1. DEMOKRATIE, GLEICHWÜRDIGKEIT UND BILDUNG – EIN EINSTIEG
Keine Frage: Es mangelt nicht an Einführungen zur Moderationsmethode, ebenso wenig an Anleitungen für Trainer*innen. Sie liefern vielfach wichtige Impulse, Methoden und fangen Fertigkeiten ein, die für die Steuerung in und von Gruppen hilfreich sein können. Die Frage ist also berechtigt: Wieso ein weiteres einführendes Buch?
Zunächst haben wir nicht den Anspruch sehr gute Bücher zu ersetzen, wohl aber einen Einstieg anzubieten, den vor allem zwei grundlegende Fragen von vielen anderen Büchern unterscheidet:
Erstens: Wir sind der festen Überzeugung, dass die Steuerung und Moderation von Gruppen im Kern etwas ist, das mit einem normativen Verständnis von Demokratie, Gleichwürdigkeit und demokratischer Haltung zu tun hat. Jede einzelne Methode, jede Technik und jede Rolle, die zum Einsatz kommt, ist letztendlich auch ein mehr oder weniger offener Hinweis auf die Werteorientierung. Selten allerdings wird dieser zugrunde liegende Kompass selbst kommuniziert und thematisiert.
Doch – das mögen uns nun kritische Leser*innen entgegenhalten – was ist mit dem Bereich des Businesstrainings und von Gruppen in wirtschaftlichen Zusammenhängen? Auch hier finden doch moderierte Workshops und Seminare statt. Das hat nun mit einem ‚normativen Demokratie-Verständnis‘ nichts zu tun, oder? Häufig werden doch ‚Schulungen‘ dort vorgegeben?
Unsere persönliche Antwort darauf ist: Doch, es hat mit genau diesem normativen Verständnis von Gleichwürdigkeit und Demokratie zu tun, wenn auch mit zu legitimierenden Einschränkungen. Zunächst einmal gilt auch für Business-Seminare und moderative Prozesse in der Wirtschaft, dass sie von der Gleichwürdigkeit von Teilnehmenden und Leitung ausgehen (müssen).
Wenn Lern- oder Lehrinhalte nicht durch die Gruppe, sondern durch Unternehmen vorgegeben werden, so entspricht das zwar einer äußeren unternehmerischen ggf. durch Betriebsräte mitzugestaltenden Rahmensetzung, dennoch wird in der Gruppe selbst unter der Oberfläche (oder auch irgendwann offen) eine (positive oder negative) Aneignung stattfinden. Dabei können die Reaktionen zwischen »Ich bin dankbar für die Chance.« über »Wie kommen die dazu, dass es für mich wichtig ist, das (oder etwas) zu lernen.« über »Augen zu und durch – werde ich auch noch überstehen.« bis hin zu »Mal schauen, ob ich mein Thema unterbringen kann.« reichen. Faktisch führen diese unterschiedlichen Motivationen dazu, dass über die gleichwürdigen Interessen verhandelt werden muss oder müsste. Regelmäßig stehen dann Leitende vor einem Dilemma: Folge ich nun dem Curriculum der Auftraggeber*innen (Unternehmen) oder der (heterogenen) Gruppe als Auftraggeber*in? Wie transparent gehe ich mit meinen Aufträgen um? Nicht selten wird das in entsprechenden Ratgebern dann als ‚Umgang mit schwierigen Seminarsituationen‘ oder sogar als ‚Umgang mit störenden Teilnehmenden‘ gefasst. Dies greift aber unserer Einschätzung nach zu kurz. Vielmehr werden die Fragen von Gleichwürdigkeit und Bildung unterdrückt oder nicht gestellt. Damit können sie in der Regel auch nicht zum Interessenausgleich genutzt werden.
Zweitens: In der Steuerung von Gruppen haben wir es zudem mit einem weiteren erklärungs- und begründungsbedürftigen Begriff zu tun: ‚Bildung‘ (statt ‚Wissen‘). Nicht selten werden Trainingsbücher oder Moderationsanleitungen weniger einem gesellschaftlich zu reflektierenden Bildungsbegriff zugeordnet, sondern auf eine lernpsychologisch optimierte Wissensvermittlung verkürzt.
