Einige Sagen aus dem Harz sind deutschlandweit bekannt. Aber wer war es, der sie zuerst sammelte und niederschrieb?Viele der vor einhundert Jahren überregional bekannten Sagensammler sind heute fast vergessen. Freilich, die Gebrüder Grimm kennt jeder; von Bechstein, Grässe und Pröhle hat man vielleicht noch in Fachkreisen gehört; aber Nolte, Hauer und Nachtigall..., wer soll das denn sein? Sagen und Märchen sind nicht altbacken, sondern aktueller denn je. Sie zu erzählen, gehört heute zum "Immateriellen Weltkulturerbe". Deshalb widmen sich noch heute viele Sammler und Erzähler diesem Thema. Selbstverständlich, denn auch heute geschehen noch sagenhafte Dinge, die lohnen, aufgeschrieben und weitergegeben zu werden!Insgesamt stellt dieses Büchlein 30 der bekanntesten Sagensammler mit kurzem biographischen Umriss und jeweils eine ihrer Sagen (quer durch den Harz) dar. Das Team von "Sagenhafter Harz" möchte damit "Danke" sagen, denn ohne die Sammler, die Schriftsteller, die Verleger und ohne die Erzähler aller Zeiten, würde es recht karg aussehen, um unsere Harzer Sagenwelt. Dieses Werk soll also dazu beitragen, dass sowohl Geschichten, als auch die Menschen dahinter unvergessen bleiben.

- 152 Seiten
- German
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Über dieses Buch
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Information


Johann Carl Christoph Nachtigall
(1753 in Halberstadt – 1819 in Halberstadt)
Johann Nachtigall wurde als Sohn eines Predigers an der Paulskirche in Halberstadt geboren, besuchte das Stephaneum und studierte anschließend an der Universität Halle bis 1773 Theologie, Philologie und der Naturwissenschaften. Nach dem Studium kehrte er nach Halberstadt zurück und wurde 1800 zum Direktor seiner alten Schule ernannt.
Unter dem Pseudonym Otmar verfasste er 1800 das Werk „Volcks-Sagen“, bei dem es sich um die erste deutsche Sagensammlung mit wissenschaftlichem Anspruch handelt. Er selbst beteuerte, er hätte alle Sagen getreu nacherzählt, ihnen aber einen romantischverklärenden Anstrich gegeben. An sich sah er mündlich überlieferte Sagen als historische Zeitzeugen für die einfachen Menschen an. Selbst die Gebrüder Grimm geben „Otmar“ viele Male als Quelle ihrer Geschichten an!
1808 verlieh man ihm die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Halle. Von 1812 an hatte er bis zur Auflösung des Konsistoriums durch die neue Provinzialeinteilung Preußens das Amt des Generalsuperintendenten des Fürstentums Halberstadt sowie der Grafschaften Hohenstein und Mansfeld inne.
Werke
- Volcks-Sagen. Nacherzählt von Otmar, 1800
- Fragmente über die allmählige Bildung der den Israeliten heiligen Schriften. In: Magazin für Religionsphilosophie, Exegese und Kirchengeschichte.
- Biographie […], von ihm selbst geschrieben und mit einigen seiner Schulreden über interessante Gegenstände, 1820

Der Mägdesprung
Mägdesprung nennt man jetzt eine sehr ansehnliche Reihe von Hüttenwerken in dem schönen Selke-Thal, zwischen Ballenstedt und Harzgerode. Zur Erklärung dieses Namens zeigt das Volk auf einen hohen Felsen, der durch eine Säule ausgezeichnet ist, eine Vertiefung in dem Gestein, die einige Aehnlichkeit mit der Fußstapfe eines Menschen hat, und achtzig bis hundert Fuß von da, eine zweite Fußstapfe, welche, folgender Sage nach, ein Hühnen-Mädchen, das über das Thal wegsprang, eindruckte.
„Eine Hühnin, oder der Riesen-Töchter eine, erging sich einst auf dem Rücken des Harzes, von dem Petersberge herkommend. Als sie die Felsen erreicht hatte, die jetzt auf die Hüttenwerke herabsehen, erblickte sie ihre Gespielin, die ihr winkte, auf der Spitze des Rammberges. - Lange stand sie hier zögernd; denn ihren Standort und den nächsten Berggipfel trennte ein sehr breites Thal. Sie stand hier so lange, daß sich ihre Fußstapfen ellentief eindruckten in dem Felsen, wovon die schwachen Spuren noch jetzt zu sehen sind. Ihres Zögerns lachte höhnend ein Knecht des kleinen Volks, das diese Gegend bewohnte, und der in der Gegend von Harzgerode pflügte.

