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Hanseaten (Historischer Roman) (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Roman der Hamburger Kaufmannswelt
- 314 Seiten
- German
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Hanseaten (Historischer Roman) (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Roman der Hamburger Kaufmannswelt
Über dieses Buch
Rudolf Herzogs "Hanseaten" ist ein historischer Roman, der die Welt der norddeutschen Kaufmannsstädte, ihre Handelswege, Ratsstuben und familiären Machtgefüge als Bühne gesellschaftlicher Selbstbehauptung gestaltet. Im Mittelpunkt steht weniger bloßes Abenteuer als die Verbindung von Ökonomie, Ehre und politischer Verantwortung. Herzogs Stil verbindet anschauliche Milieuschilderung mit pathetisch gehobener Erzählweise; im literarischen Kontext des wilhelminischen Historienromans erscheint die Hanse als Modell bürgerlicher Tatkraft und städtischer Ordnung. Rudolf Herzog, 1869 geboren und als Erzähler, Dramatiker und Publizist erfolgreich, gehörte zu jenen Autoren, die Geschichte als moralischen Erfahrungsraum deuteten. Seine Herkunft aus dem aufstrebenden Bürgertum und seine Nähe zu zeitgenössischen Debatten über Nation, Arbeit und Standesethos erklären sein Interesse an Figuren, die zwischen privatem Glück und öffentlicher Pflicht handeln müssen. "Hanseaten" spiegelt daher nicht nur mittelalterliche oder frühneuzeitliche Vergangenheit, sondern auch Fragen seiner eigenen Epoche. Empfohlen sei dieses Buch Lesern, die historische Romane nicht allein wegen der Handlung, sondern wegen ihres kulturgeschichtlichen Gehalts schätzen. Wer verstehen möchte, wie deutsche Literatur um 1900 Vergangenheit, Bürgertum und nationale Identität erzählerisch verknüpfte, findet hier ein charakteristisches und aufschlussreiches Werk.
Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern.
- Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
- Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Information
Thema
GeschichteThema
Deutsche GeschichteInhaltsverzeichnis
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
I
Inhaltsverzeichnis
Der Tag brach an.
Es war wie ein Auftakt, den nur das Ohr vernahm. Das Auge gewahrte nichts. Es ahnte nur in dem gleichförmigen Grau, das das schwimmende und landfeste Hamburg wie Zwillingsbrüder aneinanderpreßte, eine dunklere unruhige Linie im Hafenviertel. Nun ein Pfiff, gellend an zehn, zwölf Stellen beantwortet, stoßweise durch den Nebel sich ringend und wie ein Gelächter über dem Hafen zerflatternd. Die dunkle Linie teilt sich fächerförmig, gerät in schnellere Bewegung, knäult sich an den Endpunkten zusammen, stockt und fließt jäh auseinander. Als hätte sie das Hafenwasser aufgesogen.
Und es hatte sie aufgesogen, sich mit ihrem Leben durchtränkt. Das Gemurmel von Menschenstimmen mischt sich mit dem leisen Klatschen des Wassers, das plötzlich in kleinen, lustigen Sprüngen die Kaimauer beleckt; hastig, ein wenig atemlos, die Vorsetzen entlang, links und rechts zu den Liegeplätzen der mächtigen Dampfer, der hochbordig geisternden Segelschiffe, durch die Flußschiffhäfen und um die schwerfälligen Oberländerkähne herum, in die Kanäle und Fleete hinein, zu den breitkrempigen Schuten, die mit hungrigen Mäulern zu den Winden und Kranen der fünfstöckigen Speicherhäuser hinaufglotzen. Derselbe Ton hier und dort und überall, dasselbe eilige Flüstern, derselbe kurze Zuruf: »Sie sind da! Sie sind auf dem Wasser! Der Tag hat begonnen.« ...
