INTRO
Warum wir alle musikalisch sind
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Don’t be afraid – just play the music.
Charlie Parker
Ich möchte dieses Buch meinem Musiklehrer Stefan Hollenstein widmen. Weil wir bei ihm mit Pappbechern musizierten, weil wir in der Zehn-Uhr-Pause mit Schlagzeug, Gitarre und Bass «Money for Nothing» von den Dire Straits spielten und ich einen Vortrag über U2 machen durfte. Hauptsächlich aber dafür, dass er mir nie gesagt hat: «Du kannst nicht singen!»
Das ist nicht selbstverständlich. In jedem meiner Kurse treffe ich Menschen, die diesen Satz gehört haben. Vom Bruder, der Mutter, der besten Freundin oder schlimmer: vom Musiklehrer.
Sie geben meistens auf, überlassen das Singen den Profis und finden sich ab mit der Diagnose: «Ich bin halt unmusikalisch.» Diese (Selbst-)Verurteilung greift Christoph Drösser in seinem Buch «Der Musikverführer: Warum wir alle musikalisch sind» an. Wieso sollten nur ganz wenige dazu befähigt sein, Musik zu machen? Wir würden unserem etwas fülligen Kollegen auch nicht sagen, er sei für Sport völlig ungeeignet, nur weil er nie eine olympische Goldmedaille gewinnen kann.
Drösser kommt zum Ergebnis, dass es zwar sehr viele Menschen gibt, die von sich behaupten, nicht singen zu können, dass aber nur ein Bruchteil von ihnen ein echtes Problem mit dem Erkennen und Wiedergeben von Tönen hat. Gestützt auf empirische Untersuchungen kommt Drösser zum Schluss: «60 Prozent der Bevölkerung glauben, sie könnten nicht sauber singen. Dabei sind nur etwa 15 Prozent tatsächlich nicht in der Lage, gerade Töne zu produzieren. Und nur bei fünf Prozent kann man davon ausgehen, dass sie aufgrund eines Defizits in der Tonhöhenwahrnehmung auch nicht in der Lage sind, das Singen zu lernen. Bleiben 95 Prozent, bei denen auf jeden Fall nicht Hopfen und Malz verloren sind.«
Beim improvisierten Singen kann man sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass die Fähigkeit, einen Ton richtig zu treffen, keine Grundvoraussetzung ist. Viel entscheidender ist die Bereitschaft, das musikalische Spiel zu spielen. Wer also Menschen improvisiertes Singen vermitteln möchte, sollte das Singen nicht als eine Gabe, sondern als wunderbare Tätigkeit verstehen. Der Spass und die Freude, die mit dem Singen von Liedern verbunden sind, bleiben dann wichtiger als die perfekte Intonation. Improvisierte Lieder entstehen aus diesem Spass und sie entstehen im Moment, jetzt, genau hier. Also habt keine Angst und spielt mit der Musik!
HIER GIBT’S
KEINE NOTEN
Eine Anleitung
zum Gebrauch dieses Buches
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Aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür, dass die nutzloseste Leistung, zu der Menschen befähigt sind – und das ist unzweifelhaft das unbekümmerte, absichtslose Singen – den grössten Nutzeffekt für die Entwicklung von Kindergehirnen hat.
Gerald Hüther
Dieses Buch richtet sich an alle, die mit einer Gruppe singen möchten. Sei das im Musikunterricht, in der Klasse, im Improtheater-Workshop oder in der Erwachsenenbildung. Ich richte mich an euch, die ihr professionell als Pädagoginnen mit einer Gruppe arbeitet. Aber auch an euch, denen man gesagt hat: «Kannst du nächste Woche die Probe leiten?»
Einen Kanon von Übungen für das Training von improvisierten Liedern mit Text gibt es so noch nicht. Diese Lücke möchte ich mit meinem Buch schliessen. Dabei durfte ich mich von verschiedenen Lehrerinnen und Lehrern inspirieren lassen, die mir Spielformen gezeigt haben, von denen ich einige so übernehme, andere in einer etwas «musikalischeren» Form präsentiere. Wo es mir möglich war, erwähne ich den Ursprung einer Übung, ansonsten bin ich allen meinen Inspirationsquellen zu unendlichem Dank verpflichtet.
