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Lehrbuch der Geschichte der Philosophie (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Von der griechischen Kosmologie bis zur Wertphilosophie: systematische Philosophiegeschichte und Neukantianismus
- 570 Seiten
- German
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Lehrbuch der Geschichte der Philosophie (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Von der griechischen Kosmologie bis zur Wertphilosophie: systematische Philosophiegeschichte und Neukantianismus
Über dieses Buch
Wilhelm Windelbands "Lehrbuch der Geschichte der Philosophie" bietet keine bloße Abfolge von Namen und Lehrmeinungen, sondern eine systematisch gegliederte Darstellung philosophischer Problemgeschichte von der Antike bis zur Moderne. In präziser, verdichteter Prosa verbindet das Werk historische Gelehrsamkeit mit neukantianischer Begriffsschärfe: Philosophische Systeme erscheinen als Antworten auf wiederkehrende Fragen nach Erkenntnis, Wirklichkeit, Wert und Freiheit. Damit steht das Buch im Kontext der akademischen Philosophie des späten 19. Jahrhunderts, die Geschichte nicht antiquarisch, sondern als methodische Selbstverständigung des Denkens verstand. Windelband, 1848 geboren und einer der führenden Vertreter der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus, war zugleich Historiker der Philosophie und systematischer Denker. Seine Unterscheidung von nomothetischen und idiographischen Wissenschaften sowie sein Interesse an Werttheorie prägen auch dieses Lehrbuch. Die Darstellung ist von der Überzeugung getragen, dass philosophische Geschichte nur verständlich wird, wenn man ihre inneren Problemzusammenhänge und kulturellen Bedingungen erfasst. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die eine anspruchsvolle, ordnende Einführung in die europäische Philosophiegeschichte suchen. Es ist besonders wertvoll für Studierende und Forschende, die neben Fakten ein begriffliches Gerüst gewinnen möchten, das historische Entwicklungen philosophisch deutbar macht.
Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern.
- Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes.
- Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten.
- Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben.
- Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen.
- Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen.
- Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
- Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Information
I. Teil.
Die Philosophie der Griechen.
Inhaltsverzeichnis
- Literatur: CHR. A. BRANDIS, Handbuch der Geschichte der griechisch-römischen Philosophie, 3 Tle. in 6 Bänden, Berlin 1835-66.
Ders., Geschichte der Entwicklungen der griechischen Philosophie und ihrer Nachwirkungen im römischen Reiche, 2. Abt., Berlin 1862-66.
ED. ZELLER, Die Philosophie der Griechen, 3 Tle. in 5 Banden, 1. Bd. in b., 2. Bd. in 4., 3. u. 4. Bd. in 3., 5. Bd. in 5. Aufl., Leipzig 1879-1903.
J. BRANISS, Geschichte der Philosophie seit Kant. Bd. I (Breslau 1842).
A. SCHWEGLER, Geschichte der griechischen Philosophie, herausg. von K. KÖSTLIN, 3. Aufl., Freiburg i. Br. 1882.
L. STRÜMPELL, Die Geschichte der griechischen Philosophie, 2. Abt., Leipzig 1854-61.
A. W. BENN. The greek philosophers. 2 vols. London 1882/3.
W. WINDELBAND, Geschichte der alten Philosophie, 2. Aufl.. München 1894. (Dritte Aufl, bearb. von BONHÖFFER, im Druck).
TH. GOMPERTZ, Griechische Denker (3 Bde. Wien u. Leipzig 1903-1909).
E. KÜHNEMANN, Grundlehren der Philosophie, Stuttgart 1899.
A. DÖRING, Geschichte der griech. Philosophie, Berlin 1903.
E. KINKEL, Geschichte der Philosophie I (Gießen 1906), II (1908).
H. V. ARNIM, Kultur der Gegenwart 1, 5 (1909) p. 115-287.
P. DEUSSEN, Die Philosophie der Griechen (Leipzig, 1911, auch als Bd. II, 1 der Allg. Geschichte der Philosophie).
RITTER et PRELLER, Historia philosophiae graeco-romanae (graecae), in 7. Aufl. herausgegeben von SCHULTESS und WELLMANN (Gotha 1886-88), eine vorzüglich instruktive Zusammenstellung der wichtigsten Quellen; 8. Aufl. 1898.