Noch immer ist nichts vom Tag zu sehen. Wohl frißt sich die junge Herbstsonne wütend in die Nebelmasse hinein, doch die Wand hält phlegmatisch stand und schwitzt nur zuweilen eine träge Feuchtigkeit aus, die vom Kohlenstaub klebrig geschwärzt das Straßenpflaster und die Häuserfronten überzieht. Aber zu hören ist jetzt der Tag, so weit der Hafen sich dehnt und gliedert! Der Auftakt ist in die Melodie übergegangen. Dissonanzen für das Ohr. Harmonien für das Herz. In das Pfeifen der schmucken, grünen Fährdampfer tönt die Flöte der hin und her schießenden Jollen, das Anschlagen der Glocken auf den erwachenden Dampfern, das heulende Getute der Werft- und Fabrikgetriebe auf den Elbinseln. Scharf durchdringen die Lichter der Hafenfahrzeuge den Morgennebel, huschen durch die Schiffsgassen, blitzen auf an den Höften, den Kaiköpfen der langgestreckten Hafenbecken, wo sich die Ladungen schwarzer Arbeitermassen in die Querfähren verteilen, die sie weiter befördern zu den Ankerplätzen der Ozeanriesen, die im Strome löschen.
Und ganz plötzlich eine Pause. Kurz, totenstill. Ein Aufpullen des Atems, aller Kräfte. Ein Beben läuft über das Wasser, durch die Schiffskörper. Und heia! in das beklemmende Schweigen hinein, es auslöschend, in den Grund stampfend, hohnlachend über sein Grab hinweg: der vollbrausende Lärm der Schlacht, rücksichtslos sicher auf der ganzen Linie einsetzend, keinen Punkt vergessend. Kreischend geben die Schiffsplanken den Hammerschlag zurück, der des Hafenliedes Grundmelodie bildet. An den Dukdalben, den Rammpfählen inmitten der Hafenbecken, knirschen die Ketten der festgemachten Schiffe. Die Schiffsmaschinen übernehmen die Oberstimme. Sie rufen die Leichter und Schuten heran. Die Krane packen zu. Und unaufhaltsam steigen aus den Schlünden der Schiffsluken die Güter auf, schwanken über Bordrand und rasseln in die Schuten hinab. Auf und ab, auf und ab; unaufhaltsam. ...
An den Kais der großen Schiffahrtsgesellschaften wird geladen und gelöscht, gelöscht und geladen. Unersättlich scheinen die Bäuche der Kolosse. Gleichzeitig von der Land- und von der Wasserseite erfolgt der Angriff, die Zufuhr. Auf den Rampen arbeiten die Krane fieberhaft, die Gütermassen, die der Schuppen hergibt, an Bord zu heben. Und auf der Wasserseite faucht der Schwimmkran und hebt gewaltige Sperrgüter ein, die das Lager sparten. Ein Eisenbahnzug rollt über das Hafengleis, die Wagen hoch aufgeschichtet mit fettig glänzender Kohle. Die Sputen werden geschlagen, und über die schiefe Bretterebene schleppt rastlos eine geschwärzte Kohorte in Körben die schwarze Nahrung herbei und verstürzt sie in die Seitenluken der Schiffe. Unaufhaltsam! ...
Und nun hat die junge Herbstsonne den dicken Morgennebel hoch oben beim Schopfe gepackt und drückt ihn langsam aber stetig in die Knie, wirft ihn auf den Rücken, wälzt ihn in den Strom und ersäuft ihn. Im Segelschiffhafen scheint's zu beginnen. Mastspitzen flimmern in der Luft, mehr, immer mehr, als ob Funken übersprängen. Dort bildet sich eine Takelage, dort eine zweite. Zehn, zwanzig sind's. Hundert jetzt. Wohin das Auge sieht, rinnt und hüpft das Tageslicht an einem Wald von Masten hinab, springt auf die Schiffsplanken, überflutet das Deck, strömt über und hebt die Eisen- und Holzrümpfe aus Nebel und qualmendem Wasser. Reihenweise tauchen die Dampfer auf, die Atlantikfahrer in ihren straßenlangen Dimensionen. Fluchend spült Janmaat die kohlenstaubgeschwängerten Niederschläge von Deck. »Verdammt,« brummt er, »so'n Hamborger Swienskrom.« Nun können die Maler beginnen. Zwergenklein hocken sie auf den Stellingen, spucken in die Hände und malen das Schiff schön eisengrau, blütenweiß oder giftgrün.
