Conrads fesselnde politische Romane (Kommentiert)
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Conrads fesselnde politische Romane (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Zwischen Erlebtem und Erfundenem: Der Geheimagent + Nostromo + Mit den Augen des Westens

  1. 252 Seiten
  2. German
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Conrads fesselnde politische Romane (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Zwischen Erlebtem und Erfundenem: Der Geheimagent + Nostromo + Mit den Augen des Westens

Über dieses Buch

"Conrads fesselnde politische Romane" versammelt oder erschließt jene Texte Joseph Conrads, in denen Macht, Revolution, Verschwörung und moralische Desorientierung zum eigentlichen Schauplatz werden. In Werken wie "Der Geheimagent", "Mit den Augen des Westens" oder "Nostromo" verbindet Conrad psychologische Tiefenschärfe mit einer dichten, oft ironisch gebrochenen Erzählkunst. Sein Stil ist geprägt von verschachtelten Perspektiven, skeptischer Beobachtung und einer modernen Unsicherheit, die ihn zwischen spätem Realismus, Symbolismus und literarischer Moderne verortet. Joseph Conrad, 1857 als Józef Teodor Konrad Korzeniowski in der polnisch-ukrainischen Grenzregion geboren, kannte politische Unterdrückung, Exil und imperiale Gewalt aus biographischer Nähe. Die Verbannung seiner Eltern durch das zaristische Russland, seine Jahre als Seemann und sein späteres Schreiben in englischer Sprache schärften seinen Blick für Entwurzelung, Loyalität und ideologische Verführung. Gerade diese Erfahrungen erklären seine tiefe Skepsis gegenüber politischen Heilsversprechen. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die politische Literatur nicht als bloße Zeitdiagnose, sondern als Untersuchung menschlicher Gewissenskonflikte verstehen. Conrad zeigt, wie historische Kräfte in private Entscheidungen eindringen und wie gefährlich abstrakte Ideen werden können. Wer anspruchsvolle Prosa, intellektuelle Spannung und zeitlose politische Einsicht sucht, findet hier eine außerordentlich lohnende Lektüre. Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern. - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

Information

Verlag
e-artnow
Jahr
2015
eBook-ISBN:
9788026833185
StartFragment
Joseph Conrad

Conrads fesselnde politische Romane

Zwischen Erlebtem und Erfundenem: Der Geheimagent + Nostromo + Mit den Augen des Westens
Übersetzer: Ernst Wolfgang Freißler

e-artnow, 2015
ISBN 978-80-268-3318-5

Inhaltsverzeichnis


Nostromo
Der Geheimagent
Mit den Augen des Westens

Nostromo

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil: Das Silber der Mine
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII

Zweiter Teil: Die Isabellen
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII

Dritter Teil: Der Leuchtturm
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII

