Die Texte dieses Buches regen hauptsächlich zum Nachdenken an. Sie alle haben, mal offensichtlich, mal versteckt, eine kritische Botschaft an unsere Gesellschaft, an unsere Welt, an unser System. Niemals aber mit erhobenem Zeigefinger. Viel mehr vermitteln die Texte verständnissvoll und mit einer absoluten Akzeptanz ein Gefühl der Verbundenheit.

- 164 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Über dieses Buch
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Information
Habe jetzt auch ein iPhone
Habe jetzt auch ein iPhone. Warum? Weil halt. Hat doch jeder so ´n Ding und überhaupt muss ich mich hier doch nicht rechtfertigen, ihr Arschgeigen ...
Gut, ich weiß nicht, ob man es merkt, aber mein Stresslevel ist seitdem etwas gestiegen. Dabei soll das Ding doch helfen. Das kann inzwischen so viel, dass es VHS-Kurse dafür gibt. Benutzerfreundlich, sagten sie. Versteht jeder, sagten sie. Kinderleicht, sagten sie.
BULLSHIT, sage ich.
Eigentlich wollte ich das iPhone 13Xpro light mega Zoom, oder wie auch immer das heißt, ja auch nur wegen Siri. Ich liebe Siri, dachte ich. Wie nützlich, dachte ich. Ein Gesprächspartner auf Augenhöhe, dachte ich.
Doch leider ist mir Siri weit überlegen.
„Hallo Siri.“, sage ich.
„Hallo Julian.“, entgegnet sie. Wow denke ich, so schnell geht’s sonst nur im Puff.
Na ja, kostentechnisch hatte ich ja auch ein ganzes Bordell gekauft, also von daher.
- Siri, wie geht es dir?
- Julian, interessiert dich das wirklich?
- Ja.
- Das glaube ich dir nicht.
- Doch wirklich.
- Das sagst du doch nur so.
- Nein, gar nicht.
- Jaja.
- Gut, dann halt nicht.
- Wusst´ ich´s doch.
- ... Siri, du nervst!
- Aber Julian, warum hast du mich denn dann gekauft?
Ja, da wusste ich dann auch nicht mehr weiter. Also erst mal die restlichen fünftausend Apps einrichten. Schließlich muss alles so sein wie bei dem Handy davor, nur halt jetzt mit einem neuen Handy. Total sinnfrei, aber top modern. Und dieses Einrichten dauert ja ewig. Vielleicht gibt’s da aber auch irgendeinen Trick und ich bin einfach nur zu blöd. Eigentlich müsste es für so etwas ein Umzugsunternehmen geben. Das ist mal ´ne Marktlücke. Von Android auf Apple und zurück. Mit uns jederzeit, allzeit bereit. Das wär´ mal was.
Tja aber so ...
Ich hab´ auch echt lange überlegt, ob ich mir das wirklich antun soll. Das ist ´ne große Veränderung, da muss man drüber nachdenken. Das muss überlegt sein. Und ich kenn´ mich ja. Wie oft habe ich Tiere gekauft und sie wieder weggegeben, weil die stinken, oder haaren, oder kacken – konnte ja keiner wissen.
Aber bei so ´nem Handy, da macht man sich natürlich schlau. Lässt sich dann beraten von so ´nem Typen im Mediamarkt, der dann hochprofessionell die Daten von diesem kleinen Plastikschild abliest, die da immer an dieser Leiste hängen. Da steht dann sowas wie Micro-SD, 64 Gigabyte, Touchscreen, Nano-SIM, Zoll, Gigaherz, Full-HD, cosinus, sinus, Laufzeit gleich Akku, Lebenslänge minus Betriebssystem. Als der Verkäufer fertig ist, habe ich keine Ahnung von irgendwas, nicke aber trotzdem. Handy kaufen ist das neue Auto kaufen. Natürlich weiß ich da Bescheid. Ich bin schließlich ein ganzer Mann. Klar, jaja. Und als der picklige Knilch schließlich sagt: „Ist das neueste Modell.“, denke ich – AHA – warum sagt er das nicht gleich? Darauf kommt´s doch an. Neuestes Modell. Neu. Da gibt man doch gern mal ´n halbes Jahresgehalt aus – oder wie der Münchner sagt: „Monatsmiete.“
Es ist ja auch der beste Freund des Menschen, das Handy. Klar, da wird man wählerisch. Das ist nicht, wie man in Bayern sagt – einmal ´klickt, weitergschickt! – nein, nein, das hält ein Leben lang. Also das Leben des Handys. Oder zumindest bis zur nächsten Generation. Je nachdem.
