Sherlock Holmes ist eine vom britischen Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle geschaffene Kunstfigur, die in seinen zur Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielenden Romanen als Detektiv tätig ist.Besondere Bedeutung für die Kriminalliteratur erlangte Holmes durch seine neuartige forensische Arbeitsmethode, die ausschließlich auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung beruht. Er gilt bis heute weithin als Symbol des erfolgreichen analytisch-rationalen Denkens und als Stereotyp des Privatdetektivs.

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Sherlock Holmes - Der sterbende Sherlock Holmes und andere Detektivgeschichten
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Sherlock Holmes - Der sterbende Sherlock Holmes und andere Detektivgeschichten
Über dieses Buch
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Thema
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Historische RomaneDie gestohlenen Zeichnungen
In der dritten Woche des November senkte sich ein dichter gelber Nebel auf London herunter. Vom Montag bis Donnerstag konnten wir nicht die Giebel der gegenüberliegenden Häuser in der Bakerstraße erkennen. Am ersten Tage verbrachte Holmes die Zeit mit Blättern in seinen verschiedenen Notizen. Den zweiten und dritten Tag widmete er seinem neuesten Steckenpferd, der Musik des frühen Mittelalters. Aber als wir dann zum viertenmal beim Frühstück jene schmierige gelbbraune Masse vor dem Fenster sahen, die ölige Tropfen am Fensterglas bildete, konnte die ungeduldige aktive Natur meines Freundes dieses graue Dasein nicht länger mehr ertragen. In einem Fieber unterdrückter Energie lief er in unserm Wohnzimmer hin und her, biß sich in die Fingerknöchel, beklopfte die Möbel und stieß Verwünschungen aus gegen die Untätigkeit, zu der er verdammt sei.
»Nichts Interessantes in der Zeitung, Watson?« fragte er.
Ich wußte, daß mit etwas »Interessantem« Holmes stets etwas kriminalistisch Interessantes meinte. In der Zeitung standen: eine Revolution, ein sehr wahrscheinlicher Krieg auf dem Balkan und ein Ministerwechsel. Aber dergleichen kam für meinen Freund nicht in Betracht. Etwas Kriminelles konnte ich aber in keiner Form entdecken, wenn ich von den üblichen Belanglosigkeiten des Polizeiberichtes absah. Holmes seufzte laut und nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf. »Der Londoner Verbrecher ist nachgerade ein stumpfsinniger Bursche«, schalt er mit der verdrießlichen Stimme eines Sportsmannes, der das Spiel verloren hat. »Schau bloß aus dem Fenster, Watson. Wie hier die Gestalten aus dem Trüben auftauchen, vorüberhuschen und wieder untertauchen im Trüben. Der Dieb oder Mörder könnte an solch einem Tage in London herumschweifen wie der Tiger im Dschungel, unsichtbar, bis er springt, und dann nur wie ein Schatten sichtbar für sein Opfer.«
»Da sind zahlreiche kleine Diebstähle verübt worden, wie die Polizei berichtet.«
Holmes machte voller Verachtung »pah«.
»Diese großartig düstere Bühne verlangt nach etwas anderem als solch elendem Besitzwechsel«, sagte er. »Es ist wahrhaftig ein Glück für diese Stadt, daß ich kein Verbrecher bin.«
»Da hast du recht!« rief ich aufrichtig.
»Nimm an, ich wäre Brooks oder Woodhouse, oder irgendeiner von den fünfzig Männern, die guten Grund haben, mir nach dem Leben zu trachten – wie lange könnte ich wohl gegen meine eigene Verfolgung am Leben bleiben? Eine Finte, eine Verabredung unter falschem Namen und Vorwand, und alles wäre zu Ende. Es ist gut, daß sie in den romanischen Ländern keinen solchen Nebel haben, – in den Nordländern. Beim Himmel, hier kommt ja etwas, um endlich diese furchtbare Eintönigkeit zu unterbrechen.«
Es war das Mädchen mit einem Telegramm. Holmes riß es auf und brach in Lachen aus.
