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Junggesellenwirtschaft (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Erbschaftsintrigen, Familienkonflikte und moralischer Verfall in der französischen Provinz des 19. Jahrhunderts
- 282 Seiten
- German
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Junggesellenwirtschaft (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Erbschaftsintrigen, Familienkonflikte und moralischer Verfall in der französischen Provinz des 19. Jahrhunderts
Über dieses Buch
Balzacs "Junggesellenwirtschaft" entfaltet ein unerbittliches Drama um Erbschaft, Begehren und soziale Maskerade. Im Zentrum stehen die Familien Bridau und Rouget, deren Schicksale zwischen Paris und der Provinzstadt Issoudun durch Habgier, sexuelle Abhängigkeiten und politische Nachwirkungen des Kaiserreichs verknüpft werden. Mit analytischer Schärfe, dichter Milieuschilderung und ironischer Erzählökonomie gehört der Roman zur "Comédie humaine" und zeigt den Realismus Balzacs in seiner dunkelsten, gesellschaftsdiagnostischen Form. Honoré de Balzac (1799–1850), selbst geprägt von juristischer Ausbildung, verlegerischen Fehlschlägen, Schulden und rastloser Arbeit, kannte die Mechanismen von Geld, Ehrgeiz und sozialem Aufstieg aus eigener Erfahrung. Seine Beobachtung der Restaurationsgesellschaft, ihrer Veteranen, Rentiers, Notare, Künstler und Emporkömmlinge, bildet den geistigen Hintergrund dieses Romans, in dem private Leidenschaften stets als Symptome historischer und ökonomischer Kräfte erscheinen. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die den psychologischen Roman ebenso schätzen wie die präzise Anatomie gesellschaftlicher Verhältnisse. "Junggesellenwirtschaft" ist keine bloße Familienintrige, sondern eine Studie über Macht, Besitz und moralischen Verfall. Wer Balzacs Welt verstehen will, findet hier ein besonders konzentriertes Beispiel seiner Kunst.
Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern.
- Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes.
- Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten.
- Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben.
- Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text.
- Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen.
- Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen.
- Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
- Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Information
Junggesellenwirtschaft
Inhaltsverzeichnis
Im Jahre 1792 besaß die Bürgerschaft von Issoudun einen Arzt namens Rouget, der im Rufe großer Bosheit stand. Einige behaupteten dreist, er quäle seine Frau, obwohl sie die Schönste in der ganzen Stadt war. Sie wird wohl etwas dumm gewesen sein. Trotz aller Neugier der Freunde, allem Geschwätz der Gleichgültigen und aller üblen Nachrede der Neidischen wußte man nicht recht, wie es im Hause Rouget zuging. Der Doktor gehörte zu den Menschen, von denen man sagt: »Mit dem ist nicht gut Kirschen essen.« Solange er lebte, hielt man den Mund und zeigte ihm eine freundliche Miene. Seine Frau, eine geborene Descoings, war schon als junges Mädchen recht schwächlich gewesen, und das soll den Arzt mit veranlaßt haben, sie zu heiraten. Sie bekam erst einen Sohn und dann, seltsamerweise zehn Jahre später, eine Tochter. Die hatte, wie alle Leute meinten, der Doktor, obwohl er Arzt war, gar nicht mehr erwartet. Dieses späte Kind hieß Agathe. Bei solchen einfachen und nicht ungewöhnlichen Einzelheiten brauchte der Erzähler sich nicht gleich zu Beginn seiner Geschichte aufzuhalten, wenn ihre Kenntnis nicht notwendig wäre, um einen Mann vom Schlage des Doktors zu verstehen und ihn nicht schlechthin für ein Ungeheuer, einen unnatürlichen Vater zu halten, während er doch nur den üblen Neigungen nachgab, die sich gewöhnlich mit dem Grundsatze rechtfertigen: »Ein Mann muß Charakter haben!« Diese Männermaxime hat schon manche Frau unglücklich gemacht.
