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Agnes von Lilien (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Empfindsamer Bildungsroman über Tugend, Selbstbestimmung und weibliche Identität in der deutschen Klassik
- 290 Seiten
- German
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Agnes von Lilien (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Empfindsamer Bildungsroman über Tugend, Selbstbestimmung und weibliche Identität in der deutschen Klassik
Über dieses Buch
Agnes von Lilien entfaltet die Geschichte einer jungen Frau, die zwischen Herkunft, Erziehung, Gefühl und gesellschaftlicher Erwartung ihren moralischen Ort sucht. Der Roman verbindet empfindsame Innenschau mit den Formprinzipien des Bildungsromans und steht im Umkreis der Weimarer Klassik: Seelenanalyse, ideale Freundschaft, Tugendprüfung und die Frage weiblicher Selbstbestimmung werden in einer stilistisch klaren, zugleich emotional differenzierten Prosa verhandelt. Caroline von Wolzogen, 1763 geboren und durch ihre Nähe zu Friedrich Schiller sowie zum geistigen Milieu von Weimar und Jena geprägt, schrieb aus einer Position genauer Beobachtung aristokratischer und bürgerlicher Lebensformen. Ihre Erfahrungen als gebildete Frau in einer Epoche, die weibliche Bildung bewunderte und begrenzte, verleihen dem Werk besondere Spannung. Dass der Roman zunächst anonym erschien und zeitweise prominenteren Autoren zugeschrieben wurde, bezeugt seine zeitgenössische Wirkung. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die die Literatur um 1800 nicht nur als Kanon großer Namen, sondern als vielstimmiges Gespräch über Gefühl, Vernunft und gesellschaftliche Ordnung verstehen möchten. Agnes von Lilien ist ein feinsinniger, historisch aufschlussreicher und ästhetisch reizvoller Roman über Identität, Würde und die schwierige Kunst, sich selbst treu zu bleiben.
Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern.
- Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes.
- Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten.
- Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben.
- Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen.
- Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen.
- Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
- Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Information
Thema
LiteraturThema
Literatur Allgemein Caroline von Wolzogen
Agnes von Lilien
e-artnow, 2018
Contact: [email protected]
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ISBN 978-80-268-2063-5
Inhaltsverzeichnis
An meine Kinder
Erster Theil
Zweyter Theil
An meine Kinder
Inhaltsverzeichnis
Für Euch, meine Kinder, entriß ich diese Blätter dem Strome der Vergangenheit! Ich habe die Blüthenzeit meines Lebens noch einmahl durchlebt, während ich sie schrieb. Die Natur gab mir jenen wohlthätigen Schleier, der den Bildern der Vergangenheit ihren lebendigen Zauber bewahrt, und mit ihm tausendfachen Genuß und reicheres Leben.
Die klare Ansicht einer fremden Existenz ist nie ganz ohne Wirkung auf unsre eigne. Was ich bin, oder was ich zu seyn wähne, und unter welchem freundlichen Einfluß des Schicksals ich es wurde, – sollen Euch diese Blätter zeigen.
Alle Kunstforderungen müßt Ihr hier aufgeben. Nur die Erinnerung bewegte meinen bildenden Sinn, und die Geister der Vergangenheit erschienen wie Ossians Geister auf flüchtigen Wolkengestalten.
Wie sanft ist der Übergang aus der jugendlichen Täuschung zur Wahrheit des Lebens, wenn selbst der Besitz des höchsten Gutes, welches wir wünschten, uns in den Kreis der Wirklichkeit zurückführt! Es bleibt nichts unbefriedigtes in unsrer Seele, und das stille Geschäft einer höheren Bildung nimmt seinen ununterbrochnen Fortgang, ohne von den beunruhigenden Träumen eines ungestillten Verlangens gestöhrt zu werden.
Die Verbindung zweyer liebenden Seelen löst das sonderbare Räthsel unsrer Existenz, im Gefühl einer ewigen Befriedigung und eines ewigen Strebens nach etwas Unerreichbarem.
