1. Auf der Suche nach dem verlorenen Ort
1.1. Auf dem Weg nach Wintermoor
Diese Geschichte beginnt im Februar 2019. Ein Mann ist unterwegs, irgendwo zwischen Bispingen und Schneverdingen. Den ganzen Tag war er mit dem Fotoapparat durch die Heide gefahren und hatte Friedhöfe besucht. Er hatte sich schon lange damit beschäftigt, wie eigentlich „Heimat“ aussieht. Philosophen, Psychologen, Künstler machen sich Gedanken darüber, wann und wie man sich heimisch oder beheimatet fühlen kann. Auch der Mann in der Heide hatte schon viel darüber nachgedacht. In seinem ganzen Berufsleben und darüber hinaus war er der Frage nachgegangen, was Menschen brauchen im Leben. Aber wie könnte man die eher wolkigen „Heimat“-Gedanken anschaulich machen, abbilden, fotografieren? Er hatte sich in den letzten Wochen durch tausende von Fotos auf der Festplatte seines PC gewühlt und intuitiv Fotos zusammengestellt, bei denen sein innerer „Heimat“-Seismograph angeschlagen hatte. Und dann hatte er gezielt Orte aufgesucht, an denen er Bilder von Heimat zu finden hoffte. Die Orte seiner eigenen Verwurzelung gehörten natürlich dazu, das kleine Dorf an der Aller zwischen Celle und Gifhorn, in dem er aufgewachsen war, und die Umgebung des Nordheidestädtchens, in dem er seit langem lebte. Er hatte, wie heute wieder einmal, Friedhöfe aufgesucht.
Auf der Suche nach Heimat hatte er Friedhöfe gefunden - Orte, an denen sich die Geschichte einer Region, eines Dorfes, eines Stadtteils konzentriert. Manche gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten, auf anderen gibt es noch Gräber aus dem neunzehnten Jahrhundert, und der Mann erinnerte sich an den Friedhof von Nebel auf Amrum mit den jahrhundertealten „sprechenden Steinen“ auf den Kapitänsgräbern. Oder der Hamburger Großfriedhof in Ohlsdorf: komprimierte Kulturgeschichte. Auf Friedhöfen sind die typischen Vornamen vergangener Zeiten oder eines Landstrichs zu lesen. Friedhöfe sind Orte der Entschleunigung, des Innehaltens und der Rückschau, Trauer und Heldengedenken. Heimat hat immer auch etwas mit Geschichte zu tun, Geschichte von Menschen, von Dörfern, von Kulturen. Und etwas davon ist auf jedem Friedhof zu entdecken.
Heute war er nach Bergen-Belsen gefahren, hatte wieder einmal das Gelände des KZ besucht und die Atmosphäre dieses Schreckensortes aufgenommen, mit dem zugehörigen Zögern. Er hatte einen kleinen Stein auf ein Relief gelegt, so wollte er etwas hinterlassen. Dann hatte er eine Reihe von Soldatenfriedhöfen aus dem Zweiten Weltkrieg aufgesucht, die in der Gegend um Bergen-Belsen liegen: den britischen Soldatenfriedhof in Becklingen, den sowjetischen Kriegsgräberfriedhof zwischen Belsen und Hörsten, den deutschen Soldatenfriedhof Lohheide. Auf dem Rückweg war er auch noch auf dem Friedhof des Missionsdorfes Hermannsburg gewesen. Eine strahlende Sonne hatte den Tag beschienen, und gleichzeitig war seine Stimmung bedeckt. So viele Tote, gepflegte Gräber, so viel inszenierte Erinnerung. Und auf dem Heimweg stolperte er dann sozusagen über das leerstehende Krankenhaus Wintermoor in der Lüneburger Heide, das Anfang der vierziger Jahre nach ähnlichen Barackenbauplänen entstanden war wie das KZ Bergen-Belsen und viele andere Lager. Diese Geschichte handelt nun eigentlich vom Krankenhaus Wintermoor, und das Wintermoor-Kapitel beginnt an dem sonnigen Wintertag im Februar 2019, als er nach den Friedhöfen noch die Baracken der alten Klinik kennen lernte.
Aber eigentlich hatte das Ganze doch schon früher begonnen, nicht erst mit den Friedhöfen im Winter 2019. Eigentlich hatte es mit den Geschichten seines Vaters über dessen nazibegeisterte HJ- und Wehrmachtszeit begonnen, über die ethischen, politischen und pädagogischen Diskussionen der Nachkriegszeit im Kreis seiner Kommilitonen, von denen er später berichtet hatte. Da waren dann auch seine Freunde bei den „Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten“ IJGD, und aus der ursprünglichen jugendlichen Begeisterung für die Nazis wurde ein lebenslanger Einsatz gegen den Faschismus. Der Film „Die Brücke“, den sein Vater 1965 im Kreis der Familie vorgeführt hatte, der erste Besuch des Sohnes in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, sozusagen um die Ecke, es gab viele Erinnerungen.