G. TEICHMÜLLER, Studien zur Geschichte der Begriffe, Berlin 1874.
L. SCHMIDT, Die Ethik der alten Griechen. 2 Bde., Berlin 1881.
J. WALTER, Geschichte der Aesthetik im Altertum, Leipzig 1893.
O. GILBERT, Die meteorologischen Theorien des griechischen Altertums, Leipzig 1907.
Ders., Griechische Religionsphilosophie, Leipzig 1911.
Wenn man unter Wissenschaft die selbständige und selbstbewußte Erkenntnisarbeit versteht, welche das Wissen um seiner selbst willen methodisch sucht, so kann von einer solchen – abgesehen von einigen erst der neueren Kenntnis sich erschließenden Ansätzen bei den Völkern des Orients, insbesondere den Chinesen und Indern60 erst bei den Griechen und bei diesen etwa seit dem Anfange des 6. Jahrhunderts v. Chr. G. gesprochen werden. Zwar fehlte es den großen Kulturvölkern des früheren Altertums weder an einer Fülle einzelner Kenntnisse, noch an allgemeinen Anschauungen des Universums; aber wie jene an der Hand der praktischen Bedürfnisse gewonnen und diese aus der mythischen Phantasie erwachsen waren, so blieben sie unter der Herrschaft teils der täglichen Not, teils der religiösen Dichtung, und bei der eigentümlichen Gebundenheit des orientalischen Geistes fehlte ihnen zu fruchtbarer und selbständiger Entwicklung die Initiative der Individuen.
Auch bei den Griechen lagen die Verhältnisse ähnlich, bis um die erwähnte Zeit der mächtige Aufschwung des nationalen Lebens die geistigen Kräfte dieses begabtesten aller Völker entfesselte. Mehr noch als die Verfeinerung und Vergeistigung des Lebens, welche der aus dem Handel erwachsende Reichtum mit sich führte, erwies sich dabei die demokratische Entwicklung der Verfassungen gültig, wodurch in leidenschaftlichen Parteikämpfen die Selbständigkeit individueller Meinungen und Urteile herangezogen und die Bedeutung der Persönlichkeit entwickelt wurde. Je mehr die üppige Entfaltung des Individualismus die alten Bande des Gesamtbewußtseins, des Glaubens und der Sitte lockerte und die junge Kultur Griechenlands mit der Gefahr der Anarchie bedrohte, um so mehr trat an die einzelnen, durch Lebensstellung, Einsicht und Charakter hervorragenden Männer die Pflicht heran, in eigener Besinnung das verloren gehende Maß wieder zu gewinnen: diese ethische Reflexion fand in den lyrischen und gnomischen Dichtern, besonders aber in den sog. sieben Weisen61 ihre Vertreter. Auch konnte es nicht ausbleiben, daß eine ähnliche Bewegung sich verselbständigender Individualmeinungen auf das schon vorher so vielgestaltige religiöse Leben übergriff, in welchem der Gegensatz d er alten Mysterienkulte und der ästhetischen Nationalmythologie so vielfache Anregungen zu besonderen Gestaltungen gab62. Schon in der kosmogonischen Dichtung63 wagte sich die individuelle Phantasie des Dichters an eine eigene Ausmalung des Mythenhimmels, das Zeitalter der sieben Weisen begann seine ethischen Ideale in die Götterbilder der homerischen Dichtung hineinzudeuten, und mit der sittlich-religiö sen Reformation, welche Pythagoras versuchte, trat in der äußeren Form einer Rückkehr zu der alten Strenge des Lebens doch der neue Inhalt, den es gewonnen hatte, um so deutlicher hervor.
Aus so gärenden Zuständen ist die Wissenschaft der Griechen geboren worden, der sie den Namen der Philosophie gaben. Das selbständige Nachdenken der Individuen dehnte sich von den Fragen des praktischen Lebens, unterstützt durch die Wogungen der religiösen Phantasie, auf die Erkenntnis der Natur aus und gewann erst in ihr jene Freiheit von äußeren Zwecken, jene Beschränkung des Wissens in sich selbst, welche das Wesen der Wissenschaft ausmacht.
