
- 148 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Ein bei gegebener Gelegenheit im Blankvers verfasstes Hochzeitslied auf das lehrreiche, nutzbringende und Monstren erzeugende Koitieren von Personen verschiedener geistiger Habitate und Temperamente: Psychoanalytikerin - Bibliothekar, Ossi - Wessi, maßvoll - versoffen. Der Hintergrund der Szene zeigt den katastrophalen Untergang Kreuzbergs A.D. 2008, als auf der Friedrichshainer Spreeseite die O2 World ausbrach.
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Information
Sonne in Oranienstraße, Abendsonne, Sonne, die nicht sengen, nicht mehr brennen kann, nur unterscheiden; Abendsonne, die die Dinge scheidet, deren Licht sie von sich scheidet: Bloße Dinge, namentragend, und ihr Sinn, ihr angesehner Sinn – im Abendsonnenlicht verwirbeln sie, das hakt sich ein und dreht sich, Drang zum Sinn und Drang zum Ding, der alte Wirbel, Sonne in Oranienstraße, flutet durch Oranienstraße, ganz hindurch und füllt sie, währenddes sie untergeht, hinunter auf Oranienplatz, da sinkt sie, nein, noch weiter, Moritzplatz, dort sinkt sie nieder, sengt nicht, brennt nicht, scheidet, sinkt vor Springer, drängt den Boulevard hinaus, vollendet Kreuzberg über sich.
Im ihrem Licht Verkehr, er zittert, stößt sich, gelbes Licht, Verkehr, Passanten drängen, weilen sich, ergießen sich in den Verkehr, sie nehmen Platz an Tischen, Autos stottern, Gläserklirren, Reden und Gerüche, Abendsonne.
Hanold tritt vom Bürgersteig, er überquert Oranienstraße, der Verkehr stößt sich an ihm, das Licht, ihn stört das nicht. Er ist in einem Zustand, darin nimmt er teil. Um ihn ist Leben, Dinge tragen Namen, Hanold hat sein Teil daran, ist Ursprung, Ahnung, Sinn. Die Abendsonne, denkt er, ist total, sieht in die Sonne, sieht nicht hin. Er wendet sich, er wendet seinen Blick, sieht aus der Sonne, viel zu wirr und unverständlich ist das Licht, er kann es nicht begreifen, unterscheidet nicht, was Licht ist, sieht nur Willkür: Hier scheint Licht, dass man erblinden möchte, tiefste Nacht nur einen Wimpernschlag daneben. Ein nicht wohl bedachter Blick, und Sonnengelb schwillt in die Augen, heizt sie auf. Im nächsten Augenblick dann Schatten, gähnend Raum voll Negation. Und nur ein Wenden seines Kopfes braucht es, kommt es Hanold vor, ein Umwidmen des Blickens, und das Licht umnachtet sich, stürzt über sich zusammen, lichtlos. Also wirbelt es. An jedem Ding, ob Kopf, ob Stein, an jedem Ding, das einen Namen trägt, derselbe Tanz – gleich Licht und Schwärze, es gewittert, Reigen ist das, Stieben, Gegenlicht gewittert in den Sonnenschein. Am Ende, denkt sich Hanold, kann dann wieder kein Begriff die Anschauung belehren: Dies ist Licht. Ja, Licht, nur Ursprung, Ahnung, Sinn des Phänomens sind unbekannt und grauenvoll gewärtig.
Hanold, in so bangem Zustand, teilnahmsvoll befangen, denkt: Fragment.
Fragment, denkt Hanold, sieht in ein Gesicht, er stößt sich am Verkehr, erblindet und erhellt erneut, Oranienstraße! Menschenvolle. Abendsonne. Jeder Mensch ein Bröckchen Sein, ein jedes Blinzeln ein Versprechen: Du auch wirst ergänzt zum Ganzen.
