Tom Jones (Alle 6 Bände)
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Tom Jones (Alle 6 Bände)

Bereicherte Ausgabe. Klassiker der Weltliteratur (Die Geschichte eines Findelkindes)

  1. 980 Seiten
  2. German
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Tom Jones (Alle 6 Bände)

Bereicherte Ausgabe. Klassiker der Weltliteratur (Die Geschichte eines Findelkindes)

Über dieses Buch

Henry Fieldings Buch 'Tom Jones' besteht aus sechs Bänden und erzählt die Geschichte des Findelkindes Tom Jones, das in die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts hineingeworfen wird. Der Roman ist bekannt für seinen humorvollen Ton, seine lebendigen Charaktere und die scharfsichtige Satire auf die damalige Gesellschaft. Fielding verwendet eine Vielzahl von literarischen Techniken, darunter die Erzählung eines Ich-Erzählers, um die Leser in die Welt von Tom Jones zu ziehen. Der Roman gilt als eines der Meisterwerke des englischen Romans und hat einen bleibenden Einfluss auf die Literaturgeschichte gehabt. Fielding, selbst ein Schriftsteller und Richter, verarbeitet in 'Tom Jones' seine eigenen Erfahrungen und Ansichten über Moral, Gesellschaft und Menschlichkeit. Sein Werk wird immer noch wegen seiner Tiefe und seiner universellen Themen geschätzt. Dieses Buch ist ein Muss für alle Liebhaber von Klassikern und historischen Romanen. Es bietet nicht nur eine unterhaltsame Lektüre, sondern regt auch zum Nachdenken über die menschliche Natur und die Gesellschaft an. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9788027251094
eBook-ISBN:
9788027205066