Die Morgensonne hat die Wasserfläche erreicht. Leuchtend liegt sie auf dem Gewimmel der Boote und Barkassen, die bienenemsig die Schiffsriesen umschwirren, leuchtend auf dem goldenen Getreide, das wie ein Strom aus den Elevatoren in die Kahnungetüme braust, leuchtend auf den Kohlenlasten der Leichterschleppzüge, leuchtend selbst auf den Gesichtern der Menschenherde, die ein polternder Raddampfer rasch in die Auswandererhallen entführt. Wohin die Sonne trifft, quillt das Leben auf. Ihr gilt kein Totes. Nur Entwicklung.
Der Zöllner am Hafentor schiebt die Mütze in den Nacken. »Famost,« sagt er. »Allens, was wahr ist. Famost.« Er wendet den Kopf. »Tja, und da käme der erste Gast. Na dann bitte sehr. Zollpflichtiges? Wie?«
Der Mann, der stelzbeinig aus dem Ruderboot gestiegen war und den rudernden Maaten mit ein paar kurzen Worten zurückgeschickt hatte, war vorsichtig auslugend näher gekommen.
»Gu'n Morgen, Herr Assistent. Es is doch nix Verdächtiges in der Näh'? Nich wahr, nein.«
»Ob Sie Zollpflichtiges haben – wie?« »Nee, nee. Ich wollt man, ich hätt'. Is die Luft rein?«
»Ah, Steuermann Heß. Aber die ›Alhambra‹ ist doch schon gestern abend aufgekommen. Und da bleibt der Mann an Bord, während daß Hamburg – verstehen Sie? Hamburg! – nur so auf ihn mit offenen Armen wartet.«
»Waren Sie schon mal in die Malakkastraße? Ssst!«
»Nein.«
»Wenn Sie noch nich in die Malakkastraße waren, dann können Sie auch nich die nüdlichen gelben Deerns von Singapur kennen.«
»Nein, leider nein.«
»Denn sonst würden Sie mich, der gerade von daher kommt, nich nach ›Zollbarem‹ oder sonstwie ›Bare‹ fragen. Nich wahr?«
»Und da haben nun die fixen Malayenmädchens die ganze Heuer?«
»Bis auf den letzten platten Groschen. Tja. Aber Spaß muß doch sein für das Leben, un so alt sind wir doch noch lange nicht. Nich wahr? – Nur das Wiedersehen mit Muttern – is doch begreiflich – wollt' ich man gerne um die erste Nacht rausschieben.«
»Ach Gott, Steuermann, Ihre arme Frau – erschrecken Sie nicht, aber was Ihre arme Frau betrifft ...«
»Himmel un Düwel – wat is mit Muttern? Is wat passiert?«
»Fassung, Steuermann Heß, seien Sie ein Mann.«
»Is se dot? Dat 's ni meugli!«
»Nein,« sagte der Zöllner mitleidsvoll und klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. »Tot ist sie nicht. Aber sie war gestern abend, als die ›Alhambra‹ aufgekommen war und im Strome festgemacht hatte – ja, ich lüge nicht, aber siebenmal reicht nicht, daß sie hier war und fragte nach Steuermann Heß, ob er durchpassiert wär' und ob viel Zollpflichtiges ... – Junge, Junge!«
»Verdammichten Uhlenspeigel« Steuermann Heß war auf der Brücke.
