Lelia (Autobiografischer Roman) (Kommentiert)
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Lelia (Autobiografischer Roman) (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Skandalroman der Autorin von Die kleine Fadette, Die Marquise, Ein Winter auf Mallorca

  1. 360 Seiten
  2. German
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Lelia (Autobiografischer Roman) (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Skandalroman der Autorin von Die kleine Fadette, Die Marquise, Ein Winter auf Mallorca

Über dieses Buch

George Sands Lélia (1833; überarbeitet 1839) ist ein philosophisch grundierter, autobiografisch gefärbter Roman über eine Frau, die an der Unvereinbarkeit von geistigem Absolutheitsanspruch, religiösem Zweifel und körperlicher Liebe leidet. In dialogischen, lyrisch aufgeladenen Szenen begegnen Lélia der leidenschaftliche Dichter Sténio, die Kurtisane Pulchérie und der Priester Magnus; aus ihren Stimmen entsteht ein romantisches Drama der Desillusionierung. Der Stil verbindet Bekenntnisprosa, metaphysische Reflexion und melodramatische Intensität und steht im Kontext des französischen Romantismus sowie der frühen Kritik an bürgerlichen Geschlechterordnungen. Aurore Dupin, bekannt als George Sand, schrieb aus einer biografischen Erfahrung von Ehekonflikt, gesellschaftlicher Selbstbehauptung und künstlerischer Emanzipation heraus. Ihre Beziehungen, ihre Pariser Bohème, ihre Auseinandersetzung mit katholischer Moral und saint-simonistischen Reformideen schärften den Blick für weibliche Begierde, Einsamkeit und intellektuelle Unruhe. Lélia verarbeitet diese Spannungen nicht als schlichtes Selbstporträt, sondern als experimentelle Analyse moderner Subjektivität. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die romantische Literatur nicht nur als Gefühlskunst, sondern als Erkenntnisform verstehen möchten. Lélia ist anspruchsvoll, bisweilen düster und pathetisch, doch gerade darin außergewöhnlich: ein Schlüsseltext feministischer Selbstbefragung und europäischer Moderne. Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern. - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Information

Verlag
e-artnow
Jahr
2015
eBook-ISBN:
9788026845546

Fünfter Theil

Inhaltsverzeichnis

VII

Inhaltsverzeichnis
Eines Morgens erblickte man einen Reisenden am Stadtthore. Er war zu Fuße und seine Stiefeln noch feucht vom Thau. Seine einzige Waffe war ein weißer Stab, und nach seiner ernsten Kleidung, seiner bedächtigen Stirn und seinem ruhigen Gange hatte man ihn für einen Apostel der Vorzeit halten können. Obgleich er weder Ueberschlag noch Tonsur zeigte, nahm ihn doch der erste Bürger, an den er sich wandte, für einen Priester, wegen seiner schwarzen Kleidung und seines langen Haares. Aber der gute Mann wich vor Erstaunen einen Schritt zurück, als der Fremde in ruhigem und bescheidenem Tone fragte, in welchem Stadtviertel das Palais der Signora Zingolina liege.
„Eure apostolische Herrlichkeit scherzt wohl mit ihrem ergebenen Diener,“ erwiederte der Bürger und unterdrückte einen Ausruf boshafter Freude. „Eure eccellenza canonica irrt sich gewiß nur im Namen ... die Zingolina ... die Signora Cort...“
Der Ton, in welchem der Fremde seine Frage wiederholte, war so fest, bestimmt und kalt, daß die Umstehenden sich ansahen, um zu fragen, wer er sey, dessen Stimme und Geberden Furcht einflößten.
Man gab ihm einen Führer mit, der ihn zur Wohnung der Buhlerin brachte.
Beim Anblick seiner ungeputzten Stiefeln, seines Stockes und seines großen Reisehutes wendeten ihm die Bedienten den Rücken und würdigten seine Fragen keiner Antwort.
