V Briefe
KdF Seebad Rügen, d. 5.3.45
am Vorabend von Vatis 50. Geburtstag
Liebe Inge!
Da hast Du einen guten Gedanken gehabt, einmal an Deine alten Großeltern zu schreiben, aber nun bist Du mir 25 Std. zuvor gekommen, ich hatte mir Deine neue Anschrift schon v.d. letzten Brief an Mutti notiert u. Briefpapier zurechtgelegt, denn es drängte mich, Dir in dieser schweren Zeit, wenn auch nicht räumlich, nahe zu sein. Du hast doch eine zu grausame Zeit Dir zu den „Weltreisen“ ausgesucht und hast es möglich gemacht, alle Verkehrsunbilden und – hindernisse mit Glanz auszukosten. Ich kann mir denken, wie schlimm und gefährlich Deine Fluchtreise aus dem Schlamassel für Euch Mädel gewesen ist. Und wie lang dauerte nun sogar der lange Spaziergang in Eis und Schnee und Angst und Not über Eure hinterlassenen Besitztümer. Opa und ich haben viel daran gedacht. Und nun bist Du schon wieder woanders und kommst vielleicht bald an die 3. Stelle. Da wünsche ich Dir nun endlich eine gute Bleibe, und dass es endlich der Ort sein möge, der Dir zusagt. Schön wäre es ja, Du könntest mal eine längere Weile hier zu uns, ... daran ist ja nicht zu denken, - schade! - Wer weiß, wann es nun endlich mal klappen könnte.
...
Mein Brief ist durch Behinderungen etwas liegen geblieben, heute noch etwas zur Fortsetzung.
Nun ist Vatis Geburtstag auch vorüber, gestern Abend waren H. und F. Anton noch bei den Eltern, dann um 8 h gings Licht aus, wir legten uns zu Bett, mit dem Weihn. Licht ists zu langweilig, auch die Stummels muss man sparen. Und dann kam Großalarm auf Saßnitz, da muss die Hölle gewesen sein. Dort lagen 28 Schiffe im Hafen, auf die es sicher abgesehen war. Vati und Mutti sind heute nachmittag hingefahren, wirst Du sicher auch noch erfahren. Die Detonationen waren doll. Unser Haus zitterte in seinen Grundfesten u.d. Luft war ein Donner. Was sollten wir Alten machen, wenn eben eingeschlafen, d.h. Opa schlief schon, ich döste nur noch u. überlegte: Stehst Du nun auf? Aber zum L.Sch.K. (Luftschutzkeller) im Nebenhaus wären wir doch nicht mehr gekommen. Im Bett war es am besten, um ½ 12 wars zuende. Mit den Geb.feiern ist es jetzt auch zuende. Mutti hat gebacken, auch zur Silberhochzeit, da waren Antons auch da. Wir Alten wurden sogar von Mutti ins kl. Z. gebeten zu einem Glas Wein zum Anstoßen.
An Helmut will ich auch d. Tage schreiben. Aber nun muss ich zum Schluss eilen. Ich bin Invalide, meine rechte Hand wird immer krummer v. d. Gicht und schmerzhaft sehr, dann wickle mit Einreibung von Jodöl, das auch nicht mehr zu haben ist. Und meine „Gebrüder Beenekens“ haben Muskelrheumatismus. Ich bin sehr schlecht zu Fuß, habe immer dolle Fuß- und Beinschmerzen. Mache jetzt auf Muttis Rat Kreidebäder, die sich M. hat schicken lassen, mal sehen, obs hilft. Unser Opa hält sich gut, seine schwere Darmsache hat er nun überstanden.
Bleibe Du gesund, liebe Inge. Es gehe Dir gut. Schreibe auch mal wieder.
Oma und Opa grüßen Dich herzlich
Der Brief vom Anfang Mai an ihre Enkelin war der letzte, den Helene Nowacki an eine ihr bekannte Adresse schicken konnte. Inge Kruse musste immer wieder fliehen, und dadurch brach der Kontakt für mehrere Monate ab.
Der folgende Brief einer ehemaligen Nachbarin von Wilhelm und Margarete Kruse in Braunschweig stellte den Kontakt zwischen meiner Mutter und ihrer Großmutter wieder her:
Es schließen sich die Briefe an, die Inge von ihrer Großmutter Helene Nowacki erhalten hat.
Braunschweig, 2. November 1945
Liebes Fräulein Inge!