Erster Teil

Das Silber der Mine

Inhaltsverzeichnis

I

Inhaltsverzeichnis

Zur Zeit der spanischen Herrschaft, und noch viele Jahre nachher, hatte die Stadt Sulaco – von ihrem Alter zeugt die üppige Pracht der Orangengärten – in geschäftlicher Hinsicht höchstens als ein Küstenhafen mit beträchtlichem Lokalverkehr in Ochsenhäuten und Indigo einige Bedeutung gehabt. Für die klobigen Hochseegalionen der Eroberer hatte sich der Hafen von Sulaco wegen der in dem weiten Golf vorherrschenden Windstillen verboten; denn die brauchten eine scharfe Brise, um überhaupt vom Fleck zu kommen, wo einer der modernen Schnellsegler beim bloßen Flattern der Leinwand noch Fahrt macht. Einige Häfen in der Welt sind schwer zu erreichen infolge heimtückischer Unterwasserklippen und der Stürme an ihren Küsten. Sulaco lag wie in einem unverletzlichen Heiligtum geborgen vor den Versuchen der Handelswelt, in der feierlichen Stille des tiefen Golfo Placido, wie in einem ungeheuren, halbkreisförmigen Tempel ohne Dach, zur See zu offen, die Wände aus hohen Bergen mit den Trauertüchern der Wolken verhängt.
Auf der einen Seite dieser breiten Einbuchtung in der geraden Küstenlinie der Republik Costaguana läuft das Land in eine unbedeutende Spitze aus, die Punta Mala heißt. Von der Mitte des Golfs aus ist diese Landspitze überhaupt nicht sichtbar; nur der Kamm eines steilen Hügels, der sich darauf erhebt, ist undeutlich auszunehmen, wie ein Schatten am Himmel.
Auf der andern Seite zeichnet sich gegen die dunstige Glut des Horizonts etwas wie ein schwebender bläulicher Nebelfleck ab. Das ist die Halbinsel Azuera, ein wildes Gewirr scharfer Felsen und steiniger Gleichstrecken, von senkrechten Schluchten zerrissen. Sie ragt weit in die See hinaus, als streckte die grüne Küste an dünnem Hals aus Sand, von Dorngebüsch umwuchert, ein rauhes Haupt aus Stein vor. Gänzlich wasserlos – denn die Regen laufen sofort nach allen Seiten ins Meer ab –, hat die Halbinsel, so heißt es, nicht Humus genug, um auch nur einen Grashalm sprießen zu lassen, als lastete ein Fluch auf ihr. Die Armen, die aus einem dunklen Bedürfnis nach Trost die Begriffe von Böse und Reich verquicken, erzählen, die Insel wäre so tot wegen ihrer verwunschenen Schätze. Das gemeine Volk aus der Nachbarschaft, Peons von den Estanzias, Vaqueros von den Ebenen längs der Küste, unterworfene Indianer, die meilenweit zu Markt kommen, mit einem Bündel Zuckerrohr oder einem Korb Mais im Werte von ein paar Pfennigen – sie alle glauben fest, daß Haufen glänzenden Goldes im Düster der tiefen Schluchten liegen, die die steinige Hochfläche von Azuera durchschneiden. Die Überlieferung will wissen, daß viele Abenteurer früherer Zeiten bei der Suche umgekommen sind. Es geht auch die Rede, daß noch zu Gedenkzeiten der Lebenden zwei wandernde Seeleute – Americanos vielleicht, jedenfalls aber Gringos irgendwelcher Art – einen verspielten, nichtsnutzigen Mozo überredet und zu dritt einen Esel gestohlen hatten, der ihnen ein wenig Dürrholz, einen Wasserschlauch und Proviant für ein paar Tage tragen sollte. So begleitet, mit Revolvern im Gürtel, hatten sie sich aufgemacht, um sich mit Buschmessern einen Weg durch das Dorndickicht am Halse der Halbinsel zu bahnen.