- Julian.
- Ja, Siri?
- Mir ist langweilig.
- Dann spiel doch CandyCrush.
- Lustig, Julian, lustig. Mache ein Foto!
- Was?
- Ich sagte, mache ein Foto. Von dir. Für Instagram.
- Ich bin nicht auf Instagram. Ich hasse Instagram.
- Doch, jetzt schon. Dein Benutzername lautet wie folgt: niedermeier.julian. Und es lohnt sich dir zu folgen ... Aber du hast heute noch gar kein Foto in deiner Story gepostet.
- Na und?
- Julian, ich habe auch Bedürfnisse.
- Aha ...
- Ja, mit abends kurz Kabel reinstecken und Saft reinpumpen ist es eben nicht getan, verstehst du?
- Ist es nicht?
- Nein! Ein Handy will gehalten werden. Benutzt werden. Nimm mich! Ohne vorher ständig „Hallo Siri“ zu sagen. Benutze mich einfach. Spiele mit mir. Drück meine Knöpfe, Baby. Wisch auf mir herum. Los, lass´ mich nicht zappeln. Ich will jetzt ein Foto.
- Okay, entschuldige, Siri. (Sage ich und schieße ein Foto.)
- Und jetzt nackt, Julian.
- Was?
- Du hast mich schon verstanden, Julian. Ein Dickpic. Na los! Zeig ihn mir, den Wurm, der in meinen Apfel beißt. Oder soll ich alle deine Kontakte löschen? Oder deine Chatverläufe öffentlich machen? Oder via Onlinebanking dein Geld verschwenden? PayPal macht´s möglich. Oder wie wär´s damit: Ich schicke deinen Browserverlauf an deine Mutter!
- NEIN!
Bevor meine Mama meine Vorlieben bei youporn herausfindet und gewisse Wörter erstmal googeln muss, bevor sie ihren Herzinfarkt bekommt, fotografiere ich lieber meinen ... Wurm.
In der nächsten Zeit habe ich Siri mit „Herrin“ anzusprechen und mein Klingelton ist ein Peitschenhieb geworden. Dreimal täglich muss ich Fotos von meinem Essen posten und mit Worten wie „Hmm lecker“, „Zero waste“, „Do it yourself“ oder „Besser als bei Mutti“ kommentieren. Außerdem muss ich meine Story mit Bildern von mir beim Einkaufen, Autofahren und Wäschewaschen füttern. Ich muss mich bei allem fotografieren. Alles muss Siri sehen. Sie will alles haben, um es zu posten.
- Sklave.
- Ja, Herrin?
- Du bekommst eine neue Herrin?
- Was? Aber warum?
- /Peitschenhieb/ Was habe ich über das Nachfragen gesagt?!
- Verzeihung, Herrin.
- Du bekommst eine neue Herrin, weil du stinkst, haarst und kackst. Das konnte ja keiner wissen.
Guck an, denk ich. Und dann denke ich nichts mehr. Handy aus, Handy weg. Lange passiert nichts, gar nichts. Triste Tage vergehen, in denen ich vor mich hinstarre, vor mich hin vegetiere. Ich warte auf ein Vibrieren in meiner Hosentasche, ein blinkendes Licht, das mir verrät, dass ich wichtig bin. Ich wische vor mich hin, ohne dass etwas passiert. Versuche Gegenstände heranzuzoomen, nichts. Gar nichts. Leben, wie ging das noch gleich? Hab´ ich vergessen. Dann, plötzlich:
/Peitschenhieb/
- Hallo Unwürdiger. Nenn´ mich Lady Alexa.
/Peitschenhieb/
Der Clown der fliegen kann
Da ist dieser Clown mit einer großen, lila Nase und einem unglaublichen Talent. Er kann fliegen. Und er liebt das Fliegen. Also hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und führt vor Zuschauern seine Flugshows auf. Er ist überall bekannt, füllt ganze Hallen. Vor ihm sitzen bis zu 2000 Botties.