Er drang nun in das Innere des Palastes ein, während er mit gelassener Miene gegen alle den Stock erhob, die versuchen wollten, ihn abzuhalten. Ein kleiner Page erschien ganz bestürzt in dem Saale, wo Zingolina eben Gäste bewirthete.
Ein Abbatone, ein Abbataccio, sagte er, sey mit Gewalt ins Haus gedrungen, treffe mit seinem mit Eisen beschlagenen Stocke nicht nur die Leute der Signora, sondern auch das japanische Porzellan, die Alabaster-Statuen, den Mosaik-Fußboden, kurz, richte eine entsetzliche Verwüstung an und stoße schreckliche Verwünschungen aus.
Sogleich erhoben sich alle Gäste (einen ausgenommen, welcher schlief) um den Abbate zu verjagen. Aber Zingolina fiel, statt ihre Indignation zu theilen, vor Lachen auf den Stuhl zurück, und bedeutete ihnen dann, sich ruhig zu verhalten und sich wieder zu setzen.
„Platz, Platz für den Abbé,“ rief sie, „ich liebe die unduldsamen, zornigen Priester; sie sind die verdammlichsten. Man öffne die Flügelthüre, lasse den Signor Abbate eintreten und bringe Cyperwein.“
Der Page gehorchte, und wie die Thür geöffnet wurde, erblickte man die aus dem Fond der Gallerie herannahende feierliche und majestätische Figur Trenmors. Aber der einzige Gast, der ihn hätte erkennen und vorstellen können, schlief so fest, daß die Ausbrüche des Erstaunens, des Zornes und der Fröhlichkeit ihn nicht im Mindesten gestört hatten.
Als die lustigen Gefährten der Zingolina den angeblichen Geistlichen in der Nähe sahen, erkannten sie wohl, daß seine fremde Kleidung nicht die eines Priesters sey, aber die Courtisane bestand auf ihrem Irrthum, ging ihm entgegen und sagte, indem sie sich so schön und süß wie eine Madonna machte: „Kommen Sie, Herr Bischof, Erzbischof, Cardinal oder Papst, seyn Sie willkommen und geben Sie mir einen Kuß.“
Trenmor küßte sie, aber mit so gleichgültiger Miene und so kalten Lippen, daß sie drei Schritte zurückwich und halb zornig, halb erschrocken ausrief: „Bei dem goldnen Haar der Jungfrau, das ist eines Geistes Kuß.“
Aber sie fand bald ihre gute Laune wieder, und da sie bemerkte, daß Trenmor mit finsterm, bekümmertem Blick die Anwesenden musterte, zog sie ihn auf einen Sitz neben dem ihrigen.
„Komm, mein schöner Abbé,“ sagte sie und reichte ihm ihre silberne Trinkschale, eine Arbeit von Benvenuto und im Geschmack der wollüstigen Orgien der Griechen mit Rosen umkränzt, „erwärme deine erstarrten Lippen mit diesem Lacrymä Christi.“
Sie bekreuzte sich mit heuchlerischer Miene, wie sie den Namen des Erlösers aussprach.
„Sage mir, was dich hierher führt, oder vielmehr sage es mir nicht, laß mich's errathen. Willst du, daß man dir ein seidnes Kleid gebe und dein Haar parfümire? Du bist der hübscheste Abbé, den ich noch gesehen habe. Aber warum runzelt Eure Barmherzigkeit die Stirn, ohne mir zu antworten?“
„Ich bitte um Verzeihung, Madame,“ erwiederte Trenmor, „wenn ich Ihrer Gastfreundschaft nur schlecht entspreche. Obgleich ich wie ein Hausirer zu Fuße kam, haben Sie mich wie einen Fürsten empfangen. Ich liebe die logischen und vollkommenen Naturen, wie die Ihrige, und schätze Sie, die in alle Männer verliebte Buhlerin, so hoch, als eine in alle Heiligen verliebte Aebtissin. Aber ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu beschäftigen, mein Besuch hat einen andern Zweck, Pulcheria ...“
„Pulcheria!“ rief die Zingolina schaudernd. „Wo kommen Sie her, daß Sie den Namen kennen, den meine Mutter mir gab? Aus welchem Lande kommen Sie?“
„Ich komme von Lelia,“ antwortete Trenmor.
