Teil 1: Judentum und Judenfeindschaft
in der Geschichte
Die Darstellung einer Geschichte des Judentums und insbesondere der Judenfeindschaft sollen es ermöglichen, die historischen Grundlagen des modernen Antisemitismus besser zu verstehen.
1. Juden im Altertum
Die Geschichte der Juden im Altertum ist vielen Lesern aus der Bibel beziehungsweise dem Alten Testament bekannt. Allerdings zeigt die moderne archäologische Forschung, dass die in der Bibel geschilderten Ereignisse nicht immer wörtlich zu nehmen sind.27 Dies betrifft insbesondere den Auszug der Israeliten unter Moses aus Ägypten und die Einwanderung in das damalige Kanaan beziehungsweise Palästina. Auch war die Macht der Könige nicht so herausragend wie dargestellt. Als gesichert gilt, dass seit dem 1. Jahrtausend im Vorderen Orient ein jüdisches Königreich existierte. Dieses Reich spaltete sich relativ bald in ein Nordreich (Israel) und ein Südreich (Juda) mit der Hauptstadt Jerusalem auf. Das Nordreich Israel wurde 722 v. Chr. von den Assyrern vernichtet und die Bevölkerung deportiert; deren jüdische Identität löste sich auf, und sie verschwanden aus der Geschichte. Vom Judentum werden die Bewohner des Nordreichs heute „als die verlorenen zehn Stämme“ bezeichnet.28 Das Südreich Juda existierte eineinhalb Jahrhunderte weiter. Im Jahr 587 wurde es allerdings ebenfalls, und zwar von den Babyloniern unter Nebukadnezar, zerstört. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde auch hier gewaltsam fortgetrieben, und es begann das „Babylonische Exil“. Deportiert wurde wohl insbesondere die jüdische Elite, also „Reiche, Adelige, Priester, wohl auch Handwerker“29.
Bereits vor dem Untergang der beiden jüdischen Reiche herrschte in beiden der Glaube an Jahwe. In Jerusalem stand ein (erster) Tempel, der mit der Eroberung durch die Babylonier niedergerissen wurde. Historiker gehen davon aus, dass die Bibel viele Autoren besaß, die über mehrere Jahrhunderte an ihr arbeiteten. Für das Babylonische Exil wird dabei eine besonders produktive Arbeit an den Texten der Bibel vermutet. Aus bislang eher mündlich überlieferten Erzählungen wurde eine „idealisierte Geschichte des Volkes Israel“30 verfasst. Es entstanden große Teile des Alten Testaments, die Geschehnisse schildern, die lange vor der Zeit liegen, in der sie verfasst wurden. Zu nennen sind insbesondere die fünf Bücher Mose, die Bücher Samuel und Könige sowie Botschaften der Propheten (z. B. Jeremia).31 Die jüdische Religion wurde zur Religion der Schrift. Gab es vorher auch konkurrierende Kulte und war Jahwe nur ein besonders mächtiger Gott, wurde er nun zum einzigen Gott (Monotheismus). Schlimmste Sünde war und ist die Anbetung anderer Götter. Die Bibel wurde dann über einen längeren Zeitraum noch bis zum zweiten Jahrhundert vor Christus um weitere Texte ergänzt.
Kennzeichen der jüdischen Religion ist ein enger Bund mit Gott. Die Juden sind sein auserwähltes Volk und stehen in seiner besonderen Gunst. Gleichzeitig verfolgt Gott Ungehorsam und Verfehlungen seines Volkes mit unnachsichtiger Härte. Auf seinen Zorn werden Elend und Katastrophen zurückgeführt. Dies gilt auch für den Untergang der beiden jüdischen Reiche. Gott rächt sich, indem er sich der assyrischen und babylonischen Könige als seiner „Knechte“ bedient. „Die Propheten betrachteten die Geschichte als ein Instrument Gottes, um seinem Willen Ausdruck zu verleihen … Der Prophet war … ein Sprachrohr Gottes, ausgesandt die Menschen zu warnen, da Missetaten unausweichlich ins Verderben führten“32. Dabei wurde auch eine Idee künftiger Erlösung entwickelt. Obwohl der besondere Bund des Volkes Israel mit Gott im Mittelpunkt steht, bezieht sich der Erlösungsgedanke auf alle Völker.33 Der Prophet Jesaja ((2,4) spricht: „Und er wird richten zwischen den Völkern … und sie werden stumpf machen ihre Schwerter zu Sicheln, und ihre Lanzen zu Rebenmessern. Nicht wird erheben Volk gegen Volk das Schwert“34. Das Judentum hat zwar eine besondere Beziehung zu Gott, der aber ist ein universeller Gott.35 Nur auf dieser Grundlage der monotheistischen jüdischen Religion konnten sich später das Christentum und auch der Islam entwickeln.
