Ideengeschichte
Sigmund Freud und Ludwig von Mises
Anders als etwa sein Schüler Friedrich August von Hayek bezog sich der liberale Ökonom Ludwig von Mises in seinen Schriften auch auf Sigmund Freud. Mark Sunwall hat in seinem Aufsatz „Sigmund Freud and Ludwig von Mises: The Family Resemblance of Two Meta-Pessimists“ die Ähnlichkeiten ihrer Denkansätze untersucht. Zwar habe Freud keine Kenntnis und kaum Interesse an den ökonomischen Debatten seiner Zeit gezeigt, aber beide Denker verbinde, dass sie keine Positivisten waren und die Idee teilten, man könne auf der Basis eines realistischen Menschenbildes Verbesserungen erreichen. Sunwall bringt ihren gemeinsamen Ausgangspunkt mit dem Begriff „Meta-Pessimismus“auf den Punkt.
Ludwig von Mises hat die Aufgaben der Ökonomie und der Psychologie klar voneinander unterschieden: Die Ökonomie beschreibt wie Menschen entsprechend ihrer Entscheidungen handeln, wie Menschen Prioritäten setzen und diese realisieren. Sie behandelt nicht die Vor-gänge in der menschlichen Psyche. Sie beschreibt Handlungen als Ergebnis einer unterschiedlichen Bewertung verschiedener individueller Ziele, aber nicht warum ein einzelner Mensch einem bestimmten Ziel den Vorrang vor einem anderen Ziel gibt.
Ein Beispiel: Wenn eine Person eine bestimmte Summe ausgibt, um einen Strandurlaub zu machen statt einen Skiurlaub, dann zeigt das, dass ihm der Strandurlaub größeren Genuss verspricht als der Skiurlaub. Die emotionalen Prozesse, die dazu führen, dass er vom Strandurlaub mehr Genuss erwartet als vom Skiurlaub, gehört nicht in den Bereich der Ökonomie, sondern der Psychologie.
Sunwall plädiert dafür, die Ansätze beider Denker, die Praxeologie von Mises und die Psychoanalyse von Freud, zu kombinieren. So lassen sich etwa die Strategien der Politiker und das politische System gut praxeologisch mit Mises und durch den ökonomischen Public Choice-Ansatz erklären. Die Frage hingegen, warum so viele Menschen bereit sind, dem Staat zu gehorchen, lasse sich mit den Erkenntnissen zur Massenpsychologie von Sigmund Freud erklären.
Zwei (künftige) zentrale Aufgabenfelder der Österreichischen Theorie der Nationalökonomie sieht der Autor darin, einerseits zu beschreiben, wie eine Gesellschaft ohne Staat existieren kann, andererseits zu erklären, warum es überhaupt einen Staat gibt und warum dieser so hartnäckig fortbesteht, obwohl ein friedliches Miteinander auch ohne Staat vorstellbar wäre. Im ersten Feld wurden von liberalen Ökonomen substanzielle Beiträge zur spontanen Ordnung und dezentralen Koordination menschlichen Handelns geliefert. Die Antwort auf das zweite Problem bleibe aber oft wage.
Freuds Massenpsychologie könne dazu beitragen die Frage zu beantworten, warum Menschen bereit sind einer Abstraktion wie dem Staat zu gehorchen, und das selbst dann, wenn die Befehle von dort moralisch fragwürdig sind. Freud sah neben der Libido im Menschen auch stark destruktive Impulse am Wirken, die nichtsdestotrotz von den Menschen lustvoll erlebt werden können. Um diese Lust am Destruktiven zur tarnen, würden diese Impulse rationalisiert und legitimiert. Dies geschehe am wirksamsten durch die Rechtfertigung der Impulse durch ein externes Über-Ich. Der Staat, so Sunwall, stelle eine solche externe Projektionsfläche dar.
Besonders deutlich werde dieser verborgene Sadismus in der Lust andere Menschen moralisch zu tyrannisieren. In allen möglichen Bewegungen, die mit Hilfe des Staates „moralische Reformen“ durchdrücken wollten, komme diese Lust andere zu schikanieren zum Ausdruck. Durch den Staat könnten die Protagonisten dieses Bedürfnis, den Mitmenschen Verbote und Restriktionen aufzuerlegen, um sie so zu malträtieren, ohne schlechtes Gewissen ausgelebt werden. Daraus würde sich auch erklären, warum nach außen hin besonders aggressive Regierungen oft einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung gefunden hätten.
