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Die schönsten Märchen der Romantik
Bereicherte Ausgabe. Die Elfen, Der blonde Eckbert, Der getreue Eckart und der Tannhäuser, Liebeszauber, Der Pokal…
- 542 Seiten
- German
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- Über iOS und Android verfügbar
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Die schönsten Märchen der Romantik
Bereicherte Ausgabe. Die Elfen, Der blonde Eckbert, Der getreue Eckart und der Tannhäuser, Liebeszauber, Der Pokal…
Über dieses Buch
In 'Die schönsten Märchen der Romantik' präsentiert Ludwig Tieck eine Sammlung von Märchen, die das Genre der romantischen Literatur perfekt verkörpern. Mit seiner poetischen Sprache und tiefgründigen Symbolik entführt Tieck die Leser in fantastische Welten, in denen Realität und Fantasie verschmelzen. Die Märchen spiegeln die Sehnsucht der Romantiker nach dem Unerklärlichen und Übernatürlichen wider und lassen den Leser in eine Welt voller Magie und Geheimnisse eintauchen. Tiecks Erzählstil ist geprägt von einer melodischen Sprache und einer feinen Beobachtungsgabe, die es ihm ermöglicht, die emotionalen Ebenen der Figuren subtil zu erfassen und wiederzugeben. 'Die schönsten Märchen der Romantik' ist ein Meisterwerk der romantischen Literatur, das die Leser in eine Welt voller Poesie und Zauber entführt. Ludwig Tieck, einer der bedeutendsten Vertreter der romantischen Schule, war bekannt für seine einzigartige Fähigkeit, die Grenzen zwischen Realität und Phantasie zu verwischen. Als Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer prägte er maßgeblich die deutsche Romantik und lieferte einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der deutschen Literatur. Sein umfangreiches Werk spiegelt seine tiefe Verbundenheit zur deutschen Kultur und Sprache wider und präsentiert dem Leser eine Vielzahl von literarischen Werken, die bis heute lesenswert sind. 'Die schönsten Märchen der Romantik' ist ein Buch, das nicht nur die Liebhaber der romantischen Literatur begeistern wird, sondern auch jeden Leser, der sich für Poesie, Magie und die Kraft der Fantasie interessiert. Mit seiner einzigartigen Erzählweise und tiefen Einblicken in die menschliche Seele wird dieses Buch sowohl Liebhaber der Romantik als auch neue Leser in seinen Bann ziehen und sie in die Welt der märchenhaften Romantik entführen.
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen:
- Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke.
- Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen.
- Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten.
- Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke.
- Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen.
- Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
Information
Verlag
Musaicum BookseBook-ISBN:
9788027238682
Jahr
2017Die Vogelscheuche
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Erster Aufzug
Erste Scene. Astronomische Beobachtungen
Zweite Scene. Abschied und Trauer
Zweiter Aufzug
Erste Scene. In dem Städtchen Ensisheim. Zustand des Ortes. Große Erwartungen
Zweite Scene. Entdeckung. – Vorbereitung
Dritte Scene. Große musikalische Gesellschaft
Vierte Scene. Vogelschießen. König des Festes
Fünfte Scene. Der Offizier wendet sich nach Orla
Sechste Scene. Kunst-Ausstellung. Gemälde-Gallerie
Siebente Scene. Historische Nachrichten von Elfen und Geistern
Achte Scene. Fortgesetzte Nachrichten vom Geisterreich
Neunte Scene. Die gelehrte Gesellschaft wird gestiftet
Zehnte Scene. Spielt wieder in Orla. Die verbündeten Freunde machen sich zur Abreise gefaßt
Dritter Aufzug
Erste Scene. Ein elegischer Brief. Musikalische Gesellschaft
Zweite Scene. Seltsamer Besuch
Dritte Scene. Geschichte einer Sternschnuppe
Vierte Scene. Billige Rechtssprüche
Vierter Aufzug
Erste Scene. Anklage
Zweite Scene. Heitre Gesellschaft. Erinnerungen
Dritte Scene. Der Beschluß des wunderlichen Prozesses
Fünfter Aufzug
Erste Scene Ledebrinna oder Herr von Milzwurm ist krank, und wird durch Magnetismus geheilt
Zweite Scene. Hochzeitfest, heitrer Abend
Epilog
Dritte Scene. Ledebrinna's Vermählung
Prolog.