»Das ist ja – das ist ja – hahaha, das schlägt alles«, rief er belustigt. »Mein Bruder Mycroft kommt uns besuchen.«
»Warum nicht?« fragt« ich.
»Warum nicht? Das ist gerade so, wie wenn du auf einem Waldpfad einem Straßenbahnwagen begegnetest. Mycroft hat seine Schienen, und in denen läuft er. Seine Wohnung in Pall Mall, der Diogenes-Club, Whitehall, – das ist sein Kreislauf. Einmal, ein einziges Mal, ist er hier bei mir gewesen. Was für ein Erdbeben mag ihn aus dem Gleis geworfen haben?«
»Gibt er keinen Grund an?«
Holmes reichte mir seines Bruders Telegramm.
»Muß dich wegen Cadogan West sprechen. Komme sofort.
Mycroft.«
»Cadogan West? Den Namen habe ich doch schon gehört.«
»Mir sagt er gar nichts. Keine Erinnerung. Aber daß Mycroft auf solch erratische Weise ausbrechen kann! Ein Planet könnte ebenso gut seine Bahn verlassen. Weißt du übrigens, was Mycroft ist?«
Ich hatte eine dürftige Erinnerung, daß Holmes mir aus Anlaß des Abenteuers mit dem griechischen Dolmetscher davon gesprochen hatte.
»Du sagtest mir, er hätte, glaube ich, eine kleine Anstellung bei der englischen Regierung.«
Holmes lachte.
»Damals kannte ich dich noch nicht so gut, mein lieber Watson, und man muß diskret sein, wenn es sich um hohe Staatsangelegenheiten handelt. Du hast recht, er ist bei der englischen Regierung. Du würdest gelegentlich aber auch recht haben, wenn du sagtest: er ist die englische Regierung.«
»Mein bester Holmes!«
»Ich wußte, daß dich das überraschen würde. Mycroft bezieht vierhundertfünfzig Pfund Sterling jährliches Gehalt, bleibt in abhängiger Stellung, hat keinerlei Ehrgeiz, will weder Titel noch Orden, aber er bleibt der unentbehrlichste Mann im Lande.«
»Aber wie das?«
»Nun, seine Stellung ist einzigartig. Er hat sie sich extra geschaffen. Etwas Ähnliches hat es nie vorher gegeben, noch wird es das später je wieder geben. Er hat das bestgeordnete, übersichtlichste Hirn, das heutzutage existiert, mit der denkbar größten Aufnahmefähigkeit für Tatsachen, die es sauber registriert und aufbewahrt. Dieselben besonderen Eigenschaften, die mich zum erfolgreichsten Detektiv machten, haben ihn in seinem Amte zum unentbehrlichsten Mann gemacht. Die Entschließungen usw. jeder Abteilung gehen ihm zu, und er ist die Ausgleichsbörse, das Clearinghouse sozusagen, das den Saldo zieht. Alle anderen hohen Staatsbeamten sind Spezialisten, aber seine Spezialität ist Allwissenheit. Nehmen wir an, ein Minister benötigt eine Information in bezug auf irgend etwas, das zugleich die Marine angeht, sowie Indien, Kanada und die Silberwährung. Er könnte von den einzelnen Abteilungen je einen Sonderbericht erhalten, aber nur Mycroft allein kann diese alle in seinem Hirn zusammenfassen, mit einem Blick überschauen und ohne weiteres sagen, wie ein jeder Faktor den anderen beeinflussen würde. In seinem Hirn muß es aussehen wie in einer großen Kartothek; jede Einzelheit aller Regierungsfragen steht ihm sofort zur Verfügung. Oft und oft hat sein Wort unsere englische Politik entschieden. Er lebt in ihr und für sie. Er denkt nichts anderes, ausgenommen wenn er einmal ausspannt und als eine Art geistiger Gymnastik sich mit meinen Detektivproblemen befaßt, worum ich ihn gelegentlich bitte. Aber Jupiter begibt sich heute zu den Sterblichen hernieder. Was mag da los sein? Wer ist Cadogan West und was bedeutet er meinem Bruder Mycroft?«
»Ich hab's«, rief ich und warf mich über den Haufen Zeitungen auf dem Sofa. – »Ja, hier steht es; ganz richtig, Cadogan West ist der Name des jungen Mannes, der am Dienstag früh tot auf der Untergrundbahn gefunden wurde.«
Holmes straffte sich wie ein Hühnerhund, der sein Wild wittert, und seine Hand hielt die Pfeife zwischen Tisch und Lippe, in ihrer Bewegung plötzlich erstarrt.