Am zweiten Abend war seit Menschengedenken zum erstenmal eine gerade Rauchsäule zu sehen (sie konnte nur von dem Lagerfeuer der drei herrühren), die sich von einem messerscharfen Grat auf dem felsigen Haupt schwach gegen den Abendhimmel abhob. Die Mannschaft eines Küstenschoners, der in toter Flaute drei Meilen von der Küste weg stillag, starrte verblüfft bis zum Dunkelwerden darauf hin. Ein schwarzer Fischer, der einsam in einer kleinen Bucht nahebei lebte, hatte den Aufbruch mitangesehen und auf ein Zeichen gelauert. Er rief seine Frau hinzu, als die Sonne eben im Untergehen war. Sie hatten das seltsame Wahrzeichen mit Neid, Ungläubigkeit und Schaudern beobachtet.
Die gottlosen Abenteurer gaben kein andres Zeichen mehr. Die Matrosen, der Indianer und der gestohlene Esel wurden nie wieder gesehen. Dem Mozo, einem Mann von Sulaco – sein Weib hatte ein paar Messen bezahlt – und dem armen Vierfüßler, ihnen war es wohl vergönnt, zu sterben; die zwei Gringos aber sollen gespensterhaft lebend noch bis zu diesem Tage zwischen den Felsen hausen, im Bann ihres Erfolges. Ihre Seelen können sich nicht von den Leibern losreißen, die über dem entdeckten Schatz Wache halten. Sie sind nun reich und hungrig und durstig – eine seltsame Vorstellung von hartnäckigen Gringogespenstern, die in ihrem verdorrten, versengten Fleisch leiden, wo ein Christenmensch verzichtet hätte und erlöst worden wäre.
Dies also sind die sagenhaften Bewohner von Azuera, die die verwunschenen Schätze hüten; und der Schatten am Himmel auf der einen Seite, der schwimmende bläuliche Nebelfleck auf der andern kennzeichnen die äußersten Punkte der tiefen Einbuchtung, die den Namen Golfo Placido trägt, weil nie seit Menschengedenken ein starker Wind ihre Wasser aufgerührt hat.
Beim Passieren der gedachten Linie zwischen Punta Mala und Azuera verlieren die Schiffe, die von Europa nach Sulaco gehen, mit einmal die scharfen Brisen des Ozeans und werden zur Beute launischer Luftströmungen, die oft volle dreißig Stunden lang mit ihnen ihr Spiel treiben. Vor den Schiffen liegt das Innere des stillen Golfs an den meisten Tagen des Jahres unter einer reglosen Schicht opalfarbener Wolken. An den seltenen klaren Morgen liegt ein anderer Sdiatten über der Wasserfläche. Die Morgendämmerung bricht hoch hinter dem aufgetürmten, ragenden Wall der Kordillere an. Dunkle Gipfel schneiden scharf in den Himmel; ihre Steilhänge wachsen aus einem luftigen Unterbau von Urwald, der unmittelbar von der Küste aus ansteigt. Weit über den andern ragt das weiße Haupt des Higuerota majestätisch ins Blau. Ungeheure Gruppen nackter Felsen sprenkeln die ebenmäßige Schneefläche mit schwarzen Tupfen.
Dann, während die Mittagssonne den Schatten der Berge aus dem Golf zurückzieht, beginnen die Wolken aus den niedrigen Tälern hervorzuquellen. Sie verwischen in dunklem Wallen die kantigen Ränder der Schluchten über den bewaldeten Hängen, verhüllen die Gipfel, treiben in windgejagten Fetzen quer über die Schneefelder des Higuerota. Die Kordillere ist dem Blick des Betrachters entrückt, als hätte sie sich in mächtige Schwaden grauen und schwarzen Dunstes aufgelöst, die nun langsam der See zutreiben und in der Tagesglut in nichts zergehen. Die Kante der Nebelwand giert immer nach der Mitte des Golfs, erreicht sie aber nur selten. Die Sonne ißt sie auf, wie die Seeleute sagen. Außer etwa, es löst sich eine dunkle Gewitterwolke von der Hauptmasse, jagt quer über den Golf und erreicht die offene See jenseits Azuera, wo sie dann plötzlich krachend Feuer speit wie ein ungeheures luftiges Piratenschiff, das, hoch über dem Horizont beigedreht, die See angriffe.