Vorrede
Inhaltsverzeichnis
Ich könnte auch sagen, ich wollte meine dramatische Novelle bevorworten, damit sie der Leser, oder ein edles Publikum so entgegen nehmen, daß höchst es die Geschichte selbst um so annehmlicher oder verständlicher finden, und sein Vergnügen daran sich heraus stellen möchte. – Es formirt sich bei uns nach und nach wieder ein solcher Kanzleistyl, der einem künftigen Gottsched von neuem zu thun geben wird, um ein einfaches gesundes Deutsch daraus wieder herzurichten.
Da diese Novelle zugleich ein Drama ist, so hätte ich wohl ein Personenverzeichniß, oder einen Komödienzettel, wie es Sitte ist, geben sollen. Sehr viele neuere Stücke setzen einen solchen so sehr voraus, daß der Leser oder Zuschauer, wenn er nicht immerdar nachsieht, aus den auftretenden Personen gar nicht klug wird, und ohne das unterrichtende Verzeichniß ihre Verhältnisse nicht erfährt. Dieses nothwendige Uebel haben wir für entbehrlich gehalten, weil hoffentlich in dieser schlichten sentimentalen Darstellung sich alles, was zum Verständniß gehört, von selbst entwickeln wird.
Es war auch einmal Sitte, in dem Personenverzeichniß den Charakter und die Gemüthsart der Auftretenden kurz anzugeben, so wie das Alter, eben so auch die Kleidung obenhin anzudeuten. Diese rohe unbeholfene Anfänge einiger unserer früheren Dramatiker, wie schwach nehmen sie sich gegen das aus, was seitdem in aller europäischen Literatur geschehen ist. Wir lesen jetzt keinen Roman oder keine Erzählung, in der unsere Phantasie nicht durch Beschreibung des Kostüms, zu deutsch, der Kleider, unendlich gebildet wird. Es liegt uns als moralischen oder fühlenden Menschen vielleicht gar nichts an diesem und jenem Lump, welchen der Erzähler auftreten läßt, ob er lebt, stirbt, oder sich bessert, ist uns völlig gleichgültig; es wäre auch unbillig, vom Verfasser zu verlangen, daß der Kerl uns interessire, da unser Herz sich einmal nicht zwingen läßt; aber im sogenannten Plastischen wird uns alles klar, was der Lump für Hemdsärmel, Hosen, Kamaschen u. dgl. getragen hatte, ob viele oder wenige Knöpfe auf seinem Rocke, ob diese metallene oder besponnene waren. So erheben wir uns durch vieles Lesen, daß wir die Natur und Wirklichkeit endlich selbst anschauen lernen, und jeder von uns kann nach einigen Jahren Inspektor einer fürstlichen Garderobe werden. Ein großes, reiches Talent, welches seine Kunst der Darstellung oft gemißbraucht hat, hat alle seine Nachahmer in schreibende Schneider, oder zuschneidende Schreiber verwandelt. Seitdem ist denn auch unser Theater noch weit mehr wie ehemals eine Unterrichts-Anstalt für die Schneiderkunst geworden, und wie denn die Bühne mit Recht eine Schule der Sitten genannt wurde, so kann es wohl nur ein Ungebildeter tadeln, wenn man dort in Kleidung und Ausstaffirung so oft das ganz Häßliche und Abgeschmackte sieht, sei es in blechernen Rüstungen, Stacheln an Knie und Ellenbogen, Visierhelmen mit hoch aufrecht stehenden Federn, oder Tricot-Anzügen und Stiefelchen nach Art der Springer und Seiltänzer, oder die widerwärtigen Hauben, klafterbreiten Schultern und Poschen der Damen, Halskrausen u. dgl., oder was man die Charakter-Anzüge und das fremdartige Kostüm nennt. Denn da uns nur so selten vergönnt ist, das wahrhaft Schöne hervorzubringen, dieses auch, wenn es erscheint, die Sinne der meisten Menschen in ihrer schläfrigen Ruhe läßt, und also fast nur negativ bleibt: so ist der Versuch, durch die Darstellung des wahrhaft Häßlichen den Schönheitssinn durch den Gegensatz zu wecken, gewiß mehr als zu billigen.