Euer holdes Daseyn gab unserm Leben die schönste würdigste Bedeutung. Eure klaren Augen, in denen die Welt sich von so einfachen Seiten spiegelte, Euer kindisches Begehren und Streben – führte uns sanft in die Unschuldswelt zurück, erhielt den zärtesten Bildern unsres Gemüths ihre frischen Farben, und klärte die Quellen des heiligsten innren Lebens auf. Als Ihr denken und wollen lerntet, sah ich mit Entzücken, daß das schöne Verhältniß der Gemüthskräfte Euch wie die Gestalt Eures Vaters angebildet wurde.
Den Kreis von Freunden, der sich um uns versammelte, vermochte keine Laune des Schicksals zu zerstreuen. Im Drang der Verhältnisse hatten sich die edlen Naturen erprobt und bewährt erfunden.
Kindliches Vertrauen verband alle Herzen, Muth und Weisheit vereinte sie zu edlem Wirken, Geist und Grazie webte das Band des Umgangs.
Eure verehrten Großeltern lebten ein glückliches Alter.
Mein Pflegevater wiegte Euch noch auf seinen Knieen. Mit freudestrahlendem Blick sah er in meinem ältesten Sohn den künftigen Herrn seines geliebten Dörfchens. Die stille Wirkung dieses edlen Geistes blieb unter uns ewig lebendig, sein Glaube glühte in unserm Herzen.
Die Obergewalt der Güte in der Natur zu fühlen, wie er, das war die Quelle und die Wirkung unsres Glücks.
Die Ruhe, die sich unter die blinde Nothwendigkeit beugt, tödtet die schönsten Blüthen unsers Wesens, sie erzeugt nur das kräftige Selbstgefühl eines Athleten; – aber die Stille der Seele, die ihr eignes Glück wieder in der Natur auszuathmen strebt, die liebliche Fülle der Freyheit und Schönheit, die Wohlthätigkeit des ganzen Daseyns, bildet sich nur in einem Gemüth, dem die Nothwendigkeit als höchste Güte erscheint.
Über der Wiege meines ersten Kindes gelobte mir Julius auch Vater zu werden, und in dem ersten reinsten Naturverhältniß alles liebende Vermögen seines reichen Herzens zu beschäftigen.
Bettina hatte sich schön ausgebildet unter den Augen der Gräfin und ihres Vaters. Ihr Geist, ihr Talent war bezaubernd.
Sie scherzte selbst mit mir in Nordheims Gegenwart über ihren ersten Jugendtraum; ich hielt sie für ganz geheilt.
Bald fühlte ich, daß sie Julius in einem neuen Lichte wahrnahm. Leidenschaftliche Liebe, Neigung ohne Grenzen war die Natur des Mädchens, und Julius nahm sie mit dem zärtesten Herzen auf. Er selbst schien sich mehr hinzugeben, als sie lebhaft zu ergreifen, aber es war im höchsten feinsten Sinn; sie wurden ein glückliches Paar.
Die Gestalt des alternden Mütterchens macht einen sonderbaren Kontrast mit der glühenden Leidenschaft die in diesen Blättern athmet. Die Zeit macht von selbst unser Leben zu einem vollendeten Gemählde, in dem jede Farbe der allgemeinen Harmonie untergeordnet ist. Nur wenn ein irrer Wille dem stillen Naturgang widerstrebt, entstehen grelle Töne.
Euer Vater lächelte bey manchem Zug dieser Geschichte, und freute sich unter dem ergrauenden Scheitel, das freundliche Leben der Jugend noch einmahl aufglühen zu sehen.
Wir freuten uns dessen, was wir gewesen sind und noch sind. Die Form ist unverändert geblieben. Wir gehen dann in den großen Saal, und sehen unsre Bilder an.
Die Vergangenheit umleuchtet uns als ein freundlicher Strahl, und wenn wir uns die Hände drücken, die sich durch eine Reihe von Jahren zu mildem Wirken vereinten, – dann fühlen wir nicht, daß uns die Jugend entflohen ist, sondern daß eine neue Jugend in uns aufblüht.