Zweifellos haben auch die Kognitions- und Hirnforschung, Lerntheorie und lebendige Wissensvermittlung eine wesentliche Bedeutung für die Leitung von Gruppen. Bildungsprozesse gehen weit darüber hinaus, in dem sie nicht nur die individuelle Aneignung, sondern auch den emanzipatorischen Charakter des gemeinsamen Kreierens beinhalten. Zudem stellt es in Rechnung, dass Bildung immer mit der Reflexion gesellschaftlicher Verortung auf die Einzelnen zu tun haben muss. Dieses Verständnis von Bildungsarbeit ist ein wesentliches Unterscheidungskriterium vor allem der gewerkschaftlichen, aber allgemeiner auch der Erwachsenen-Bildungsarbeit in öffentlicher Verantwortung.
Wenn wir diese beiden Punkte ernst nehmen, so hat dies auf alle Ebenen der Steuerung und konkreten Arbeit in und mit Gruppen Auswirkungen: Auf die Haltung, mit der wir anderen begegnen, mit der Ebene des Verhaltens, mit der Ebene der Instrumente, die wir einsetzen, und nicht zuletzt mit den Rollen, die wir den Gruppen gegenüber einnehmen.
Wir umreißen daher in diesem Buch zunächst einmal (unsere!) theoretische Denkgrundlage und werden erst in weiteren Schritten konkreter werden. Wir gehen dabei nicht davon aus, dass es nur eine theoretische Herangehensweise gäbe, wohl aber davon, dass es eine transparente und gleichwürdige Arbeitsweise nötig macht, offen mit dem eigenen theoretischen Konstrukt umzugehen.
Der spezifische bildungstheoretische Ansatz, den wir hier anwenden, beruht auf drei miteinander verzahnten Elementen.
Abb. 1: Bildungstheoretischer Ansatz
Wir gehen dabei von einem kritisch-emanzipatorischen Bildungsbegriff aus, der sich seit der Aufklärung in der Arbeiter*innen- und Gewerkschaftsbewegung entwickelt hat (vgl. dazu Kapitel 2).
Dieser Bildungsbegriff hat sich in Rückkoppelung mit den Arbeitsweisen und der Ausgestaltung der non-formalen Erwachsenenbildung entwickelt. Neben staatlichen (und kirchlichen) Anstrengungen hat die Arbeiter*innen-Bewegung recht früh eigene Formen und Arbeitsweisen von Erwachsenenbildung entwickelt.
Diese wirken in der heutigen Strukturierung von non-formaler Erwachsenenbildung für eine und in einer Sozialen Demokratie fort (vgl. dazu Kap. 3).
Zudem hat das normative Modell einer Sozialen Demokratie unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitsweise von Leitenden mit und in Gruppen. Diese demokratie-theoretischen Erwägungen fließen in den bildungs-theoretischen Ansatz mit ein (vgl. Kapitel 4) und rahmen ihn.
2. BILDUNG STATT WISSEN – EINE WESENTLICHE UNTERSCHEIDUNG IM FELD POLITISCHER BILDUNG
Wie selbstverständlich sprechen wir von ‚politischer Erwachsenenbildung‘, wenn wir Seminare und Workshops meinen, die für Parteien, Gewerkschaften, Vereine oder sonstige demokratisch strukturierte Institutionen durchgeführt werden. Was als ‚Terminus technicus‘ daherkommt, beinhaltet aber nicht nur der Zielgruppe, sondern auch der gesellschaftlichen Verortung und Zielstellung nach einen Unterschied, der einen Unterschied macht.
Zugleich finden wir heute – auch in diesem gesellschaftlichen Segment – eher Begriffe, die aus der Managementlehre und dem Business-Training stammen: So wird von Trainings, Leadership, Projektmanagement, Input, Schlüsselqualifikationen und Teamarbeit auch in ehrenamtlichen Zusammenhängen gesprochen.