Vor zehn Jahren war der Mann dann wieder mal in Bergen-Belsen gewesen. Anschließend war er in dem benachbarten Flecken Altensalzkoth herumgelaufen. Dort hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg viele versteckt, die noch kurz zuvor für das reibungslose Funktionieren der KZs zuständig gewesen waren. Über seine Begegnung mit diesem Ort hatte er damals ein kleines Bildergedicht verfasst, das hier auf den nächsten Seiten gleich noch einmal aufgeblättert wird.
Dieses Buch erzählt von dem Projekt, das sich aus seiner Annäherung an seine Heimat entwickeln sollte. Eine Hauptrolle übernahm seit diesem Tag im Februar 2019 die ehemalige Klinik in Wintermoor (Heidekreis), mitten in der Lüneburger Heide. Sie blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, in der Nazis vorkommen und Menschen mit Tuberkulose, Patienten nach Hüft-OPs oder alte, pflegebedürftige Menschen. Diese Geschichte beginnt schon 1942, als das Krankenhauses gebaut wurde. Und jetzt steht es seit 15 Jahren leer, wird zunehmend verwüstet, verfällt, dem Tode nah, „moribund“ (wie die Mediziner sagen).
Der Mann in der Heide bin ich. Und hier geht es um eine heimliche Ausstellung von Fotos, die ich zusammen mit einem Freund in den Räumen dieser leeren Klinik-Baracken im Herbst 2019 durchgeführt habe. Es geht um den Prozess zunehmender Vertrautheit, die sich zwischen uns beiden und der Klinik entwickelt hat. Dazu gehört auch meine Begegnung mit verschiedenen Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit Wintermoor zu tun hatten. Außerdem wird auch der Hintergrund beleuchtet: Was können wir über die Geschichte dieser Institution herausfinden? Wie hat sie sich verändert? Welche Themen gab es hier, welche werden angestoßen? Es ist die Geschichte einer Geschichte in einer Geschichte: Die Wintermoor-Geschichte in einer Lebensgeschichte in der Geschichte dieses Landes und so weiter.
Bei unseren Foto-Rundgängen haben wir festgestellt, dass nicht nur Verfall und Zerstörung die Klinik-Gegenwart in Wintermoor bestimmen. Es gibt neue Bilder, die im Werden begriffen sind: zum Beispiel eine Unzahl von Graffiti, die in den letzten Jahren entstanden sind und die uns ziemlich beeindruckt haben. Und Scherben – überall hatten wir Scherben unter den Füßen, steckten noch Scherbenreste in zersplitterten Fenstern, skurrile Silhouetten formend. Es ist ein vielbesuchter Ort, trotz der Schilder, die das Betreten verbieten („Eltern haften für ihre Kinder“). Aber die Kinder erzählen ihren Eltern gar nicht alles, was sie da machen.
Die Wintermoor- Geschichte fand erste Bilder bei den Hühnern von Altensalzkoth im Jahr 2010. Und dieses Bilder-Gedicht steht jetzt auch hier am Anfang.
Die Hühner von Altensalzkoth
Eine Bildreportage
berichtet von den Dörfern Klein Amerika,
Belsen und Altensalzkoth,
die dicht beieinander
in der südlichen Lüneburger Heide liegen.
Geschichte und Gegenwart
sind merkwürdig verflochten:
Verlassene Häuser, ein KZ,
Hühnerzucht und vergessene Geschichten.
Alles hängt mit allem zusammen.
Klein Amerika
Klein Amerika liegt in der Lüneburger Heide,
in der Nähe der kleinen Stadt Bergen.
Von hier sind es noch 16 Kilometer
bis zum Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Wer damals, vor '45,
aus Belsen
nur bis Klein Amerika kam,
und nicht bis ins große, echte Amerika,
der war damals nicht in Sicherheit.
Der Bauernhof in Klein Amerika
ist heute nicht mehr bewirtschaftet.
Die Zimmer stehen leer,
der Anstrich am Tor zur Tenne ist verblichen.
Das alte Haus in Klein Amerika
Die alten Bauern haben hier
bis zu ihrem Tod gelebt.
Das Bett ist noch aufgeschlagen,
und es ist eine Menge Unordnung im Schlafzimmer.
Das hätte es früher nicht gegeben,
als die Bäuerin noch lebte.
Hier lebt jetzt keiner mehr.
Keine Bauern,
keine Schweine mehr, die Koben leer,
keine Hühner.