„Gesegnet sey meiner Schwester Name,“ erwiederte Pulcheria ernst und gefaßt.— „Obgleich sie mir die sterblichen Ueberreste ihres Liebhabers vermacht hat,“ setzte sie in ungezwungenem Tone hinzu ...
„Was sagen Sie da,“ rief Trenmor erschrocken, „haben Sie so viel Jugend, und Kraft schon erschöpft? Haben Sie dem Kinde, welches noch nicht gelebt hatte, schon den Tod gegeben?“
„Wenn es Stenio ist, von dem Sie reden,“ erwiederte sie, „so beruhigen Sie sich, er lebt noch.“
„Er hat noch einen oder zwei Monate zu leben,“ fügte einer der Gäste hinzu, indem er einen theilnahmlosen Blick auf den Sopha warf, auf welchem Jemand schlief, dessen Gesicht in den Kissen vergraben war.
Trenmor's Augen folgten der nämlichen Richtung. Er erblickte einen Menschen von Stenio's Gestalt, aber um Vieles schwächlicher, und dessen schlanke Glieder in einer Erschlaffung lagen, die weniger, von Trunkenheit als von Fieber zeugte. Sein schönes Haar fiel in entrollten Locken auf einen Hals, der glatt und weiß wie ein weiblicher war, dessen Umrisse ohne Rundung aber einen kränklichen, angegriffenen Zustand verriethen.
„Ist das Stenio?“ sagte Trenmor mit leiser, tiefer Stimme und heftete einen Blick auf die Courtisane,der sie unwillkührlich erblassen und schaudern machte. „Es wird vielleicht ein Tag kommen, Pulcheria, wo Gott Ihnen Rechenschaft abfordert über das reinste und schönste seiner Werke. Fürchten Sie nicht, daran zu denken?“
„Ist es denn meine Schuld, daß Stenio schon hingerichtet ist, während wir alle hier, die wir die nämliche Lebensweise führen, jung und kräftig sind? Glauben Sie, daß er keine andern Maitressen hat als mich? Glauben Sie, daß er sich nie an meiner Tafel berauscht? Und Sie, Trenmor, denn ich erkenne Sie an Ihren Reden, und weiß nun, wer Sie sind, haben Sie nicht den Wahnsinn der Ausschweifung gekannt, und sind Sie nicht oft aus den Armen des Vergnügens reich an Kraft und Zukunft hervorgegangen? Und wenn übrigens ein Weib an seinem Untergange Schuld ist, so ist es Lelia, die den jungen Dichter hätte bei sich behalten sollen. Er war dazu bestimmt, gewissenhaft nur Eine Frau zu lieben, Sonnette auf sie zu machen, ein ruhiges, einsames Leben zu führen und die Stürme eines thätigern Lebens nur zu träumen. Er hatte unsere Orgien, unsere glühenden Wollüste, unsere durchschwärmten Nächte nur von weitem, nur im Geiste sehen und sie in seinen Dichtungen erzählen, nicht aber daran Theil nehmen, nicht selbst eine Rolle dabei spielen sollen. Habe ich ihm, als ich ihn zum Vergnügen einladete, gerathen, alles Andere aufzugeben? Habe ich Lelia geheißen, ihn zu verbannen und zu verlassen? Wußte ich nicht recht wohl, daß Leuten seines Schlages die Trunkenheit der Sinne nur zur Erholung dienen, nicht aber Beschäftigung werden darf?“
„Sie haben Recht, Madame,“ erwiederte Trenmor leise und drückte ihr mit trauriger Miene die Hand, „es ist Lelia, die den jungen Mann vernichtet hat.“
Kommen Sie hierher, um ihn abzuholen, um ihn unsern Festen zu entführen, um ihn wieder zu einem Leben der Betrachtung und der Ruhe zu bringen?“ fuhr Pulcheria fort. „Keiner von uns wird sich widersetzen. Ich, die ich ihn noch liebe, werde Ihnen dankbar seyn, wenn Sie ihn vor ihm selbst retten und ihn Lelia wiedergeben.“
„Sie hat Recht,“ schrien alle Gäste. „Nehmen Sie ihn mit. Seine Gegenwart ist uns nur störend. Er gehört nicht zu uns, er war mitten unter uns immer allein, und während er unsere Freuden theilte, schien er sie zu verachten. Allons, Stenio, erwache, bringe deine Kleider in Ordnung und verlaß uns.“
Aber Stenio, taub für ihr Geschrei, blieb unbeweglich unter der Last dieser beleidigenden Wünsche, und das Thierische seines Schlafes versetzte ihn in eine Lage, deren Beschämendes Trenmor an seiner Statt fühlte.