Improvisation entsteht immer im Moment und sie ist immer ein Wagnis. Ebenso ist es auch ein Wagnis, sich mit einer Gruppe in die Welt der improvisierten Lieder zu begeben. Es ist mir völlig klar, dass ihr als Übungsleiter sehr unterschiedliche Hintergründe mitbringt. Die einen sind theaterpädagogisch erfahren oder kennen sich sehr gut in der Welt des improvisierten Theaters aus, andere sind musikalisch versiert, einige beherrschen ein Instrument, andere sind einfach nur neugierig auf die Welt der improvisierten Lieder.
Im Zentrum dieses Buches steht das improvisierte Lied, und wer gerne mit einer Gruppe singt, wird hier die passenden Übungen finden. Je nach Altersstruktur oder den Vorkenntnissen der Gruppe könnt ihr einzelne Übungen rauspicken, sie zum Beispiel auch als Auflockerungen im Musikunterricht benutzen. Für eine ambitioniertere Gruppe, die sich in der musikalischen Improvisation verbessern möchte, empfehle ich alle vier später beschriebenen Trainingsbereiche (Emotion, Figur, Reim und Story) mit Übungen zu bespielen.
In jedem Kapitel gibt es Übungen, die einen szenischen Charakter haben, die also den Song in einer improvisierten Szene einbetten. Ich werde hier nicht auf die Grundlagen des Improvisationstheaters eingehen. Wenn euch die theoretischen Hintergründe interessieren, findet ihr im Anhang ein paar Bücher zum Thema aufgelistet. Für den praktischen Einstieg ins improvisierte Theater besucht ihr am besten einen Workshop. In Zürich würde ich euch natürlich das theater anundpfirsich (meine improvisatorische Heimat) empfehlen, aber ihr findet sicher auch in eurer Gegend einen passionierten Anbieter von Improvisationstheater-Workshops.
Die wichtigste Grundvoraussetzung, um einen Workshop mit improvisierten Liedern anzuleiten, ist sicher eine gewisse Affinität für Musik. Dank den Playbacks ist es aber nicht zwingend nötig, ein Instrument zu spielen, um die hier erklärten Übungen auszuprobieren.
Jede Gruppe, je nach Altersstruktur und musikalischem Vorwissen, wird anders auf die Übungen reagieren. Seid also bereit, auszuprobieren und euren Erfahrungsschatz zu erweitern. Folgende fünf Punkte solltet ihr meiner Erfahrung nach beim Training mit improvisierten Liedern beachten:
1) Improvisation als Haltung
Improvisation lebt vom Fokus auf den Moment. Das, was entsteht, ist gut – genau so, wie es jetzt ist. Dabei ist es entscheidend, dass auch ihr als Spielleiterinnen «Ja!» sagt zu dem, was in diesem Moment gerade passiert. Inhaltliche und musikalische Angebote in einer Improvisation sind die Samen, die ausgestreut werden. Sie können nur dann auf fruchtbaren Boden fallen, wenn ihr «Ja!» zu ihnen sagt.
Als Spielleiter habt ihr die Aufgabe, dieses Ja-Sagen vorzuleben. Dann und nur dann wird eine Gruppe mit euch diese verrückte und wunderbare Reise antreten.
2) Das Spiel ernsthaft betreiben
Nehmt das Spiel ernst, so wie ein Kind das Spiel ernst nimmt. Auch wenn ihr scheinbar blödsinnige Spiele mit Sound und Text vollführt, vergesst dabei nie das, was im Englischen «commitment» und im Deutschen noch etwas pathetischer «Hingabe» genannt wird. Improvisierte Songs brauchen sehr viel von diesem Commitment.
3) Heterogenität annehmen und nicht zu viel darüber reden
Ihr werdet in euren Kursen, Workshops oder Klassen zwangsläufig Leute haben, die mit ganz unterschiedlicher musikalischer Vorbildung kommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht zielführend ist, viel darüber zu reden, wer jetzt wie viel musikalische Erfahrung oder musikalisches Wissen mitbringt. Am Anfang eines Workshops stelle ich daher auch nicht die Frage nach der Erfahrung, sondern vielmehr die Frage, wie gross die Angst vor dem Singen ist. Wenn ich eine Gruppe habe, die überhaupt keine Angst vor dem Singen hat, kann ich an einem ganz anderen Punkt einsteigen und schon bald Solo-Übungen machen. Wenn ich in einer Gruppe aber Menschen habe, die Angst davor haben, sich mit Gesang zu exponieren, werde ich mich mit einem ausgedehnten Warmup und vielen Übungen für ein gemeinsames Musizieren in der Gruppe an die improvisierten Lieder herantasten.