Der Bund mit Gott erfordert, dass die Juden eine Vielzahl von Regeln und Gesetzen beachten. Hierzu gehören die Beschneidung der Knaben (allerdings auch bei anderen Völkern des Altertums üblich) und die strikten Speisevorschriften. So ist es verboten, Schweinefleisch zu verzehren. Zudem dürfen Fleisch und Milch nicht miteinander in Berührung kommen; deshalb wird in einem gläubigen Haushalt bis heute das Geschirr für diese Lebensmittel streng voneinander getrennt. Weiterhin ist der Sabbat heilig, alle Arbeiten und Geschäfte müssen ruhen. Historiker führen die strengen Vorschriften auch darauf zurück, dass sich die Juden im babylonischen Exil einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt sahen. Eigene Gesetze sollten die Identität des Volkes erhalten. Auch Mischehen gefährden nach der Bibel den Glauben.36
Erst im Jahr 539 vor Christus, nach der Eroberung Babylons durch die Perser, konnten die vertriebenen Juden aus dem Exil zurückkehren und trafen auf die jüdischen Bevölkerungsteile, die nicht vertrieben worden waren. Relativ bald wurde mit Unterstützung der persischen Besatzung ein zweiter Tempel errichtet, der später im 1. Jahrhundert vor Christus beträchtlich erweitert wurde. Ein eigener jüdischer Staat konnte allerdings zunächst nicht mehr geschaffen werden. Nachdem die Perser das Land 200 Jahre beherrscht hatten, wurde es 332 vor Christus von Alexander dem Großen erobert und geriet mit dem Nachfolgereich der Seleukiden unter griechische Oberhoheit. In einzelnen Phasen dieser Besatzung wurden Juden an der Religionsausübung gehindert. Sie waren auch nicht mehr die einzige Bevölkerungsgruppe im jüdischen Stammgebiet. Insbesondere Griechen beziehungsweise hellenisierte Menschen lebten in der Region. Die jüdische Bevölkerung war „in den Bergen Jerusalems und seiner Umgebung konzentriert. Im Westen reichten jüdische Siedlungen bis an den Rand der Küstenebene; im Osten bis an den Jordan im Tal von Jericho einschließlich eines kleinen Gebietes in Transjordanien. Das jüdische Territorium hatte folglich keinen Zugang zum Meer und war von einer fremden und feindlichen Bevölkerung umgeben“37. Vor allem der seleukidische Herrscher Antiochus IV. Epiphanes unterdrückte die Juden. So wurde die jüdische Kultpraxis verboten und im Jahr 167 v. Chr. ein heidnischer Altar im jüdischen Tempel errichtet.38
Im Jahr 167 v. Chr. begann ein Aufstand der Juden gegen die seleukidische Oberherrschaft (Makkabäer-Aufstand), der nach langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen auch erfolgreich war und zur Gründung des neuen Reiches Judäa führte. Der Makkabäer-Aufstand hat seinen Niederschlag auch in der Bibel gefunden. Mit den Hasmonäern (oder Makkabäern) etablierte sich ein neues Königsgeschlecht, das gleichzeitig das Amt des Oberpriesters wahrnahm. Die Priesterkönige förderten den Kult im Tempel und stärkten die religiösen Gesetze.39 Unter der neuen Dynastie wurde das Staats- und Bevölkerungsgebiet erheblich erweitert. Hierbei gab es auch Zwangsbekehrungen zum jüdischen Glauben.40
Die staatliche Unabhängigkeit endete aber mit der Eroberung Judäas durch die Römer im Jahr 63 v. Chr. Zunächst blieb den Juden noch eine Teilautonomie. Allerdings setzten die Römer mit den Herodianern eine neue Dynastie ein. Herodes der Große als bekanntester Herrscher dieser Dynastie war so zwar „König der Juden“, aber von Rom abhängig. Herodes führte eine Schreckensherrschaft, die Bevölkerung wurde immer unzufriedener.41 Nach dem Tod des Königs im Jahre 4 v. Chr. brachen Aufstände aus, und Judäa wurde nun direkt von einem römischen Präfekten regiert. In der Region Galiläa herrschte dagegen mit Herodes Antipas, einem Sohn von Herodes dem Großen, weiterhin die Dynastie der Herodianer.42
In Judäa und Galiläa lebten unter römischer Herrschaft auch Bevölkerungsgruppen, die anderen religiösen Kulten anhingen. Mit denen und der römischen Besatzungsmacht gerieten die Juden zunehmend in Konflikte. Die entluden sich 66 n. Chr. in einem jüdischen Aufstand, der 70 n. Chr. bitter endete. Die Römer eroberten Jerusalem, zerstörten den Tempel und versklavten große Teile der Bevölkerung.43 60 Jahre später kämpften die Juden zum letzten Mal gegen die römische Herrschaft, mit dem sogenannten Bar Kochba-Aufstand. Bar Kochba (Sohn des Sterns) war der Anführer dieser Revolte. Nach anfänglichen Erfolgen unterlag er den Römern. Die übten blutige Vergeltung und verfolgten die jüdische Religion. Nach christlicher Überlieferung verbot Kaiser Hadrian den Juden, künftig Jerusalem zu besiedeln. Gleichwohl sollten Juden auch danach als kleine Gemeinde wieder in Jerusalem ansässig sein.