Erster Theil
Inhaltsverzeichnis
Ich wurde in dem Hause des Pfarrers zu Hohenfels, als seines Bruders Tochter erzogen. Sobald ich es verstehen konnte, sagte mir der Pfarrer, meine Eltern wären während meiner ersten Kindheit gestorben, aber ich sollte ihn als meinen Vater ansehen. Ich erfüllte dieses Verlangen in seinem vollen Sinn, denn ich fühlte nie, daß meine Eltern mir fehlten. Er war ein seltener Mann, und ich werde in der Geschichte meiner Erziehung ausführlicher seyn, als ich vielleicht sollte, weil sich sein Charakter in derselben am besten darstellt. Sein Gemüth war eine reine Harmonie, der sich jeder mit Vergnügen näherte, und ohne es zu suchen, wirkte er auf einen großen Cirkel. Er ließ sich gern und leicht in ein Gespräch ein, und wußte das gemeinste an die wichtigsten Gegenstände so natürlich und leicht anzuknüpfen, daß er das innere Wesen der Menschen aufschloß.
Als mein Verstand reif genug war, um die Menschen gegen einander zu vergleichen, sagte ich oft meinem Vater, wie hoch über alle andere erhaben Er mir erschiene. Mit einem milden Ernst in seinem Blick erwiederte er dann: Wenige zwang das Schicksal mit so freundlicher Gewalt auf der Bahn des Rechten zu bleiben, als mich. Manche Kraft wird zerstöhrt, ehe sie ihre wahre Richtung empfängt. Ich hatte hohen Genuß und tiefes Leiden, aber die Flamme der reinen Liebe erhielt mein besseres Leben. Eine Welt von Erinnerungen schien sich bey solchen Äußerungen in seinem Innern zu entwickeln; sein Auge war gesenkt, er war in sich selbst versunken, aber schnell, als von einem neuen Feuer belebt, kehrten sich dann seine Blicke nach mir; er sagte mir ein freundliches Wort, gab mir einen kleinen Auftrag, welchen ich vorzüglich gern befolgte; ich fühlte, daß irgend ein Gefühl seinen Busen drängte, welchem er Gewalt anthat, und es war mir als schwebte auf seinen Lippen: »Du bist doch mein Liebstes in der Welt!« Über meine Erziehung wachte er mit der Sorgfalt, mit der er jede einmahl übernommene Pflicht beobachtete. Er beschäftigte sich mit mir in seinen ernsten Stunden, aber ich war auch sein liebstes Spiel in den wenig geschäftlosen Augenblicken, die er sich vergönnte. Ich entsinne mich, daß er mich früh gewöhnte, die Begriffe der Arbeit und Ordnung mit meinen Spielen zu verbinden; das geringste, einmahl angefangene Geschäft mußte ich vollenden. Ich war weich und liebend gebildet, und konnte auch keine leise Äußerung der Unzufriedenheit von meinem Vater ertragen. Am tiefsten schmerzte mich, wenn er nach einer begangenen Unart mich wenige Stunden von sich entfernte. Das Einkommen, von welchem das Hauswesen bestritten wurde, war sehr mäßig, aber eine weise Einrichtung verbannte, mit aller unnützen Verschwendung auf der einen Seite, auch allen Geiz auf der andern. Nichts ging verloren, also war genug da, um ein reines ordentliches Leben zu führen, und meine Jugend war reich an allen kleinen Freuden, die der Wohlstand erzeugt.