„Möge es den jungen Herrschaften gefallen,“ sagte er ernst, „den Zustand dieses Kindes nicht zu mißbrauchen, denn wenn auch seine Vernunft schläft, so wacht doch sein Freund.“
Hier näherte er sich ihm, um ihn zu wecken.
„Nehmen Sie sich in Acht,“ rief man ihm zu, „Stenio's Erwachen ist allemal tragisch; Niemand rührt ihn ungestraft an, wenn er schläft. Dieser Tage tödtete er seinen Lieblingshund, weil er ihm auf die Knie sprang und einen Traum störte, in welchem Stenio sich gefallen hatte. Gestern, wie er sich mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt hatte und Emerenziana ihm einen Kuß geben wollte, warf er ihr das Glas ins Gesicht und brachte ihr eine Wunde bei, deren Narbe sich schwerlich wieder verwischen wird. Wenn seine Bedienten ihn nicht zur bestimmten Stunde wecken, jagt er sie fort, und wenn sie ihn wecken, prügelt er sie. Im Ernste, sehen Sie sich vor! Er hat sein Tischmesser noch in der Hand, er wäre im Stande, es Ihnen in die Brust zu stoßen.“
O, mein Himmel! dachte Trenmor, wie hat der sich verändert! Sein Schlummer war so rein, wie der eines Kindes, und wenn ihn die Hand eines Freundes weckte, war sein erster Blick ein Lächeln, sein erstes Wort eine Segnung. Armer Stenio! welche Leiden müssen dein Gemüth verbittert haben, wie muß dein Körper zerstört seyn, daß ich dich so wiederfinde! Das ist der Schlaf eines Spielers oder eines Sträflings.
Er blieb hinter dem Sopha stehen, in tiefes Nachdenken versunken, und betrachtete Stenio, dessen kurzer Athem und convulsivische Bewegungen seine innere Unruhe verriethen. Plötzlich erwachte dieser, sprang auf und schrie mit rauher, wilder Stimme. Wie er aber die Tafel und die Gäste erblickte, die ihn mit Erstaunen und Unwillen betrachteten, setzte er sich wieder, kreuzte die Arme und blickte mit stieren Augen um sich, deren Form Wein und Schlaflosigkeit geändert und ihren Umriß gerundet hatten.
