KAPITEL 1
FUKUSHIMA
UND DER
11. SEPTEMBER
” When written in Chinese, the word crisis is
composed of two characters. One represents
danger and the other represents opportunity.
JOHN F. KENNEDY
Alle Jahre wieder präsentieren uns Günther Jauch, Johannes B. Kerner & Co. um die Weihnachtszeit den obligatorischen Jahresrückblick. Mit Berichten und Bildern von Siegern und Verlierern rufen sie all das in unser Gedächtnis zurück, was wir fast schon vergessen hatten, denn trotz aller Ereignisse gilt der Grundsatz: Das Leben geht weiter. Sie erinnern aber auch an die unvergesslichen Momente des Jahres, an die Vorfälle, die die Welt von Millionen Menschen verändert haben: Krisen, Konflikte und Katastrophen.
Ereignisse dieser Art gibt es jedes Jahr unzählige, und wer möchte, kann sie gern klassifizieren. Die einen sind in den Köpfen von Menschen entstanden, wie z.B. der 11. September, der Völkermord in Ruanda, das Massaker von Srebrenica und die unfassbar menschenverachtenden Gräueltaten von IS und Boko Haram. Die Mischung aus Fassungslosigkeit und Empörung, mit der wir die Ergebnisse dieser Kategorie betrachten, kann kaum mit Worten beschrieben werden, denn alles, was von Menschen verursacht wird, hätte – so glauben wir zumindest – vermieden werden können.
Andere Krisen sind eher nicht vermeidbar: Tsunamis, Erdbeben und alles andere, was in die Kategorie „Naturkatastrophen“ fällt, müssen wir hinnehmen. Der Planet ist deutlich stärker als wir – und die Natur ebenfalls: Epidemien oder Pandemien, ausgelöst durch HIV, Ebola, EHEC, SARS oder die Pest, lassen uns immer wieder hoffen, dass rechtzeitig ein Gegenmittel gefunden wird, bevor der Erreger unseren eigenen Körper zum Wirt degradiert.
Und dann gibt es noch die Kategorie „Unfälle“. Dazu zählen z.B. die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko (Folge der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon), der Chemieunfall von Bhopal und der Dioxinskandal von Seveso. Atombombenabwürfe, Flugzeugabstürze, Schiffsuntergänge, Gammelfleischskandale und Amokläufe vervollständigen das Bild der Kriege, Krisen und Katastrophen.
Alle Katastrophen haben einen gemeinsamen Nenner: die Frage „Was bedeutet das für mich und meine Familie, für unsere persönliche Zukunft?“ Nun, in Bezug auf die meisten Ereignisse lässt sich diese Frage sofort beantworten: Ein Erdbeben in Haiti oder ein Tsunami in Thailand löscht vor Ort viele Menschenleben aus; für die meisten Deutschen verschwinden bis zur Beseitigung der Schäden nur einige Traumstrände aus dem TUI-Katalog. Und von den Epidemien in Afrika trennt uns Gott sei Dank noch das Mittelmeer. Wir können das Leid auf dieser Welt nicht vermeiden, aber dank unseres Reichtums und unserer Empathie können wir das Leid und die Folgeschäden durch Spenden immerhin ein wenig lindern.
Doch wie sieht es mit anderen Katastrophen aus? Katastrophen, die sich nicht in der Dritten Welt, sondern bei uns ereignen? Wie wir bisher feststellen konnten, können wir diesbezüglich eine ganze Menge wegstecken, denn in einer Industrienation kann man sich der Solidarität der Staatengemeinschaft relativ sicher sein. Der 11. September und Fukushima sind dafür wahre Musterbeispiele: Die Hilfs- und Spendenbereitschaft erstaunte selbst die Hilfsorganisationen, die Mühe hatten, die Spendenflut in die richtigen Kanäle zu leiten. Wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass diese beiden Ereignisse unser privates Glück kaum beeinträchtigt haben. Ereignisse, die sich tatsächlich auf unser Leben und unsere Brieftasche auswirken, bringen uns ungleich mehr zum Nachdenken über unsere persönliche Zukunft:
• DIE INSOLVENZ VON LEHMAN BROTHERS 2008
Wenn eine New Yorker Investmentbank mit 28.600 Mitarbeitern Insolvenz anmeldet, sind die Folgen in jeder Hinsicht weitreichend: Anleger weltweit wurden um ihr Vermögen gebracht; eine Flut von Schadensersatzklagen beschäftigte lange Zeit die Gerichte; in vielen Staaten mussten die Regierungen regulierend in die Finanzmärkte eingreifen. Die Folgen wirken noch heute.