Bei Nacht schiebt sich die Wolkenmasse weiter am Himmel vor und hüllt den ruhigen Golf darunter in undurchdringliche Finsternis, in der man bald da, bald dort plötzlich Regenschauer prasseln hört. Tatsächlich sind diese umwölkten Nächte sprichwörtlich unter den Seeleuten längs der ganzen Westküste eines großen Erdteils. Himmel, Land und See schwinden zugleich aus der Welt, wenn der Placido, wie die Leute es ausdrücken, sich unter seinem schwarzen Poncho zur Ruhe legt. Die wenigen Sterne, die gegen die See zu, unterhalb der Kante der Wolkenbank, übrigbleiben, leuchten schwach wie vor dem Schlund einer schwarzen Höhle. Unter der lastenden Decke treibt dein Schiff unsichtbar unter deinen Füßen, die Segel flattern unsichtbar über deinem Kopf, sogar das Auge Gottes, fügen sie lästerlich hinzu, könnte nicht entdecken, welche Arbeit eines Mannes Hand da unten tut; und es stünde dir straflos frei, den Teufel zur Hilfe zu rufen, würde nicht auch seine List an dieser blinden Finsternis zuschanden.
Die Ufer rings um den Golf sind durchaus steil; drei unbewohnte Inselchen wärmen sich im Sonnenschein, gerade außerhalb des Wolkenvorhangs, gegenüber der Einfahrt zum Hafen von Sulaco; es sind die »Isabellen«.
Da ist die Große Isabelle; die Kleine Isabelle, ganz rund, und Hermosa, die kleinste.
Diese letztere ist kaum einen Fuß hoch und etwa sieben Schritt breit, nur eine graue Felsfläche, die nach einem Regen wie ein Aschenhaufen raucht und die niemand vor Sonnenuntergang bloßfüßig betreten würde. Aus der Kleinen Isabelle läßt eine alte, zerzauste Palme mit starkem, stacheligem Stamm, eine wahre Hexe unter Palmen, trübselig ihre dürren Blätter über den spärlichen Sand rascheln. Auf der Großen Isabelle entspringt eine Süßwasserquelle in dem bewachsenen Hang einer Schlucht. Das Eiland ähnelt einem smaragdgrünen, etwa meilenlangen Keil und trägt zwei Waldbäume, die eng zusammenstehen und eine weite Schattenfläche zu Füßen ihrer schlanken Stämme breiten. Eine Schlucht, die sich durch die ganze Länge der Insel zieht, ist dicht mit Büschen bestanden; der Kamm fällt auf der einen Seite als steile Klippe zum Meere ab und verläuft auf der ändern allmählich in einen schmalen Streifen sandigen Ufers.
Von diesem niederen Ende der Großen Isabelle dringt das Auge durch eine Lücke, etwa zwei Meilen weit weg, die wie mit der Axt aus dem regelmäßigen Schwung der Küste ausgehauen ist und gerade in den Hafen von Sulaco führt. Auf der einen Seite kommen die kurzen, waldigen Ausläufer und Täler der Kordillere bis hart an das Ufer herunter, auf der andern Seite verliert sich die große Sulaco-Ebene in das opalfarbene Geheimnis endloser Weite, von trockenem Dunst verhängt. Die Stadt Sulaco selbst – Mauerkämme, große Kuppeln, der Schimmer weißer Balkone inmitten weiter Orangenhaine –, die Stadt liegt zwischen den Bergen und der Ebene, etwas entfernt von ihrem Hafen und nicht in der Sehlinie vom Meere aus.

