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Online-Delphi in der Zukunftsforschung zur Sozialpolitik
Über dieses Buch
Das Online-Delphi ist eine bewährte Methode der Zukunftsforschung, um ExpertInnen zu komplexen Fragestellungen der Zukunftsgestaltung aktiv einzubeziehen. In der Zukunftsforschung zur Sozialpolitik wurde diese Methode bisher kaum genutzt. Timo Hutflesz und Michael Opielka berichten aus den Erfahrung mit dieser Methode in einem äußerst anspruchsvollen Projekt, dem "Zukunftslabor" in Schleswig-Holstein. Es soll untersuchen, ob Konzept wie Bürgergeld und Grundeinkommen die Zukunft der Sozialpolitik prägen können und sollten, oder ob die Sozialsysteme nur immanent fortzuentwickeln sind. Die Autoren zeigen, dass es nicht leicht ist, in Politik und Verwaltung Verständnis für eine solch tastende, explorative Forschungsmethode zu erlangen.
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Information
1 Problemstellung
Das ISÖ - Institut für Sozialökologie koordiniert im Auftrag der Landesregierung von Schleswig-Holstein, federführend das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren, zwischen Dezember 2018 und März 2021 das „Zukunftslabor Schleswig-Holstein“ (ZLabSH).1 In Abstimmung mit einem für das Zukunftslabor gegründeten Beirat und einer Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) sollen wichtige sozialpolitische Fragen der Zukunft diskutiert und Lösungsvorschläge ausgearbeitet werden.2 Im Februar 2020 hat die Landesregierung den Vertrag zum Zukunftslabor fristlos gekündigt und im April 2020 einen Bericht veröffentlicht3, mit dem diese Kündigung begründet wird. Zu den Kündigungsgründen zählt aus Sicht der Landesregierung wesentlich die Konzeption und Durchführung einer Delphi-Befragung im Zukunftslabor. Das ISÖ hat im Februar 2020 einen zweiten Bericht der Wissenschaftlichen Begleitung und Koordinierung zu „Zukunftsszenarien und Reformszenarien“ vorgelegt 4, der unter anderem diese Delphi-Befragung vorstellt und analysiert. Die Landesregierung hat unmittelbar vor Veröffentlichung ihres eigenen Berichts erwirkt5, dass die Studie des ISÖ nicht veröffentlicht werden darf. Das ISÖ hat die erforderlichen Rechtsmittel eingelegt. Das eifrige Vorgehen der Politik und die für demokratische Staaten erstaunliche Praxis deuten an, dass es in diesem Vorgang um viel geht. Da die Delphi-Befragung sowohl in Real-Time-Settings wie online durchgeführt wurde, sind alle wesentlichen Fragestellungen und Ergebnisse ohnehin unmittelbar seit Durchführung online zugänglich.6 Mit dem vorliegenden Vortrag sollen zum einen die Delphi-Befragung im Zukunftslabor, soweit sie auch bisher öffentlich zugänglich und bekannt ist, zusammengefasst vorgestellt und zum anderen ihre Implikationen für die Zukunftsforschung diskutiert werden. Wir werden zeigen, dass die im Bericht der Landesregierung erhobenen Vorwürfe nicht untypisch sind für ein allgemeines, allerdings fehlgehendes Verständnis von Delphi-Befragungen.
Das Zukunftslabor sollte untersuchen, welche Möglichkeiten aber auch Probleme die Schlüsselfaktoren Digitalisierung und Demographie in Bezug auf die Zukunft der Sozialpolitik aufwerfen.7 Hierzu sollten unter Beachtung dieser Schlüsselfaktoren mögliche Zukunftsszenarien erarbeitet werden, wie sich Gesellschaft und Sozialpolitik künftig entwickeln könnten. Weiterhin sollten Reformvorschläge vorgelegt werden, die die Probleme der Zukunft möglichst effektiv lösen. Dabei sollten auch Konzepte wie Bürgergeld, Grundeinkommen und Bürgerversicherung untersucht und einer Folgenabschätzung unterzogen werden. Diese Zukunfts- und Reformszenarien durchliefen im Laufe des Projekts mehrere Iterationen. Im ersten Schritt wurden sie durch das ISÖ inhaltlich basierend auf Literatur und Forschungsergebnissen der Wissenschaft entwickelt und den Stakeholdern vorgestellt. Durch die Kritik und Anmerkungen der Stakeholder wurden sie weiter überarbeitet. Anschließend wurden die überarbeiteten Szenarien durch das Online-Delphi sowie mehrere Zukunftsworkshops weiter ausgearbeitet und verbessert. Das Online-Delphi hatte insbesondere die Aufgabe den ExpertInnenkreis zu erweitern und die bisher ausgearbeiteten Inhalte zu validieren und bewerten. Weiterhin diente es zur Exploration, um dem Forscherteam bisher eventuell nicht beachtete inhaltliche Ausprägungen aufzuzeigen. Die finalen Szenarien sind zur Übersicht und Verständlichkeit des vorliegenden Beitrags im „Anhang: Zukunftsszenarien und Reformszenarien“ dokumentiert.