Da die Postschranken jetzt zwischen den einzelnen Besatzungszonen gefallen sind, möchte ich Ihnen, liebes Frl. Inge, sofort Nachricht zukommen lassen. Ich hatte von mir aus schon den Versuch gemacht, mit Ihren Eltern in Verbindung zu treten. Nachricht erhielt ich aber keine. Nun kam vor 14 Tagen eine Frau Schröder aus Rügen; sie hatte sich mit 2 Kindern durchgeschlagen. Leider brachte sie keine guten Nachrichten von Ihren lieben Eltern. Nach Aussage von Frau Schröder weilen Ihre lieben Eltern nicht mehr unter den Lebenden. Es hat mich sehr erschüttert. Oma und Opa sind noch auf Rügen. Von Ihrem Bruder weiss ich auch nichts. Wie gerne hätte ich Ihnen, liebes Frl. Inge, eine bessere Nachricht gegeben. Aber Sie sind ja ein willensstarker Mensch und lassen sich nicht so schnell unterkriegen. Was werden Sie nun beginnen, können Sie in Tübingen bleiben? Schreiben Sie doch bitte mal wieder. Mein Mann, der zuletzt in Breslau war, ist zu Fuss von dort im Juni zurückgekommen. Dieser Sorge bin ich nun enthoben. Wie geht es Ihnen gesundheitlich? An Ihre Grosseltern habe ich gestern einen Brief mitgegeben. Sie wohnen jetzt in Binz auf Rügen, Hotel Stadt Hamburg. KdF-Seebad Rügen musste geräumt werden. Ich habe Ihren Grosseltern Ihre Anschrift mitgeteilt und so können Sie sich jetzt ja verständigen. Für die alten Leutchen wird das Leben dort ja nicht so einfach sein. Hoffentlich erhalten Sie auch bald gute Nachricht von Ihrem Bruder.
Für heute, liebes Frl. Inge, schliesse ich nun und hoffe, bald mal wieder etwas von Ihnen zu hören. Seien Sie recht herzlich gegrüsst und behalten Sie weiterhin Ihre Kraft und Nerven und nehmen Sie alles in Ruhe auf. Ihre Aenne Uffelmann
Binz Rügen, den 1. Dez. 45
Liebe Inge!
Bist Du es nun wirklich? Selbst, unsere Inge? Die letzte Nachricht stammte aus Braunschweig durch eine Frau Schroeder aus KdF (KdF-Seebad Rügen) über Inge Cruse (eine mit nem C lernte ich dort auch mal kennen). Oh, wenn Du es wirklich wärest! Doch ein Lichtblick in unserem trostlosen Dasein und bei unserem Alter (82 und 79) und allem schrecklichen Ungemach. Was wir durchgemacht haben, hast Du es schon erfahren? Ich kann es noch nicht sagen. Und alles was nachkam! Erst muss ich die Gewissheit haben, dass Du es wirklich bist. Aber warum schreibst Du nicht selbst, steckst Dich hinter eine Frau Schröder in Braunschweig? Daher sind uns die Nachrichten noch unglaubhaft. Liebe gute Inge, wenn Du die Karte hast, wirst Du unsere Not verstehen, von Helmut fehlt jede Post, Tante Ella und Dieter geht es den Umständen nach gut. Schreibe bald Deiner Dich grüßenden Oma.
Binz, 5.12.45
Liebe Inge!
Endlich von Dir Nachricht! Schönen Dank für den lieben Brief. Ich habe sofort einen langen Brief geschrieben, der mit gleicher Post fortgeht, damit Du sobald als möglich Antwort hast. An Frau Uffelmann habe ich auch schon geschrieben, die mir endlich die ersehnte Nachricht übermittelte. Ich habe Dir gleich alles Nötige mitgeteilt, alles andere folgt ein andermal. Jetzt häuft sich die Post. Nun studiere erst den jetzigen, dann sende ich auch mehr, auch alle Alben, nach denen Du Sehnsucht hast. In Liebe gedenkt Deiner Oma.
Binz, 5.12.45
Liebe Inge!
Endlich ein Lebenszeichen von Dir nach 7 Monaten quälenden Wartens. Wir sind froh, dass diese Zeit um ist und wir endlich wissen, wo Du bist und wie es Dir geht. Deine Zeilen waren ein Lichtblick nach langer Zeit. Was wir alles durchgemacht haben, das kann man nicht in 3 Worten abtun. Zunächst die erschütternde Katastrophe und dann alles Drum und Dran infolge der Russenzeit, unsere Ausweisung aus KdF, unsere Aufnahme in Binz, endlich unsere Zuflucht in der „Stadt Hamburg“ hier in einem kleinen Zimmerchen, fast dunkel, zum Hühnerstall hinaus, dann die Aussicht auf ein größeres Zimmer. Aber doch Verpflegung und Bedienung, wie es uns Uralten nötig war, die schon seelisch und körperlich vollständig auf den Hund gekommen waren. Hier reihte sich dann die teilweise mögliche Auflösung des Haushaltes zu einer Reihe von 14 Teil-Umzügen, was uns die Russen und unsere Volksgenossen übrig gelassen hatten. Ich habe tagebuchartig ca. 10 große Bogen voll schriftlich nieder gelegt, was alles geschah. Dies alles soll Dir zur Verfügung stehen. Ich kann nicht dauernd die Schrecknisse wiederholen.