Tatsächlich hat spätestens seit den 1980er Jahren an verschiedenen Stellen eine Professionalisierung auch in der ehrenamtlichen Arbeit durch den Wissenstransfer der Verhaltenstrainings und der Managementlehre stattgefunden. Diese Errungenschaften, ohne die heute keine ehrenamtlich strukturierte Organisation mehr auskommen kann, sind zweifellos wichtige Impulse und Bestandteile heutiger Bildungsarbeit. Wenn Bildungsarbeit die Impulse gesellschaftlicher (Arbeits-)Realitäten nicht aufnähme, wäre das ein weltabgewandter Luxus.
Auf gesellschaftliche Realitäten (und Arbeitsmethoden) zu sehen, heißt nicht automatisch, ihnen auch blind zu folgen.
Vielmehr sind aus einer kritisch-emanzipatorischen Sicht heraus gerade die Verbindungslinien und Friktionen zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen einerseits und der Erwachsenenbildungsarbeit andererseits zu betonen. Denn: Letztendlich bedarf jede Gesellschaft, um sich produktiv wirtschaftlich, gesellschaftlich und staatlich weiterentwickeln zu können der (Aus-)Bildung von Menschen. Bildung – zumal politische und demokratische Bildung – kann nicht auf Trainings- oder Management-Perspektive verkürzt werden.
Politische Bildung ist mehr als Managementwissen für Ehrenamtliche.
In der Bildungstheorie haben sich dabei sehr unterschiedliche Beziehungsdefinitionen von Bildung und Demokratie/Gesellschaft/Staat entwickelt. Dietrich Benner hat diese in einem Aufsatz pointiert zusammengefasst:
- »Die erste behauptet einen Primat der Politik vor der Pädagogik und fragt: Welche Erziehung braucht der Staat? (…)
- Die zweite geht mit John Dewey von einem Primat der Demokratie in der Erziehung aus. Ihr Problem lautet: Welche Erziehung braucht die Demokratie?
- Die dritte erkennt (…) der Bildung einen Primat vor der Politik zu und fragt: Welche Gesellschaft braucht der an seiner Bildung arbeitende Mensch?
- Die vierte bewegt sich jenseits der Duale von Pädagogik und Politik bzw. Bildung und Politik und diskutiert das Problem: Worin besteht der öffentliche Charakter von Bildung und Demokratie?« (Benner 2001: 50)
Für die Bildungstheorie einer Sozialen Demokratie (vgl. zur Sozialen Demokratie Kap. 4), die sich in der Tradition der Arbeiter*innen-Bewegung begreift, beinhalten alle vier Einbettungsversuche Anknüpfungspunkte. Zugleich sind sie dennoch alle vier – auch in verkürzter Form – nicht ausreichend. Aus Sicht einer Sozialen Demokratie müsste eine Arbeitsdefinition etwa wie folgt lauten:
Die gleiche Freiheit für alle lässt sich nur in einer Sozialen Demokratie real verwirklichen. Bildung ist gemeinschaftlich getragene und gelebte Gestaltung von Gesellschaft als Kommunikation (über Regeln, Inhalte und Geltungsansprüche). Entwicklung und Bildung von Einzelnen und von Gemeinschaft findet in ambivalenten Bildungsprozessen ihren Ausdruck. Bildung ist so Voraussetzung, die gleiche Freiheit leben und ausgestalten zu können. Dazu muss sie selbst der Lebens- und Arbeitsweise Sozialer Demokratie als Handlungsprinzip folgen.
Zugegeben: Dieser erste Definitionsversuch ist voraussetzungsvoll und komplex. Wir werden uns daher dieser spezifischen Denk- und Arbeitsweise in drei aufeinander bezogenen Kapiteln weiter nähern (vgl. dazu auch das Schaubild in Kap. 1).