Ich sollte nun ebenfalls bestimmt angeben, wie es auch allgemein gebräuchlich ist, in welchem Jahrzehent unser Stück spielt, ob 1530, oder 1790, oder 1805, oder 1830; ob es auf eine, und auf welche politische, religiöse oder literarische Revolution sich bezieht; ob es auf einen Tag, den 5. Dec. etwa, oder den 19. Junius sich beschränkt: doch ist es wohl besser, der Phantasie des Lesers nicht solche Fesseln anzulegen. Darum ist auch nicht bestimmt worden, ob die Scene in Wien, Berlin, Dresden oder Petersburg spielt, oder in und bei Jüterbock, Baruth, Heilbronn oder Ludwigslust. Sie ist eben allenthalben und nirgend, vielleicht tritt sie, ohne daß der Zuschauer es gewahr wird, in die Stube dieses oder jenes Lesers.
Wenn wir also das Gedicht, oder Stück, oder Lustspiel nun in Scene setzen und über die Bühne oder die Bretter schreiten lassen, so wissen wir immer noch nicht, wie die Leistungen unserer spielenden Personen seyn und ausfallen werden. Das Stück ist aufgeführt, hat gefallen (im jetzigen Deutsch: hat Anklang gefunden, oder hat angesprochen), die Komödianten (Künstler, Leister, Mimen) haben gut gespielt: es wäre uns lieber, so nach alter Weise sprechen zu dürfen.
Auch lassen wir es uns nach alter Methode beikommen, das sentimentale Lustspiel in Aufzüge abzutheilen, was die Mode bei manchem Theater auch zu Abtheilungen umgestempelt hat. Der alte Uebersetzer des Holberg sagt Abhandlung, nicht ganz zu verwerfen und fast so gut als Handlung, oder Akt: der Name erinnert daran, daß wir eine Handlung erwarten dürfen, oder eine Geschichte, die mehrere Handlungen zuläßt. Unbegreiflich scheint es, wie es ein Schaustück in Einer Abtheilung geben könne, und doch lesen wir dergleichen auf Komödienzetteln hochgebildeter Städte. Würde man wohl je sagen: Diese Schublade besteht nur aus Einer Abtheilung?
Auch die Dekorationen werden nur in so weit beschrieben werden, als es eben nothwendig ist. Wie wichtig sie in neuer und neuster Zeit geworden sind, ist mir freilich nicht unbekannt, sie spielen oft mehr als die Künstler und Mimen.
Erster Aufzug
Inhaltsverzeichnis
Erste Scene.
Astronomische Beobachtungen
Inhaltsverzeichnis
Es war ein hübsches schattiges Plätzchen, eine Viertelstunde von dem kleinen Städtchen Orla, in welchem sich in den Nachmittagsstunden einige gute Freunde des Bürgermeisters Heinzemann zu versammeln pflegten. Hier war Heinzemann gern im Kreise seiner Vertrauten ganz froh, weil er hier völlig aller seiner bürgerlichen Geschäfte und Obliegenheiten vergaß, oder vergessen wollte. An dieser einsamen, hochgelegenen Stelle hatte er, ohne die Kosten zu scheuen, einen geschmackvollen Pavillon, oder ein Lusthaus erbaut, in welchem er auch zuweilen in der Nacht schlief, um seine astronomischen Beobachtungen vorher recht in Ruhe anstellen zu können. Denn die Astronomie war seine Leidenschaft, oder sein Steckenpferd, dem er alle seine Stunden widmete, die er seinen Rathsgeschäften, oder seinem ziemlich ausgebreiteten Handel entziehen konnte. Auf dem Lusthause befand sich daher ein kleines Observatorium, mit den nöthigen Instrumenten versehen, und hier verweilte er oft in langen klaren Winternächten bis zum Morgen, um den Mond, oder die Gestirne zu belauschen. Er hatte dieses Häuschen und den kleinen Garten, welcher es umgab, mit dem vornehmen Namen »Heinzemanns Ruhe« getauft, worüber sein Nachbar und Schwager der Gastwirth Peterling ihn oft neckte und ärgerte, der den Ort gewöhnlich, da er sich für einen Chemiker und Laboranten hielt, nur den faulen Heinze zu nennen pflegte. Beide Männer, wenn sie sich besuchten, stritten oft freundschaftlich, zuweilen auch wohl heftig, weil jeder dem andern das Unnütze und Thörichte der Wissenschaft, welcher jener nachhing, deutlich machen wollte.