Zweiter Theil

Inhaltsverzeichnis

Abschnitt I

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Ueber den ernsten Ton im Schreiben und wozu er dient.
Es dürften dem Leser in diesem außergewöhnlichen Buche keine Stellen vorkommen, an denen er weniger Vergnügen finden wird, als die, welche dem Verfasser die größte Mühe kosteten. Zu diesen möchten wohl jene Einleitungen zu rechnen sein, welche wir dem Geschichtlichen eines jeden Buches vorausgeschickt haben, und die wir bei dieser Schreibweise, mit der wir zuerst hervorgetreten sind,. für wesentlich nothwendig erachteten.
Für dieses unser Erachten einen Grund anzuführen, halten wir uns nicht gerade für verpflichtet; indem es reichlich genügt, es als eine bei Abfassung jeglichen prosaisch-komisch-epischen Werkes nothwendige Regel aufgestellt zu haben. Wer fragte wohl jemals nach den Gründen jener strengen Einheit in Zeit und Ort, welche jetzt als etwas der dramatischen Poesie Wesentliches angenommen ist? Welcher Kritiker ist wohl jemals befragt worden, warum ein Schauspiel nicht sowohl zwei Tage als einen umfassen dürfe? oder warum die Zuschauer (sie müßten denn, wie Wahlmänner, kostenfrei reisen) nicht sowohl funfzig als fünf Meilen weit versetzt werden dürfen? Hat etwa irgend ein Commentator über die Grenzen des Drama, das nach einem alten Kritiker nicht mehr und nicht weniger als fünf Acte haben soll, gehörig Rechenschaft gegeben? Oder hat etwa ein jetzt Lebender zu erklären versucht, was unsere modernen Theaterrecensenten unter jenem Worte niedrig verstehen, mittelst dessen es ihnen gelungen ist, allen Humor von der Bühne zu verbannen und das Theater so langweilig wie ein Gesellschaftszimmer zu machen? In allen diesen Beziehungen scheint man einen Grundsatz unserer Gesetze angenommen zu haben, den nämlich: cuicunque in arte sua perito credendum est; denn es mag kaum begreiflich scheinen, daß jemand so anmaßend sein sollte, in Betreff einer Kunst oder Wissenschaft ohne die mindeste Begründung dogmatische Regeln aufzustellen. In solchen Fällen sind wir demnach geneigt zu schließen, daß vernünftige Gründe da sind, wenn wir sie auch unglücklicherweise nicht aufzufinden vermögen.
Gegenwärtig hat man in der That den Kritikern zuviel zugetraut und sie für Leute von tieferen Einsichten gehalten, als sie wirklich sind. Diese Höflichkeit hat sie so kühn gemacht, sich eine dictatorische Gewalt anzumaßen, was ihnen so gut gelungen ist, daß sie jetzt die Meister geworden sind und sich erdreisten, eben diesen Schriftstellern Gesetze vorzuschreiben, von deren Vorgängern sie dieselben erst entlehnten.
Der Kritiker ist, richtig betrachtet, nichts weiter als ein Abschreiber, der das Amt hat, die Regeln und Gesetze jener großen Stimmberechtigten zusammenzutragen, deren hoher Genius sie in den verschiednen Gebieten der Wissenschaft fand, in denen sie den ersten Rang einnahmen. Weiter wollten die Kritiker der Alten gar nichts sein; auch wagten sie keinen Ausspruch zu thun, ohne ihn durch die Autorität desjenigen, von dem er entlehnt war, zu unterstützen.
Aber nach und nach und in Zeiten der Unwissenheit fing der Abschreiber an, sich die Gewalt seines Meisters anzumaßen und dessen Würde anzunehmen. Die Gesetze des Schreibens wurden nicht mehr auf die Erfahrung des Schriftstellers, sondern auf die Aussprüche des Kritikers gegründet. Der Abschreiber wurde der Gesetzgeber, und mit großer Entschiedenheit schrieben diejenigen Gesetze vor, deren Geschäft es ursprünglich blos war, sie abzuschreiben.
Hieraus entsprang ein augenscheinlicher und vielleicht unvermeidlicher Irrthum; denn diese Kritiker, Leute von beschränkten Fähigkeiten, verwechselten sehr gern die reine Form mit der Materie. Sie machten es, wie es ein Richter machen würde, der sich an den todten Buchstaben des Gesetzes halten und den Geist zurückweisen wollte. Geringfügige Umstände, vielleicht Nebendinge bei einem großen Schriftsteller, wurden von diesen Kritikern als sein Hauptverdienst betrachtet, und allen seinen Nachfolgern als wesentlich empfohlen. Diesen Anmaßungen verliehen Zeit und Unwissenheit, diese zwei großen Stützen des Betrugs, Autorität; und so sind denn viele Regeln zum Gutschreiben gegeben worden, die nicht im mindesten auf Wahrheit oder Natur basirt sind und die gemeiniglich zu nichts weiter dienen, als den Genius niederzubeugen und zu hemmen, gleichwie der Tanzmeister würde gehemmt worden sein, hätten die vielen vortrefflichen Abhandlungen über diese Kunst es als eine wesentliche Regel festgestellt, daß Jedermann in Ketten tanzen müßte.