Rougets Schwiegereltern waren Wollagenten. Sie verkauften für die Viehzüchter und kauften für die Händler das goldene Vließ aus dem Lande Berry und bekamen von beiden Seiten ihre Provision. Dabei wurden sie reich und geizig, was bei vielen Existenzen zusammentrifft. Ihr Sohn, Descoings junior, der Bruder der Frau Rouget, mochte nicht in Issoudun bleiben. Er ging auf gut Glück nach Paris und ließ sich als Kaufmann in der Rue Saint-Honoré nieder. Und das war sein Verderben. Den Krämer zieht es nun einmal zum Handel mit der gleichen Stärke, mit der es den Künstler davon abstößt. Man hat noch nicht genügend erforscht, welche sozialen Kräfte die Menschen in die verschiedenen Berufe treiben. Seit der Sohn nicht mehr des Vaters Handwerk ergreifen muß, wie bei den Ägyptern, muß man sich fragen: Warum wird einer lieber Papierhändler als Bäcker? Bei der Berufswahl des jungen Descoings hatte dann noch die Liebe mitgesprochen. »Ich will auch Krämer werden!« sagte er sich und sagte sich noch mehr beim Anblick der Frau Krämerin, einer prachtvollen Person, in die er sich als Gehilfe sterblich verliebte. Und mit viel Geduld und ein wenig Geld, das ihm seine Eltern schickten, hat er dann wirklich die Witwe seines Vorgängers, des Herren Bixiou, geheiratet. Im Jahre 1792 galt Descoings für einen glücklichen Geschäftsmann.
Damals lebten die alten Descoings noch. Mit Wolle gaben sie sich nicht mehr ab, sie legten ihr Geld in Nationalgütern an: der Ankauf dieser staatlich aufgeteilten Ländereien war auch ein goldenes Vließ! In der sicheren Hoffnung, bald den Verlust seiner Frau beweinen zu dürfen, schickte ihr Schwiegersohn Rouget seine Tochter nach Paris zum Schwager, einmal, damit sie die Hauptstadt kennen lernte, und dann noch aus einer besonderen Hinterlist: Der Schwager Descoings war kinderlos. Seine Frau war zwar sehr gesund, aber fett wie eine Wachtel nach der Weinlese; als erfahrener Arzt sah der schlaue Rouget voraus, daß dies Ehepaar immer glücklich sein, aber, im Widerspruch zu der Märchenmoral, keine Kinder haben würde. Dann konnten also die beiden seine Agathe ins Herz schließen. Er hatte ja die Absicht, seine Tochter zu enterben, und hoffte, wenn er sie verpflanzte, dieses Ziel zu erreichen. Das junge Geschöpf, damals das schönste Mädchen von Issoudun, sah weder dem Vater noch der Mutter ähnlich. Agathes Geburt hatte den Doktor Rouget lebenslänglich entzweit mit seinem intimen Freund, dem früheren Subdelegierten Lousteau, der Issoudun gerade verlassen hatte. Wenn eine Familie aus einem so wohnlichen Orte, wie Issoudun einer ist, auswandert, haben die Bewohner das gute Recht, nach den Ursachen dieses ungewöhnlichen Entschlusses zu forschen. Böse Zungen behaupteten, Herr Rouget habe geschworen, daß Lousteau nur von seiner Hand sterben werde. Wenn das ein Arzt sagt, hat solch ein Wort Gewicht. Als die Nationalversammlung die Subdelegationen aufhob, verließ Lousteau die Stadt Issoudun auf Nimmerwiedersehn. Seit die Lousteaus fort waren, verbrachte Frau Rouget ihre ganze Zeit bei der Schwester des früheren Subdelegierten, einer Frau Hochon, diese war Patin ihrer Tochter Agathe und das einzige Wesen, dem sie ihr Herz ausschüttete. Das Wenige, was die Stadt Issoudun über die schöne Frau Rouget erfahren hat. stammt von dieser guten Dame her und erst aus der Zeit nach dem Tode des Doktors.
Als ihr Mann davon sprach, daß er Agathe nach Paris schicken wolle, war Frau Rougets erstes Wort: »Ich werde mein Kind nicht wieder sehen!« – »Und leider hat sie richtig geahnt«, pflegte die vortreffliche Frau Hochon zu sagen.
Nun wurde die arme Mutter quittengelb, und die da behaupteten, Rouget martere seine Frau langsam zu Tode, schienen recht zu behalten. Das tölpelhafte Benehmen ihres Sohnes trug auch sein Teil dazu bei, blöde Bursche, dessen Rücksichtslosigkeiten der Vater diese unschuldig beschuldigte Frau zu quälen. Der vielleicht noch ermutigte, war unaufmerksam und respektlos gegen seine Mutter. Jean-Jacques hatte des Vaters üble Eigenschaften geerbt, und viel war schon der Alte an Leib und Seele nicht wert.
