.
Man hört oft den Einwand, dass die großen Leistungen der Menschheit ohne Ehrgeiz nicht hätten Zustandekommen können. Das ist aber falscher Schein, ist eine falsche Perspektive. Da kein Mensch von Eitelkeit frei ist, hat wohl auch jeder Mensch etwas von diesem Zug. Dieser kann ihm aber sicherlich nicht die Richtung gegeben und ihm jene Kraft verliehen haben, die zu nützlichen Leistungen führt. Diese können nur aus dem Gefühl der Gemeinschaft Zustandekommen. Eine geniale Leistung ist nicht möglich, ohne dass dabei irgendwie die Gemeinschaft ins Auge gefaßt wird. Voraussetzung dazu ist immer eine Verknüpftheit mit der Gesamtheit, ist der Wille, sie zu fördern. Sonst kämen wir auch nicht dazu, einer solchen Leistung Wert zuzusprechen. Was an Eitelkeit dabei vorhanden war, ist sicher nur störend, hemmend gewesen. Ihr Einfluss kann nicht groß sein.
In unserer heutigen gesellschaftlichen Atmosphäre ist aber ein völliger Bruch mit der Eitelkeit nicht zu bewerkstelligen. Die Erkenntnis dieser Tatsache ist allein schon ein Vorteil. Denn wir stoßen damit zugleich an den wundesten Punkt unserer Kultur, eine Tatsache, die es mit sich bringt, dass so viel Menschen verfallen, ihr Leben lang unglücklich bleiben und immer nur dort zu finden sind, wo Unheil herauskommt. Menschen, die sich mit den andern nicht vertragen, sich in das Leben nicht einfinden können, weil sie andere Aufgaben haben, nämlich mehr zu scheinen, als sie sind. So kommen sie mit der Wirklichkeit leicht in Konflikt, weil sich diese nicht um die hohe Meinung kümmert, die jemand von sich selber hat. Solche Menschen werden durch ihre Eitelkeit nur zum Besten gehalten. In allen schweren Verwicklungen der Menschheit wird immer der missglückte Versuch, die Eitelkeit zu befriedigen, als der wesentlichste Faktor zu finden sein. Es ist ein wichtiger Kunstgriff, wenn man zum Verständnis einer komplizierten Persönlichkeit gelangen will, festzustellen, wie weit bei ihr die Eitelkeit reicht, in welcher Richtung sie sich bewegt und welcher Mittel sie sich dabei bedient. Was immer zu der Aufdeckung führen wird, wie sehr die Eitelkeit das Gemeinschaftsgefühl beeinträchtigt. Eitelkeit und Gemeinschaftsgefühl sind miteinander unvereinbar, weil Eitelkeit sich dem Prinzip der Gemeinschaft nicht unterordnen kann.
Die Eitelkeit aber findet in sich selbst ihr eigenes Schicksal. Denn ihre Entfaltung ist fortwährend durch die logischen Gegengründe bedroht, die sich im gemeinschaftlichen Leben wie eine absolute Wahrheit, der nichts widerstehen kann, von selbst entwickeln. So finden wir, dass die Eitelkeit frühzeitig genötigt ist, sich zu verstecken, zu verkleiden, dass sie Umwege machen muss, wie auch ihr Träger immer von bangen Zweifeln erfüllt ist, ob er siegreich durchdringen werde, um so viel Glanz und Triumph zu erringen, als zur Befriedigung seiner Eitelkeit nötig erscheint. Und während er so träumt und überlegt, verrinnt die Zeit. Wenn das aber geschehen ist, dann hat er bestenfalls die Ausrede, dass er nun keine gute Gelegenheit zur Betätigung mehr habe. Gewöhnlich spielt sich solcher Fall folgendermaßen ab: Diese Menschen werden stets eine privilegierte Stellung suchen, sie werden etwas abseits stehen und beobachten, misstrauisch und geneigt sein, den Mitmenschen als Feind anzusehen. Sie werden eine Abwehr-, eine Kampfstellung einnehmen. Oft findet man sie in Zweifel verstrickt, mit tiefsinnigen Überlegungen, die ganz logisch anmuten, bei denen sie recht zu haben scheinen. Unterdessen aber versäumen sie abermals die Hauptsache ihres Daseins, den Anschluss an das Leben, an die Gesellschaft, an ihre Aufgaben. Blickt man näher, so findet man einen Abgrund von Eitelkeit, eine Sehnsucht, allen überlegen zu sein, die sich in allen möglichen Formen widerspiegelt. Sie tritt zutage in ihrer Haltung und Kleidung, in ihrer Art zu sprechen und mit den Menschen umzugehen. Kurz, wohin man seine Blicke richtet, hat man das Bild eines eitlen, über alle hinausstrebenden Menschen, der in seinen Mitteln meist nicht wählerisch ist. Da sich Äußerlichkeiten dieser Art nicht sympathisch ausnehmen, da die eitlen Menschen, wenn sie klug sind, ihren Verstoß und den Widerspruch mit der Gemeinschaft bald gewahr werden, so sind sie bestrebt, hier abzuschleifen. Dann kann es vorkommen, dass einer außerordentlich bescheiden auftritt, sein Äußeres beinahe vernachlässigt, nur um zu zeigen, er sei nicht eitel. Von Sokrates wird berichtet, dass er einmal einem Redner, der in zerlumpten Kleidern die Tribüne betrat, zugerufen habe: „Jüngling von Athen, dir schaut die Eitelkeit bei allen Löchern heraus.“
