Die vergessene Kalenderreform des Nikolaus von Kues
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Die vergessene Kalenderreform des Nikolaus von Kues

  1. 164 Seiten
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Die vergessene Kalenderreform des Nikolaus von Kues

Über dieses Buch

Der deutsche Universalgelehrte Nikolaus von Kues (Cusanus) war eine prägende Figur des Basler Konzils im 15. Jahrhundert. Jedoch kaum bekannt ist die Tatsache, dass an diesem Konzil eine Kalenderreform beschlossen wurde, für die im wesentlichen Cusanus die Begründung lieferte. Eine tiefergehende Analyse seines Reformvorschlags offenbart nun erstaunliches über den Zustand der damaligen Kirche im speziellen und über geschichtliche Ungereimtheiten im allgemeinen, die insgesamt die Chronologie des Mittelalters in Frage stellen!

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Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783833448133
eBook-ISBN:
9783749403721

Endnoten

i
Die „Lichter“ sind Sonne und Mond, und ihre Konjunktion bemißt sich nach Monaten (hier mit 30 Tagen gerechnet). Cusanus sagt uns leider nicht, wer die Dauer eines Monats (!) als „Jahr“ bezeichnete. Eine mögliche Erklärung für diese seltsame Gleichsetzung weist ins Alte Testament, wo die Lebenszeiten der Patriarchen als 12-fach überdehnt erscheinen: Methusalem hätte dann vielleicht nicht 969 Jahre, sondern nur 969 Monate gelebt, und somit gut 80 Jahre, was für die damalige Zeit immer noch ein ordentliches Alter gewesen wäre. Es ist denkbar, daß sich Cusanus auf diesen Kontext bezog und diese biblischen Lebensalter stillschweigend oder aufgrund eines uns nicht bekannten Hintergrundwissens in Monaten rechnete.
ii
Daß die Chaldäer die Quartale angeblich als Jahre bezeichneten, ist eine sehr gewagte Behauptung! Diese Textstelle könnte analog dem obigen Fall so gedeutet werden, daß Cusanus aufgrund chronologischer Überlegungen eine solche kalendarische Anomalie annehmen mußte, da ihm die chaldäischen Zeitalter um den Faktor 4 zu lang schienen. Stattdessen nahm er zugunsten eines plausibleren Geschichtsverlaufes an, daß die Chaldäer die Quartale als Jahre bezeichneten, was aus heutiger Sicht natürlich absurd ist. Falls aber die Chaldäer ihre Geschichtsschreibung tatsächlich nach Quartalen periodisierten und dies später falsch im Sinne von Jahren interpretiert wurde, dann würde die chaldäische Geschichte tatsächlich eine viermal zu lange Zeitspanne abdecken. Interessant ist hier etwa die Tatsache, daß von älteren Chronologen die erste babylonische Epoche, die bei ihnen auch den Beginn der chaldäischen Ära anzeigte, ins Jahr 2232 v.CHR gesetzt wurde, wohingegen die modernen Historiker das eigentliche Chaldäerreich viel später in die Zeit von 626 – 539 v.CHR verlegen, was etwa eine vierfache Verkürzung darstellt, wenn man ab der Christus-Epoche rückwärts rechnet. Genau genommen käme man mit der Division 2232/4 ins Jahr 558 v.CHR, und das ist tatsächlich höchst bemerkenswert, weil just in diesem Jahr Kyros I das Perserreich der Achaimeniden gründete. Dies mag ein Zufall sein oder aber ein Hinweis, aus welchen Quellen Cusanus die Länge des chaldäischen Jahres schöpfte. Ebenfalls um das Jahr 558 v.CHR hatte der Prophet Daniel seine Vision der vier Weltreiche, die dem Gottesreich vorangehen. Es ist angesichts des zeitlichen Kontextes nicht auszuschließen, daß die Prophezeiung der „4 Weltreiche“ eine Anspielung auf eine Chronologie ist, die sich von der gängigen um den Faktor 4 abhebt. Das Problem der „Vierheit“ begegnet uns ja auch bei der Olympiadenrechnung und bei den Julianischen Schaltjahren.