Um daher allen Verdacht zu vermeiden, als wollten wir der Zukunft eine Regel aufbürden, die sich einzig und allein auf die Autorität des ipse dixit gründete – vor der wir, die Wahrheit zu sagen, nicht die tiefste Verehrung hegen, – so werden wir hier auf das oben in Anspruch genommene Privilegium verzichten und dem Leser die Gründe angeben, die uns bewogen haben, jene verschiedentlichen Abschweifungen im Verlaufe dieses Werkes einzuflechten.
Und hierbei sehen wir uns gedrungen, eine neue Wissensader aufzudecken, die, wenn sie schon entdeckt war, doch, so viel wir uns erinnern, noch von keinem ältern oder neuern Schriftsteller bearbeitet worden ist. Diese Ader besteht in nichts Anderm als dem Contraste, der über alle Werke der Schöpfung verbreitet ist und dem wohl ein größerer Antheil bei der Entstehung der Idee aller Schönheit, in der Natur wie in der Kunst, zukommt: denn woraus ergiebt sich uns die Schönheit und Vortrefflichkeit eines Dinges, wenn nicht aus seinem Entgegengesetzten? So wird die Schönheit des Tages und des Sommers hervorgehoben durch das Grausige der Nacht und des Winters. Und ich glaube, daß, wäre es möglich, daß Jemand nur die ersten beiden gesehen hätte, er eine sehr unvollkommene Idee von deren Schönheit haben würde.
Um jedoch nicht in einen zu ernsten Ton zu fallen, läßt es sich wohl bezweifeln, daß die schönste Frau von der Welt all den Zauber ihrer Reize in den Augen eines Mannes verlieren würde, der nie eine von anderer Körperbildung gesehen hätte? Die Frauen selbst scheinen das so gut zu fühlen, daß sie alle erfinderisch darin sind, ihre Schönheit durch Folien zu heben; ja daß sie sich selbst Folien werden: denn ich habe beobachtet (zu Bath namentlich), daß sie des Morgens so häßlich als möglich zu erscheinen suchen, damit sich die Schönheit, welche sie am Abende zeigen wollen, desto vortheilhafter herausstelle.
Die meisten Künstler machen Gebrauch von diesem Geheimnisse, obschon manche derselben vielleicht nicht sehr über die Theorie nachgedacht haben. Der Juwelier weiß, daß der schönste Brillant einer Folie bedarf; und der Maler erwirbt sich durch den Contrast seiner Figuren oft großen Beifall.
Ein großer Genius wird uns diesen Gegenstand völlig klar werden lassen. Ich kann ihn freilich keiner Classe gewöhnlicher Künstler beizählen, indem er ein Recht hat denen beigesellt zu werden:
Inventas qui vitam excoluere per artes.
Die durch ihre Kunst das Leben veredelt haben.
Ich meine nämlich den Erfinder jener höchst vortrefflichen Unterhaltung, der englischen Pantomime.
Diese Unterhaltung bestand aus zwei Theilen, die der Erfinder durch die Bezeichnung des ernsten und des komischen unterschied. Der ernste führte eine Anzahl heidnischer Gottheiten und Helden vor, die zuverlässig die schlechteste und langweiligste Gesellschaft bildeten, in welche die Zuhörer nur eingeführt werden konnten; und das (ein Wenigen bekanntes Geheimniß) sollte gerade so sein, um mit dem komischen Theile zu contrastiren und die Harlekinspossen desto besser hervorzuheben.
Dies war freilich wohl nicht sehr höflich; gleichwohl war die Erfindung sinnreich genug und that ihre Wirkung. Und dies wird sich sogleich deutlich ergeben, wenn wir die Worte ernst und komisch mit langweilig und langweiligst vertauschen; denn das Komische war langweiliger als irgend etwas, was man je auf der Bühne gesehen hatte, und konnte nur durch den superlativen Grad von Langweiligkeit des Ernsten gehoben werden. Denn jene Götter und Helden waren in der That so unausstehlich ernst, daß das Erscheinen Harlekins (der keineswegs mit der französischen Familie dieses Namens verwandt ist, denn er ist von weit ernsterem Wesen), auf der Bühne stets willkommen war, weil er die Zuhörer von schlechterer Gesellschaft befreite.
Einsichtsvolle Schriftsteller haben diese Kunst des Contrastirens allezeit mit großem Erfolge ausgeübt. Ich war erstaunt, daß Horaz diese Kunst bei Homer tadeln sollte; allein er widerspricht sich wirklich in der nächstfolgenden Zeile:
Indignor quandoque bonus dormitat Homerus,
Verum opere in longo fas est obrepere somnum.