Heut war Peterling hinaus gekommen und hatte sich bereden lassen, den Abend ebenfalls in Gesellschaft seines Schwagers auf dem Belvedere zuzubringen. Man erwartete noch einen dritten Freund, den Senator Ambrosius, welcher aber erst in der Nacht mit seinem Wagen eintreffen konnte, da die Stadt, in welcher er wohnte, im Gebirge lag und vier Meilen von hier entfernt war.
Peterling ließ es sich gefallen, von Zeit zu Zeit durch den aufgerichteten Tubus in den Vollmond zu schauen, der in aller Pracht vom reinen dunkelblauen Himmel hernieder schien. Es ist doch bedenklich, sagte er kopfschüttelnd, ob dieser Erdtrabant ein ausgekohlter, verbrannter und bankerotter Weltkörper ist, ohne Wasser, wie sie sagen, und also wohl auch ohne Vegetation, – oder ob er Atmosphäre und nährende Kräfte hat, Bewohner irgend einer Art, oder ob das ganze Ding nur hingehängt ist, wie die Glaskugel in des Schusters Werkstätte, oder die großen Messingscheiben, die den Laden des Gewürzkrämers hell machen.
Man geht eben, antwortete Heinzemann, mit dem Zeitalter fort, bald ist man gezwungen, den Satz und die Lehre, bald nachher wieder das Gegentheil anzunehmen. Man kann aber aus allem Wechsel sich das Wahre heraus suchen.
Das sogenannte Wahre ist aber oft nur verlegene alte Waare, fuhr Peterling nicht eben fein in die Rede des Astronomen. Das ist es ja, was ich sage, daß diese Wissenschaft, die doch auf der allersichersten Basis, den Zahlenverhältnissen und der Mathematik zu ruhen scheint, sich dennoch immerdar verwandelt, und in jedem Jahrzehent beinah die Hauptfragen auf andere Weise zu beantworten sucht. Versteht mich recht, Schwager: so der ganze gestirnte Himmel, alle diese stärker und schwächer leuchtenden Punkte, diese Planeten mit dem mannigfaltigen Schimmer, die Sternbilder, und dann die Schwindel erregende Milchstraße, oben ein, wie heute, der volle, runde, kupferfarbene Mond hinein gehangen, alles das gefällt mir am besten, wenn ich es noch heut zu Tage so anzusehen strebe, wie in jener Zeit, als ich noch ein dummer Junge war. Glaubt mir nur, wenn man sich wieder in diesen Stand der Unschuld hinein denkt, so hat der Nachthimmel so etwas feierlich fromm Religiöses, schauerlich Erhabenes, daß unsere Betrachtung von selbst ein stilles Gebet wird, daß ich in dieser eingestandenen Unwissenheit das Allerhöchste ahnde. Euer Wissen und Rechnen, eure Zahlen und Entfernungen, gemessene Umkreisungen und dergleichen zersplittern mein Gefühl, und zerstreuen mich weit vom Erhabenen weg. So ist mir denn eure Theorie völlig uninteressant. Und was wißt ihr denn eigentlich?
Halt! halt! Freund Peterling! rief Heinzemann mit einiger Heftigkeit, Euer Gefühl, den frommen Sinn, oder wie Ihr es nennen wollt, will ich nicht antasten, aber daran laßt Euch begnügen und fahrt nicht über das Ziel, in die Wissenschaft feindselig hinein. Ne sutor ultra crepidam! Ein wahres Wort. Bleibt bei der Sohle, beim Leisten, beim Schuh. Jener Bauersknecht, mit dem ich einmal sprach, hatte in seiner Art auch nicht so ganz Unrecht, der meinte, die Stern-Nacht sei ihm besonders auferbaulich, denn alle die glänzenden Punkte seien doch ganz gewiß goldene Nägel, die die Engel unter ihren Stiefeln und Schuhen eingeschlagen trügen.