»Das muß etwas äußerst Ernstes sein, Watson. Ein Todesfall, der meinen Bruder veranlaßt, aus seinem Gleis zu springen, muß etwas ganz Besonderes sein. Was in aller Welt kann er damit zu tun haben? Der Fall sah ganz nichtssagend aus, soweit ich mich erinnere. Der junge Mann ist anscheinend aus dem Zug gefallen und dabei ums Leben gekommen. Er ist nicht beraubt worden, und es lag keinerlei Anlaß vor, ein Verbrechen in den Bereich der Erwägungen zu ziehen. So ungefähr war es doch?«
»Eine Untersuchung hat später noch stattgefunden«, sagte ich, »und dabei kam eine Menge neuer Tatsachen ans Licht. Aus der Nähe genauer betrachtet hat der Fall doch ein sehr merkwürdiges Aussehen.«
»Nach der Wirkung auf meinen Bruder zu urteilen, allerdings! Mycroft ist aus dem Gleis gesprungen – das bringt nur ein Erdbeben fertig!« Er machte es sich in seinem Lehnstuhl bequem. »Nun, alter Watson, laß die Tatsachen hören.«
»Der Name des Toten war Arthur Cadogan West. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, ledig, Büroangestellter im Arsenal von Woolwich.«
»Regierungsangestellter. Beachte das Bindeglied mit meinem Bruder!«
»Er verließ Woolwich plötzlich Montag abend. Zuletzt ist er von seiner Verlobten gesehen worden, Fräulein Violet Westbury, die er in dem Nebel ganz unvermittelt gegen sieben Uhr dreißig verließ. Sie hatten keinen Streit miteinander gehabt, und das Fräulein kann keinen Grund für sein Verhalten angeben. Das nächste, was von ihm dann bekannt wurde, war die Nachricht, daß ein Schienenleger namens Mason seine Leiche dicht außerhalb der Aldgatestation der Untergrundbahn in London gefunden hatte.«
»Wann?«
»Die Leiche wurde um sechs Uhr früh am Dienstag entdeckt. Sie lag weit ab von den Schienen, auf der linken Seite des Bahnkörpers (wenn man ostwärts schaut), nahe bei der Station, dort, wo die Bahn den Tunnel verläßt. Der Schädel war zerschmettert – eine Verletzung, die sehr wohl durch einen Sturz aus dem Zuge verursacht sein konnte. Nur so konnte überhaupt die Leiche dahin gekommen sein. Wäre sie von einer der angrenzenden Straßen her an den Fundort gebracht worden, so hätte sie die Stationsschranken passieren müssen, wo ständig ein Kontrolleur steht. In dieser Hinsicht scheint völlige Gewißheit zu herrschen.«
»Sehr gut. Die Grundlage ist einfach genug: der Mann ist, entweder tot oder lebend, aus einem Zug entweder hinausgefallen oder hinausgeworfen worden. Soviel ist mir klar. Bitte weiter!«
»Die Züge, die auf den Schienensträngen verkehren, neben denen der Tote gefunden wurde, sind solche, die von Westen nach Osten fahren, teils reine Stadtzüge, teils solche von Willesden und außerhalb liegenden Knotenpunkten. Es kann als erwiesen gelten, daß dieser junge Mann, ehe er seinen Tod fand, in der angegebenen Richtung zu später Nachtzeit fuhr, dagegen ist es nicht möglich, festzustellen, wo er den Zug bestiegen hat.«
»Seine Fahrkarte würde darüber Auskunft geben.«
»Man fand keine Fahrkarte bei ihm.«