Ich ärgere mich immer, wenn der gute Homer einmal schläft,
Doch bei einem großen Werke ist das wohl erlaubt.
Denn das ist nicht so zu verstehen, wie vielleicht manche gewollt haben, als falle ein Schriftsteller beim Schreiben wirklich in Schlaf. Es ist wahr, daß dies den Lesern nur zu leicht begegnet; aber, wäre auch das Werk so lang wie eines von Oldmiron, der Autor wird zu sehr gefesselt, als daß ihn die mindeste Schläfrigkeit überfiele. Er ist, wie Pope bemerkt:
Selbst schlaflos, um dem Leser Schlaf zu bereiten.
Diese einschläfernden Stellen sind, die Wahrheit zu sagen, künstlich eingeflochtene ernste Scenen, bestimmt, mit dem Uebrigen zu contrastiren und es mehr hervorzuheben; und so will es auch jener witzige Schriftsteller verstanden wissen, wo er seinen Lesern sagt, sie möchten versichert sein, daß er, so oft er langweilig wäre, eine Absicht dabei hätte.
In diesem Lichte also, oder vielmehr in diesem Dunkel, wünschte ich, daß der Leser diese Einleitungen betrachten möchte. Und sollte er, nach diesem Bescheide, der Meinung sein, daß er an andern Stellen dieser Erzählung Ernstes genug finden könne, so mag er diese, worin wir absichtlich langweilig zu sein bekennen, überschlagen und bei den folgenden Büchern mit dem zweiten Kapitel beginnen.