Mit dem Vorhaben startete die Landesregierung von Schleswig-Holstein ein ambitioniertes Projekt, da es sich nicht nur um ein hochkomplexes Themengebiet handelt, sondern vorrangig um ein Aufgabengebiet des Bundes und nicht der Länder.
Das Zukunftslabor bot eine einmalige Chance wichtige Erkenntnisse über zukunftsweisende Reformen zu erlangen und den Anstoß für wichtige Reformvorhaben zu liefern. Das ISÖ hatte dabei mit einem prominenten Konsortium den Zuschlag erhalten. Dr. Bruno Kaltenborn und Prof. Dr. Alexander Spermann legten bereits in der ersten Veröffentlichung des Zukunftslabors Literaturstudien zu den Auswirkungen von Demographie und Digitalisierung auf die Sozialpolitik vor.8 Das DIW sollte unter der Federführung von Dr. Stefan Bach die fiskalische und makroökonomische Folgenabschätzung der Reformszenarien übernehmen.9 Unmittelbar vor Beginn dieses Arbeitsschrittes beendete die Landesregierung das Projekt.10
Neben der Erarbeitung verschiedener Zukunfts- und Reformszenarien beinhaltete das im Rahmen des Ausschreibungsverfahrens angenommene Angebot des ISÖ eine Reihe von partizipativen Verfahren, um dem Charakter eines „Labors“ Rechnung zu tragen. Partizipation war dem ISÖ insbesondere deshalb wichtig, da Sozialpolitik einerseits ein hochkomplexes Thema ist und deshalb auch ein möglichst breites Spektrum an Meinungen und Wissen mit eingebunden werden sollte, um dieser Komplexität Rechnung zu tragen, und anderseits auch, weil Sozialpolitik fast alle Bereiche der Gesellschaft direkt oder indirekt beeinflusst. Dennoch ist Partizipation zu grundlegenden Fragen der Sozialpolitikentwicklung bisher Neuland. Bisher besteht Partizipation in der Sozialpolitik größtenteils aus institutionalisierter Kooperation („Sozialpartnerschaft“) zwischen Politik und sozialpolitischen Institutionen, wie beispielsweise der Deutschen Rentenversicherung oder den Gesetzlichen Krankenkassen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Fachorganisationen. Eine weiter reichende Kooperation, die über diesen klassischen Korporatismus hinausgeht, ist selten. Deshalb war es dem ISÖ wichtig Methoden anzuwenden, die alle relevanten Stakeholder in das Zukunftslabor einbeziehen: Politik, Institutionen, Verbände und Bevölkerung. Durch den Beirat und die IMAG wurde bereits ein Teil dieser Stakeholder-Gruppen am Zukunftslabor beteiligt. Das ISÖ wollte weiteren Expertenkreisen, aber auch der interessierten Bevölkerung, die Möglichkeit geben am Projekt teilzunehmen. Dies sollte nicht erst am Ende des Projekts geschehen, wenn ein „Experten“-Zukunftslabor seine Ergebnisse der staunenden Öffentlichkeit präsentiert. Vielmehr war von Anfang an geplant, relevante Stakeholder durch „Zukunftsworkshops“ partizipativ einzubinden, das ISÖ bezog sich bereits in seinem Angebot11 ausdrücklich auf die positiven Erfahrungen im Vorläuferprojekt „Zukunftsszenario Altenhilfe Schleswig-Holstein 2030/2045“12. Im Zukunftslabor sollten Zukunftsworkshops im ersten Projektjahr die Entwicklung von „Zukunftsszenarien“ und „Reformszenarien“ unterstützen. Die Einbeziehung hoher Ministerialvertreter erschwerte die Terminplanung jedoch erheblich, zudem stellten sich recht bald unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Partizipation heraus. Abbildung 1 zeigt, wie die als Ersatz für nicht durchführbare Zukunftsworkshops geplante Delphi-Befragung im Projektablauf platziert wurde.
Auch seitens des federführenden Sozialministeriums wurde der Wunsch nach einem verstärkten Einbezug der Bevölkerung geäußert. Sowohl Zukunfts- wie Reformszenarien sollten hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit und wie ihrer Wünschbarkeit bewertet werden. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage war weder vorgesehen noch finanziell möglich. Doch das gewichtigste Problem war die Komplexität des Themengebiets. Sozialpolitik ist äußerst komplex und wird von vielen verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst.