»Keine Fahrkarte! Donnerwetter, Watson, das ist aber auffällig. Nach meinen Erfahrungen ist es nicht möglich, einen Untergrundbahnzug zu betreten, ohne eine Karte vorzuweisen. Ist ihm die seinige abgenommen worden, um die Station zu verheimlichen, von der er gekommen ist? Das ist möglich. Oder hat er sie im Zug verloren oder fortgeworfen? Auch das ist möglich. Aber dieser Punkt ist von besonderem Interesse. Nicht wahr, die Leiche war nicht beraubt?«
»Offenbar nicht. Hier ist ein Verzeichnis dessen, was man bei ihm fand. Seine Geldtasche enthielt zwei Pfund Sterling, fünfzehn Schilling. Er hatte auch ein Scheckheft der Woolwicher Zweigstelle der Stadt- und Landbank bei sich. Seine Identität wurde durch dieses Scheckheft festgestellt. Ferner zwei Karten für das Woolwicher Theater, für denselben Abend. Schließlich ein kleines Paket technischer Papiere.«
Holmes tat einen Ausruf der Befriedigung.
»Hier haben wir es endlich, Watson! Englische Regierung – Woolwich – Arsenal – technische Papiere – Bruder Mycroft. Der Ring schließt sich. Aber da kommt er ja wohl.«
Einen Augenblick später wurde die große stattliche Erscheinung Mycroft Holmes' unter der Türe sichtbar. Schwer und massiv gebaut, lag eine merkwürdige körperliche Trägheit in der ganzen Figur des Mannes angedeutet. Aber über dem mächtigen Körperbau thronte ein so ausgeprägter Charakterkopf: stahlgraue, tiefliegende, scharfblickende Augen, schmale, gerade Lippen, hohe Stirn und ein äußerst lebhaftes Mienenspiel, so daß man nach dem ersten Blick den massigen Körper ganz vergaß und nur noch den überlegenen Geist sah.
Gleich hinter Mycroft erschien unser alter Freund Lestrade von Scotland Yard – dünn und voll Erhabenheit. Der ernste Gesichtsausdruck beider Männer verriet eine schwerwiegende Angelegenheit. Der Detektiv reichte uns stumm die Hand; Mycroft Holmes schälte sich aus seinem Mantel und ließ sich in einen Sessel fallen.
»Ein sehr unangenehmes Geschäft, Sherlock«, redete er seinen Bruder an. »Es ist mir äußerst unangenehm, meine Gewohnheiten nicht einhalten zu können, aber es handelt sich hier um Dinge, die es gebieterisch verlangen, und so muß ich eben. Leider! Bei der augenblicklichen Lage Siams ist es ganz ungeschickt, daß ich vom Büro fort bin. Aber er ist eine richtige Krisis. Unsern Premier habe ich noch nie so außer Fassung gesehen. Die Admiralität – da summt es wie in einem umgestürzten Bienenkorb. Ist dir der Fall schon bekannt?«
»Wir haben uns eben aus der Zeitung darüber unterrichtet. Was sind das für technische Papiere?«
»Du triffst den Kernpunkt. Zum Glück ist noch nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Presse würde toben, sage ich dir. Die technischen Papiere, die man in den Taschen des Toten fand, sind die Zeichnungen zu dem Bruce-Partington-Unterseeboot.«
Mycroft Holmes sprach mit einer Feierl...
Inhaltsverzeichnis
- Ein für allemal
- Der sterbende Sherlock Holmes
- Das Geheimnis der Villa Wisteria
- Der rote Kreis
- Das Verschwinden der Lady Frances Carfax
- Die gestohlenen Zeichnungen
- Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß
- Ein Fall geschickter Täuschung
- Fußnoten
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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