Alle diese Vorgänge aber spielten sich hauptsächlich in den peripherischen Teilen des griechischen Kulturlebens, den Kolonien, ab, welche dem sog. Mutterlande in der geistigen, wie in der materiellen Entwicklung voraus waren. In Jonien, in Großgriechenland, in Thrakien standen die Wiegen der Wissenschaft. Erst nachdem in den Perserkriegen Athen mit der politischen auch die geistige Hegemonie übernommen hatte, die es so viel länger bewahren sollte als Jene, da zog (zur Zeit der Sophisten) der allen Musen geweihte Boden Attikas auch die Wissenschaft an sich, die sich hier in der Lehre und Schule des Aristoteles vollendete.
Die Art und Weise, wie sich das Nachdenken zu erst an zweckfreier Betrachtung der Natur zu wissenschaftlicher Begriffsbildung erhob, brachte es mit sich, daß die griechische Wissenschaft die ganze Frische jugendlicher Erkenntnisfreudigkeit zunächst den Problemen der Naturforschung zuwandte und dabei begriffliche Grundformen für die Auffassung der äußeren Welt ausprägte. Es bedurfte erst teils der nachkommenden Reflexion auf das damit Geleistete und nicht Geleistete, teils der gebieterischen Anforderungen, welche das öffentliche Leben an die zum sozialen Faktor herangereifte Wissenschaft stellte, um den Blick der Philosophie nach innen zu wenden und das menschliche Tun zu ihrem Gegenstand zu machen. Konnte damit zeitweilig der reine Forschungstrieb der Anfänge gehemmt erscheinen, so entfaltete er sich, nachdem es erst zu positiven Erkenntnissen auch auf dem Gebiete menschlicher Innerlichkeit gekommen war, um so lebhafter und führte nun zu den großen Systembildungen, mit denen die rein griechische Philosophie abschloß.
Deshalb teilt sich die Philosophie der Griechen in drei Perioden: eine kosmologische, welche von etwa 600 bis etwa 450 reicht, – eine anthropologische, welche etwa die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts (450-400) ausfüllt, – und eine systematische, welche die Entwicklung der drei großen Systeme der griechischen Wissenschaft, derjenigen von Demokrit, Platon und Aristoteles enthält (400-322).
Die Philosophie der Griechen bildet den theoretisch instruktivsten Teil der gesamten Geschichte der Philosophie, nicht nur deshalb, weil die in ihr erzeugten Grundbegriffe bleibende Grundlagen aller ferneren Entwicklung des Denkens geworden sind und zu bleiben versprechen, sondern auch deshalb, weil in ihr gegenüber der noch verhältnismäßig sehr geringen Menge des Kenntnismaterials die formalen Voraussetzungen, die in den Postulaten der denkenden Vernunft selbst enthalten sind, zur scharfen Formulierung gelangen. Darin besitzt die griechische Philosophie ihren typischen Wert und ihre didaktische Bedeutung. Diese Vorzüge treten schon in der Durchsichtigkeit und Einfachheit der Gesamtentwicklung hervor, welche den forschenden Geist zuerst nach außen gezogen, dann auf sich selbst zurückgeworfen und erst von hier aus zu tieferer Erfassung der gesamten Wirklichkeit zurückkehrend erscheinen läßt.
Ueber diesen Gang der allgemeinen Entwicklung der griechischen Philosophie besteht daher kaum irgend eine Kontroverse, wenn auch von den verschiedenen Darstellungen die Periodeneinschnitte an verschiedene Stellen verlegt werden. Ob man mit Sokrates eine neue Periode beginnen lassen will oder ihn mit den Sophisten zusammen in diejenige der griechischen Aufklärung einstellt, hängt schließlich nur daran, ob man für die Einteilung das (negative oder positive) Resultat oder die Gegenstände des Philosophierens für maßgebend ansehen will. Daß aber Demokrit unter allen Umständen aus den »Vorsokratikern« ausgeschieden und der großen systematischen Zeit der griechischen Philosophie zugerechnet werden muß, hat Verf. in seiner Uebersicht über die »Geschichte der alten Philosophie« Kap. 5 begründet, und die Einwürfe, welche diese Neuerung erfahren hat, waren nicht geeignet, ihn daran irre zu machen.