iii
Romulus und seine altrömische Zeitrechnung werden hier als Quellen der Astrologie bezeichnet. Heutzutage gelten die Chaldäer als Erfinder der Astrologie, die aber, wie oben gezeigt, angeblich noch nicht einmal fähig waren, Quartale von Jahren zu unterscheiden. Bemerkenswert ist auch die Aussage, daß die astrologischen Charaktertypen das Jahr nur 10-fach und nicht 12-fach unterteilen! Es gibt Hinweise (s. u.), daß die astrologische 12-Teilung des Himmels erst im 12. Jh. erfunden wurde. Allerdings bliebe dann immer noch unklar, wie das ältere astrologische 10-Monate-Jahr zu verstehen wäre: Hatten die jeweiligen Monate im Schnitt 36.5 Tage, oder war das Sonnenjahr nur 10 Mondmonate lang, oder gleiteten die 10 astrologischen Monate phasenverschoben zu den Sonnenbzw. Mondjahren, so daß ein bestimmtes Zeichen einmal im Sommer, dann im Frühling usw. wirksam sein konnte, d.h. in jedem Jahr in eine andere Jahreszeit fiel? Aber vielleicht handelt es sich auch nur um ein grundlegendes Mißverständnis. In der Astronomica des Manilius (um die Zeitenwende) haben wir vermutlich die älteste bekannte astrologische Abhandlung vorliegen – und dort ist durchaus von den 12 Zodiakzeichen die Rede, die aber auch in 10 Charaktertypen bzw. Polaritäten eingeteilt werden: Geschlecht (männlich/weiblich), Biologie (menschlich/tierisch), Gruppierung (einzeln/vereint), Richtung (aufrecht/verkehrt), Tageszeit (Tag/Nacht), Beschaffenheit (wäßrig/trocken/gemischt), Fruchtbarkeit (fruchtbar/steril), Position (gehend/stehend/liegend), Eigenheiten, Jahreszeiten.
iv
Man wird hier das konventionelle Schaltjahr vermuten dürfen, doch die ursprüngliche Funktion des Bisextils ist keineswegs klar, wie weiter unten noch gezeigt wird.
v
Für Stegemann ist mit diesen „Griechen“ eigentlich das klassische Griechentum des 5. - 4. Jh. v.CHR bezeichnet, doch bei Cusanus ist diese Stelle offensichtlich anders aufgefaßt: „Für ihn sind es die kaiserzeitlichen Griechen und, davon nicht geschieden, vielfach auch die byzantinischen. Solche Verwechslung der alten und späteren Griechen ist Cusanus in der Correctio kalendarii auch sonst gelegentlich unterlaufen.“ Demnach war Cusanus scheinbar nicht fähig, die „klassischen Griechen“ von den neueren (kaiserzeitlichen und byzantinischen) zu unterscheiden, d.h. Cusanus, einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, wäre nicht in der Lage gewesen, einen Epochenunterschied von 1000 Jahren zu bemerken?!
vi
Die sogenannte Sothis-Periode: Nach 1460 Julianischen Jahren zu 365.25 Tagen bzw. 1461 ägyptischen Jahren zu 365 Tagen war die Abweichung von einem Vierteltag pro Jahr gerade wieder zu einem vollen Jahr angewachsen und die beiden Kalender somit wieder synchron. Beachtenswert sind hier die Synochen 1460 URB = 753 JUL / 753 URB = 1 CHR, d.h. die Sothis-Periode ist über die Gründungsepoche der Stadt Rom und die Julianische Epoche mit der christlichen Jahreszählung verknüpft.