Hanold sieht – die Häuser werfen keine Schatten mehr, die Fronten bunt und hell, die Fenster dunkel, Höhlen ragen in die Farbe, manche sind in Stein gefasst und glatt behauen: An den Steinen stöbert Abendsonne, macht sich sichtbar, bildet Wirbel, bildet sich in Wirbeln ab, in alten Zeichen, Gegenlicht gewittert lichtlos in den Wirbeln.
Nein, denkt Hanold sehr bestimmt, durchaus nicht, nein! Er wandert durch Oranienstraße, schüttelt streng den Kopf. O nein, da ist er andrer Meinung, er befindet sich in keinem Zustand: Ursprung, Sinn, was soll das für ein Zustand sein! Dergleichen Zustand kennt er nicht, Herr Doktor Norbert Hanold, will nicht anerkennen, dass dergleichen Zustand Menschen überfällt. Das ist ja Wegelagerei, denkt er, empört, und so ein Unverstand! Da hat doch, denkt er, wieder mal ein Flachkopf nicht das Licht begründet biederer Vernunft ertragen mögen und sich Extras ausgedacht, verschattet: Zustand!
Die Empörung macht ihn durstig, Hanold denkt an Schnaps, winkt ab, er lächelt aus Erleichterung und denkt und murmelt fast dabei: –Mal wieder Schnaps und Zukost! Schüttelbrot, mein magischer Begleiter: Wenn die Theorie nach Fusel schmeckt, so brocke etwas Magisches dazu, das ist verträglich, schwer zu kauen, dazu dieser Hauch Anis!
Hanold denkt er auch: Gesetzt, es gäbe das, dergleichen Zustand, so vielleicht… so ähnlich müsste sich das machen: Sonne in Oranienstraße, abendliches Denken. Zustand O.
Er stoppt und sieht sich um, Oranienstraße, Zustand O. Man schiebt und drängt um die Cafés, erfindet Wege durch die Wagen auf der Straße. Warm ist es, die Luft voll Abgas, Tee und Fliederduft. Ein Mädchen geht vorbei, es riecht nach Sojasauce. Nein, es stinkt danach. Er sieht ihm nach, er lächelt, denkt, in diesem Zustand ist Gestank ein leichtes Tuch, die Leute tragen Schleppen und im Gehen weht es widerlich.
Das Licht erblindet alles und erhellt es gleich: die Autos, Menschen, Pflastersteine. Dinge tragen Namen, und was Namen trägt, ist halb, nicht fertig, wozu sonst der Name? Hanold schüttelt sich, er rümpft die Nase: Namentragendes Fragment! Was Namen trägt, erfährt sich im Symbol, erblickt die Hälfte, die ihm fehlt. Das steht geschrieben, Hanold grübelt, er entsinnt sich nicht, bloß – irgendjemand hat das mal gedacht: Dass wir nur Hälften, unganz, sind, die Namen tragen, und die andern Hälften, abgängig, erkennt man im Symbol. Er bleibt an einem Fahrradladen stehen, schaut ein Fahrrad an. Sieht teuer aus, denkt er und staunt. Was überflüssig ist, entbehrt das Rad, was denkbar überflüssig, alles. Räder, Sattel und Pedale bleiben, fertig, Fahrrad. Scheißsymbol, denkt Hanold, Gangschaltung muss sein! Und er verdammt die Hälfte, die ihm von sich fehlt, die abgängig; was sind das für Allüren! Was an einem Menschen wäre derart unvollständig, dass es sich erbitten kann, erblickt zu werden im Symbol? Der Mensch ist doch kein Flittchen, das mit Leihhausruhm die Billigkeit verhängt! Was soll das sein, grollt Hanold, was dem Krümel Sein ganz abgeht immerzu, dem Krümel, der man ist, dem Seinsbruchstück, im Wirbel seiner Endlichkeit und Transzendenz, dem Namensträger, was?