• MASSIVER STELLENABBAU BEI DER DEUTSCHEN BANK
Wenn ein Global Player heute dieselben Maßnahmen einleitet wie Lehman Brothers im Jahr 2008, sollten bei jedem die Alarmglocken läuten – und zwar im obersten Dezibelbereich.
• FLÜCHTLINGSSTRÖME AUS ASIEN, AFRIKA UND SÜDOSTEUROPA
Wenn Millionen von Flüchtlingen unsere Kapazitäten jedes Jahr auf eine Zerreißprobe stellen, sind die langfristigen Auswirkungen nicht abzusehen.
• VOLKSWAGEN ABGASSKANDAL
Milliardenstrafen in den USA und im freien Fall sinkende Aktienkurse lassen sich irgendwann in schrumpfenden Umsatz- und Mitarbeiterzahlen belegen. Doch der Schaden ist weitaus größer: Der Verlust des weltweiten Vertrauens in die deutsche Ehrlichkeit ist langfristig für ganz Deutschland ein Desaster – nicht nur für die Zulieferer, denn als Exportnation sind wir alle von internationalen Kunden abhängig, die unseren Geschäftspraktiken vertrauen und unseren Werten und Unternehmensphilosophien Glauben schenken.
Was kommt noch auf uns zu? Seit einigen Jahrzehnten warten San Francisco und der Rest von Kalifornien, Oregon und Washington gemeinsam mit Japan auf „The Really Big One“, das Erdbeben, das mit einer Stärke von 9.2 auf der Richterskala die des Bebens von 1906 übertreffen soll und finanziell selbst die mit 108 Milliarden US-Dollar teuerste Naturkatastrophe in den Vereinigten Staaten – den Hurrikan „Katrina“ im Jahr 2005 – und die 220 Milliarden US-Dollar teure Tsunamikatastrophe von Fukushima in den Schatten stellt. Wenn San Francisco bebt, wackelt aller Voraussicht nach auch das 40 km entfernte Silicon Valley. Welche Folgen die Schäden für die weltweite Wirtschaft und die New Economy haben werden, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal erahnen. Die gute Nachricht: Andere Berechnungen sagen ein Erdbeben von maximal 8.2 auf der Richterskala voraus. Damit läge der Schaden lediglich bei sechs Prozent des Fukushima-Wertes. Hoffen wir, dass diese Berechnungen Recht behalten werden. Aber verlassen wir uns lieber nicht darauf.
KAPITEL 2
DAS GRÖSSTE
BANKGEHEIMNIS
DER WELT
” Recession is when your neighbor
loses his job. Depression is when you
lose yours.
RONALD REAGAN
Bei den meisten Krisen dieser Welt besetzen wir lediglich die passive Rolle des Zuschauers. Und weil auch die größten Krisen dieser Welt bereits nach zwei Monaten aus den Schlagzeilen verschwunden und nach einem Jahr nur noch ein Teil der Weltgeschichte sind, haben wir gelernt, mit ihnen zu leben. In Sachen Krisenbewältigung ist der Nahe Osten für uns genauso weit entfernt wie der Zweite Weltkrieg. Die deutsche Insel der Glückseligkeit basiert auf dem, was wir aus unserer Geschichte gelernt haben – und natürlich auf unserer geografischen Lage, die uns vor Naturkatastrophen größeren Ausmaßes bewahrt. Wir waren diesbezüglich eigentlich schon immer gesegnet.