Oft sind Menschen tief davon überzeugt, dass sie nicht eitel seien. Sie richten ihr Augenmerk eben nur auf Äußerlichkeiten und verstehen nicht, dass Eitelkeit viel tiefer sitzt. Sie kann z. B. darin liegen, dass einer in der Gesellschaft immer das große Wort führt, fortwährend spricht, manchmal eine Gesellschaft geradezu danach beurteilt, ob er dort zu Wort gekommen ist oder nicht. Andere Menschen dieser Art treten überhaupt nicht hervor, gehen vielleicht gar nicht in die Gesellschaft und weichen ihr aus. Auch dieses Ausweichen kann verschiedene Formen annehmen. Man kommt nicht, wenn man eingeladen ist, lässt sich besonders bitten, oder man kommt zu spät. Andere wieder gehen nur unter gewissen Bedingungen in die Gesellschaft, sie zeigen sich in ihrem Hochmut äußerst „exklusiv“, was sie zuweilen mit Stolz von sich behaupten. Wieder andere setzen ihren Ehrgeiz hinein, bei allen Gesellschaften anwesend zu sein.
Man darf solche Erscheinungen nicht als unbedeutende Kleinigkeiten auffassen. Sie sind tief begründet. In Wirklichkeit hat so ein Mensch für das gesellschaftliche Leben nicht viel übrig und ist eher geneigt, es zu stören als zu fördern. Es gehört schon die dichterische Kraft unserer großen Schriftsteller dazu, um alle diese Typen abgerundet darzustellen.
In der Eitelkeit ist deutlich jene nach oben führende Linie sichtbar, die anzeigt, dass sich ein Mensch im Gefühl der Unzulänglichkeit ein überlebensgroßes Ziel gesetzt hat und mehr sein will als die andern. Wir dürfen vermuten, dass ein Mensch, dessen Eitelkeit besonders in die Augen springt, eine geringe Selbsteinschätzung hat, von der er meist selbst nichts weiß. Wohl gibt es Menschen, die sich dieses Gefühls als Ausgangspunkt ihrer Eitelkeit auch bewußt sind. Aber für sie ist diese Erkenntnis noch zu wenig, als dass sie davon fruchtbaren Gebrauch machen könnten.
Die Eitelkeit entwickelt sich schon frühzeitig im Seelenleben des Menschen. Sie trägt eigentlich auch immer etwas Kindisches an sich; fast immer kommen uns eitle Menschen kindisch vor. Die Situationen, die zur Ausbildung dieses Charakterzuges führen können, sind von der verschiedensten Art. In einem Fall glaubt sich ein Kind zurückgesetzt, weil es seine Kleinheit infolge mangelhafter Erziehung als besonders drückend empfindet. In anderen Fällen wird den Kindern dieser hochmütige Zug durch eine Art Familientradition nahegelegt. Man kann von solchen Menschen oft hören, dass schon ihre Eltern einen solchen „aristokratischen“ Zug besaßen, der sie von den andern unterscheiden und sie auszeichnen sollte. Unter diesem hohlen Streben steckt aber nichts anderes als der Versuch, sich als ein besonders exklusiver Mensch zu fühlen, der anders ist als die anderen, aus einer ganz besonderen „besseren“ Familie stammend, mit besseren, höheren Forderungen und Gefühlen und so sehr prädestiniert, dass er eigentlich eines Privilegs teilhaftig werden müßte. Der Anspruch auf ein Privileg ist es auch, der ihm die Richtung gibt, seine Handlungsweise leitet und seine Ausdrucksformen bestimmt. Da aber das Leben wenig geeignet ist, die Entwicklung solcher Typen zu begünstigen, da diese Menschen entweder angefeindet oder ausgelacht werden, ziehen sich viele von ihnen bald scheu zurück und so führen sie ein Sonderlingsleben. Solange sie im eigenen Haus sitzen, wo sie niemand Rechenschaft schuldig sind, können sie in ihrem Rausch verharren und sich in ihrer Haltung vielleicht durch die Erwägung bestärkt fühlen, was sie alles hätten erreichen können, wenn irgendetwas anders gewesen wäre. Unter diesen Typen finden sich oft hochstehende, fähige Menschen, deren Ausbildung bis zu den höchsten Spitzen reichen kann. Würden sie das, was sie können, in die Waagschale werfen, so hätte es schon ein Gewicht. Sie missbrauchen aber diesen Umstand nur, um sich zu berauschen. Die Bedingungen, die sie für eine aktive Mitarbeit in der Gesellschaft stellen, sind nicht klein. Das eine Mal betreffen sie unerfüllbare Forderungen an die Zeit (z. B. wenn sie früher einmal etwas getan, gelernt oder gewußt hätten, oder wenn andere etwas getan oder nicht getan hätten u. dgl.), oder sie sind aus einem anderen Grunde nicht erfüllbar (z. B. wenn die Männer oder die Frauen nicht so wären). Es sind lauter Forderungen, die mit bestem Willen nicht erfüllt werden können, so dass man daraus erkennen muss, dass es sich hier nur um faule Ausreden handelt, gut genug dazu, dass sich einer einmal einen Schlaftrunk daraus macht, um nicht daran denken zu müssen, was er versäumt hat.