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Herr Jones erhält, so lange er das Zimmer hüten muß, viele freundliche Besuche; auch einige, mit unbewaffnetem Auge kaum wahrnehmbare, feine Winke in Bezug aus die Leidenschaft der Liebe.
Tom Jones empfing, während er das Zimmer hüten mußte, viele Besuche, von denen jedoch einige ihm vielleicht nicht sehr angenehm waren. Herr Allworthy kam beinahe jeden Tag; allein wenn er auch Tom seiner Leiden wegen bemitleidete und seinem wackern Verhalten, wodurch er sich dieselben zugezogen, volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, so hielt er doch die Gelegenheit für günstig, ihm seine Unbesonnenheit von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu zeigen; und diese heilsame Belehrung konnte zu keiner gelegneren Zeit angebracht werden als jetzt, wo das Gemüth durch Schmerz und Krankheit weicher gestimmt und durch Gefahr beunruhigt war; und wo seine Gedanken nicht durch jene stürmischen Leidenschaften fortgerissen wurden, die uns bei der Verfolgung unsers Vergnügens bewegen.
Jederzeit daher, wenn der gute Mann mit dem Jünglinge allein war, namentlich wenn der letztere sich vollkommen behaglich fühlte, nahm er Gelegenheit, ihm seine frühern Verirrungen vorzuhalten, immer aber auf die schonendste und zarteste Weise und einzig und allein in der Absicht, um ihn für die Zukunft vorsichtiger zu machen; »denn nur von seinem künftigen Betragen,« so versicherte er ihn, »würde sein Glück abhängen und das Wohlwollen, das er sich von seinem Adoptivvater blos dann versprechen dürfte, wenn er sich hinführo nicht seine gute Meinung verscherzte, denn was das Vergangene anlangte,« fügte er hinzu, »so sollte das vergeben und vergessen sein. Er riethe ihm daher, aus diesem Vorfalle Vortheil zu ziehen, damit er am Ende zu seinem Besten gereichen möchte.«
Thwackum besuchte ihn ebenfalls fleißig; und auch er hielt ein Krankenbett der Aufnahme guter Lehren für günstig. Seine Sprache war indessen strenger als die Allworthy's; denn er sagte zu seinem Zöglinge, »daß er seinen Armbruch als eine Strafe des Himmels für seine Sünden betrachten sollte, daß er wohl daran thun würde, Gott täglich auf den Knieen zu danken, daß er blos seinen Arm und nicht den Hals gebrochen hätte; welches letztere,« wie er hinzufügte, »ihm wahrscheinlich bei einer künftigen, vielleicht gar nicht fernen Gelegenheit vorbehalten wäre. Er für seinen Theil hätte sich oft gewundert, daß ihn nicht eher eine Strafe getroffen; aber es ließe sich daraus erkennen, daß Gottes Gericht, wenn es auch langsam komme, doch sicher niemals ausbliebe. Daher könne er sich mit gleicher Zuverlässigkeit nur auf noch größeres Unheil gefaßt halten, was ihn so gewiß als dieses in seiner Ruchlosigkeit ereilen werde. Dieses ist,« setzte er hinzu, »nur durch eine so vollkommene und aufrichtige Reue zu umgehen, wie sie von einem so jungen Sünder, dessen Gemüthsart, ich erschrecke es zu sagen, gänzlich verderbt ist, nicht zu erwarten und zu hoffen steht. Es ist jedoch meine Pflicht, Sie zu dieser Reue aufzufordern, ob ich gleich weiß, daß alle Ermahnungen vergeblich und fruchtlos sein werden. Indessen liberavi animam meam. Mein Gewissen kann mich keiner Nachlässigkeit zeihen; obschon ich gleichzeitig mit dem größten Bedauern sehe, daß Sie einem gewissen Elende in dieser und einer gewissen Verdammniß in der andern Welt entgegengehen.«
Square drückte sich in ganz anderer Weise aus: er sagte: »Solche Ereignisse, wie ein Armbruch, wären der Beachtung eines weisen Mannes gar nicht werth. Es wäre völlig genug, das Gemüth mit einem solchen Unfalle auszusöhnen, zu bedenken, daß sie dem Weisesten begegnen könnten und ohne Zweifel zum Wohle des Ganzen gereichten.« Er sagte ferner: »es wäre eine reine Wortverdrehung. solche Dinge, die kein moralisches Gebrechen enthielten, Uebel zu nennen. Schmerz, der sich als die schlimmste Folge solcher Ereignisse ergäbe, wäre das verächtlichste Ding von der Welt,« und was dergleichen Sentenzen mehr waren, die er aus dem zweiten Buche von Tullius' tusculanischen Quästionen und von Lord Shaftesbury entlehnte. Dabei gerieth er eines Tages so sehr in Eifer, daß er sich unglücklicherweise in die Zunge biß; und zwar dermaßen, daß dadurch nicht allein seiner Rede ein Ende gemacht war, sondern daß er auch vor Schmerz und Aerger einige Flüche ausstieß; aber was das Schlimmste von allem war, dieser Vorfall gab Thwackum, welcher zugegen war und alle solche Lehren für heidnisch und atheistisch hielt, Gelegenheit, mit einer Strafpredigt über ihn herzufallen. Diese hielt er ihm denn auch in einem so boshaften, höhnischen Tone, daß es den Philosophen, den sein Zungenbiß schon etwas übellaunig gemacht hatte, ganz außer Fassung brachte; und da er seinen Zorn nicht über die Lippen herauszubringen vermochte, so hätte er vielleicht eine eindringlichere Methode, sich zu rächen, gefunden, hätte nicht der Wundarzt, der glücklicherweise gerade im Zimmer war, sich, gegen sein Interesse, in's Mittel geschlagen und den Frieden aufrecht erhalten.