Bis heute. Denn heute sind wir eine reiche Industrie- und Exportnation – und somit ein bedeutender Teil des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems. Wir sind sowohl High Potentials als auch Global Player, und im Gegenzug sind wir verwundbar und müssen insbesondere finanzielle Krisen und ihre Folgen ertragen und meistern, wo und von wem auch immer sie auf diesem Planeten ausgelöst werden. Diese Krisen treffen nicht nur unsere Wirtschaft, sondern auch jeden Einzelnen: Inflationen, Rezessionen, Entwertungen und Zinsschwankungen bestimmen unseren persönlichen Kontostand, denn auch wenn dieser konstant bleibt, so ändert sich eins doch immer: seine Kaufkraft. Denn was ist Ihre 500.000-Euro-Kapitallebensversicherung, Ihre persönliche Lebensleistung, tatsächlich wert, wenn sie in zwanzig Jahren ausgezahlt wird? Kann Ihr Aktiendepot respektive Ihre Fondsbeteiligung einen Lebensabend im gewohnten Wohlstand garantieren? Was ist Ihre Immobilie noch wert, wenn Ihr neuer Nachbar eine Giftmülldeponie, ein Atomkraftwerk oder eine Schnellstraße ist? Oder wenn die Zentralbank in einer Rezession ganz bewusst die Zinsen anhebt und parallel dazu die Kreditvergabe einschränkt? Und wie sieht es mit Ihrer Schiffsbeteiligung aus, wenn der Eisberg mal wieder stärker oder der Kapitän mal wieder inkompetenter war?
Eine todsichere Sache mal zwei: Bundeswertpapiere, für die unsere Regierung einsteht – und das Sparbuch, das risikofrei einen Hauch von Zinsen abwirft, die nicht einmal die Steigerung der Lebenshaltungskosten auffangen. Glück winkt hier dem, der mit weniger zufrieden ist. Doch wie sicher ist das Glück, das Staaten und Banken anscheinend garantieren? Werfen wir einen analytischen Blick in die Garantiebedingungen – und erweitern wir unseren Blickwinkel mit einer kräftigen Prise Hintergrundwissen zum Thema Geld und Finanzen.
LEHMAN BROTHERS. KLEIN, ABER OHO. ––––––––––––––––––––––––––––––––
Bankgeschäfte basieren wie alle anderen Geschäfte auf gegenseitigem Vertrauen. Ihr persönlicher Berater am Bankschalter gehört schon zur Familie, denn im Gegensatz zu Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und den meisten Verwandten kennt er Ihren persönlichen Kontostand. (Seien Sie ihm trotzdem nicht böse, wenn er Ihnen viele Zusammenhänge, die Sie nach Zuklappen dieses Buchs kennen, nicht vermittelt, denn er selbst hat dieses Wissen von seinem Arbeitgeber niemals erhalten. Bald wissen Sie, warum das so ist.)
Doch zurück zum Vertrauen. Warum vertrauen wir Banken? Warum geben wir ihnen unser Geld, wenn wir doch wissen, dass der Schalterbeamte, dem wir unser Geld anvertrauen, es am Nachbarschalter kurz darauf einem völlig Fremden leiht, um damit für sich und seinen Arbeitgeber Geld zu verdienen? Nur zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend: Banken sind Experten in Sachen Geld und – der Werbung sei Dank – gleichzeitig Experten in Sachen Geldvermehrung. Und das Beste: Banken werden von Regierungen reguliert und kontrolliert.
Doch was ist, wenn Sie Ihr Geld wiederhaben möchten? Dann gehen Sie zum Geldautomaten oder – bei größeren Beträgen – zur Bankfachkraft Ihres Vertrauens. Das klappt prima – bis zu dem Tag, an dem überdurchschnittlich viele Kunden ihr Geld zurückfordern. In Griechenland haben wir einen solchen sogenannten „Bank Run“ erst 2015 erlebt: 60 € pro Tag durften die Griechen abheben, selbst wenn das einzelne Guthaben 50.000 € oder 100.000 € betrug. Da stellt sich die Frage: Wem gehört denn nun das „Vermögen“ – dem Kunden oder der Bank? Das Geld gehört der Bank; der Kunde hat nur eine Forderung, die allerdings auch einmal nicht erfüllt werden kann, denn leider haben die Banken dieser Welt selten mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Reserven im Tresor. Diese Mindestreserve betrug in der Eurozone von 1999 bis 2012 lediglich 2 % der im Umlauf befindlichen Geldsumme. Wenn Ihnen diese Zahl ein wenig Angst macht, wird es Ihre Angst verdoppeln, wenn Sie erfahren, dass die Mindestreserve im Jahr 2012 um 50 % reduziert wurde und seitdem bei lediglich 1 % liegt.