Auch ein Schreiben Deiner Eltern ist in Großvaters Verwahrung. Wie soll ich es Dir senden? Einen Einschreibbrief von mir an Tante Ella hat sie richtig in Berlin bekommen. Soll ich es riskieren, die Sachen der Post anzuvertrauen? Uns ist vieles geklaut, geplündert und demoliert worden. Du ersiehst es aus den Aufzeichnungen. Schließlich haben wir uns gezwungen gesehen, die Möbel, bis auf das große Schlafzimmer, zu verkaufen, um den Verfall aufzuhalten und die Garagen-Miete zu sparen. Es wurde uns auch zu viel, unsere alten, morschen Kräfte weigerten sich gegen die Überlastung. Ganz allein und ohne Hilfe, wie wir waren.
Du müsstest gesehen haben, in welcher Verfassung alle geretteten Sachen waren! So haben wir noch etliches heraus geschlagen und müssen auch davon leben, denn es kostet allerhand. Sonst ist doch alles Geld wertlos und futsch, und Ollis (Großvater) Rente desgleichen. Wer hilft uns Alten? Der Russe nicht, der beschneidet unsere Lebensmittelration täglich mehr. An Fleisch denken wir schon seit 3 Monaten nicht mehr, Fische sind nur für die Russen. Lebensmittel und Butter sind zu gut für uns Binzer, Margarine und Fett kennen wir nicht mehr. Gemüse hat unser Wirt im eigenen Garten geerntet, das gab es täglich im Sommer zum Glück. Jetzt gibt es täglich ein zusammen gekochtes Gericht von Mohrrüben oder Wrucken (Steckrübe, Kohlrübe) oder umgekehrt, mittags und abends dasselbe! Und wir sind noch darüber glücklich, wenn es auch an Salz mangelt; Aber wir haben ja 1/8 Pfd. geliefert bekommen, auch etwas braunen Zucker. Und jeden Tag wird in der Küche fast 1 Ztr. Kartoffeln gekocht und verkonsumiert. Und wir sind froh, es kostet aber allerhand. Hieraus siehst Du, unter welchen Qualen und Verhältnissen wir leben. – Unter den geretteten Sachen sind ganze Alben voll Bilder. Teilweise lagen sie verstreut im geplünderten Bücherschrank. Die kannst Du sofort kriegen. Viele, viele zertrampelten und kaputten, etwa 150 Stk., habe ich hier noch in der Küche verbrannt. – Von Helmut wissen wir nichts, als seine letzte Karte aus Warnemünde, näheres hatte uns Mutti nicht mitgeteilt. In dieser Gegend spielten sich damals die letzten Kämpfe ab. Auch Deine letzten Anschriften waren uns unbekannt, da lag alles in Muttis Hand.
Über Muttis und Vatis Heimgang können wir noch nicht hinweg kommen. Wie konnten sie so etwas tun, ohne Gedanken an Euch beide und unser altes, verlorenes Altersdasein!!! Und alles, was uns aufgepackt wurde! Am 5.5. war der Schreckenstag und der Einzug der Russen in KdF.
Am 6.5. mussten 1500 Flüchtlinge aufgenommen werden in KdF. Uns wurde eine Familie aus Ostpreußen zugeteilt. Am 7.5. zogen die in 2 Zimmer der Wohnung ein, und zwar 5 Erwachsene und 2 Kinder. Sie waren fleißig und arbeitsam, die beiden Alten, Schwiegereltern der jungen Frau, sehr treu. Die Alte übernahm die Küche. Ich war zusammengebrochen und lag lange krank, die anderen besorgten die Reinigung der Zimmer usw. Der Alte zerkleinerte das von Deinem Vater noch für jeden Haushalt zugewiesene Holz. Fleißig waren alle. Die Verhältnisse brachten es so mit sich, dass jeder nahm, was er gebrauchen konnte, ehe es der Russe nahm. So ging’s uns auch. Alles Porzellan und Glas soll einfach aus den Büffets raus gefegt und die Treppen runter in den Keller gefegt worden sein. Wir haben keinen Teppich, keinen Läufer, keine Tischdecken, keine der 2 Couchs, keinen Sessel, keine Polstersachen, keine Auflegematratzen, aus unserer Mansarde kein Stück Möbel, wie Bett oder Schrank vorgefunden – alles fort! Die Garderoben und Wäscheschränke von allem geleert: Woll- Leib- und Tischwäsche, Bettwäsche und Schuhzeug Gretels neue Schaftstiefel und Vaters neue braune Schuhe sind noch den Leichen abgezogen worden. Es ist grausig! Ich kann Dir heute nicht mehr erzählen.