Das Judentum verlor mit der Zerstörung Jerusalems sein geistiges und religiöses Zentrum. Allerdings lebte bereits zur Zeitenwende der allergrößte Teil der Juden außerhalb Palästinas. Rund einer Million Juden in Palästina standen rund fünf bis 6 Millionen in anderen Gebieten gegenüber.44 Dass es dort so viele Juden gab, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Nicht alle kehrten nach dem babylonischen Exil in die Heimat zurück. Vor allem aber waren viele Menschen anderer Völker zum Judentum übergetreten, das somit im Altertum eine sehr erfolgreiche Religion war – außerhalb des ursprünglichen jüdischen Siedlungsgebietes und schon lange unabhängig davon, ob es einen jüdischen Staat gab oder nicht. Die sechs bis sieben Millionen Juden, die im gesamten Römischen Reich lebten, machten etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus.45
Die Religion des Judentums wurde in der Folgezeit weiterentwickelt. Hierbei spielten die Rabbiner (Rabbi = Lehrer) eine entscheidende Rolle. Denn sie brachten mündliche Überlieferungen in eine Schriftform. Neben dem Alten Testament entstanden so um 220 n. Chr. die Mischna, der palästinensische Talmud und schließlich im siebten Jahrhundert der babylonische Talmud.46 Diese Interpretationen der heiligen Schrift wurden später selbst als heilig angesehen. Sie sind oft als philosophische Traktate angelegt, die Außenstehende kaum verstehen können. Das Christentum hat später denn auch viele Texte falsch gedeutet; das war ein Grund für Vorurteile gegenüber Juden. Zwar war das Judentum immer schon eine Religion der Schrift gewesen. Doch der Talmud stellte das Studium der heiligen Schriften noch stärker in den Mittelpunkt der Glaubenspraxis. Damit war für jeden Juden ein Minimum an Bildung und Schulunterricht erforderlich.47
Bisher wurde kurz die Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum umrissen. Der Begriff ‚Judenfeindschaft‘ ist dabei bisher nicht gefallen, obwohl Juden immer wieder in Auseinandersetzungen verwickelt und Opfer von Gewalt wurden. Es handelte sich hierbei allerdings um Kriege zwischen Völkern und Staaten, teilweise auch um Bürgerkriege zwischen Juden und Nicht-Juden auf dem gleichen Staatsgebiet. Das jüdische Volk bildete hier keine Ausnahme. In jener Zeit gab es zahlreiche Kriege zwischen konkurrierenden Reichen und den sie tragenden Völkern. Insbesondere sind Ägypten, Babylonien, Persien und Rom zu erwähnen, die auch alle im jüdischen Siedlungsgebiet um die Vormacht kämpften.
Niemand käme auf die Idee, heute nach einer Ägypten-Feindschaft, Persien-Feindschaft oder Rom-Feindschaft im Laufe der Geschichte zu suchen. Diese Reiche mit ihren Völkern haben keine historische Kontinuität. Das alte Ägypten, das persische und das römische Weltreich sind nicht identisch mit den heute existierenden Staaten (Ägypten, Iran, Italien), auch wenn der Name teilweise gleichgeblieben ist und im jeweiligen Nationalverständnis eine historische Linie beschworen wird.
Das Judentum hingegen hat sich rund zwei Jahrtausende ohne eigenen Staat als Bevölkerungsminderheit in anderen Ländern behauptet und jüdische Identität aufrechterhalten. In diesen 2000 Jahren war das Judentum vielfältige Verfolgungen und Anfechtungen von Seiten der Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt.
Judenfeindschaft im Altertum kann zuerst in der Auseinandersetzung zwischen dem Judentum und der griechischen Kultur identifiziert werden. In den Nachfolgereichen Alexanders des Großen herrschten griechische Dynastien: die Seleukiden in Palästina und damit im ehemals jüdischen Herrschaftsgebiet, die Ptolemäer in Ägypten. Mnaseas von Patara aus Lykien (etwa 284-202 v. Chr.), der die griechische Kultur angenommen hatte, schrieb von einem Eselskopf, der sich im Heiligtum von Jerusalem befinde.48 Später war auch von Menschenopfern und Ritualmorden die Rede.49 Schon 320 v. Chr. hatte Hecateus, ein griechischer Historiker, ein Buch zur ägyptischen Geschichte geschrieben und hierbei auch Moses erwähnt, wobei er den Monotheismus als unsozial ...