Die Bereitschaft einer staatlichen Autorität zu gehorchen, beruhe aber nicht nur auf den destruktiven Instinkten, vielmehr spreche der autoritäre Staat auch die „Libido“ an. Dazu gehöre einerseits das Versprechen die Bevölkerung mit „kostenlosen“ Gütern und Dienstleistungen zu versorgen und die Organisation großer öffentlicher Spektakel. Dass der Staat diese Versprechen in der Regel nicht einhalten könne, sei für das Lustempfinden, das diese Versprechen bei der Ankündigung auslösten, kaum relevant. Es handele sich wohl um eine Form von Vorfreude, die immer weiter in die Zukunft verschoben werden kann.
Der Staat schaffe durch die Befriedigung und Rechtfertigung aggressiver Impulse die Möglichkeit, sich selbst moralisch aufzuwerten und den Bürgern durch Versprechen für die Zukunft sowie öffentliche Spektakel ein „psychisches Einkommen.“ Dies sei allerdings nicht gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Folglich betreffe ein zentraler Teil der politischen Auseinandersetzung die Frage, wer wen moralisch bevormunden dürfe und seine aggressiven Impulse mittels einer Politik auf Kosten anderer legitimieren könne und ausleben dürfe. Politiker und Parteien versuchten ihren Anhänger ein möglichst großes „psychologisches Einkommen“ zu bieten, um die Loyalität unter ihren Anhängern zu stärken.
Für Liberale folge daraus, dass sie die aggressiven Impulse der menschlichen Natur nicht einfach ignorieren oder bestreiten sollten, sondern mit diesen Impulsen rechnen müssten. Der Glaube an den Fortschritt zu mehr Freiheit sei oft gekoppelt gewesen mit einer optimistischen Sicht auf die Natur des Menschen. Eine pessimistischere Sicht auf die Instinkte des Menschen sei aber wohl realistischer. Mises und Freud stünden beide insoweit für ein realistisches Menschenbild, als sie von den subjektiven Wünschen der Menschen als Gegebenheiten ausgingen und einen Fortschritt auf Basis dieser realistischen Einschätzung der menschlichen Natur anstrebten.
Veröffentlicht am 12. April 2013
Wilhelm von Humboldts Liberalismus
Wilhelm von Humboldt ist einer der großen deutschen Liberalen des 19. Jahrhunderts. Mit seiner politischen Philosophie beeinflusste er unter anderem John Stuart Mill. In einem sehr lesenswerten Beitrag des Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung 2008 ist Marco Iorio der Frage nachgegangen, ob Humboldt als liberaler oder vielleicht sogar als früher libertärer Denker einzuordnen sei, der in dem Staat lediglich eine Schutzgemeinschaft ohne weitere Aufgabenfelder gesehen hat und somit einen Minimalstaat befürwortet hat.
Für seine Untersuchung unterscheidet Iorio jene Ausprägungen des Liberalismus, die den Staat auf die Funktion einer Sicherheitsagentur beschränkten wollten von denen, die ihm zubilligen durch bestimmte Eingriffe ein soziales Mindestniveau für jedermann sicherzustellen. Die erste Position tritt für einen reinen Minimalstaat ein. Er unterscheidet hier noch einmal zwischen zwei Gruppen. Die erste argumentiert ökonomisch, dass Staatseingriffe ineffizient sind. Die zweite moralphilosophisch, dass Staatseingriffe und Umverteilung ungerecht sind. Für die zweite Position nimmt er eine weitere Differenzierung vor und unterscheidet zwischen denen, die die Garantie dieses Mindestniveaus direkt über die Umverteilung durch Besteuerung erreichen wollen, und diejenigen, die das durch die Schaffung ordnungspolitischer Rahmenbedingungen erreichen wollen.