So steckt viel Feindseliges in diesen Menschen, und sie sind schon geneigt, die Schmerzen anderer leicht zu nehmen und sich über sie hinwegzusetzen, wie einmal der große Menschenkenner La Rochefoucault von den meisten Menschen bemerkt: sie können leicht die Schmerzen anderer ertragen. Oft spricht sich ihre Feindseligkeit in einer scharfen, kritischen Art aus. Sie lassen an gar nichts ein gutes Haar, sind überall mit Spott und Tadel zur Hand, sind rechthaberisch und verdammen alles. Wobei wir uns immer sagen müssen, es ist zu wenig, das Schlechte nur zu kennen und zu verurteilen; man muss sich auch immer fragen, was man selbst dazu getan hat, um die Verhältnisse zu bessern. Der eitlen Natur genügt es allerdings, sich mit einem Schwung über den andern hinwegzuheben und ihn mit der scharfen Lauge der Kritik zu verätzen. Dabei kommt diesen Menschen oft zugute, dass sie darin eine unglaubliche Übung haben. Man findet hier Typen voll des feinsten Witzes, mit einer erstaunlichen Schlagfertigkeit. Wie aus allem, so kann man auch mit Witz und Schlagfertigkeit Missbrauch treiben, eine Unart und eine Kunst daraus machen, wie es bei den großen Satirikern der Fall ist. Die wegwerfende, herabsetzende Art, in der sich solche Menschen nicht genug tun können, ist die Ausdrucksform einer bei diesem Charakterzug überaus häufigen Erscheinung, die wir Entwertungstendenz nennen. Sie zeigt, was eigentlich für den eitlen Menschen den Angriffspunkt abgibt: es ist der Wert und die Bedeutung des andern. Es ist ein Versuch, sich das Gefühl der Überlegenheit dadurch zu verschaffen, dass sie den andern sinken lassen. Anerkennung eines Wertes wirkt auf sie wie eine persönliche Beleidigung. Auch daraus kann man auf das tief in ihnen verankerte Schwächegefühl schließen.
Da wir alle nicht von solchen Erscheinungen frei sind, können wir diese Auseinandersetzungen ganz gut dazu verwenden, um an uns selbst einen Maßstab anzulegen. Wenn wir auch nicht imstande sind, binnen kurzer Zeit alles auszurotten, was eine Jahrtausende alte Kultur in uns hineingeworfen hat, so wird es doch schon ein Fortschritt sein, wenn wir uns nicht selbst blenden und durch Urteile binden lassen, die sich schon im nächsten Moment als schädlich erweisen. Es ist nicht unsere Sehnsucht, andersartige Menschen zu sein oder solche zu finden, sondern es ist uns ein Gesetz, unter dem wir stehen, uns die Hände zu reichen, zusammenzuhalten und zusammenzuarbeiten. In einer Zeit wie der heutigen, die dieses Zusammenarbeiten ganz besonders erfordert, ist für persönliche Eitelkeitsbestrebungen kein Platz mehr. Gerade in solchen Zeiten zeigen sich die Widersprüche, in die eine derartige Einstellung verwickelt, besonders krass, da Menschen mit solchen Auffassungen sehr leicht scheitern und zum Schluss entweder bekämpft oder bemitleidet werden müssen. Es scheint, dass gerade unsere Zeit der Eitelkeit besonders abträglich ist, so dass zumindest bessere Formen gefunden werden müssen des Inhalts, dass einer seine Eitelkeit wenigstens dort zu befriedigen trachtet, wo er der Allgemeinheit einen Nutzen bringt.