Diese einfachen Verhältnisse, durch die Kunst meines Vaters geleitet, dienten mir zur Schule des Betragens für das künftige Leben. »Du sollst herrschen und dienen lernen, mein liebes Kind,« sagte er mir zuweilen: »wenn man beides mit Einsicht und mit Achtung für sich selbst zu thun versteht, so ist eins so leicht als das andere; aber sicher ist es Quelle mannichfaltiger Schiefheit und Verworrenheit in vielen Verhältnissen, wenn unsere Fähigkeit ausschliessend für das eine oder für das andere entwickelt wurde. Die Ungeschicklichkeit, sich in irgend einer Lage zu betragen, zieht ein Heer kleiner Übel um uns her, die endlich den Blick in die äußere Welt und in unser Inneres umdämmern. Darum übe dich in allen Formen des Umgangs, und lerne jeden Menschen nach seinem individuellsten Daseyn behandeln, und dich selbst in jedem Verhältniß auf die freieste und für andere am wenigsten drückende Art stellen.« Sein Beispiel, sein stillwirkendes Leben erklärte mir den tiefen Sinn dieser Rede.
Wenn mich nicht häusliche Geschäfte abriefen, war ich größtentheils in einem Kabinet, welches an meines Vaters Zimmer stieß. Ich fühlte mich in voller Freiheit, und, war doch in immerwährender Aufsicht. Da mein Vater selbst nie in eine gewisse Leere und Unbedeutenheit des Daseyns versank, so lernte ich sie auch nicht kennen; ich lebte in einem Cirkel stiller Geschäftigkeit, und mein jugendlicher Frohsinn entwickelte sich mit einigen Gespielen meines Alters. Die Kinder unserer Gutsherrschaft und ein paar Bauerkinder aus der Nachbarschaft lockten mich zu allen kindischen Spielen, und mein Vater sah es gern, wenn ich in körperlicher Behendigkeit die andern übertraf; selbst Rosine durfte kein schiefes Gesicht machen, wenn ich mit zerrissener Schürze und Halstuch zurückkam, aber ich selbst mußte auch alles wieder in guten Stand bringen, und wenn sie dazu helfen wollte, so war es nur Gefälligkeit. Ich hatte einige Lehrstunden, um mich an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen; aber mir damahls unbemerkbar war mein Vater, während dem ganzen Lauf des Tages, mit meiner Bildung beschäftigt.
Wir lebten in einer lieblichen Gegend, und die mannichfaltigen und großen Naturgestalten um mich her nährten meinen Schönheitssinn. Das geheimnißvolle Leben der Natur ergriff mich früh, und die sanften Schauer der Bewunderung dehnten meinen Busen in erhabenen Gefühlen aus. Freundlich gesinnte Geister, schien mirs, wandelten im wechselnden Spiel des Lichtes um die Häupter der Berge, und in den buschigten Ufern des Flusses; ich empfand jenen namenlosen Zauber, in den der Genuß der Schönheit uns wiegt, in vollem Maße. Mein Vater ergriff diese reinsten aller Lebensmomente, um mein tiefstes Daseyn mit dem Gefühl Gottes und der Unsterblichkeit zu beleben. Die christliche Religion lehrte mich mein Vater in ihrem wahren Sinn, kindlich und einfach, als das Resultat der reinsten menschlichen Natur, der wir streben müssen uns zu nähern, und sie in unserm innern und äußern Leben herzustellen.
Mein glückliches Gedächtniß und mein leiser Sinn für die Schönheit brachte meinen Vater auf den Gedanken, mich die alten Sprachen zu lehren, die er enthusiastisch liebte. Die langen Winterabende hinter den Spinnrocken oder am Strickzeug vergingen uns so, daß er mir Stellen aus den Alten vorsagte, die ich auswendig lernen und übersetzen mußte. Die Kunstgestalten der alten Welt sollten meine Einbildungskraft zum Schönen und Edeln stimmen, und mich lehren, meine Sinne für den Eindruck des Gemeinen und Unwürdigen zu verwahren. Durch den Reiz der Neuheit dringt oft ein gemeiner Gegenstand an unser Gemüth, und aus Mangel an schönern Bildern, die ihn verdrängen könnten, umfangen wir ihn mit leidenschaftlichem Begehren.