Iorio sieht Humboldt in seiner Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ vor allem die erste Position vertreten. Demnach soll für Humboldt der Staat „weder direkt in die Vermögensverhältnisse und Versorgungslage der einzelnen Individuen eingreifen, noch versuchen, einen indirekten Wohlstandsschub für die gesamte Gesellschaft zu erwirken, um auf diesem Weg das Wohlergehen der Menschen zu befördern. Überhaupt soll der Staat sich jedes positiven Handelns nach Möglichkeit enthalten.“ (Iorio)
Humboldts Begründung der Freiheit beruhe darauf, dass der preußische Gelehrte Freiheit als Grundvoraussetzung für Bildung begreift. Für Humboldt ist die „Mannigfaltigkeit der Situationen“ für den Bildungsprozess von großer Bedeutung. Eine genormte Gesellschaft liefe dem offensichtlich entgegen. Die staatliche Politik führe zur Einförmigkeit statt zur Vielfalt. Jeder Mensch sei aber einzigartig. „Daher denkt sich Humboldt eine ideale Gesellschaft gewissermaßen aus einer bunten Vielfalt originaler Unikate bestehend.“
Die Entfaltung der Persönlichkeit setze nach Humboldts Bildungsideal Selbstständigkeit voraus. Nicht nur die Selbstständigkeit, sondern auch die Fähigkeit zum sozialen Miteinander werde durch aktive Staatseingriffe gestört. Wer sich auf den Staat verlasse, überlasse auch dem Staat die Fürsorge für den Mitbürger, wodurch das Band zwischen den Bürgern geschwächt werde ebenso wie das Band innerhalb der Familien.
Daraus könnte man schlussfolgern, dass Humboldt also ein Minimalstaatskonzept im Auge hatte. Iorio stellt jedoch die Vermutung an, dass Humboldts Position sich nur auf die Monarchien seiner Zeit bezog. Er schreibt: „Meine Behauptung ist also, dass wir das, was Humboldt in seinem grünen Buch einen Staat nennt, heute gar nicht mehr aus eigener Anschauung kennen: nämlich eine autoritäre bzw. absolutistische Monarchie.“
Neben dem Staat gibt es in Humboldts Schriften die Nationalvereine, die sich dadurch auszeichnen, dass sie durch Freiwilligkeit des Zusammenschlusses entstanden sind und die Möglichkeit der Modifikation und der Auflösung bieten. Ursprünglich waren nach Humboldt alle Staaten Nationalvereine, die für die Sicherheit gesorgt haben und erst durch die Etablierung einer dauerhaften Herrschaft zum Staat wurden. Iorio setzt nun diese Nationalvereine mit dem demokratischen Rechtsstaat gleich und unterstellt, dass Humboldt einer solchen Organisation auch sozial- und bildungspolitische Befugnisse zugesprochen hätte.
Diese These bleibt allerdings spekulativ. Allein aus zwei wohlmeinenden Äußerungen Humboldts zur sozialen Fürsorge, die der Autor als Begründung heranzieht, und dem Umstand, dass er später als preußischer Staatsmann selbst für die Bildungspolitik verantwortlich zeichnete, lässt sich eine so weitreichende Schlussfolgerung nicht belastbar herleiten. Wahrscheinlicher ist, dass auch der Praktiker Humboldt nach anderen Prinzipien gehandelt hat, als sie der Theoretiker Humboldt es in seinen Schriften tat. Eine gewisse Inkonsistenz in den Schriften scheint plausibler zu sein, als eine so vollkommene Konsistenz in Schriften und Handeln, wie sie der Autor in dem Beitrag unterstellt hatte.
Literatur:
Marco Iorio: Zwischen Liberalismus und Libertarianismus: Wilhelm von Humboldts politische Philosophie, in: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung, 20. Jahrgang Baden-Baden 2008.
Veröffentlicht am 9. April 2013
Irving Fisher vs. Ludwig von Mises: Wer sah den Crash von 1929 voraus?
Irving Fisher gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Fisher trug wesentlich zur Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften bei. Er betonte die negativen Wirkungen von Inflation und Deflation und sah eine zentrale Aufgabe der Geldpolitik darin, die Preise und die Kaufkraft der Währung dauerhaft stabil zu halten. Er beeinflusste den Monetarismus und die Geldpolitik der Zentralbanken. Mark Thornton hat in einem Aufsatz mit dem Titel “Great Depression: Fisher vs. Mises” Fishers Sichtweisen auf die wirtschaftliche Entwicklung der 1920er Jahre und der anschießenden großen Depression mit der seines ökonomischen Kritikers Ludwig von Mises verglichen.
Fisher verklärte die 20er Jahre als neue Ära und glaubte, dass der Konjunkturzyklus der Vergangenheit angehören würde. Einen wesentlichen Anteil an dem wirtschaftlichen Aufschwung, den er für nachhaltig hielt, sprach er dem 1913 geschaffenen US-Zentralbanken-System zu. Fisher ging auch deshalb in die Geschichte ein, weil er kurz vor dem großen Crash von 1929 erklärte, die Aktienkurse hätten ein dauerhaft hohes Niveau erreicht. Fisher begrüßte die Bemühungen der US-Notenbank mehr Liquidität zur Verfügung zu stellen.