vii
Daß die koptische Zeitrechnung ursprünglich ab Alexanders (des Grossen) Tod rechnete, widerspricht natürlich der gängigen Chronologie, die zwischen diese beiden Epochen etwa 600 Jahre legt. Es wäre ja auch schwer einzusehen, weshalb die christlichen Kopten ihre „Märtyrerära“ auf einen vorchristlichen persischen König hätten beziehen sollen. Durch diesen Bezug würde nämlich Alexander der Grosse zu Diokletian bzw. umgekehrt. Stegemann hat darum seine liebe Mühe, diese chronologische Schieflage ins Lot zu rücken, und er führt die Tatsache, daß die Ära „vom Tode Alexanders“ (324 v.CHR) angeblich von den Arabern mit „Koptenjahren“ bezeichnet wurde, auf den Umstand zurück, daß (der Kopte?) Ptolemäus diese Ära oft in seinem Sternkatalog Almagest benutzte. Die einzige bekannte „Alexanderära“ war aber die Ära der Seleukiden (auch bekannt als „syromakedonische“ Ära) 312 v.CHR, die ausgerechnet von den Arabern nach Alexander benannt wurde.
viii
Offensichtlich ist hier einer der Herrscher namens Nebukadnezar gemeint, also entweder Nebukadnezar I (ca. 1123-1101 v.CHR) oder Nebukadnezar II (605-562 v.CHR). Unter dem zweiten ereignete sich die Zerstörung Jerusalems (587 v.CHR) und der Beginn des sogenannten Babylonischen Exils der Juden, was durchaus eine Epoche markieren könnte, allerdings eine der Juden und nicht der Ägypter. Wenn aber tatsächlich von einer ägyptischen Epoche die Rede ist, dann müßte wohl die Ära Nabonassars gemeint sein (747 v.CHR). Hier scheint Cusanus etwas durcheinander zu bringen – oder aber die lehrbuchmäßige Sicht auf die Ereignisse ist falsch. Für Stegemann handelt es sich bloß um eine „Verwechslung von Nabunasir (747-734) mit dem Nabuchodonosor des Alten Testaments, den wir als Nebukadnezar kennen“. Er kann aber nicht erklären, wie diese Verwechslung überhaupt zustande kam, zumal sie offenbar schon sehr alt ist.
ix
Die mohammedanische Zählung „ab Hegira“ („Hedschra“) bedeutet eigentlich „ab der Flucht“, nämlich ab der Flucht Mohammeds aus Mekka nach Medina anno 622. Es ist nun nicht klar, warum Cusanus auf die Idee kommen konnte, daß damit ein „Krieg“ gemeint war. Beim Wort „Higera“ könnte es sich um eine Verschreibung handeln, in der Cusanus irrtümlicherweise das Wort „gera = guerra = Krieg“ identifizierte. Das würde aber bedeuten, daß er die politisch-religiösen Hintergründe des Islams und damit seine Entstehungsgeschichte überhaupt nicht kannte. Oder aber das Wort „Higera“ ist älter und bezeichnet wirklich einen Krieg und damit eine andere Begründung einer Epoche als „Hegira“, mit dem später vielleicht eine Umdeutung der Ereignisse in Mekka vollzogen wurde. Warum eine schmähliche Flucht eine Epoche begründen soll, ist ja durchaus nicht nachvollziehbar, zumal diese Epoche nicht von Mohammed selbst, sondern von späteren islamischen Herrschern erfunden wurde, die ihre Machtposition vor allem durch Kriege erlangten.
x
All diese Epochen leiten sich von mächtigen Persönlichkeiten her, die als Gründerfiguren gelten können. Interessant ist der Hinweis, daß die Römer die Zählung ab Diokletian „lange Zeit“ benutzten, obwohl doch die Zählung im spätrömischen Reich angeblich bald einmal auf die Christusepoche umgestellt wurde. Tatsächlich lange Zeit – nämlich bis heute – wurde und wird die diokletianische Zeitrechnung hingegen von den Kopten benutzt.
xi
Die Zeit von 283 CHR bis 500 CHR, in der die diokletianische Zeitrechnung in Gebrauch war, ist aus historischer Sicht keine „lange Zeit“. Allerdings haben auch nur die „Christen“ ihre Zeitrechnung geändert, was bedeuten würde, daß die „Römer“, die offenbar keine Christen wurden, an ihrer Zählung ab Diokletian noch lange festhielten.
xii
Aus Toledo sind folgende Konzilien überliefert: 400, 447, 531, 589, 597, 610, 633, 636, 638, 646, 653, 655, 656, 675, 681, 683, 684, 688, 693, 694, 701, 1324, 1473, 1575.