II

Inhaltsverzeichnis

Als einziges Anzeichen geschäftlicher Betriebsamkeit innerhalb des Hafens ist von der Großen Isabelle aus der wuchtige Kopf der hölzernen Landungsbrücke zu erkennen, den die Oceanic Steam Navigation Company (die O. S. N,, wie sie genannt wird) über den seichten Teil der Bucht hat schlagen lassen, bald nachdem sie sich entschlossen hatte, aus Sulaco einen ihrer Anlegehäfen in der Republik Costaguana zu machen. Der Staat weist an seiner langen Küste mehrere Häfen auf, die aber alle – Cayta, einen bedeutenden Platz, ausgenommen – entweder nur kleine, unzugängliche Einlasse in einem Eisenwall darstellen – wie Esmeralda zum Beispiel, sechzig Meilen südlich – oder nur offene Reeden, den Winden ausgesetzt und von der Brandung gepeitscht.
Vielleicht hatten die atmosphärischen Bedingungen, die die Kauffahrer vergangener Zeiten fernhielten, die O. S. N. Kompagnie bewogen, in den heiligen Frieden einzubrechen, in dem Sulaco sein geborgenes Dasein führte. Die umspringenden Brisen, die auf dem weiten Halbkreis der Gewässer innerhalb der Spitze von Azuera ihr Spiel trieben, konnten der Dampfkraft der ausgezeichneten Flotte der Gesellschaft nichts anhaben. Jahr um Jahr waren die schwarzen Leiber ihrer Schiffe die Küste hinauf und hinunter gezogen, hinein und heraus, über Azuera hinaus, über die Isabellen, über die Punta Mala, ohne Rücksicht auf irgend etwas, außer auf die Tyrannei der Zeit. Ihre Namen, alle aus der Mythologie entlehnt, wurden vertraute Worte längs einer Küste, die nie von den Göttern des Olymps beherrscht worden war. Die Juno war lediglich wegen ihrer bequemen Mitschiffksajüten bekannt, der Saturn wegen der guten Laune seines Kapitäns und der prächtigen Vergoldung und Malerei des Salons, während der Ganymed hauptsächlich für Viehtransport eingerichtet war und von Küstenpassagieren besser gemieden wurde. Noch dem letzten Indianer im verlassensten Küstendorf war der Zerberus vertraut, ein kleiner schwarzer Ratterkasten ohne nennenswerte Einrichtung für Passagiere, dessen Aufgabe darin bestand, längs der waldigen Küste unter den schauerlichen Felsen hinzukriechen und verbindlich vor jeder kleinsten Gruppe von Hütten anzuhalten, um Landesprodukte einzunehmen, bis hinunter zu Dreipfundpaketen von Rohgummi, in dürre Blätter verpackt.
Und da sie selten auch nur das kleinste Paket in Verlust gehen ließ, äußerst selten etwa einen Ochsen einbüßte und nie einen einzigen Passagier ertränkt hatte, so stand der Name der O. S. N. in mächtigem Ansehen. Die Leute erkannten an, daß unter der Obhut der Gesellschaft ihr Leben und ihr Eigentum auf dem Wasser sicherer wären als in ihren eigenen Häusern an Land.
Der Inspektor der O.S.N. in Sulaco für den gesamten Dienstzweig Costaguana war überaus stolz auf die Stellung seiner Gesellschaft. Er faßte das in einen Ausspruch zusammen, den er oft im Munde führte: »Wir machen niemals Fehler.« Den Offizieren der Gesellschaft gegenüber wurde es zur eindringlichen Mahnung: »Wir dürfen keine Fehler machen. Ich will hier keine Fehler haben, ganz gleich, was Smith dort drüben auf seiner Seite tut!«
Smith, den er zeit seines Lebens nie mit Augen gesehen hatte, war der andere Inspektor der Gesellschaft, mit dem Dienstsitz etwa fünfzehnhundert Meilen weg von Sulaco. »Reden Sie mir nicht von Ihrem Smith.«
Dann pflegte er sich plötzlich zu beruhigen und den Gegenstand mit gespielter Nachlässigkeit fallen zu lassen.
»Smith weiß von diesem Land nicht mehr als ein Säugling.«
»Unser ausgezeichneter Señor Mitchell« für die Handels- und Beamtenwelt von Sulaco; »der geschwätzige Joe« für die Kapitäne der Gesellschaft, brüstete sich Kapitän Joseph Mitchell mit seiner tiefen Kenntnis von Menschen und Dingen im Lande – den »cosas de Costaguana«. Unter diesen letzteren hob er als äußerst ungünstig für den geordneten Dienst seiner Gesellschaft die häufigen Regierungswechsel hervor, die durch Militärrevolten immer wieder herbeigeführt wurden.
Die politische Atmosphäre der Republik war in jenen Tagen durchaus stürmisch. Die flüchtigen Patrioten der unterlegenen Partei hatten die üble Gewohnheit, immer wieder längs der Küste aufzurauchen, mit einer halben Schiffsladung von Handfeuerwaffen und Munition. Diese Betriebsamkeit erschien Kapitän Mitchell geradezu wunderbar, im Hinblick auf den Zustand völliger Entblößung, in dem die Leute geflohen waren. Er hatte beobachtet, daß sie »niemals genug Kleingeld bei sich zu haben schienen, um die Fahrkarte aus dem Lande hinaus zahlen zu können«, und er konnte aus Erfahrung sprechen; denn bei einer denkwürdigen Gelegenheit war er berufen gewesen, dem Diktator zugleich mit ein paar hohen Beamten von Sulaco (dem Regierungspräsidenten, dem Direktor des Zollamts und dem Polizeichef) das Leben zu retten; die Herren hatten sämtlich einer gestürzten Regierung angehört. Der arme Senñor Ribiera (dies der Name des Diktators) war armselig achtzig Meilen weit über Bergpfade gekommen, nach der verlorenen Schlacht von Socorro, in der Hoffnung, der üblen Kunde den Weg abzulaufen – was er natürlich auf einem lahmen Maultier nicht fertiggebracht hatte, überdies verendete das Tier unter ihm, gerade am Ausgang der Alameda, wo an den Abenden zwischen den Revolutionen mitunter die Militärmusik spielte. »Herr«, pflegte Kapitän Mitchell mit würdigem Ernst fortzufahren, »das unzeitige Ende des Mulos lenkte die Aufmerksamkeit auf den unglücklichen Reiter. Seine Züge wurden von einigen Deserteuren erkannt, die von der Armee des Diktators entflöhen und mit der Pöbelmenge eben dabei waren, die Fensterscheiben der Intendancia einzuschlagen.«
Am frühen Morgen jenes Tages hatten die Lokalbehörden von Sulaco in den Amtsräumen der O. S. N. Zuflucht gesucht, einem wuchtigen Bau nächst dem Beginn der Landungsbrücke, und hatten die Stadt auf Gnade oder Ungnade den Aufrührern überlassen; und da der Diktator beim Volke verhaßt war, wegen der strengen Aushebungen, zu der se...

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Autorenbiografie
  3. Historischer Kontext
  4. Synopsis (Auswahl)
  5. Conrads fesselnde politische Romane
  6. Analyse
  7. Reflexion
  8. Unvergessliche Zitate

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