4) Keine Musiktheorie!
Ich empfehle bei der Arbeit mit improvisierten Liedern, die Musiktheorie völlig unerwähnt zu lassen, auch wenn ihr euch mit Skalen, Stufen und Harmonien auskennt. Nach meiner Erfahrung öffnen sich gerade die eher ängstlichen Teilnehmenden, wenn der rein spielerische Zugang im Vordergrund steht.
Ich würde es auch unterlassen, musikalische Linien vorzusingen oder Noten zu benutzen.
5) Als Übungsleiterin selber auch ausprobieren und scheitern
Die musikalische Praxis steht im Vordergrund, und darum ist es enorm wichtig, dass auch ihr als Übungsleiterinnen mitmacht, ausprobiert und auch einmal scheitert. Wer improvisiert, scheitert immer. Es gehört dazu. Und ich meine das wirklich ernst. Nur wer den Mut zum Scheitern auch vorlebt, wird dieses Prinzip in den Köpfen seiner Gruppe festigen können.
Das Buch hat folgenden Aufbau:
In einem einleitenden Kapitel stelle ich anhand eines Modells vier Elemente oder auch Werkzeuge vor, die ich als die «Königswege» in ein improvisiertes Lied sehe. Diese Werkzeuge sollen es den Sängerinnen und Sängern erleichtern, in einen improvisierten Song hineinzufinden.
Nach einem Kapitel mit Überlegungen und Übungen zu einem sinnvollen Warm-up mit der Gruppe widmen sich die folgenden Kapitel den vier «Königswegen«: Emotion, Figur, Reim und Story. Zum Abschluss gebe ich euch 15 Anregungen für das Training allein zu Hause. Wer einzelne Übungen sucht, findet hinten im Buch eine Übersicht.
Jede Übung wird zuerst erklärt und dann mit folgenden Angaben ergänzt:
ANZAHL: Hier nenne ich die ideale Anzahl von Teilnehmenden.
Die Zahlen sind Erfahrungswerte aus meinen Workshops. Wenn ich eine Anzahl von bis zu 500 Leuten angegeben habe, stelle ich mir etwa eine Tagung, einen Kongress oder eine Show vor, wo ihr eine musikalische Improvisation mit dem Publikum macht.
WO: Grundsätzlich könnt ihr jede Übung überall, wo ihr Platz findet, machen. Wenn ich schreibe: «auf der Bühne», meine ich zum einen, dass sich die Übung als Form vor Publikum eignet, zum anderen aber auch, dass es sich empfiehlt, im Training eine Publikumssituation herzustellen.
ZIEL: Hier soll die Absicht der Übung klar werden. Jede Übung hat viele verschiedene Facetten, ich beschreibe jeweils den Hauptfokus in wenigen Worten.
MUSIKALISCHE UNTERSTÜTZUNG: Hier gibt’s Hinweise dazu, welche Playbacks am besten für die beschriebene Übung passen könnten.
WORAUF IHR BESONDERS ACHTEN SOLLTET: Hier möchte ich euch Anregungen geben, wie ihr eure Gruppe am besten bei der Übung unterstützen könnt und wann ihr besonders aufmerksam sein müsst, damit die Übung gut funktioniert.
VARIATION: Unter Variation steht jeweils ein Vorschlag für eine Erweiterung der erklärten Übung. Versucht mit den Übungen zu experimentieren, indem ihr sie mit anderen Spielformen, die ihr kennt, kombiniert oder indem ihr sie schneller, langsamer, lauter, energetischer angeht.
«Du kannst singen!» ist ein Buch der Praxis und enthält Übungen, die im Proberaum oder im Klassenzimmer direkt anwendbar sind. Um sie anzuleiten, müsst ihr keine Noten les...