Nun sind über den Bildungsbegriff viele kluge Bücher geschrieben worden, die wir hier weder ersetzen noch wiedergeben können. Dennoch wollen wir anhand von drei (mehr oder weniger willkürlichen) historischen Schlaglichtern, den Begriff von ‚Bildung‘ beleuchten. Dabei geht es uns auch darum, dass sich Arbeits- und Verhaltensweisen von Leitenden nahezu automatisch ändern, wenn nicht Wissens- und Kompetenzvermittlung, sondern politischdemokratische Bildung Ziel der Arbeit mit Gruppen ist.
2.1. Schlaglicht 1: Humboldts humanistischer Bildungsbegriff
Dass Bildung einen emanzipatorischen Charakter ins sich tragen könnte, ist kein neues, sondern ein (bildungs)bürgerliches Verständnis, das sich im Zuge der Aufklärung herausgeschält hat.
Besonders stark wird es (neben Philosophen wie Kant, Schelling und Herder) vor allem mit Wilhelm von Humboldt verbunden. Einer der – aus heutiger Sicht – prägnantesten Texte zur Bildungstheorie ist ein Fragment aus dem Jahr 1793/94 geblieben und mit Theorie der Bildung des Menschen – Bruchstück überschrieben.
Der Text umfasst nur wenige Seiten, kann aber als ein Konzentrat des bildungsbürgerlichen Begriffs von umfassender Bildung gelesen werden. Humboldt kombiniert dabei Individuierung und gesellschaftliche Verortung als Aufgabe umfassender Bildungsprozesse. Diese setzen eine Freiheit für Bildung voraus: Humboldt »gelangte (…) zu der Überzeugung, die Aufgabe einer zeitgemäßen Bildung könne nicht darin bestehen, die Verfassung der Menschen einseitig an der des Staates zu prüfen; vielmehr komme es umgekehrt darauf an, die Bildung von jeder Bevormundung durch Politik freizustellen.« (Benner 2001: 58)
Humboldts Ausgangspunkt ist dabei eine »Wechselwirkung« zwischen Individuum und »Welt ausser sich« (Humboldt 1980: 235), die beide (!) gebildet (also gestaltet) werden. Die Besonderheit ist also, dass Humboldt auf einen Zusammenhang zwischen ‚sich bilden‘ (als Person) und ‚etwas‘ bilden (also die gesellschaftliche Realität) abstellt.
Das »Ich« strebe dabei im »Denken« und »Handeln« nach seiner Veredelung also Verbesserung, wobei das Denken der Versuch des »Geistes« sei, »sich selbst verständlich« zu sein (Humboldt 1968 (V): 235) und das Handeln der Versuch des »Willens, in sich frei und unabhängig zu werden« (ebd.). Ziel dabei sei es, dass Menschen in den Stand versetzt werden sollen, die »lebendige, freie Wechselwirkung« zu verwirklichen (Humboldt 1980: 235 f.).
Bildung ist insofern auf die Wechselwirkung angewiesen: »Was also der Mensch notwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbstthätigkeit möglich mache.« (Humboldt 1980: 237)
Insofern ist Freiheit letztendlich etwas, was sich in einem Kraftfeld oder wie in einer elektrischen Spule immer wieder verstärkt: Sich mit seiner Umwelt und mit sich selbst kritisch auseinanderzusetzen, ist demnach Bildung und Voraussetzung für erfolgreiche Individuierung.
Dieser Anspruch auf gebildete Individualität, die jedem Menschen zugestanden wird, ist quasi der Nucleulus, aus dem heraus sich Gesellschaft entwickeln soll. Ein durchaus revolutionäres oder besser noch: revolutionär liberales Konzept bürgerlicher Aufklärung.
Dabei ist Humboldt nicht naiv, sondern weiß um die gesellschaftlichen Realitäten, wie er es in seinen Ideen über die Staatsverfassung, durch die neue französische Constitution veranlasst aus dem August 1791, beschreibt: »Eine neue Verfassung soll auf die bisherige folgen. An die Stelle eines Systems, das allein darauf berechnet war, soviel Mittel, als möglich, aus der Nation zur Befriedigung des Ehrgeizes und der Verschwendungssucht eines Einzigen zu ziehen, soll ein System treten, das nur die Freiheit, die Ruhe, und das Glük jedes Einzel...