Hier fällt natürlich der Sprung von 701 nach 1324 sofort ins Auge! Die gängige Erklärung hierfür ist, daß Toledo in der fraglichen Zeit unter muslimischer Herrschaft (712-1085) stand und daher dort keine christlichen Konzilien abgehalten werden konnten. Doch es handelt sich hier zweifellos um eine chronologische Verwerfung, die aufgrund der Differenz von 623 Jahren im Zusammenhang mit der mohammedanischen Zeitrechnung stehen dürfte (623 CHR = 1 MOH). Eine Identität der Konzilien von 701 und 1324 ist insofern nicht ganz abwegig, als es vom Konzil von 701 zufälligerweise keine Akten gibt. Für Cusanus entsprechen nun die Konzilien um „500“ der christlichen Zeitrechnung; wenn man aber die Jahre nach 1300 als christlich annimmt, dann müßten aufgrund der offensichtlichen Epochenverschiebung die Jahre vor 700 als mohammedanisch bezeichnet werden. „Frühes Christentum“ könnte also „muslimisch“ bedeutet haben. Es besteht auch ein zusätzliches Abgrenzungsproblem gegenüber den arianischen Westgoten, die in Spanien ein Reich etablieren (507-711), von dem Toledo ab 534 die Hauptstadt ist. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß der Arianismus eine frühe Spielart des Islams war.
xiii
Das Wort „era“ leitet sich angeblich von lat. aes/aeris (= Bronze) ab, doch noch besser könnte man es aus dem gotisch-germanischen jera/jahr herleiten, wie dies auch Cusanus feststellt, wenn er sagt, daß die Alten (und wohl auch Isidor) damit das Jahr bezeichneten. Nun stellt sich hier die Frage, ob (und wie) die Wörter für „Jahr“ und „Bronze“ allenfalls aus derselben Wurzel stammen konnten. Eine Erklärung hierfür dürfte der gallolateinische Mond- und Sonnenkalender liefern, der anno 1897 aus einem Acker bei Coligny (östlich von Lyon) gepflügt wurde. Er ist gänzlich aus Bronze gefertigt. Damit gibt es zwei Erklärungsmodelle, wie jeweils das eine vom anderen Wort abstammen konnte: Entweder waren solche Jahreskalender eine der ersten Anwendungen der neuen Bronzetechnologie (dann würde die „Bronze“ vom „Jahr“ abstammen), oder der Kalender war ein neuartiges Konzept, den man wegen der besseren Haltbarkeit („immerwährender Kalender“) auf dem schon bekannten und als für den Zweck geeignet angesehenen Material Bronze anfertigte (dann würde „Jahr“ von „Bronze“ abstammen). Man beachte auch, daß die von Cusanus gelieferten chronologischen Bezüge (Hinweis auf die Konzilien von Toledo, Einführung des Begriffes „Ära“) in der kursiv gehaltenen Textfassung stehen, so daß man vermuten kann, daß sie zu einer Zeit nachgereicht wurden, als man eine bessere Vorstellung der vergangenen Epochen und Ären zu haben glaubte.
xiv
Stegemann denkt hier „an den Jahresanfang des makedonischen Kalenders mit dem Monat Dios, der später dem Oktober des Julianischen Kalenders (in Ägypten) entspricht.“ Die ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Einleitung
  3. Methodik
  4. Kapitel I
  5. Kapitel II
  6. Kapitel III
  7. Kapitel IV
  8. Kapitel V
  9. Kapitel VI
  10. Kapitel VII
  11. Kapitel VIII
  12. Kapitel IX
  13. Kapitel X
  14. Nachwort
  15. Anhang A: Bericht des Johannes von Segovia zur Kalenderreform des Basler Konzils
  16. Anhang B: Bericht des Johannes von Segovia zur Kalenderreform des Basler Konzils
  17. Anhang C: Biografische Notizen zu Nikolaus von Kues
  18. Endnoten
  19. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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