Versehentlich pfeift Hanold einen Klingelton, es bimmelt ihm im Rücken. Telefon passiert. Er sieht auf seine Uhr und rafft sich auf, es ist bald Zeit – nicht so bald freilich, dass er eilen müsste. Hanold kann doch schlendern, dazu ist fast immer Zeit. Er steckt die Hände in die Taschen, nimmt die Nase hoch und geht. Noch immer Sonne in Oranienstraße, abendliches Denken. Denken in Oranienstraße, gelbes Licht, darin drängt Kunde, wittert, Kundschaft hängt im Licht, das flirrt und zittert, stößt sich, und erwartend senkt die Kunde ihre Blicke vor der Kunst, fast scheu – Fragment, du wirst ergänzt zum Ganzen. Gäbe es den Zustand O, denkt Hanold, stößt sich an Gesichtern, gäbe es ihn, könnte ich nicht denken: Wichser, Schnuderbuben! Von Geburt dementes Pack, ihr seid nicht reisefertig, Narren, ihr! Ich wäre nicht, denkt Hanold, so ein Menschenfeind. Was zu beweisen war. Und Hanold sieht Gradiva.
Er erblickt sie – die Gradiva, malt sie mit den Augen ins Gedränge, Traumbild, mitten ins Reelle, nicht zu unterscheiden. Hanold macht sie sich mit ihrem Namen sehen, der bedeutet Schreitende. Auch: Eine, die vorweg marschiert. Die Schreitende, heißt sie, Gradiva schreitet durch Oranienstraße, schreitet vor wie Mars gradivus, Kriegsgott, wohlgerüstet. Also drängt Gradiva durch die Menge. Hanold sieht sie nicht, er denkt sie und nimmt wahr, er sähe, sie sich denkend. So nur sieht er sie. Und so nur sieht er sie allein, gelöst vom Urbild, das dem Traumbild Pate steht, und löscht die Spur von Zoё in Gradiva, Zoё, wie sie ihn erwartet, dort am Heinrichplatz, wohin er zu ihr gehen muss, die Sonne jetzt im Rücken und entgegen dem Verkehr, der Ruß und Abend nach sich schleppt und Licht und Gegenlicht verwirbelt… – nicht wie Zoё, wartend, sieht er sie. Er sieht sie, Hanold die Gradiva, wie sie ist, sieht Ursprung, Sinn und Ahnung der Gradiva, sieht sie schreiten in Oranienstraße, vorwärts drängen wohlgerüstet durch die Menge.
Auf den Bürgersteigen herrscht Gedränge, Hitze macht betriebsam, wenn sie nachlässt. Man entsinnt sich, dass es Restaurants gibt, Läden und Cafés, die hat man viel zu lang nicht aufgesucht. Man braucht doch Bücher, Kleider, Kunst! Und Fahrräder, Elektrowaren. Pinsel! Und die schwule Kuchenbar, wo sich der Mensch mit Törtchen neckt! Apropos, gegenüber! Dieser Türke! Süßigkeiten hat der, ach… von dort zum Blumenladen, Blumen kauft man nachts, das fördert ihr Mirakel. Nicht vergessen, Feinkost – die Pastrami ist ein Tipp – Elektroramsch und Bürsten. Da, die Kneipe ist berühmt! Da trifft sich – weiß der Himmel, wer. Bedürfnis drängelt um die Häuser, Möglichkeiten schieben sich beiseite, da stolziert ein Wunsch! Und doch: Wo nur ein Tisch steht, bricht das Drängen sich zur Ruhe. Wer am Tisch sitzt in der Sonne, sieht im Drängen nur noch Zustand. Und wird still. Sieht hin und trinkt, betäubt.