Die Ankunft der entzückenden Agathe Rouget in Paris brachte ihrem Onkel Descoings kein Glück. In der Woche oder republikanisch richtiger in der Dekade, in welcher sie eintraf, warf ihn ein Wort Robespierres zu Fouquier-Tinville ins Gefängnis. Descoings war nämlich so unvorsichtig gewesen, die berühmte Teurung für künstlich zu halten, und dazu töricht genug, diese Meinung – er glaubte an Meinungsfreiheit – gegen mehrere Kunden und Kundinnen beim Bedienen zu äußern. Das Unglück wollte es, daß die Bürgerin Duplay, Ehefrau des Tischlers, bei dem Robespierre wohnte, und Wirtschafterin des großen Bürgers, Descoings' Laden mit ihrer Kundschaft beehrte. Die Bürgerin Duplay erblickte in der Ansicht des Krämers eine Beleidigung der Majestät Maximilians I. Die berühmte Aufwärterin des Jakobinerklubs war schon unzufrieden mit dem Geist im Hause Descoings und sah in der Schönheit der Bürgerin Descoings eine heimliche Aristokratie. Sie vergiftete, ehe sie sie ihrem guten, milden Meister wiederholte, Descoings' Worte. Der Krämer wurde unter der üblichen Anklage des Wucheraufkaufs verhaftet. Als Descoings ins Gefängnis kam, bemühte sich seine Frau um seine Befreiung; aber sie benahm sich dabei sehr ungeschickt; die Art, wie sie mit den Richtern über Descoings' Schicksal sprach, konnte den Glauben erwecken, sie wolle auf ehrenvolle Weise ihren Gatten loswerden. Sie kannte den einen der Sekretäre Rolands, des Ministers des Innern, Namens Bridau, welcher zugleich die rechte Hand all derer war, die nacheinander diesen Ministerposten bekleideten. Diesen Bridau setzte sie in Bewegung, um Descoings zu retten. Aber den unbestechlichen Bürovorsteher verhinderte seine törichte und bewundernswerte Tugendhaftigkeit, die Leute, von denen Descoings' Schicksal abhing, zu bestechen; er versuchte, sie aufzuklären! Leute von damals aufklären! – da hätte er sie ebensogut bitten können, die Bourbonen zurückzurufen. Der Minister Roland, der gerade als Führer der Gironde Robespierre bekämpfte, sagte zu Bridau: »Worein mischst du dich?« Alle, die der redliche Sekretär aufsuchte, wiederholten ihm das bittere Wort: »Worein mischst du dich?« Nun gab Bridau der Frau Descoings den guten Rat, sich still zu verhalten; allein, statt sich um die Gunst der Aufwärterin Robespierres zu bemühen, wetterte sie gegen die Verleumderin; sie suchte ein Konventmitglied auf, einen, der für sich selbst zu zittern hatte; der sagte ihr: »Ich werde mit Robespierre darüber sprechen.« Damit beruhigte sich die schöne Krämersfrau, und ihr Beschützer sagte natürlich kein Wort zu Robespierre. Hätte sie lieber der Bürgerin Duplay ein paar Zuckerhüte und etliche Flaschen guten Schnapses geschenkt, sie hätte Descoings retten können. In Revolutionszeiten ist es ebenso gefährlich, sein Heil den Redlichen anzuvertrauen wie den Halunken; rechnen kann man nur auf sich selbst. Im Tode genoß Descoings immerhin die Auszeichnung, zusammen mit André de Chénier das Schaffot zu besteigen. Da umarmten sich zum erstenmal Poesie und Krämerei; sie hatten ja immer heimliche Beziehungen und werden sie immer haben. Descoings' Tod machte übrigens viel mehr Aufsehen als der André de Chéniers. Es mußten dreißig Jahre vergehen, bis man erkannte, daß Frankreich an Chénier mehr als an Descoings verloren hatte. Einen guten Erfolg hat Robespierres Maßregel gehabt: bis zum Jahre 1830 haben sich die eingeschüchterten Krämer nicht mehr mit der Politik befaßt. Descoings' Laden lag nur hundert Schritt von Robespierres Wohnung. Und des Krämers