Um die Sohlen nicht abzunutzen, sagte Peterling lachend, er konnte sich nur Schuhe mit Nägeln denken, und ein solcher Leisten, über den wir nicht hinaus können und sollen, folgt uns doch gewiß allenthalben nach, so stolz wir uns auch geberden. Die Stiefeln haben einen Schaft, und auch das Geistigste ist nicht ohne dergleichen, und darum heißt es auch Wissenschaft.
Schlechter Witz, sagte Heinzemann, mußte aber doch über den Einfall lachen. Wir gerathen in den Tiefsinn, bemerkte er dann, und es ist gut, daß unser Schwärmer, Ambrosius, nicht schon zugegen ist, da er nie unterläßt, uns beiden über unsern Aberglauben den Text zu lesen.
Hier entstand eine Pause im Gespräch, denn jeder von den Redenden dachte darüber nach, in wie fern man ihn wohl abergläubig nennen könne. Es war aber der Fall, daß der gelehrte Ambrosius seine beiden Freunde, so oft sie beisammen waren, zu bekehren suchte, die wiederum seinen Kunstenthusiasmus nicht begreifen konnten. Heinzemann, so eifrig er die Sterne und den Mond beobachtete, so gern er rechnete, war doch eigentlich der alten, vergessenen Astrologie von Herzen ergeben. Er las die alten Bücher, die diesen Gegenstand abhandelten, war aber weder mit ihrer Deutlichkeit noch Dunkelheit ganz zufrieden. Er meinte nehmlich, die Sache müsse sich noch von gar andern Seiten angreifen lassen. Er gab nicht sogar viel auf die Konstellation, um ein Horoskop nach den ehemaligen Regeln zu stellen, denn wenn er auch die Wahrheit der Grundanschauung anerkannte, so schien ihm doch die weit getriebene Consequenz allzu willkürlich, und er strebte mehr dahin, aus der Totalität, aus allen Schöpfungen und Gestirnen, aus dem Kosmus selbst den Einfluß auf das Individuum zu entdecken. Diese Gesinnung kannte Peterling und meinte, wenn schon in der Astrologie kein Grund und Boden anzutreffen sei, so verschwinde in dieser Unermeßlichkeit auch die letzte Spur einer Ahndung.
Als jetzt sich der Streit wieder entzünden wollte, sagte Heinzemann: Nein, mein lieber Schwager, halten wir heute Ruhe an diesem schönen stillen Sommerabend, an welchem die ganze Natur so süß befriedigt zu schlummern scheint. Mein Freund! ich bin jetzt darauf aus, nagelneue Erfindungen zu entdecken. Daß man die Schwere der Luft wiegt, und ihre Wärme oder Kälte erkennt, sind nur Messungen aus dem Groben; und seit Baro- und Thermometer in der Welt sind, hat man noch nicht einmal bedeutende Verbesserungen mit diesen vorgenommen. Wenn ich nun zum Beispiel beobachte, daß das Kräutchen, welches man deshalb noli me tangere nennt, bei jeder Berührung zitternd zusammenfährt; wie die Judenkirsche, so wie sie nur vom Finger angefaßt wird, alsbald einen bittern Geschmack erhält; wie einige Blüthen mit Geräusch und starkem Ton aufbrechen; wie frühere Naturbeschreiber so manche Wundergeschichten von Pflanzen und Thieren aufzählen, die man jetzt viel zu voreilig als Fabeln verworfen hat: so werde ich überredet und überzeugt, daß Staubfäden der Blumen, Blätterfasern, Gallerte der See und der Fische, Blüthen, die in der Luft schwimmen, und wer weiß, wie Tausende zarter und leichter Stoffe uns noch Skalen, Tasten, Gewichte und unendlich vieles liefern können, um Krankheiten unserer Atmosphäre zu erkennen, jene unsichtbaren imponderabeln Eigenschaften der Luft und des Lichtes zu gewahren, Pest und andere Uebel vorher zu sehen und abzuweisen, nahe Erdbeben voraus zu wissen, und zugleich mehr zu begreifen, wie unser seelischer Zustand auf den irdischen wirkt, und wie eine ganz neue und geistige Diagnosis möglich sei und auch ganz neue Mittel in unserer Heilkunde auftreten können.