Ohne entsprechendes Wissen fällt es Befragten schwer einzuschätzen, wie wahrscheinlich verschiedene Zukunfts- oder Reformszenarien sind. Es gibt zudem kein festgelegtes Maß, wer als ExpertIn gilt bzw. welches Wissen eine Person dafür qualifiziert ihre Meinung und Wissen in ein solches Zukunftslabor miteinzubringen. Das Forschungsfeld betrifft wiederum die gesamte Bevölkerung.
Abbildung 1: Einbettung der Delphi-Befragung im Projekt Zukunftslabor

Quelle: Eigene Darstellung
Vor diesem Hintergrund entschied sich das ISÖ für eine Fluidität des Expertenstatus. Wir leben in einer Wissensgesellschaft und das Bildungsniveau in den modernen Industriestaaten ist so hoch wie noch nie. Demokratie benötigt Partizipation durch die Bevölkerung und man kann in diesem Zusammenhang heuristisch annehmen, dass jede wahlberechtigte Person über ausreichend Wissen verfügt, um an den demokratischen Prozessen teilzunehmen und die daraus entstehenden politischen Reformen zumindest grundlegend einzuschätzen. Zwar wurden gezielt über entsprechende Fachverteiler und Einzelansprache ausgewiesene Sozial- und Arbeitsmarktpolitik-ExpertInnen zur Partizipation motiviert, generell sollte aber jede Person die Möglichkeit haben an diesem Prozess teilzunehmen. Das Ideal ist damit eine Art „Wissensdemokratie“.
Daraus ergaben sich zwei Grundprobleme, einerseits die hohe Komplexität des Themengebiets und andererseits die Repräsentativität. Deshalb entschied sich das ISÖ zu einer Kombination verschiedener Methoden („Methodentriangulation“). Den Kern der Delphi-Befragung bildete ein zweistufiges Online-Delphi. Die Befragten sollten im ersten Schritt sowohl Zukunfts- als auch Reformszenarien danach bewerten, für wie wahrscheinlich und für wie wünschenswert sie diese halten. Dabei gab es die Möglichkeit die Szenarien im Gesamten, aber auch in einzelnen Teilbereichen zu bewerten, Anmerkungen zu hinterlassen und selbst neue Szenarien aus den vorgegebenen Indikatoren zu kombinieren. So konnten Befragte mit höherem Wissenstand genauer auf verschiedene Aspekte der Szenarien eingehen und sie nicht nur im Allgemeinen bewerten. In der zweiten Phase wurden den Befragten die Ergebnisse der ersten Delphi-Welle präsentiert und vertiefte inhaltliche Fragen gestellt, die es dem ISÖ ermöglichen sollten, die Szenarien weiter auszuarbeiten und zu verbessern. Anschließend wurden repräsentative Studien wie das „European Social Survey“ (ESS) dazu genutzt, die Ergebnisse einzuschätzen.13
Ganz im Gegensatz zu den Annahmen im Bericht der Landesregierung an den Landtag ging es bei der Delphi-Erhebung nicht um Repräsentativität. Dafür sind Delphi-Befragungen weder im Allgemeinen noch in diesem Fall gedacht. Vielmehr diente sie als Grundlage für drei verschiedene methodische Ziele. Diese Konzeption wurde seitens des ISÖ auch mit den entsprechenden Stakeholdern kommuniziert. Im ersten Schritt sollte das Online-Delphi der Validierung der Inhalte der Zukunfts- und Reformszenarien dienen. Sind sie inhaltlich plausibel, verständlich und konsistent? Das ExpertInnenwissen sollte genutzt werden, diese Fragen auf wissenschaftlichlogischem Niveau zu beantworten. Aber auch für die Bevölkerung müssen entsprechende Inhalte verständlich dargestellt und deren Auswirkungen ersichtlich sein. Zweitens dient das Online-Delphi der Exploration des Feldes. Wurden alle wichtigen Bereiche angesprochen oder gibt es Bereiche und Gesichtspunkte, die bisher nicht in die Überlegungen eingeflossen sind, aber wichtig wären? Hierfür eignet sich wiederum das Wissen von ExpertInnen, aber auch der allgemeinen Bevölkerung. Drittens geht es um die Evaluation der bisher erarbeiteten Ergebnisse. Wie schätzen die befragten ExpertInnen die verschiedenen Szenarien ein, wie wahrscheinlich und wünschenswert sind diese? Die offene Konzeption des „Experten“-Status und insbesondere die auch durch den Auftraggeber angeregte Befragung von Studierenden ließ eine recht breite, wenngleich natür...
Inhaltsverzeichnis
- Hinweise
- Über das Buch
- Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- 1. Problemstellung
- 2. Delphi im Zukunftslabor
- 3. Diskussion
- 4. Literatur
- 5. Autoren
- 6. Anhang: Zukunftsszenarien und Reformszenarien
- Impressum