Nachfolger machte schlechte Geschäfte. Das war der berühmte Parfümeriefabrikant Cäsar Birotteau. Übertrug diese unheimliche Nachbarschaft das Unglück und ruinierte den Erfinder der ›Sultaninnenpaste‹ und des ›Eau carminative‹? Diese Frage mögen die okkulten Wissenschaften lösen. Dem Bürovorsteher Bridau hatte, so oft er die Frau des unglücklichen Descoings besuchte, Agathe Rougets stille, kühle, klare Schönheit großen Eindruck gemacht. Nun kam er, die Witwe, die in ihrer Trostlosigkeit das Geschäft ihres zweiten Verstorbenen liegen ließ, zu trösten, und heiratete schließlich noch in der gleichen Dekade das reizende junge Mädchen. Er brauchte nur die Ankunft des Doktors Rouget abzuwarten, der unverzüglich eintraf. Der Arzt war entzückt, daß die Folge der Ereignisse seine Wünsche überholte, denn jetzt wurde seine Frau die einzige Erbin der alten Descoings; er eilte nach Paris, weniger, um der Hochzeit seiner Tochter Agathe beizuwohnen, als um den Ehevertrag in seinem Sinne abfassen zu lassen. Die Selbstlosigkeit und übergroße Liebe des Bürgers Bridau ließen der Gemeinheit des Arztes freie Hand, und der weitere Verlauf dieser Geschichte wird zeigen, wie Rouget die Verblendung seines Schwiegersohnes auszunutzen verstand. Frau Rouget oder genauer der Doktor erbte also den ganzen beweglichen und unbeweglichen Besitz von Vater und Mutter Descoings, die bald danach in einem Abstand von zwei Jahren starben. Zuguterletzt kam Rouget dann mit seiner Frau zum Ziel, die zu Anfang des Jahres 1799 starb. Und er bekam Weinberge, kaufte Gutshöfe, erwarb Eisenhämmer, und sein Wollhandel blühte. Sein lieber Sohn verstand nichts, und der Vater beschloß, ihn Grundbesitzer werden zu lassen, und ließ ihn aufwachsen in Reichtum und Dummheit. Dabei werde sein Kind das bißchen Leben und Sterben so gut lernen wie die Gelehrten, meinte er. Seit 1799 schätzten die Rechner von Issoudun den alten Rouget auf bereits dreißigtausend Franken Rente. Nach dem Tode seiner Frau ergab sich der Doktor seinen Ausschweifungen, aber sie waren sozusagen geregelt und unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf das eigene Heim beschränkt. Dieser Mann von Charakter starb im Jahre 1805. Nun wußten die Bürger von Issoudun Gott weiß was alles von ihm zu berichten, und über sein Privatleben waren die schaurigsten Anekdoten in Umlauf. Jean-Jacques Rouget, den der Vater schließlich in Anbetracht seiner Dummheit strenger behandelt hatte, blieb aus Gründen, die im Verlauf dieser Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen werden, Junggeselle. Und daran war zum Teil der Doktor schuld.
Wir müssen nun betrachten, wie die Rache wirkte, die Rache des Vaters an der Tochter, die er nicht für sein Kind hielt, und die es doch rechtmäßig war. In Issoudun hatte niemand einen jener wunderlichen Zufälle bemerkt, die aus der Zeugung und Abstammung einen Abgrund machen, in dem die Wissenschaft sich verliert. Agathe sah der Mutter des Doktors Rouget ähnlich. Das Überspringen einer Generation und die Vererbung von Großvater auf Enkel, die man häufig bei der Gicht beobachtet hat, läßt sich nicht selten bei der Familienähnlichkeit nachweisen. So glich Agathes erstes Kind von Ansehen der Mutter, aber den Charakter erbte es vom Großvater Rouget. Doch wir wollen die Lösung auch dieses Problems dem zwanzigsten Jahrhundert nebst einigen Fachausdrücken vermachen, und unsere Nachfahren mögen über diese dunkle Frage weiter soviel Törichtes schreiben wie unsere gelehrten Körperschaften es bereits getan haben.