Dies merkte endlich die Hühnin, streckte ihre Hand aus, hob den Knecht mit den Pferden und dem Pflug in die Höhe, nahm alles zusammen in ihr Obergewand, sprang damit über das Thal weg, und in einigen Schritten hatte sie ihre Gespielin erreicht.“
Die Bewohnerin des Ilsensteins
»Sahst du noch nie die schöne Jungfrau auf dem Ilsenstein sitzen? Alle Morgen schließt sie den Fels auf, so bald der erste Sonnenstrahl ihn trift, und steigt herab zur Ilse, in deren spiegelhellem Wasser sie sich badet. Freilich allen Menschen ist es nicht vergönnt, sie zu sehen. Aber, wer sie sahe, preißt sie wegen ihrer Schönheit und Güte. Oft schon theilte sie von den Schätzen mit, die der Ilsenstein in sich schließt, und manche Familie verdankt der schönen Jungfrau ihr Glück.
Einst fand sie am frühen Morgen ein Köhler, der in den Forst gehen wollte, an der Ilse sitzen. Er grüßte sie freundlich, und sie winkte ihm mitzugehen. Er folgte, und bald standen sie vor dem großen Fels. Sie klopfte dreimal an, und der Ilsenstein that sich auseinander. Sie ging hinein, und brachte ihm seinen Ranzen gefüllt zurück, befahl ihm aber dabei ernstlich, ihn nicht zu öfnen, bis er in seiner Hütte wäre. Er nahm ihn und dankte. Als er fortging, fiel die Schwere des Sacks ihm auf, und er hätte gern gesehen, was darin sey. Endlich, als er auf die Ilsenbrücke kam, konnte er der Neugier nicht länger widerstehen. Er öfnete den Ranzen, und sah' – Eicheln und Tannäpfel. Unwillig schüttelte er die Eicheln und Tannäpfel von der Brücke herab in den angeschwollnen Strom. Doch bald hörte er ein lautes Klingeln, wenn die Eicheln und Aepfel die Steine der Ilse berührten, und bald sah' er, zu seinem Schrecken, daß er Gold verschüttet hatte. Weislich wickelte er den kleinen Ueberrest, den er noch in den Ecken des Sacks fühlte, sorgsam zusammen, und trug ihn nach Hause; er fand des Goldes noch so viel, daß er sich ein kleines Gütchen kaufen konnte.« - »Wer diese Jungfrau ist? – Höre, was die Väter und Mütter uns erzählten. Bei der Sündfluth, als das Wasser der Nordsee die Thäler und Ebnen von Niedersachsen überströmte, flohen ein Jüngling und eine Jungfrau, die sich schon lange liebten, aus dem Nordlande dem Harzgebirge zu, um hier ihr Leben zu retten. Mit dem Steigen des Wassers stiegen auch sie immer höher, und näherten sich immer mehr dem Brocken, der ihnen von fern her eine sichre Zuflucht darzubieten schien. Endlich standen sie auf einem ungeheuern Felsen, der weit über dem wogenden Meere hervorragte. Von hier sahen sie das ganze umliegende Land von der Fluth überdeckt; und, Hütten und Thiere und Menschen waren verschwunden. So standen sie hier einsam, und starrten in die Wogen hin, die an dem Fuße des Felsens sich brachen. Doch noch höher stieg das Wasser, und schon dachten sie darauf, über einen noch unbedeckten Felsenrücken weiter zu fliehen, und den Brocken heranzuklimmen, der wie eine große Insel über die wogende See hervorragte. - Da erbebte unter ihren Füßen der Fels, auf dem sie standen, spaltete sich, und drohte in einem Augenblick die Liebenden zu trennen. Auf der linken Seite, dem Brocken zugewandt, stand die Jungfrau, auf der rechten der Jüngling. Fest waren ihre Hände in einander verschlungen. Die Felsenwände bogen rechts und links aus, und – die Jungfrau und der Jüngling stürzten mit einander in die Fluthen. Ilse hieß die Jungfrau. Sie gab dem reizenden Ilsethal den Namen.« (aufgeschrieben von Otmar in „Volcks-Sagen“. 1800)