In den Fenstern der Cafés und hinter Fenstern, um die Fenster sitzen sie, Gradiva geht vorbei. Sie sitzen auf der Straße, Tische triumphierend auf dem Mittelstreifen, doch Gradiva schreitet vor. Ein Trupp von Kindern zeigt sich, älter schon, sie sind erregt, sie kommen von woanders her als Reisende, die irgendwo zu Hause sind, passieren heute mal Oranienstraße, sehenswürdig bunt, und singen, weil sie nicht zugleich woanders sind, in ihrer Sprache hochbeglückt: Ergänzt zum Ganzen. Nein, Gradiva weicht nicht aus, sie tritt ins Buchgeschäft. Sie kennt das hier, ist hier daheim, hat ihre Wohnung in Oranienstraße. Wenn sie etwas ansieht hier, verheißt ihr Blick ihr lediglich: Die Einrichtung ist, wie sie ist, halt ungewöhnlich, aber ansprechend und praktisch doch, gebraucht und richtig, wie sie ist. Oranienstraße ist so, und Gradiva wohnt Oranienstraße, ihre Einrichtung ist alles, ob sie eins bewirkt hat, andres nicht, es eignet ihr, Gradiva, und nur darum, dass sie nicht mehr hinsehen muss, bevor die Straße ihr bequem ist, nicht mit Fremdheit auf sie hinsehn, Namen sagend, die Benennung murmelnd: In Luisenstadt, Gradivas Spreepompeji. Lauter subversive Bücher hier im Laden, heikel, sehr politisch, sie, Gradiva sieht nicht hin, politisch, heikel ist sie selbst und kauft das Buch, das sie benötigt. Ihr Gesicht ist nackt und bloß, geläufig trägt sie ihre Absicht, unbekümmert zeigt Gradiva Kunde, ihr Geschlecht: Den Willen, denn Gradiva weiß zu wollen, will ihr Sein, sie will ihr Sein zu Wissen haben, darum will sie, darum ist sie vom Geschlecht des Willens. Hanold dreht sich um, er blinzelt in die Sonne, atmet im Getöse, Staub und Drängen, Farben, Kunst. Gradiva sieht er, ihr Gesicht, das nackt ist, ihr Gesicht, das ausdrückt, was sie ist, weil sie es selber wissen will. Ihr Wille leuchtet im Gesicht, beleuchtet es, notwendig immerzu, auch wenn es unbedeutend ist, weil sie, Gradiva, eben unbedeutend ist, beleuchtet aber ihr Gesicht in seiner Reinheit auch der großen Augenblicke, dann auch, wenn Gradiva Liebe ist, und wenn sie Kundschaft ist und Kunst und wenn sie denkend ist Gedachtes, wenn Gradiva Trauen ist und Neigung, Ärger, Zweifel, Angst und blinde Hast, die helle blinde Hast des Tätigen, nun Spaß, ja Übermut und Schönheit, Warten, Sehnen. Ja doch, richtig, richtig, Hanold wird erwartet.
Wieder dreht er sich, er wendet sich, er löst sich von der Sonne, wendet sich von ihr, Gradiva, wendet sich, geht hin, wo er erwartet wird von ihr. Doch es zerreißt ihn. Seine Vorstellung zerreißt ihn, Hanold macht sich Vorstellung, die ihn zerreißt, das war nicht seine Absicht. Erst drei Schritte weit ist Hanold fortgegangen, fort von seiner Einbildung, Gradiva, ist Oranienstraße hoch, drei Schritte, hat sich unterhalten über ihre Gangart, sich Gedanken hingegeben über ihren Gang, Akkorde angespielt, nein, hat sie klingen lassen auf dem Instrument, im Geist, um sich mit seiner Laune zu zerstreun. Er denkt an das berühmte Abbild der Gradiva, Phantasie uralt in Stein gehauen, die die Eigentümlichkeit bezeugt, mit der sie ihre Schritte setzt. Ein altes Buch macht über dieses Schreiten eine Ansicht populär, die Hanold dreist für Irrtum hält, ja Fehlschluss nennt, pedestrischer Natur. Flohknackerei, denkt Hanold, was da einem aufgebunden wird! Von wegen: Stolzer Tritt und steile Ferse, Füßchen zierlich spitz gesetzt, das hintere, die Zehen allegorisch auf dem Boden tänzelnd, während längst der vordre Fuß muss festen Tritt am Boden haben? Nein. Von wegen: Sie versehe sich, den Fuß erst nachzuziehn, sobald der andre übern Hacken rollt, und schreite recht verwinkelt um die Füße, so antikisch eckig, edel... Scheiße, denkt er, was für ein Gewäsch, und wie geziert! Was sind die Leute doch verkitscht! Von wegen. Die Gradiva hinkt! Ihr Stolz heißt Storchengang, und ihre Hoheit ist ihr Blick dabei. Gradiva schreitet vor, in dieser Weise, doch sie schreitet wie ein Storch, nach solcher Art.