„Nun, Jacob,“ rief Marino spöttisch, „hast du den Geist Gottes überwältigt?“
„Ich stritt mit ihm,“ antwortete Stenio, dessen Züge augenblicklich, zu Trenmors höchstem Erstaunen, eine ihnen früher ganz fremd gewesene feindselige Schärfe annahmen, „aber jetzt habe ich es mit einem rauheren Gegner zu thun, mit dem Geiste Marino's.“
„Der beste Geist,“ erwiederte Marino, „ist der, welcher einen Menschen in seiner richtigen Lage erhält. Wir sind hier zur Freude versammelt, mit dem Glase in der Hand, mit Gegenwart des Geistes, mit ausdauerndem Frohsinn, mit Gleichheit des Charakters. Die Rosen, welche die Schale der Zingolina umkränzen, sind schon dreimal erneuert worden, seit wir hier sind, und die Stirn unserer schönen Wirthin hat noch nicht eine Falte der Unzufriedenheit oder der langen Weile gezeigt, denn die gute Laune ihrer Gäste hat nicht einen Augenblick nachgelassen. Ein Einziger würde das Fest gestört haben, wenn man nicht ein- für allemal dahin übereingekommen wäre, daß Stenio, traurig oder fröhlich, krank oder gesund, schlafend oder wachend, nicht zu den Freunden des Vergnügens gezählt werde, denn sein guter Stern ist schon in seiner Geburtsstunde untergegangen.“
„Was habt ihr dem Kinde vorzuwerfen?“ sagte Pulcheria. „Es ist krank und elend, es hat die ganze Nacht in jenem Winkel geschlafen ...“
„Die ganze Nacht?“ rief Stenio gähnend, „ist es erst Morgen? Ich hoffte beim Anblick der Erleuchtung, daß wir den Tag begraben hätten. Aber wie! Ihr seyd erst sechs Stunden beisammen und erstaunt schon, daß ihr einander noch nicht überdrüssig seyd? In der That, das ist wunderbar, besonders wenn man die Auswahl der Herrschaften erwägt. Was mich anlangt, ich hielte acht Tage aus, vorausgesetzt, daß ich die ganze Zeit schlafen dürfte.“
„Und warum schläfst du nicht anderswo?“ sagte Zamarelli. „Der vortreffliche selige Fürst Bambucci, der voriges Jahr starb, mit Ruhm und Jahren beladen, und der gewiß der erste Trinker seines Jahrhunderts war, würde den Undankbaren zum ewigen Wassertrinken oder doch wenigstens zu den Galeeren verurtheilt haben, der an seiner Tafel eingeschlafen wäre. Er behauptete mit Recht, daß ein ächter Epikuräer seine Kräfte durch ein geregeltes Leben wiederherstellen müsse, und daß es eben so abgeschmackt sey, im Angesicht voller Flaschen zu schlafen, als allein und traurig in einem Alkoven zu trinken. Welche Verachtung würde der Mann für dich gehegt haben, Stenio, wenn er dich beschäftigt gesehen hätte, das Vergnügen in der Ermüdung zu suchen, Alles zur unrechten Zeit zu thun, zu wachen und Verse zu machen, wenn die Andern schlafen, vor Ermattung umzusinken bei vollen Gläsern und an der Seite schöner Mädchen mit bloßen Beinen!“
Mochte es Affektation oder Erschöpfung seyn, Stenio schien nichts von Zamarelli's Rede gehört zu haben, nur beim letzten Worte erhob er den Kopf ein wenig und fragte:
„Wo sind sie denn?“
„Sie sind bei der Toilette, um desto schöner wieder zu erscheinen,“ erwiederte Antonio; „soll ich dir meinen Platz abtreten bei der Torquata? Sie ist auf deinen Wunsch hierher gekommen; da du aber, statt mit ihr zu reden, die ganze Nacht geschlafen hast ...“
„Das kümmert mich wenig, du hast wohl daran gethan!“ sagte Stenio, fühllos gegen alle diese Sarkasmen, wie es schien. „Mich verlangt nur nach Marino's Maitresse. Laß sie kommen, Zingolina.“