Heinrich Hauer (1763 in Wegeleben – 1838)
Heinrich Hauer erhielt seinen „höchst dürftigen Schulunterricht“ bei seinem Vater (der als Lehrer tätig war), wurde zuerst nach dessen Drängen und gegen seinen eigenen Willen Zimmermann. Die anderen Gesellen verulkten Hauer, der in jeder freien Minute ein Buch aus seinem Mantel hervorzog und, anstatt mit ihnen zu trinken und zu spielen, lieber in jeder Pause studierte. Als sie aber merkten, welches Wissen und welche Fähigkeiten er damit erwarb, ließen sie ihn in Ruhe.
In seiner Freizeit unterrichtete Hauer unentgeltlich und mit leidenschaftlicher Vorliebe die Dorfkinder des heutigen Bad Suderodes. Zu diesem Zeitpunkt reifte in ihm wohl die Idee, dass seine Neigung „die schönen Harzgegenden zu bereisen, was er mit guten Freunden mit viel Vergnügen genoss“ mit dem Lehrersein recht gut zu vereinbaren wäre: „Man stelle sich vor, durch die Harzberge zu reisen und das in der Gesellschaft meiner Schüler, die Liebe zum Wandern und zum Lehren zu vereinen …, es wäre mir der Himmel auf Erden!“
Tatsächlich legte er bald das Zimmererhandwerk nieder und absolvierte die Lehrerprüfung der königlichen Regierung, ohne je ein einziges Seminar besucht zu haben. Doch Lehrer zu sein war leider einst nicht mit dem Beamtenstatus und einem großzügigen Gehalt verbunden, „so griff er - als die Noth ihn bedrängte - zur Feder und schrieb sein erstes Buch: Die Freuden der Kinderzucht!“ Mit diesem Werk und seinen Briefen „Lustreisen mit Kindern durch den Harz“ entwickelte er eine Lehrmethode, die wir heute als „Fächerübergreifende Erlebnispädagogik“ beschreiben würden und erregte damit großes öffentliches Aufsehen, so dass selbst Königin Louise von Preußen auf ihn aufmerksam wurde und viele seiner künftigen Projekte, wie den Aufbau eines Taubstummenlehrinstituts in Quedlinburg finanziell unterstützte. Zeitgenossen beschreiben Heinrich Hauer als einen Mann mit Prinzipien, der mit Aufopferungsbereitschaft und Hingabe Zeit seines Lebens gerne sein letztes Hemd gab. Und wirklich steckte er in sein Institut auch den letzten eigenen Groschen und starb verarmt und ohne weitere Anerkennung im Kreise seiner Liebsten.
Heinrich Hauer, diesen verdienstvollen Mann, kennt heute fast niemand mehr …!
Werke
- Die Freuden der Kinderzucht, 1804
- Lustreisen mit Kindern in den Harz (in 4 Heften), 1824
- Der Menschenfreund, Zeitschrift 1829
- Selbstbiographie, 1836
Der Höllenzwang
„Tausendfache Erzählungen von den fürchterlichsten Gespenstern, Zauberern und Hexen waren zu Suderode in den Abendstunden bei Zusammenkünften an der Tagesordnung; hierdurch mussten natürlich die jugendlichen Herzen verunreinigt werden. Auch ich war nicht ganz frei davon geblieben. Aber Gott sei Dank, dass meine Denkkraft durch den Blick in das große Buch der Natur frühzeitig anfing zu erwachen, ehe das Gift des Aberglaubens imstande war, feste Wurzeln in meiner jugendlichen Seele zu schlagen.“
Auch Hauers Vater war nicht frei vom Aberglauben. Das zeigt auch die Behandlung seiner Kranken; er war nach unserer heutigen Ausdrucksweise ein Kurpfuscher. Er verordnete z.B. die Anwendung von Heilmitteln vor Aufgang oder Untergang der Sonne; schrieb auch vor, wann das Wasser im Bache abwärts oder aufwärts geschöpft werden müsse. Auch sympathetische Heilarten wurden von ihm angewendet. Er glaubte u.a., dass die unterirdischen Schätze von Geistern behütet würden. In Verbindung hiermit stand der Gebrauch der Wünschelrute. An den langen Winterabenden erzählte Hauers Vater seinen Freunden und Nachbarn von seinem Buch „Der Höllenzwang“. Wenn man in diesem vorwärts lese, so rufe man die Geister, bei denen die Schätze in Verwahrung seien; sollten die Geister wieder verschwinden, so müsse man das Buch rückwärts lesen. Heinrich Hauer hörte gespannt zu und konnte eine günstige Gelegenheit kaum erwarten, um im Bücherschatz seines Vaters die Schrift zu suchen. Er ...
Inhaltsverzeichnis
- Widmung
- Inhaltsverzeichnis
- Motto
- Einleitende Worte
- 1. Johann Nachtigall
- 2. Heinrich Hauer
- 3. Kaspar Gottschalck
- 4. Johann Gustav Gottlieb Büsching
- 5. Gebrüder Grimm
- 6. Ludwig Bechstein
- 7. Karl August Ey
- 8. Adalbert Kuhn
- 9. Johann Georg Theodor Grässe
- 10. Heinrich Pröhle
- 11. Christoph Adolph Leibrock
- 12. Julius Wolff
- 13. Georg Paul Hermann Größler
- 14. Theodor Nolte
- 15. Clara Johanna Förstner
- 16. Albert Gillwald
- 17. Marie Carola von Eynatten
- 18. Marie Eichler
- 19. Johann von Harten
- 20. Otto Gotsche
- 21. Otto Zander
- 22. Anneliese Probst
- 23. Manfred Oelsner
- 24. Dr. Harald Watzek
- 25. Gisela Griepentrog
- 26. Dr. Gundula Hubrich-Messow
- 27. Elisabeth Berg
- 28. Bernd Sternal
- 29. Werner Körner
- 30. Carsten Kiehne
- Weitere Literatur zum Thema
- Impressum
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