Bergen-Belsen
Kaum hat man, von Klein Amerika kommend,
das Städtchen Bergen passiert
und ist an dem Truppenstandort
Bergen-Hohne der britischen Army vorbei,
kommt man schon in das Dorf Belsen.
Bei Bergen-Belsen war
von 1940 bis 1945
das Konzentrationslager,
hier starb Anne Frank,
und hier starben
über 50.000 weitere Menschen.
Es war kein Vernichtungslager
mit Öfen und Schornsteinen –
in Bergen-Belsen wurde einfach verhungert,
man starb an Seuchen und an der Kälte.
Viele Massengräber, einige Grabsteine
und eine weite Landschaft mit Wäldern,
Heideflächen und leuchtend weißen Birken
können nur Ahnungen erzeugen
von dem Ort des Schreckens.
Manche Grabsteine sind mit Steinen,
Kerzen oder
(wie hier)
mit einem Schal geschmückt,
zum Gedenken.
Der Hühnerhof
Zwölf Kilometer entfernt von Bergen-Belsen
liegt der Flecken Altensalzkoth.
Nachdem im achtzehnten Jahrhundert
hier siebzig Jahre lang Salz produziert wurde,
das man aus dem Torf löste,
versank das Dorf wieder im Dornröschenschlaf.
Allenfalls im Wald konnten die Männer Arbeit finden,
Holzfällerarbeit.
So ging es auch dem Mann,
der 1948 hier lebte,
unter falschem Namen
und mit falscher Identität,
auf der Flucht.
Als er im Forst keine Arbeit mehr bekam,
züchtete er Hühner.
Noch heute finde ich im Garten
eines Hauses am Rand von Altensalzkoth Hühnerzucht
Die Hühner haben es gut.
Sie können frei laufen, picken und im Sand baden.
Der Mann aus dem Jahr 1948
lockte damals, so sagt man,
seine Hühner nicht
- wie es hier sonst üblich ist -
mit „tjuk, tjuk, tjuk”,
sondern er pfiff nach ihnen.
Und sie parierten.
Er versteckte sich hier,
nur elf Kilometer
(Luftlinie)
entfernt
vom KZ Bergen-Belsen.
Der Mann hieß Adolf Eichmann.
Später wurde er in Israel für die Leitung
der Judentransporte in die Vernichtungslager
zum Tode verurteilt.
Auf den Schienen bei Altensalzkoth
Mit der Bahn ist es nach Bergen-Belsen
ein paar Kilometer weiter
als auf der Straße.
Die Waggons
müssen einen Umweg über Beckedorf rollen.
Der Wagen, der hier in Altensalzkoth
auf dem Nebengeleis steht,
könnte aber doch auch in zwanzig Minuten
in Bergen-Belsen sein.
Nach Celle sind es (in die andere Richtung)
fünfundzwanzig Kilometer.
Alles dicht beieinander.
Übrigens: die Hühner sollen sich vorsehen.
Nahebei, in Wietze,
ein paar Dörfer weiter,
steht neuerdings
der größte Geflügelschlachthof Europas.
Die Hühner dort werden vorher nicht
wie die in Altensalzkoth
im Sand gebadet haben,
sondern werden in Mastkäfigen
wenige Wochen gemästet
und dann zum zentralen Schlachthof
nach Wietze transportiert.
Vielleicht hätte Adolf Eichmann
da Arbeit finden können,
im Schlachthof von Wietze.
Es hätte alles auf Pfiff geklappt.
1.2. Das Gelände
Auf dem Rückweg von den Soldatenfriedhöfen rund um Bergen-Belsen kam ich an einem überwucherten Barackenlager zwischen Bispingen und Wintermoor vorbei, kurz vor Schneverdingen. Lager – das hatte an diesem Winternachmittag für mich einen ganz besonderen Beigeschmack. In Bergen-Belsen hatte zwar keines mehr von den Gebäuden gestanden, in denen die KZ-Insassen eingepfercht gewesen waren. Aberbei dem Besuch dort laufen im Kopf die Bilder grauer Baracken, wie sie von den Nazis für KZs, für Zwangsarbeiter oder Soldaten nach einheitlichem Bauplan gefertigt worden waren, ganz von allein. Jetzt also diese Baracken hier mitten im Wald. Ich hielt an und machte einen Rundgang über das Gelände. Es war eingekreist vom Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Kiefern, Fichten, Birken, ab und an eine Heidefläche. Es war still, der sonnige Februar-Tag ging über in den kühleren Spätnachmittag. Auf meinem BilderBlog1 schrieb ich am nächsten Tag, dem 27. Februar 2019:
Im Erhorner Forst, nicht weit von der Este-Quelle entfernt, stehen bei Winter-moor an der Chaussee ein Dutzend lang gestr...