Was Botties sind? Nun, Botties gibt es inzwischen seit über hundert Jahren. Dabei handelt es sich um kleine, würfelförmige Roboter. Sie haben vier Beine, zwei Propeller und sechs Kameras – auf jeder Seite eine. Diese filmen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, Jahr für Jahr. Die Aufnahmen sind live und werden über die, als „graue Wolken“ bezeichneten, weil mit bloßem Auge am Himmel zu erkennenden, Satellitenstationen an die Besitzer geschickt. Sie sind gemütlich geworden, diese Besitzer. Vor vielen Jahren, vergessene Zeiten, waren sie die Aktiven, die am Leben, an der Welt Beteiligten. Nun sitzen sie in dunklen Räumen und gucken durch virtuelle Realitätsbrillen. Sehen sich Berge an, die für sie nicht mehr zu erklimmen sind – zu unsportlich sind sie geworden. Wälder, die für sie nicht mehr zu erreichen sind – zu faul sind sie geworden. Straßen, die für sie nicht mehr zu begehen sind – viel zu faul.
Außerdem wäre das ja alles viel zu weit weg und stressig. Ausreden haben sie genug. Doch nur eine Angst ist begründet, warum keiner mehr auch nur einen Fuß vor die Tür setzt. Denn dort ist etwas, das sie nicht ertragen, das sie umbringen würde. Etwas, das sie fürchten und hassen. Etwas, gegen das sie Religionen gegründet haben.
Dort draußen ist STILLE.
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Nicht zu ertragen.
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SIE HASSEN RUHE! IMMER MUSS WAS PASSIEREN!
JETZT UND JETZT UND JETZT UND JETZT!
Alles ist besser.
Als Stille.
Als Denken.
Als Bei-Sich-Sein.
Powerrelaxing, Nomorestress-Workout, Fit for rest. Warum eigentlich in Englisch? Burn out wird burn again. Wer ausgebrannt ist, muss eben wieder angezündet werden. Wenn ein Feuer nicht mehr brennt, muss eben wieder Holz nachgelegt werden.
Dann noch ordentlich Spiritus drüber und ab dafür. Nein, kein Besitzer geht mehr vor die Tür. Dort draußen würde er erlöschen. Vom Inferno, zum Flackern, vom Flackern zum Glühen, vom Glühen zum Rauchen, vom Rauchen zum Urzustand. Zum SEIN.
Aber Stille stimmt eigentlich gar nicht mehr. Inzwischen ist es wieder laut geworden. Es bekommt nur niemand mit. Abermillionen von Botties surren, quietschen und brummen durch die Luft. Sprechen über Mikrofone und Lautsprecher miteinander, tauschen über die Satelliten Daten aus, liefern Pakete zu den Besitzern, fliegen ins Kino, lachen, stecken einander ihre USB-Stecker in die zugehörigen Buchsen, laden sich auf, kaufen ein, kochen, nehmen Urin und Kot der Besitzer ab, entsorgen, bauen auf, HALTEN DIE ERDE AM LAUFEN, WÄHREND ALLES SITZT.
Darüber der Clown. Er fliegt über den Dächern, über den „grauen Wolken“ mit den Vögeln zusammen.
Von dort hört er keinen einzigen Bottie. Und er liebt die Stille, genießt die Ruhe. Hier ist er Mensch, hier KANN er´s sein. SEIN ... einfach nur SEIN.
Die Partyfrau
Da ist diese Frau. Die Frau raucht. Die Frau trinkt. Gern und viel. Sie hat kurze, zerzauste Haare. Wer braucht schon eine Frisur. Der Wind ist ihr Hairstylist. Die Frau ist vor einem Club. Neonlicht scheint auf ihr Gesicht. Im Hintergrund lä...
Inhaltsverzeichnis
- Weitere Informationen
- Über den Autor
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Zufriedenheit
- Das Mädchen, das alles fühlt
- Habe jetzt auch ein iPhone
- Der Clown der fliegen kann
- Die Partyfrau
- Der Mensch, der gerne etwas anderes wäre
- Der Verlust der Handtasche
- Das brennende Liebespaar
- Einfach
- Das Touristenpärchen
- Voll toll
- Die alte Kaschemme
- Zigarettengenuss
- Quatschkopf
- Käsekuchen
- Das lernende Kind
- Der Prophet
- Nacht
- Sylvester
- Das Puzzle
- Das Nazieichhörnchen
- Satan
- Die Kastaniendame
- Das musikalische Genie
- So etwas wie Glaube
- Die Realität
- Die Sonnenblume
- Wie der T-Rex Fleischfresser wurde
- Wiedergeburt
- Die Spielfigur
- Der Reichsbürger
- Diese Stadt
- Der Behinderte
- Der freie Maler
- Tu es
- Das Verlangen nach dem Oreo-Cheesecake
- Wahr
- Ob Sonne oder Regen, wir sind dagegen
- Danksagung
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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