Beispiele für Eitelkeit und Ehrgeiz:
Besorgnis, Eigensinn, Rückzug in den Kreis der Familie
In welcher Weise die Eitelkeit oft am Werk ist, mag folgender Fall zeigen. Eine junge Frau, die jüngste von mehreren Geschwistern, war von früher Kindheit an verzärtelt worden. Besonders ihre Mutter war ihr immer sehr zu Diensten und erfüllte jeden ihrer Wünsche. Dadurch stieg das Verlangen dieser Kleinsten, die auch körperlich sehr schwach war, ins Unermeßliche. Sie entdeckte eines Tages, dass ihre Macht über ihre Umgebung besonders dann wuchs, wenn sie gelegentlich erkrankte. Und bald erschien ihr Krankheit als ein bemerkenswertes Gut. Sie verlor die Abneigung, die gesunde Menschen sonst gegen Krankheit haben, und es war ihr gar nicht mehr unangenehm, sich von Zeit zu Zeit schlecht zu fühlen. Bald gewann sie darin eine solche Übung, dass es ihr gelang, jederzeit krank zu sein, besonders, wenn sie etwas durchsetzen wollte. Da sie aber immer etwas durchsetzen wollte, war sie eigentlich für die andern immer krank. Diese Formen von Krankheitsgefühl bei Kindern und Erwachsenen, die dadurch ihre Macht wachsen fühlen, auf diese Weise zur Spitze der Familie emporsteigen, um eine unumschränkte Herrschaft über die andern zu führen, sind sehr häufig. Wenn es sich dabei noch um zarte, schwache Menschen handelt, dann gewinnt diese Möglichkeit ungeheuer an Raum, und naturgemäß lernen gerade solche Menschen diesen Weg kennen, die die Sorge der andern um ihre Gesundheit schon ausgekostet haben. Dabei kann man auch ein wenig nachhelfen, man fängt z. B. an, schlecht zu essen, womit man mehreres erreichen kann: man sieht schlecht aus und die andern müssen sich in ihrer Kochkunst üben. Dabei entwickelt sich die Sehnsucht, immer jemand zur Hand zu haben. Solche Menschen vertragen nicht, dass man sie allein lässt. Solchen Zustand kann man leicht erreichen, wenn man sich als krank oder sonst als irgendwie bedroht erklärt und das geht wieder nicht anders, als dass man sich in eine gefahrvolle Situation, etwa durch Einfühlung in eine Krankheit oder eine andere Schwierigkeit hineinversetzt. Wie sehr der Mensch dieser Einfühlung fähig ist, zeigt der Traum, wo der Mensch Eindrücke hat, als ob eine bestimmte Situation wirklich bestünde.
Solchen Menschen gelingt es nun, dieses Krankheitsgefühl heraufzubeschwören, und zwar in einer Art, dass von Lüge, Verstellung oder Einbildung keine Rede sein kann. Wir wissen bereits, dass die Einfühlung in eine Situation eine Wirkung haben kann, die dem wirklichen Vorhandensein dieser Situation entspricht. Diese Menschen können z. B. wirklich erbrechen, wirklich Angst haben, so, als ob eine Übelkeit bzw. eine Gefahr bestünde. Gewöhnlich verraten sie auch, wie sie das machen. So erklärte diese Frau, sie hätte manchmal so eine Angst, „als ob sie im nächsten Moment der Schlag treffen würde“. Es gibt Menschen, die sich das so genau vorstellen können, dass sie wirklich das Gleichgewicht verlieren und man nicht von Einbildung oder Simulation sprechen kann. Gelingt es einem Menschen auf diese Weise den andern Anzeichen einer Krankheit oder wenigstens nervöse Symptome wahrnehmbar zu machen, dann müssen diese bei ihm bleiben, achtgeben und sich seiner annehmen. Das erfordert nämlich ihr Gemeinschaftsgefühl. Und damit ist die Machtstellung eines s...

Inhaltsverzeichnis

  1. Menschenkenntnis
  2. Vorwort
  3. Einleitung
  4. I. Kapitel: Die Seele des Menschen
  5. II. Kapitel: Soziale Beschaffenheit des Seelenlebens
  6. III. Kapitel: Kind und Gesellschaft
  7. IV. Kapitel: Eindrücke der Außenwelt
  8. V. Kapitel: Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben
  9. VI. Kapitel: Die Vorbereitung auf das Leben
  10. VII. Kapitel: Das Verhältnis der Geschlechter
  11. VIII. Kapitel: Geschwister
  12. Charakterlehre
  13. I. Kapitel: Allgemeines
  14. II. Kapitel: Charakterzüge aggressiver Natur
  15. III. Kapitel: Charakterzüge nicht aggressiver Natur
  16. IV. Kapitel: Sonstige Ausdrucksformen des Charakters
  17. V. Kapitel: Die Affekte
  18. Anhang: Allgemeine Bemerkungen zur Erziehung
  19. Schlusswort
  20. Impressum

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