Agathe Rouget gewann die allgemeine Bewunderung durch ein Gesicht, das gleich dem Marias, der Mutter des Heilands, immer jungfräulich blieb, auch nach der Heirat. Ihr Porträt, das im Atelier ihres Sohnes noch zu sehen ist, zeigt ein vollkommenes Oval und ein makelloses Weiß trotz ihres rötlich goldenen Haares. Häufig fragen andre Künstler unsern berühmten Bridau, wenn sie die reine Stirn, den verhaltenen Mund, die feine Nase, die zierlichen Ohren, die langen Wimpern, dunkelblauen, tief zärtlichen Augen, die ganze Innigkeit dieses Gesichtes betrachten: »Ist das eine Kopie nach Raffael?« Nie hatte jemand eine glücklichere Eingebung als der Bürovorsteher Bridau, als er das junge Mädchen heiratete. Agathe verwirklichte das Ideal der Hausfrau, die in der Provinz groß geworden und nie von der Mutter fortgekommen ist. Sie war fromm ohne Frömmelei und besaß nur die Bildung, welche die Kirche den Frauen gibt. Sie war eine musterhafte Gattin im einfachen Sinne des Wortes, und ihre Lebensunkenntnis brachte ihr manches Unglück. Die Grabschrift der berühmten Römerin: ›Sie wob und hütete das Haus‹, gibt am besten die stille Reinheit dieses einfachen Daseins wieder.
Seit dem Konsulat war Bridau ein begeisterter Anhänger Napoleons, der ihn 1804, ein Jahr vor Rougets Tode, zum Sektionschef ernannte. Er bezog zwölftausend Franken Gehalt und stattliche Gratifikationen, und so blieb er gleichgültig gegenüber den schmählichen Ergebnissen der Testamentsvollstreckung in Issoudun, bei der Agathe leer ausging. Sechs Monate vor seinem Tode hatte der alte Rouget seinem Sohne einen Teil seines Besitzes käuflich überlassen, und der Rest wurde dann Jean-Jacques mehr als eine Art Schenkung denn als Erbschaft zugesprochen. Agathes ganzer Anteil an der Hinterlassenschaft ihrer Eltern waren die hunderttausend Franken, die sie als Vorschuß auf ihre Erbschaft in ihrem Ehevertrag erhalten hatte. Ein wahrer Anbeter des Kaisers, diente Bridau mit fanatischer Ergebenheit den gewaltigen Entwürfen des modernen Halbgottes, der alles in Frankreich zerstört fand und alles neu schaffen wollte. Nie versuchte der Sektionschef zu bremsen. Pläne, Denkschriften, Rapporte, Studien, die lastendsten Aufgaben übernahm er; dem Kaiser zu folgen war sein höchstes Glück; er liebte den Menschen, er vergötterte den Herrscher Napoleon, er duldete nicht die kleinste Kritik an seinen Taten oder Absichten. Von 1804 bis 1808 hatte er eine große schöne Wohnung am Quai Voltaire, ein paar Schritte von seinem Ministerium und den Tuilerien. In ihrer Glanzzeit verwaltete Frau Bridau ihren ganzen Haushalt mit einer Köchin und einem Diener. Agathe stand stets als erste auf und ging mit ihrer Köchin in die Hallen einkaufen. Während der Diener die Zimmer machte, überwachte sie das Frühstück. Bridau begab sich immer erst gegen elf Uhr in sein Ministerium. Und solange sie zusammen waren, bereitete ihm seine Frau mit immer neuer Freude ein schmackhaftes Frühstück, die einzige Mahlzeit, an der Bridau ein wirkliches Vergnügen hatte. Zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter sah Agathe ihrem Manne aus dem Fenster nach, wenn er ins Ministerium ging, und zog den Kopf erst zurück, wenn er in die Rue du Bac einbog. Dann räumte sie selbst ab, ging noch einmal ordnend durch die Zimmer, zog sich an, spielte mit ihren Kindern, ging mit ihnen aus oder empfing Besuche, bis Bridau nach Hause kam. Brachte der Sektionschef dringende Arbeiten mit, so setzte sie sich zu ihm in seinem Arbeitszimmer neben seinen Schreibtisch und sah ihm strickend und stumm wie ein Standbild bei der Arbeit zu. Sie blieb wach solange wie er und ging erst einige Augenblicke vor ihm zu Bett. Bisweilen besuchte das Ehepaar das Theater in der Ministerloge. Dann pflegten sie im Gasthaus zu speisen; und das Gasthaus war für Frau Bridau auch ein Schauspiel, das sie genoß wie alle, die fremd in Paris sind. Oft mußte Bridau als Sektionschef und leitende Persönlichkeit in einem Teil des Ministeriums des Innern Einladungen zu großen Diners annehmen und entsprechend erwidern; bei solchen Gelegenheit...
Inhaltsverzeichnis
- Einführung
- Synopsis
- Historischer Kontext
- Autorenbiografie
- Junggesellenwirtschaft
- Analyse
- Reflexion
- Unvergessliche Zitate
- Notizen
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