Im Jahr 1928 hatte Ludwig von Mises Fishers Ansatz einer Wirtschaftskalkulation anhand von Indexzahlen zu beschreiben kritisiert, weil er wegen systematischer Ungenauigkeiten zwangsläufig zu erheblichen Fehleinschätzungen führen müsse. Anders als Fisher ging Mises nicht von einem dauerhaften Aufschwung aus, sondern davon, dass der durch Kredit finanzierte Boom wie in der Vergangenheit zu einem Crash führen würde. Sein Schüler Friedrich August von Hayek unterstützte diese Sichtweise durch eine Reihe von Artikeln, die er im Frühjahr 1929 veröffentlichte.
Thornton weist darauf hin, dass weder Fisher noch die ihm bis heute nachfolgenden mathematisch ausgerichteten Ökonomen in der Lage waren, Blasen zu erkennen und Crashs vorauszusagen, obwohl sie selbst zutreffende Prognosen als den Lackmustest für ihre theoretischen Arbeiten angesehen hatten. Ludwig von Mises und seine Schüler haben indes ohne die mathematischen Modelle in vielen Fällen frühzeitig auf Fehlentwicklungen am Markt und kommende Crashs hingewiesen.
Literatur:
Mark Thornton: The Great Depression: Mises vs. Fisher, in: Quarterly Journal of Austrian Economics, Band 11, H 3 (Herbst 2008), 230-241.
Veröffentlicht am 27. März 2013
Hayeks Argumente gegen Keynes
Die Kontroverse zwischen Keynes und Hayek ist als eine der zentralen Debatten in die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften eingegangen. Dabei galt die Auseinandersetzung gar nicht Keynes’ Hauptwerk, der „Allgemeinen Theorie“, sondern einem relativ unbekannten Werk, von dem sich Keynes später selbst distanzierte. Bis heute wird darüber diskutiert, warum Hayek auf die Allgemeine Theorie keine kritische Entgegnung verfasst hat. Der Ökonom David Sanz Bas argumentierte in einem Aufsatz, dass es diese Entgegnung durchaus gegeben habe, aber sie von der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen worden sei. Seine Argumentation geht wie folgt:
Keynes erarbeitete seine Theorie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise als viele Millionen Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Seine Grundthese lautete, dass Arbeitslosigkeit die Folge fehlender Nachfrage ist. Die Ursache fehlender Nachfrage sah er zum ersten in der Neigung mit steigendem Einkommen einen wachsenden Anteil seines Einkommens zu sparen. Zwischen Sparen und Investieren bestehe, so Keynes, keine direkte Verbindung. Folglich komme es im Kapitalismus zwangsläufig zu einem permanenten Mangel an Nachfrage und zu chronischer Arbeitslosigkeit.
Zum zweiten glaube Keynes, dass Unternehmen durch die Unsicherheit, in der sie operieren, weniger ihrer rationalen Kalkulation folgen als vielmehr ihrem Instinkt, den „animal spirits“. Investitionen erfolgten deshalb nicht vorhersehbar und kontinuierlich, sondern seien starken Schwankungen ausgesetzt. Diese strukturellen Defizite des Marktes könnten jedoch behoben werden, in dem der Staat die fehlende Nachfrage kompensiere. Zu den Maßnahmen, die der Staat ergreifen solle, gehörten die Absenkung des Zinssatzes, die Umverteilung von den hohen zu den niedrigen Einkommen, die einen großen Anteil ihrer Einnahmen konsumierten, und die öffentliche Investitionen.
Sanz Bas verweist nun auf zahlreiche Äußerungen in verschiedenen Schriften Hayeks, in denen der Österreicher explizit und implizit Kritik an Keynes Sichtweise äußerte. Obwohl diese Äußerungen sich über den Zeitraum von 1937 bis 1988 erstreckten, sei ihre innere Konsistenz bemerkenswert.
Eine zentrale Schwäche in Keynes Theoriegebäude sah Hayek darin, dass es nicht auf einer Kapitaltheorie beruhe. Tatsächlich bestehe die Produktionsstruktur aus einem Netzwerk von Millionen von Unternehmen, die mit- und nebeneinander agieren. Ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie d...