1. Kapitel. Die kosmologische Periode.
Inhaltsverzeichnis
- Literatur: S. A. BYK, Die vorsokratische Philosophie der Griechen in ihrer organischen Gliederung, 2. Tle., Leipzig 1875-77. – P. TANNERY, Pour l'histoire de la science hellène (Paris 1887). – J. BURNET, Early greek philosophy (2. Aufl. London 1908).
Den nächsten Hintergrund für die Anfänge der griechischen Philosophie haben die kosmogonischen Dichtungen gebildet, welche die Vorgeschichte des gegebenen Weltzustandes in mythischer Einkleidung vortragen wollten und dabei die herrschenden Vorstellungen über die stetigen Wandlungen der Dinge in der Form von Erzählungen der Weltentstehung zur Geltung brachten. Je freier sich dabei die individuellen Ansichten entwickelten, um so mehr trat zu Gunsten der Betonung dieser bleibenden Verhältnisse das zeitliche Moment des Mythos zurück, und es schälte sich schließlich die Frage heraus, was denn nun der allen zeitlichen Wechsel überdauernde Urgrund der Dinge sei und wie er sich in diese einzelnen Dinge verwandle oder sie in sich zurückverwandle.
An der Lösung dieser Frage hat zunächst die milesische Schule der Naturforschung im 6. Jahrhundert gearbeitet, aus der uns als die drei Hauptvertreter Thales, Anaximandros und Anaximenes bekannt sind. Mancherlei offenbar seit lange in der Praxis der seefahrenden Jonier angesammelte Kenntnisse und viele eigene, oft feinsinnige Beobachtungen standen ihnen dabei zu Gebote; auch haben sie sich gewiß an die Erfahrung der orientalischen Völker, insbesondere der Aegypter, gehalten, mit denen sie in so nahen Beziehungen standen64. Mit jugendlichem Eifer wurden diese Kenntnisse zusammengetragen Das Hauptinteresse fiel dabei auf die physikalischen Fragen, insbesondere auf die großen Elementarerscheinungen, für deren Erklärung viele Hypothesen ersonnen wurden, daneben aber hauptsächlich auf geographische und astronomische Probleme, wie die Gestalt der Erde, ihr Verhältnis zum Gestirnhimmel, das Wesen von Sonne. Mond und Planeten und Art wie Ursache ihrer Bewegung. Dagegen finden sich nur schwache Zeichen eines der organischen Welt und dem Menschen zugewendeten Erkenntnistriebes.
Solcher Art waren die Erfahrungsgegenstände der ersten »Philosophie«. Ganz fern stand sie dem ärztlichen Wissen, das sich allerdings nur auf technische Kenntnisse und Kunstfertigkeiten beschränkte und als priesterlich gehütete Geheimlehre in Orden und Schulen, wie denjenigen von Rhodos, Kyrene, Kroton, Kos und Knidos, überliefert wurde. Die antike Medizin, die ausdrück lich eine Kunst, aber keine Wissenschaft sein wollte (Hippokrates), ist erst spät und nur ganz vorübergehend mit der philosophischen Gesamtwissenschaft in Berührung gekommen. (S. unten Kap. 2 und § 17, 6.) Vgl. HÄSER, Lehrbuch der Geschichte der Medizin I, 2. Aufl., Jena 1875.
Ebenso selbständig gehen neben den Anfangen der antiken Philosophie diejenigen der Mathematik einher. Die Sätze, weiche den Milesiern zugeschrieben werden, machen mehr den Eindruck einzeln aufgeraffter Kenntnisse, als eigener Forschungsergebnisse und sind ganz außer Beziehung zu ihren sonstigen Lehren. Auch in den Kreisen der Pythagoreer sind offenbar die mathematischen Studien zunächst für sich selbst betrieben worden um dann freilich um so energischer in die Behandlung der allgemeinen Probleme hineingezogen zu werden. Vgl. G. CANTOR, Geschichte der Mathematik I (Leipz. 1880) M. SIMON, Gesch. d. Mathem. im Altertum (Berl. 1909).