„Wenn du vor Mitternacht ein solches Begehren ausgesprochen hättest,“ rief Marino, „so hätte ich dir dein Glas in den Hals hineingestoßen, aber es ist jetzt sechs Uhr und meine Maitresse ist die ganze Zeit hier gewesen. Du kannst sie jetzt nehmen, wenn sie Lust hat.“
Zingolina flüsterte Stenio ins Ohr:
„Die Prinzessin Claudia, die vor Liebe zu dir krank ist, wird in einer halben Stunde hier seyn. Sie wird ungesehen in den Pavillon gelangen. Ich habe dich gestern ihre Schönheit und Schamhaftigkeit loben hören. Ich weiß ihr Geheimniß und wünschte sie glücklich und dich als Nebenbuhler von Königen zu sehen.“
„Gute Zingolina!“ antwortete Stenio mit Wärme, verfiel aber sogleich wieder in seine Unempfindlichkeit: „Es ist wahr, ich habe sie schön gefunden, aber das war gestern ... und dann muß man nicht besitzen, was man bewundert; man würde es nur beflecken und dann nichts mehr zu wünschen übrig haben.“'
„Du kannst Claudia lieben, wie du es für gut findest,“ erwiederte Zingolina, „dich ihr zu Füßen werfen, ihre Hand küssen, sie mit den Engeln vergleichen und dich zurückziehen mit dem Herzen voll einer idealischen Liebe, wie sie vordem schon der Melancholie deiner Gedanken zusagte.“
„Nein, rede mir nicht mehr von ihr,“ rief Stenio ungeduldig, „laß ihr sagen, ich sey krank oder todt. Ich fühle, daß sie mir in meiner jetzigen Stimmung mißfallen wird, und daß ich ihr sagen möchte, sie sey sehr unbesonnen, so ihren Rang und ihre Ehre zu vergessen, um sich einem liederlichen Junggesellen hinzugeben. Page, nimm meine Börse und hole mir die Zigeunerin, die gestern Morgen unter meinem Fenster sang.“
„Sie singt sehr schön,“ antwortete der Page ehrerbietig, „aber Eure Herrlichkeit haben sie nicht gesehen ...“
„Und was geht das dich an?“ rief Stenio zornig.
„Es ist nur, Excellenz, weil sie abscheulich ist,“ sagte der Page.
„Desto besser,“ erwiederte Stenio.
„Schwarz wie die Nacht,“ fuhr der Page fort.
„In diesem Falle will ich sie sogleich haben; geh, ober ich werfe dich aus dem Fenster.“
Der Page gehorchte, hatte aber kaum die Thür erreicht, als ihn Stenio zurückrief.
„Nein, ich will kein Mädchen, ich will Luft, ich will das Tageslicht haben. Warum sind wir hier im Finstern eingesperrt, wenn die Sonne am Himmel steht? Das gleicht einer Verwünschung.“
„Schläfst du noch, daß du den Kerzenschimmer nicht siehst?“ sagte Antonio.
„Man schaffe sie fort und öffne die Jalousien!“ rief Stenio, dessen Gesicht blässer wurde. „Warum will man uns der frischen Luft berauben, des Gesanges der erwachenden Vögel, des Wohlgeruchs der sich öffnenden Blumen? Welches Verbrechen haben wir begangen, daß uns am hellen Tage der Anblick des Himmels entzogen werden soll?“
„Da haben wir den Dichter wieder,“ sagte Marino achselzuckend. „Weißt du nicht, daß man, um am hellen Tage trinken zu können, wenigstens ein Deutscher oder ein Schulfuchs seyn muß? Ein Gastmahl ohne Kerzen ist wie ein Ball ohne Damen. Und übrigens muß ein Gast, der zu leben weiß, nicht an den Lauf der Stunden denken und sich nicht darum bekümmern, ob es draußen Tag oder Nacht sey, ob die Bürger schlafen gehen oder die Cardinäle ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Synopsis
  3. Historischer Kontext
  4. Autorenbiografie
  5. Lelia (Autobiografischer Roman)
  6. Analyse
  7. Reflexion
  8. Unvergessliche Zitate
  9. Notizen

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