Tante Ella und Dieter haben schlimme Tage und Nächte unter den Fliegeralarmen durchgemacht. Ihre Reise mit Dieter hierher konnte nicht stattfinden, weil Dieter mit 40° Fieber sehr krank war. Ihre demolierte Wohnung ist nach 6 Monaten wieder bewohnbar gemacht. Nun lebt sie ohne Beschäftigung mit 1x Klebepflicht im Monat von ihren Ersparnissen, so gut und schlecht es geht. Hierher kann sie auch nicht kommen, bekommt keine Reisebewilligung von den Russen und kann daher nicht über den Rügendamm. Anzuziehen hat sie auch kaum noch was durch die Dauerstrapazierung bei den Alarmen.
Es ist gar nicht auszudenken. – Hier kriege ich nichts gewaschen, wenn ich nicht Holz liefere, und Holz, was uns seit August zusteht, liegt noch im Walde und wird nicht angefahren, und wir frieren im Zimmer ohne Feuer bei einer Innentemperatur von +9-10°.
Zum Erfrieren ist es zu viel, zum Frieren mehr als genug! So Ingelein, nun weißt du etwas Bescheid über uns. Alles andere kann nachfolgen. Hauptsache, Du lebst und hast noch Lebensmut. Wir müssen auch. Grüße Frau Stutz von uns. Wir sind glücklich, dass Du dort bist. Wir gingen lieber heute als morgen fort, auch nach Braunschweig, das wir leider verlassen mussten. Sei von Herzen gegrüßt von Deinen alten Großeltern.
Brief ohne Datum,
(am 31.12.45 erhalten und beantwortet)
Liebe Inge!
Hoffentlich kommt alles an! Ich habe mich gleich beigemacht, Dir einige Fotos raus zu suchen, habe wohl Dein Kinderalbum gefasst. Sind alle drin, die Du lieb hast. Bin sehr in Eile und beschäftigt, war auch schon zur Post mit einem Einschreiben für Tante Ella mit einem von einer hiesigen Künstlerin gefertigten Paar Hausschuhe für Dieter. Der hat jetzt „organisierte“ große Schaftstiefel an mit 3 Paar Strümpfen und ausgestopft vorn, wo sie zu groß sind – so laufen alle Ausgebombten rum. Tante Ella sieht auch wie ein Russki aus. Not macht’s so! Ausgeplündert sind wir alle, und die Lebensbedingungen sind jammervoll! Und die dauernden Verhaftungen und Verschleppungen der Nazi-Anhänger. Sind ihres Lebens nicht sicher. Bleibe ja dort, wo du bist. Empfange das Päckchen gesund und mit Interesse, und schreibe bald!
Binz 11.12.45
Geliebte Inge!
Du wirst 2 Einschreibebriefe erhalten haben mit vielen Fotos und wichtigen Schriftstücken, alle neuen Tagebuchblätter seit 7 Monaten sind dabei. Auf die Aufzeichnungen über die Katastrophe des 5.5. muss ich Dich aber noch auf später vertrösten, ich bin zu elend und musste mich auf Opas Befehl heute endlich ins Bett legen, schleppe mich schon seit 1 Woche mit Bronchialkatarrh etc. herum, kein Wunder nach allen Schrecknissen, und nun die Kälte – und kein Holz! Im Zimmer zeigt das Thermometer + 6°, alle Fenster sind dick vereist, der Ofen steht als Pensionär und kriegt kein Futter, Holz gibt’s nicht. Der Spediteur Guder fährt unser uns zustehendes Holz von 2 m einfach nicht an, trotz dauernden Aufforderungen unsererseits, dann von der Polizei, und sogar vom Bürgermeister – hat Russen-Fuhren!!! Wir Alten überhaupt können ja krepieren! Sei froh, dass Du dort bist, 10mal besser dran als wir! Wenn Schöning’s Garten im Sommer nicht gewesen wäre, wir wären glatt verhungert an trockenem Brot und Pellkartoffeln ohne Salz. Und nun kein Holz!