Herr Blifil besuchte seinen Freund Jones nur selten und nie allein. Dieser würdige junge Mann bewies ihm jedoch viele Achtung und eben so große Theilnahme an seinem Mißgeschick; allein er vermied sorgfältig jede Vertraulichkeit, um nicht, wie er häufig zu verstehen gab, seinen eigenen Charakter zu gefährden, weshalb er auch beständig jenes Sprichwort Salomo's gegen böse Gesellschaft im Munde führte. So bitter wie Thwackum war er freilich nicht; denn er ließ allezeit einige Hoffnung auf Tom's Besserung laut werden, »welche,« sagte er, »die unvergleichliche Güte seines Oheims bei dieser Gelegenheit sicher in einem noch nicht ganz Verdorbenen bewirken müßte;« schloß aber damit: »wenn sich Herr Jones je wieder vergehen sollte, dann vermag ich nicht eine Silbe mehr zu seinen Gunsten zu sprechen.«
Was Squire Western anlangt, so fehlte er selten im Krankenzimmer, wenn er nicht im Freien oder mit der Flasche beschäftigt war. Ja er brachte bisweilen sein Bier mit und es kostete nicht geringe Mühe, ihn abzuhalten, daß er nicht Jones zwang, auch mit zu trinken: denn kein Quacksalber hielt sein Geheimmittel für eine allgemeinere Panacee, als er sein Bier, »das,« wie er sich ausdrückte, »gesunder wäre, als alle Tränkchen einer Apotheke.« Er wurde jedoch durch vieles Bitten dahin vermocht, von der Anwendung dieser Medicin abzustehen; aber davon, daß er seinem Patienten jeden Morgen, wo er auf die Jagd ging, mit dem Horne eine Morgenmusik unter den Fenstern brachte, war er unmöglich abzubringen, auch legte er jenes Geräusch nicht ab, von dem sein Auftreten in Gesellschaft stets begleitet war, wenn er Jones besuchte, und nahm keine Rücksicht auf den Kranken, mochte er zu der Zeit wachen oder schlafen.
Bei diesem geräuschvollen Wesen dachte er nicht daran, daß er dadurch schaden könnte, und glücklicherweise schadete er auch nicht, und Jones wurde, als er erst wieder aufstehen konnte, für diese Unannehmlichkeit reichlich durch die Gesellschaft Sophiens entschädigt, die der Squire ihn zu besuchen mitbrachte; auch dauerte es wirklich nicht lange, bis Jones sie auf dem Clavier begleiten konnte, worauf sie ihn Stunden lang mit der herrlichsten Musik erfreute, außer wenn es dem Squire einfiel, sie zu unterbrechen und auf Old Sir Simon oder einem andern seiner Lieblingsstückchen zu bestehen.
Ungeachtet der strengsten Wachsamkeit über ihr Benehmen, vermochte Sophie ihre innern Empfindungen doch nicht stets durch den äußern Schein zu verbergen: denn die Liebe ist auch hierin einer Krankheit zu vergleichen, daß sie, wenn ihr der eine Weg verschlossen ist, sicher auf einem andern ausbricht. Was daher ihre Lippen geheim hielten, das verriethen ihre Augen, ihr Erröthen und viele kleine unwillkührliche Handlungen.
Eines Tages, als Sophie auf dem Clavier spielte und Jones aufmerksam zuhörte, trat der Squire mit dem Ausrufe in das Zimmer: »Da habe ich, Tom, unten mit dem dicken Pfarrer Thwackum einen Streit für Dich ausgefochten. Er sagte in meiner Gegenwart zu Allworthy, daß der Armbruch eine gerechte Strafe für Dich wäre. Donner und Wetter, sage ich, wie ist das möglich? Kam er nicht dazu, als er ein junges Mädchen beschützte? – Eine Strafe, nun ja! Hol's der Henker, wenn er nichts weiter verbrochen hat, so wird er eher in den Himmel kommen, als alle Pfarrer im Lande. Er hat mehr Ursache stolz darauf zu sein, als sich zu schämen.« – »In der That, Sir,« sagte Jones, »habe ich weder Grund zu dem Einen noch zu dem Andern; aber wenn Fräulein Western dadurch vor Unglück bewahrt wurde, so werde ich dieses Ereigniß stets für das glücklichste meines Lebens halten.« – »Und noch dazu,« sagte der Squire, »Allworthy deshalb gegen Dich aufzuhetzen! Donner und Wetter, hätte der Pfarrer nicht seinen langen Rock angehabt, ich hätte ihm Eins versetzt; denn ich habe Dich lieb, mein Junge, und verdammt will ich sein, wenn irgend etwas in meiner Macht steht, was ich nicht für Dich thäte. Du sollst morgen früh unter allen Pferden in meinem Stalle die Wahl haben, blos Chevalier und Miß Slouch ausgenommen.« Jones dankte ihm, lehnte jedoch das Anerbieten ab. »Ja,« fügte der Squire hinzu, »Du sollst sogar den Rothfuchs haben, den Sophie ritt. Er kostet mir funfzig Guineen und wird dies Frühjahr sechs Jahre alt.« – »Und wenn er mir tausend gekostet hätte,« rief Jones lebhaft aus, »ich würde ihn den Hunden übergeben haben.« – »Pah! pah!« entgegnete Western: »wie, weil er Dir den Arm zerbrochen hat? Du solltest vergessen und vergeben. Ich hätte Dich für männlicher gehalten, als einem unvernünftigen Thiere zu grollen.« Hier machte Sophie dem Gespräch ein Ende, indem sie ihren Vater bat, ihm etwas vorspielen zu dürfen; eine Bitt...

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Synopsis
  3. Historischer Kontext
  4. Autorenbiografie
  5. Tom Jones (Alle 6 Bände)
  6. Analyse
  7. Reflexion
  8. Unvergessliche Zitate
  9. Notizen

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