Er ist sich da so sicher, dass er lachen muss. Dabei fällt eine Improvisation zu seiner Storchengang-Idee ihm ein, so eine Weise im Gedanken, eine Melodie, ganz harmlos, in der Muße, unterm Lachen ausgeboren: Die Gradiva hat ein Nervenleiden, denkt er, Nervenleiden, das den Gang ihr schwächt: Der Nerv im Fuß, im linken, ist ermüdet, ist beeinträchtigt, so dass Gradiva ihren Fuß nicht setzen kann und abrolln wie bekömmlich. Schön, und warum kann sie nicht? Ist sie verwachsen? Pech, nun hinkt sie? Hanold rümpft die Nase. Die Gradiva hat kein Pech, sie hat ja nicht mal Schicksal! Nein, das Nervenleiden macht ihr Wille, resultiert zugleich aus einem Mangel – der Gradiva mangelt Werden und Erleiden; sehr beansprucht ist Gradivas Fuß durch ihr entzündliches Gewahrsein, sucht im Bodenlosen Grund – und findet ihn, bloß unerwartet tief! Und viel zu spät, da hängt die übrige Gradiva längst nur noch an ein paar Zehn des andren, rechten Fußes.
Der Gedanke amüsiert ihn. Schöner allegorischer Gedanke, warm und dunkel und ein bisschen süßlich, sehr zum Schmunzeln. Ein Gedanke wie gedacht zum abendlichen Denken. Feierabendlich fürwahr. Er stellt es sich vor Augen: Beine übernander, so sitzt eine, die gewillt ist. Nerven werden abgeklemmt und Schwäche rieselt in den Fuß… so denkt er eben, da zerreißt es ihn, zerreißt ihn Einbildung, ganz anders jetzt, Gedanken rennen auseinander, sein Fürwahr schließt sich zum Zirkel, strudelt schneller und verneint sich: Die Gradiva vor und hinter ihm zugleich.
Er röchelt einen Fluch: Man träumt ein bisschen, und schon reißt was im Verstand! Das war doch harmlos, war doch heiter! Hanold denkt es nicht einmal, er fühlt nur den Gedanken. Vor sich weiß er sie und hinter sich, eins Wahn, eins Traum, eins wahr, eins Wille. Da im Augenblick, als vor ihm im Café Gradiva sitzt, nein, Zoё, die er doch so nennt, zerfällt das Bild von ihr in Hanolds Rücken, und sie weiß es, jene, die Gradiva wird es selbst gewahr: Das Bild zerfällt, die Vorstellung, sie selbst. Gradiva dreht sich um, sieht Hanold an wie angerufen. Setzt sich. Nimmt es hin. Sie setzt sich auf ein Fenstersims, sieht Hanold an, und ihr Gesicht wird grau, das Bild zerfällt, das Traumbild, Aschenregen senkt sich auf Gradiva, sie versinkt in Glut und Ruß.