Ich schreibe liegend im Bett, kaum erkennbar, aber Du sollst wissen, wie es steht. Gruß von Olli, der bei der Glätte nicht rausgeht, ist kürzlich erst 2x gestürzt. Soll für Dich ein Weihnachtsgruß sein von uns.
Binz, 15.12.45
Meine liebe Inge!
Am 5. Tag im Bett mit Bronchialkatarrh, Rücken- und Seitenstechen usw. – ist keine angenehme Sache. Olli wollte schon gleich einen Arzt, aber hier sind Ärzte überlaufen, die Apotheken ganz leer, nicht einmal Natron und Baldriantropfen vorhanden, auch nicht auf Rezept. Olli braucht dies dringend, gibt’s aber nicht, vielleicht in Bergen. Aber der schlimme Brief soll endlich geschrieben werden, ist sowieso keine leichte Lektüre für Dich.
Von Vati und Mutti haben wir die ganzen April-Wochen fast nichts gehabt. Waren immer zusammen, entweder im Gespräch im kleinen Wohnzimmer oder im Büro. Wir Alten waren ausgeschaltet. Mutti wurde immer weniger. Wir aßen ja jeder im eigenen Zimmer, daher kann ich ja den Appetit beurteilen. Kochen tat ich wie immer, und auf alle hauswirtschaftlichen Fragen bekam ich immer die Antwort: „Mach’ es doch, wie Du denkst, ist ja nicht wichtig!“ Ich war oft ganz verzagt. Die letzten April-Tage war dann Ende vom Schieß-Kursus, dann öffnete Vater die Vorratsräume, wo die Wäsche von KdF lagerte. Mehrere Frauen wurden zur Bestandsaufnahme (Gretel auch) eingesetzt. Gretel hatte noch nie solche Kolossalvorräte schöner Wäsche gesehen für Hunderttausende von Betten und sonstige Wäsche. Dann ließ Vater für alle Haushaltungen und die Evakuierten pro Kopf 2x Bezüge und Handtücher verteilen. Wie viel Not hätte verhindert werden können, wenn das früher geschehen wäre? Dann ließ Vater für jede Haushaltung Holz anfahren, zerkleinern musste jeder selbst. Die Ausländer streikten sofort, sowie sie eine Ahnung hatten, dass die Russen kämen, das Holz blieb auf dem Hof vor jedem Haus liegen. In den Kesseln im Bürokeller soll ein dolles Feuer angebrannt worden sein, von allem Material vom Büro und allen Ämtern usw. Alles vernichtet! Vater sagte, er tue seine Pflicht, bis die Russen kämen, dann wäre Schluss! Am Freitag, den 4.5. ließ er noch seine Büroangestellten abends zu sich kommen. Ich natürlich nicht dabei, hielt mich bei so was zurück. Olli wurde zum Glas Wein eingeladen. Es war wohl eine traurige Sitzung, denn alle hatten Bescheid von seinem Vorhaben. Herr und Frau Anton auch. Redeten es auch aus, aber vergeblich. Um 10 Uhr gingen alle.
Am 5.5. sah ich kaum jemand, immer unterwegs. Die Russen kamen schon truppweise. Nach dem Mittagessen packten sie noch allerhand im kleinen Zimmer. Dann übergab Vater die Briefe an Olli und sie sagten mir Lebewohl. Ich schlug beinahe hin bei den Worten: “Ich solle stark sein und nicht weinen, es müsste eben sein, Mut haben! Sie möchten auch gerne leben, aber unmöglich.“ Ich fasste mich und verbiss den Schmerz. Warum? Was nun werden sollte? „Uns Alten täten die Russen nichts, auf die Kinder warten, die Wohnung betreuen, alles Nötige abwarten und übergeben. Gewehre seien nicht da, alles vernichtet.“ Vater kam noch dazu, ich möchte Mutti nicht den Abschied noch schwer machen – kein Trost für mich. Dann gingen sie noch mal ins kleine Zimmer und holten noch was und gingen still fort, ließen einen Brief an Frau Bachmann, seine Sekretärin zurück, von Olli nach einigen Stunden zu übergeben. Dann saßen und lagen wir in unserer Not im Zimmer herum. Ich war kaum noch zurechnungsfähig, Olli wollte den Brief schon rum bringen, ich bat noch um Aufschub, aber dann ging er um 6 Uhr. Frau Bachmann kam sofort rum, Brief geöffnet, ganz hin – und bestätigte die entsetzliche Tatsache, sollte noch Antons benachrichtigen, erfuhr aber sc...