Die Bemühungen der Milesier, den einheitlichen Weltgrund zu bestimmen, führten aber schon bei Anaximander über die Erfahrung hinaus zur Konstruktion eines metaphysischen Erklärungsbegriffs, des »Unendlichen«, und lenkten damit die Wissenschaft von der Untersuchung der Tatsachen auf begriffliche Ueberlegungen ab. Während Xenophanes, der Begründer der eleatischen Schule, die Folgerungen zog, welche sich aus dem philosophischen Begriffe der Welteinheit für das religiöse Bewußtsein ergaben, zersetzte Heraklit im schweren Ringen mit dunklen, religiös gefärbten Anschauungen die Voraussetzung einer bleibenden Substanz und ließ nur ein Gesetz des Wechsels als letzten Inhalt der Erkenntnis bestehen. Um so schärfer aber bildete auf der andern Seite die eleatische Schule in ihrem großen Vertreter Parmenides den Begriff des Seins zu der rücksichtslosen Schroffheit aus, die in der folgenden Generation der Schule durch Zenon verteidigt und nur durch Melissos einigermaßen abgeschwächt wurde.
Sehr bald aber traten nun eine Reihe von Forschern hervor, welche das durch diese Entfaltung der ersten metaphysischen Gegensätze beiseite geschobene Interesse der erklärenden Naturwissenschaft von neuem in den Vordergrund rückten. Sie gingen zu diesem Behufe wieder in umfassenderer Weise auf eine Bereicherung der Kenntnisse aus, wobei sie mehr als vorher Beobachtungen, Fragen und Hypothesen aus dem Bereiche des Organischen und Physiologischen ins Auge faßten, und sie suchten mit ihren erklärenden Theorien zwischen den begrifflichen Gegensätzen von Heraklit und Parmenides zu vermitteln.
Aus diesen Bedürfnissen entstanden gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts nebeneinander und mit mancherlei positiven und polemischen Beziehungen zueinander die Lehren von Empedokles, Anaxagoras und Leukippos, dem Begründer der atomistischen Schule von Abdera. Die Mannigfaltigkeit dieser Theorien und ihre offenkundige Abhängigkeit voneinander beweist bei der räumlichen Entfernung, in der die einzelnen Männer und Schulen sich befanden, bereits eine große Lebhaftigkeit des Austausches und des literarischen Betriebes, dessen Bild sich um so reicher gestaltet, je mehr man bedenkt, daß die sichtende Ueberlieferung offenbar nur die Erinnerung an das Bedeutendste aufbewahrt hat und daß jeder der uns bekannt gebliebenen Namen in Wahrheit einen ganzen Kreis wissenschaftlicher Arbeit bedeutet.
Eine eigentümliche Nebenstellung hatten während der gleichen Zeit die Pythagoreer, welche das durch den Gegensatz von Heraklit und den Eleaten gegebene metaphysische Problem gleichfalls aufnahmen, seine Lösung aber mit Hilfe der Mathematik zu finden hofften und durch die Zahlenlehre, als deren erster literarischer Vertreter Philolaos bekannt ist, der weiteren Bewegung des Denkens eine Reihe der wichtigsten Motive hinzufügten. Auch machte sich die ursprünglich praktisch-religiöse Tendenz des Bundes in ihren Lehren dadurch fühlbar, daß sie den Wertbestimmungen schon einen größeren Einfluß auf das theoretische Denken einräumten. Zwar haben sie so wenig, wie die ganze Philosophie dieser Periode, eine wissenschaftliche Behandlung ethischer Fragen versucht, aber die Kosmologie, welche sie auf ihre mit Hilfe der Mathematik bereits sehr weit entwickelten astronomischen Vorstellungen gründeten, ist doch zugleich von ästhetischen und ethischen Motiven durchdrungen.
Aus der milesischen Schule sind uns nur die drei Namen Thales, Anaximadros, Anaximenes überliefert. Danach scheint diese Schule in der damaligen Hauptstadt Joniens während des ganzen 6. Jahrhunderts geblüht zu ...
Inhaltsverzeichnis
- Einführung
- Synopsis
- Historischer Kontext
- Lehrbuch der Geschichte der Philosophie
- Analyse
- Reflexion
- Unvergessliche Zitate
- Notizen
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