»Na denn adjüs. Gruß zu Haus!«
Der Steuermann drehte bei. Mit der Zungenspitze fuhr er hinter den Augenzahn, holte den Priem hervor, wog ihn und pfiff ihn blitzschnell über das Brückengeländer gegen den Mützenschirm des Zollbeamten. »Danke. Nich wahr?«
In den Häuserzeilen den Hafen entlang wurden die Fensterläden geöffnet und die kleinen Gardinen zurückgeschoben. Die alten runzligen Bauten mit den lockenden Firmenschildern spreizten sich in der belebenden Frühsonne wie überfällige Koketten. Die Kellerwirte erschienen, hemdärmelig, die Schiffermütze auf dem Ohr, warfen einen prüfenden Blick über den Hafen, einen zweiten gen Himmel und begannen die Gitter wegzuräumen, die nachts ihre Lokale gegen die Straße und den einsamen, allzu heftig zwischen Backbord und Steuerbord schlingernden Janmaat zu schützen pflegen. Dann begaben sie sich hinter die Tonbank, auf der die in- und ausländischen Branntweinflaschen aufpostiert standen, und sahen träge blinzelnd der stämmigen Deern zu, die die Säuberung des Lokals vollzog und den Staub von dem Deckenschmuck, den Alligatoren, Haien, Schwert- und Sägefischen, aufwirbelte, indem sie die Bestien mit dem Scheuerlappen ein paarmal energisch auf die Schnauze oder unter den Bauch schlug.
Auf der Straße wurde es lebendiger. Schwere Rollwagen polterten über das Pflaster und suchten ihre Ladestellen auf. Seeleute sammelten sich vor den Heuerbureaus, sich für neue Fahrt zu verdingen. Schauerleute zogen in kleinen Trupps von und nach den Arbeitsnachweisstellen. Junge und alte, lachende und stumpfe, Burschen in gutem blauen Düffelanzug, Männer im Arbeiterhemd, und Wracks in zusammengebasteltem Trödlerrock. Der Tag war da, und sie wollten leben.
Und während drinnen in der Stadt, der Stadt der Kontore, und in den Außenstadtteilen und Vororten, den Wohnstätten der besser gestellten Bürger, noch friedliche Stille herrschte, hatte der Tag im Hafengebiet längst alle Register gezogen.
Neben den St. Pauli-Landungsbrücken lag eine kleine, kräftige Dampfbarkasse. Der Bootsführer rekelte sich auf der Bank, der Junge hielt scharf Auslug. »Herr Twersten noch nich in Sicht,« meldete er.
»Kumm mol her un stak mi de Piep an.«
Der Junge riß an der Lederhose ein Schwefelholz an und hielt es in den Pfeifenkopf. Dann kehrte er auf seinen Posten zurück. »Herr Twersten noch nich in Sicht.« Der Bootsführer rauchte im Halbschlaf.
»Dat 's good,« murmelte er, »dann holl mi mol 'n Snaps, 'n richtigen Minschensnaps.«
»Achtung Herr Twersten!«
»Den Düwel« ... Bolzengerade war der Bootsführer aufgefahren und hatte dem Jungen, der hinter ihn gesprungen war, die heiße Tonpfeife in die Hand gedrückt.
»Aua!« »Unerhollung mot sien. Mak fix.«
Vom Johannisbollwerk her kam im scharfen Trab ein Wagen. Dicht bei der Brücke hielt er. Der Kutscher zog die Zügel heran und griff salutierend an den Hut. Zwei Herren stiegen aus.
»Um ein Uhr, Friedrich.«
»Jawohl, Herr Twersten.«
»Na, kommst du, Robert? Da schlägt's neun.«
»Sofort, Papa. Nur dem Fuchs noch ein Stückchen Zucker. Ich freu' mich immer, wie klassisch er gebaut ist.«
Karl Twersten sah aus halbgeschlossenen Augen zu seinem Sohne hin. »Vorwärts, Friedrich,« befahl er dann kurz und wandte sich dem Steg zu. Wenige Sekunden blieb er stehen. Seine Augen öffneten sich weit. Er blickte hinüber nach Steinwärder. Einen tiefen Atemzug tat die breite Brust. Das dichte volle Haupthaar war ergraut. Aber der dunkle Bart zeigte nicht einen gr...
Inhaltsverzeichnis
- Hanseaten (Historischer Roman)
- Unvergessliche Zitate
- Notizen
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