Wir lassen uns von solchen Zahlen nicht beirren und bringen unser Geld weiterhin zur Bank. Warum? Weil wir es dort sicherer wähnen als in unserem Sparstrumpf; weil wir es sehr wahrscheinlich ausgeben, wenn wir es in unserer Brieftasche durch die Fußgängerzone tragen; weil Bank- und Postkutschenüberfalle aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen und der daraus resultierenden Erfolgsaussichten immer seltener werden; weil heute nichts einfacher ist, als eine vierstellige TAN einzugeben oder den Bezahlen-Button auf irgendeiner Website zu drücken.
Schauen wir der Katastrophe ins Gesicht. Wie auch immer Duden und Wikipedia das Wort „Katastrophe“ definieren mögen: Wir persönlich definieren es nicht nach dem Auslöser, sondern nach der eigenen Betroffenheit. Für Sie und Ihre Familie ist Fukushima nicht so schlimm, wie es der Verlust des Arbeitsplatzes des Hauptverdieners wäre, der mit 45 Jahren heute schon zu alt für den Arbeitsmarkt ist. Wirklich verheerend ist für uns die Privatinsolvenz, auch wenn wir an ihr nicht ganz unschuldig sind. Ihr persönlicher 11. September ist der Tag, an dem Ihr Onkologe mit ernstem Blick seinen Untersuchungsbericht vorliest.
Die Insolvenz einer Bank wie Lehman Brothers wird nicht als Katastrophe gewertet, denn schließlich sind hier keine Verletzten oder gar Todesopfer zu beklagen. Über Selbstmorde von Bankkunden, die ihr gesamtes Vermögen verloren haben, führt niemand Buch. Außerdem ist in unseren Augen Lehman Brothers keine Bank mit persönlichem Bezug, denn wer von uns betreibt schon ein Konto bei einer US-amerikanischen Investmentbank?
Welche Auswirkungen Krisen und Katastrophen auf der anderen Seite der Weltkugel auf uns persönlich haben können, zeigt die Immobilienkrise, die 2008 in den USA für Wirbel sorgte: Die beiden größten Hypothekenbanken der USA, Fannie Mae und Freddie Mac, waren nahezu zeitgleich zahlungsunfähig. Als staatsnahe Unternehmen galten sie als „too big to fail“, weshalb sie kurzerhand verstaatlicht und mit Krediten aus Washington in Höhe von 187 Milliarden US-Dollar unterstützt wurden. Auch Lehman Brothers gehörte 2008 zu dieser Kategorie, doch der politische Druck, Banken gleich welcher Größe nicht mehr mit Steuergeldern künstlich am Leben zu erhalten, führte zum Statuieren eines Exempels. Seitdem sind alle großen westlichen Banken mit der Fed „online“, und die Insolvenz traf den „kleinen Mann“ mit voller Wucht: Schulden in Höhe von über 200 Milliarden US-Dollar konnten an die Anleger nicht zurückgezahlt werden, der Gesamtschaden lag bei unglaublichen 600 Milliarden US-Dollar. Wie konnte es zu diesem Desaster kommen? Eigene Kurzsichtigkeit war dafür ebenso verantwortlich wie der Glaube, dass Immobilienpreise immer weiter ansteigen werden. Präsident George W. Bush hatte einst die „Ownership Society“ zur Chefsache erklärt: Jeder sollte sich ein eigenes Haus leisten können, ohne die bisher notwendige Anzahlung leisten zu müssen. Ein Riese...