Ihr werdet noch Mäusefallen für Geister bauen und Dohnenstriche für umflatternde Gespenster einrichten, daß sie sich wie die Krammsvögel fangen, sagte Peterling mit lautem Lachen.
Es ist da nichts zu lachen, erwiederte Heinzemann ganz ernsthaft, wenn unser Mikroskop uns belehrt, daß in jedem Tropfen Wasser lebende, willkürlich sich bewegende Kreisthiere sind, wenn man an diesen wieder Glieder unterscheidet, so kommen wir hier schon auf die ersten Pünktchen, wo Leben mit dem Tode, Geist mit Materie eins ist. Unsere Instrumente schärfen sich von Tage zu Tage, die Entdeckungen in der Psychologie nehmen zu, Magnetismus, Galvanismus, Elektricität kommen uns in erhöhter Potenz entgegen, der Somn-Ambulismus hat uns schon tausend Geheimnisse verrathen, und so kann es uns nicht fehlen, daß sich unsere Wissenschaft sehr bald eines Theils des Geisterreichs bemächtigt. Aber jene Fasern, Sommerfäden, Blüthenstaub und Aehnliches, als die letzten Grenzen zwischen Materie und Geist sind es eigentlich, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, um das noch Unbekannte zu wiegen und zu messen, und um eine Leiter zu bauen, auf welcher meine Ahndungen, die so deutlich in vielen Stunden meinen Geist erwecken, hinauf klimmen können. Und dann ist mein Trieb und Wunsch, diese Unermeßlichkeit der Sternenwelt und des Universums mit jenem Letzten, fast Unsichtbaren des Materiellen zu verknüpfen, um nicht bloß Schicksale der Menschen und Staaten voraus zu wissen, sondern auch die zartesten Regungen des Herzens in mir und andern, und alle dem ähnliche Dinge zu erkennen. Denn eins spiegelt sich im andern, das Größte im Kleinsten, und umgekehrt.
Recht schön, sagte Peterling, könnten wir nur auch für unser menschliches Ohr etwas Aehnliches, wie das Mikroskop fürs Auge ist, erfinden, um zu erfahren, was Fliegen und Mücken sich erzählen, oder ob die Geister in den Blumen niesen, –
Oder wie die Sphären singen, fiel Heinzemann ein, denn durch die Verfeinerung des Organs kann oft erst das Gewaltige und ganz Große zu uns dringen. –
– Mit Deiner Totalität wirst Du aber schon deswegen nicht ausreichen, weil die Natur, so wie sie die Regel schafft und sich in ihr bewegt, auch wieder den Gegensatz, die Unregel einschiebt, damit sich an dieser die Regel selbst wieder erkenne und gleichsam an der Ausnahme rectifizire. Laufen die Gestirne, die zu unserm Weltsystem gehören, ihre gemessene Bahn, so scheinen die Kometen oder Irrsterne um so mehr hinter die Schule zu gehen und den Calcül umzustoßen.
Nichts weniger als das, sagte Heinzemann lebhaft, wir haben ja schon die Regel längst aufgefunden, nach welcher diese wandelnden Feuer- oder Wassersäulen wiederkehren müssen. Zwar fehlt es zuweilen, aber doch nicht oft, und wir kennen diese Burschen, die unsern Vorfahren so große Schrecken erregten, fast persö...
Inhaltsverzeichnis
- Die schönsten Märchen der Romantik
- Inhaltsverzeichnis
- Der blonde Eckbert
- Der getreue Eckart und der Tannhäuser
- Das jüngste Gericht
- Sehr wunderbare Historie von der Melusina
- Der Runenberg
- Liebeszauber
- Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence
- Die Elfen
- Der Pokal
- Pietro von Abano
- Die Vogelscheuche
- Das alte Buch und die Reise ins Blaue hinein
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