Doch wie… so achtlos! Nur zu wissen noch gewillt, noch eben. Nimmt nicht Anstand. Bleibt gewahr, erlischt und ist begraben. Andre Wirklichkeit als ihre lagert, schichtet sich auf sie, verbirgt sie. Hanold ist gebannt, erregt und hingerissen: Nie wär ihm das eingefallen, dennoch hat er es gedacht, sich vorgestellt, gesehen. Hat erfahren, unerhört, wie dreist da Wirklichkeit sich in den Traum ihm drängt, wie ungerührt und teilnahmslos sie Vorstellung im Ascheregen ihrer explosiven Dinglichkeit begräbt.
Das ist nicht Zoës Schuld, man müsste ihr denn Existenz vorwerfen. Aber wie kann sie von der Gewalt nichts wissen, die ihr Sein umgibt, ringsum? Da sitzt sie im Café und Hanolds Vorstellung wird ausgelöscht. Die eine stirbt und sieht es noch. Die andere winkt und rührt im Kaffeetässchen.
Interessanter Stellvertreterkrieg, denkt Hanold, Zoë und Gradiva, Wahrheit, Traum, da müsste doch der Ausgang offener sein! Was sind die beiden denn als Dinge, theoretisch wohl noch irgendwie zu unterscheiden, eine Trugbild, eine Namensträgerin, das macht doch wahrlich keinen Unterschied! Phantasma gegen Einzelding, soll das so fundamental anders sein, dass beider Kampf nicht spannend ist? Ist das ein ungerechter Kampf, zuletzt? Zwei Dinger, so und so dem Sinn gegeben, kann man sportlich aufeinanderhetzen; muss man aufeinanderhetzen, sind doch in derselben Klasse, nur der Stil verschieden. Zoë, denkt er grimmig, hat das schon verdient, so sehr wie sie in Sicherheit gewiegt wird durch ihr schieres Existieren. Sollte denken, dass der Kampf ganz spannend wird. Es treten an: Gradiva, die er denkt, man sieht sie hier, und dort Gradiva, die er nennt. Nehmt euch aufs Korn, ihr beiden, euer Preis bin ich, und holla, dekliniert euch eure Gründe ins Gesicht, was Seinsgrund und was Wesensart, wer tiefer und wer wahrer ist... und was passiert? Das Wirkliche speit Feuer und vom Traum bleibt nur sein Abdruck in der Asche, lebensnah, naturgetreu – und hohl. Ist das die Ironie der Wahrheit? Schau mir ins Gesicht, du raffiniertes Flittchen, dich erkenn ich!
Hanold sieht auf seine Freundin, Zoë Wandel, schön ist sie, er staunt noch jedesmal. Sie hat ihn im Café erwartet. Wirklich, gut passt sie hierher, extrovertierte junge Frau mit Rock und Ringelstrümpfchen und dem leidenschaftlich klaren Ernst, den Bildung in Gesichter malt, doch junge Bildung, absichtslos dem Menschen zugefügt wie rote Lippen oder starke Hüften. Hanolds Bildung ist tradiert, ist alt, hat sein Gesicht gezeichnet, fein und scharf, und planlos sind darin nur Lust und Qual und etwas Güte. Hanold sieht auf Zoë, jene, die er mit Gradiva eins weiß und verwechselt, die das Spiel auch mitspielt, das er ihr da angetragen hat, in das er sie mit eingeweiht hat, Spiel mit ihrer Doppelgängerin im Traum, geborgt aus einem Steinbild, hinkend schöne Pompejanerin. Er sieht sie an, wie sie da im Café sitzt, Zoë, sie gefällt ihm, ihre Physis ist bestechend, mädchenhaft mokante Kleidung, unverhohlen intellektuell, und alles an ihr ist nach außen, auf die Welt gekehrt, besteht im Spiel und Kampf mit dem, was sie umgibt – ist alles an ihr Austausch u...
Inhaltsverzeichnis
- Widmung
- Vorab
- Textbeginn
- Impressum