Ich war immer beschäftigt, und durch einen wichtigen Gegenstand interessirt. Dieses erhielt meinem Vater die Zügel meiner Einbildungskraft in Händen. Freie Luft und Bewegung stärkten meinen Körper. Ich lernte den Feldbau in allen Details kennen, legte im Obst- und Küchengarten wohl selbst Hand an. Mein Sprachstudium, Übungen des Stils im Deutschen und Französischen, Geographie, Naturlehre füllten die Morgenstunden, die von häuslichen Geschäften übrig blieben. Des Nachmittags lehrte er mich Klavierspielen, und ließ mich nach einer Sammlung guter Kupferstiche und Gypsabgüsse, die er besaß, zeichnen, um meiner Hand einige Fertigkeit zu geben, und mein Auge in der Richtigkeit der Verhältnisse zu üben.
Sorglos und unbefangen flossen meine Tage dahin, die Liebe meines Vaters erfüllte sie mit fröhlichem Wechsel. Jede ländliche Beschäftigung war uns ein kleines Fest, welches die gewohnte Lebensweise unterbrach, und der Fleiß wurde mir wieder zum Genuß, wenn ich meines Vaters Freude an meinen Fortschritten wahrnahm.
Mein Vater lebte größtentheils einsam, und hatte von mancherlei Verbindungen in der Nachbarschaft nur einen alten Arzt auch als Freund des Hauses beibehalten. Es war ein Mann von ernsten strengen Sitten, und höchst bestimmten Begriffen. Ich fürchtete ihn als Kind, aber jemehr ich heranwuchs, lernte ich ihn achten und beinah seinen Umgang lieben, da er mir immer etwas Neues aus der Natur und Menschenwelt zu lehren wußte, und eine Freude an meiner schnellen Fassungskraft bezeigte. Herzlich bedauerte ich seinen Tod. Mit diesem Freund verlor mein Vater den einzigen Umgang, der ihm zu einem Gedankenwechsel Anlaß gab, und ich die Freude manches unterrichtenden Gesprächs.
Die Gesellschaft der Salmschen Familie, unserer Gutsherrschaft, wurde mir uninteressanter, jemehr sich mein Geschmack bildete. Aber mein Vater hieß mich oft sie besuchen, damit ich meine Eigenheiten der Gesellschaft anschmiegen lernte, und von der Äußerung einer gewissen Sonderbarkeit befreyt bliebe, die man leicht in der Einsamkeit gewinnt. Durch natürliche Gutmüthigkeit, die gern jeden glücklich und frey in seiner eigenen Sphäre sich bewegen sieht, lernte ich leicht den Ton der Unterhaltung treffen, der für die Familie passend war, und diejenigen Seiten meines Wesens verbergen, die sie nicht fassen mochte. Die Fräulein liebten meinen Umgang, weil ich weder in Kleiderpracht noch in sogenannten feinen Manieren mit ihnen rivalisirte, und wenn mein natürlicher Anstand und mein reinliches einfaches Hauskleid ein Lob von ihren Eltern, oder einem Fremden, welcher zum Besuch bey ihnen war, erhielt, so waren die Eigenschaften einer Pfarrerstochter doch so ganz unter der Sphäre ihrer Ansprüche, daß keine Aufwallung des Neides ihr Wohlwollen gegen mich unterbrach. Ich fühlte mich, ohnerachtet ihres guten Betragens gegen mich, dennoch fremd in ihrem Hause, und wenn ich dann mit dem Ausdruck herzlicher Sehnsucht wieder zu meinem Vater kam, sagte er mir mit einem tiefsinnigen Blicke: Mädchen, Mädchen! Du gewöhnst dich so ganz nur in Odem der Liebe zu leben; ich fürchte, du wirst sonst nirgends zu Hause seyn. So erreichte ich mein achtzehntes Jahr.
Es war einer der ersten schaurigen Herbstabende. Ein dichter Nebel lag in den Thälern, der Wind trieb stürmisch graue Wolken über den östlichen Himmel, und der West flammte in tiefem Purpurroth. Gelbe Blätter flogen aus den schon halbnackten Wipfeln der Bäume, und flatterten an den Fenstern vorbei. Das Knistern des Feuers im Kamin versammlete den ganzen kleinen Haushalt. Alle Bilder des herannahenden Winters spielten in der ersten erwärmenden Flamme empor, und jedes Mitglied der Familie durchflog in Gedanken den Kreis seiner Geschäfte, die Freuden und Leiden, denen es in diesem Zeitraum entgegen sah.
Mein Vater saß mit jener weisen Ruhe, die des Wechsels gewohnt ist, und Jahre wie Tage gleichmüthig vor sich hinziehen sieht, in seinem Lehnstuhl. Er legte den Plutarch aufgeschlagen aus der Hand, weil es finster wurde, und nahm die großgedruckte Bibel vor sich, um einen Text für die nächste Sonntagspredigt zu wählen. Rosine ging im Zimmer auf und ab, das blank gescheuerte Geräthe aus der Küche herbeizuholen, welches ich mit zierlicher Ordnung in den Wandschrank im Hintergrunde des Zimmers aufstellte. Man zog die Thürschelle, und mein Vater rief: Agnes, mein Kind! Schon war ich an der Hausthüre. Es war halbfinster, doch konnt’ ich noch bemerken, daß eine fremde Gestalt hereintrat. Was wünschen Sie, mein Herr? fragte ich; und er erwiederte: »Ich bin ein Reisender und sehr ermüdet, man kann mich im Gasthof nicht aufnehmen; darf ich hoffen, daß der Herr Pfarrer es verzeihen wird, wenn ich ihn um ein Nachtlager bitte?«
Die Stimme war einnehmend, und erregte einen sonderbaren Antheil in meinem Herzen, so daß ich die gewohnte Gastfreiheit meines Vaters, mit lebhafterm Ausdruck als gewöhnlich verkündigte. Das wird Ihnen mein Vater mit Vergnügen geben, sagte ich, treten Sie herein. Er trug seine Bitte meinem Vater nochmahls vor; dieser hieß ihn freundlich willkommen, und setzte sich wieder an seinen Tisch bei dem Fenster, um einige Gedanken aufzuzeichnen, die ihm für seine Predigt eingefallen waren. Der Fremde war ein großer schöner Mann, seine Kleidung war sehr einfach, und deutete weder Armuth noch Reichthum an. Ich trug ihm einen Stuhl zum Kamin, und setzte mich mit meinem Strickzeug ihm gegenüber. Die Flamme im Kamin warf einen hellen Schimmer auf sein Gesicht; und ich nahm feste und anmuthige Züge wahr, aus denen nicht mehr die erste Fülle der Jugend leuchtete. Rosine hatte unterdessen Licht herbeigeholt, mein Vater schrieb fort, und alles war still. Ich suchte vergebens nach ein paar Worten, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber nichts war mir gut genug von allem, was mir einfiel, und nie scheuete ich mich mehr, etwas Unbedeutendes zu sagen, als in diesem Augenblick. Die Furcht, er möchte mein Schweigen für Unaufmerksamkeit oder für Mangel an feiner Sitte halten, machte mir es gleichwohl peinlich. Er schien keinen Anspruch auf Unterhaltung zu machen, und sah still nach dem Feuer. Zuweilen streifte sein Blick im Zimmer umher, und nur einmahl ruhte er auf mir. Es war etwas unaussprechlich anziehendes in seinem dunkelbraunen Auge; mild und still faßte es die Gegenstände, aber zugleich so tiefeindringend, als möchte es das verborgenste im Herzen erspähen. Mein Strickgarn fiel zu Boden, er hob es auf, und gab es mir mit gerader gutmüthiger Höflichkeit. Der Faden hatte sich um seine Hand geschlungen, sie ruhete einige Sekunden in der meinen, und ein Ring fiel von seinem Finger. Während ich den Ring aus dem Faden ...
Inhaltsverzeichnis
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