Glücklich werden auf dem Weg
(Lukas 5,1-11)
MUSS MAN NICHT VERSTEHEN
Mit den so genannten “Heiligen” oder anderen Persönlichkeiten, die von Gläubigen oder religiösen Menschen verehrt werden, ist das schon eine komische Sache: Viele Leute glauben an sie, verehren sie, beten sie vielleicht sogar an, obwohl sie gleichzeitig den Eindruck haben, dass vieles, was diese “Heiligen” über das Leben sagen, nur in einer religiösen Wunsch- oder Traumwelt funktioniert, aber kaum für unser ganz normales, alltägliches Leben taugt.
Während man selbst zum Beispiel den Eindruck hat, sich mit voller Kraft für den eigenen beruflichen Erfolg oder das persönliche Vorwärtskommen einsetzen zu müssen, predigen die “Gurus” stattdessen Achtsamkeit, Geduld und Gelassenheit. Während man selbst weiß, dass man dem Gegner jetzt mal ordentlich zeigen sollte, wer hier der Stärkere ist, und dass man sich nicht alles bieten lässt, empfehlen sie Vergebung und Feindesliebe. Und auch in den ganz pragmatischen Dingen des beruflichen Alltags haben sie mitunter seltsame Vorstellungen: Als Petrus und seine Fischer-Kollegen einmal nach einer erfolglos durchfischten Nacht mit leeren Netzen zurückkehrten, da treffen sie am Ufer auf Jesus, der als Zimmermann vom Fischen vermutlich genauso viel Ahnung hat wie ich als Pfarrer. Und prompt rät ihnen Jesus, es noch einmal zu versuchen, obwohl doch jeder weiß, dass die Chancen auf einen guten Fang am helllichten Tag noch viel schlechter stehen (Lukas 5,4f.).
Interessant ist nur, dass es so komisch wirkende Typen wie Jesus nicht nur im Bereich der Religion und des Glaubens gibt, sondern offenbar auch in anderen Lebensbereichen wie der Kultur oder den Naturwissenschaften.
Ob die Bewunderung, die diesen Persönlichkeiten dann irgendwann entgegengebracht wird, etwas damit zu tun hat, dass im Laufe der Zeit doch immer mehr Menschen begreifen, dass diese etwas spinnert wirkenden Genies doch mehr vom Leben und von der Welt verstehen, als man ihnen zunächst zugetraut hat?
VEREHRUNG
Albert Einstein und Charlie Chaplin unterhalten sich.
Einstein zu Chaplin: “Was ich an Ihrer Kunst am meisten bewundere, ist ihre Internationalität. Die ganze Welt versteht Sie!”
“Das stimmt”, sagt Chaplin zu Einstein, “und trotzdem ist Ihr Ruhm noch außergewöhnlicher als der meine, denn die ganze Welt verehrt Sie, obwohl Sie keiner versteht!”
KLEINKARIERT!
Ich bin so kleinkariert!
Das fällt mir leider immer wieder auf:
- Da habe ich neun schlechte Erfahrungen gemacht und erwarte natürlich, dass es bei der zehnten und elften auch nicht besser wird.
- Da habe ich lange genug Konfliktgespräche geführt. Und jetzt will noch jemand ein Gespräch mit mir. Bestimmt auch wieder nur, um seinen Frust bei mir abzulassen.
- Da ist das Leben ziemlich langweilig geworden. Alles irgendwie erwartbar und vorhersehbar. Jeden Tag dieselben Abläufe, das tägliche Einerlei der Arbeit. Nichts Neues zu erwarten …
Doch dann passierte es.
Wir saßen Mitte Januar beim Abendessen.
Das Telefon klingelte.
Ob ich für ein Jahr in die USA gehen wolle, fragte eine Stimme von der anderen Seite des Atlantiks – nach Princeton: die Top-Adresse für theologische Forschungsarbeit weltweit. Es würde auch ein Stipendium dafür geben.
Der einzige Haken: Ich müsste es jetzt gleich entscheiden, weil alle Fristen wegen der September-Anschläge in New York und dem nachfolgenden Chaos schon längst weit überschritten waren. Alles müsste sofort organisiert werden, damit es überhaupt noch funktionieren würde.
Aber – dachte ich bei mir – so geht das doch nicht.
Was wird schließlich aus meiner Ehe? Was wird aus unserer Wohnung? Wie soll das überhaupt so spontan mit all den Vorbereitungen, Formularen und Genehmigungen jetzt noch klappen? Wie stellt der sich das überhaupt vor?
Da ist sie also: die Mega-Chance meines Lebens.
Und ich zögere.
Da zeigt mir Gott eine offene Tür, seine Möglichkeiten für mein Leben.
Und ich muss mir eingestehen: Ich habe bisher viel zu wenig mit Gott gerechnet, viel zu wenig von Gott erwartet.
Ob das Petrus auch so ging? Als er an diesem einen Morgen Jesus traf, gleich darauf den Mega-Fischfang ins Boot holte und vor Schreck ausrief: “Ich bin ein KLEINKARIERTER Mensch!” (Lukas 15,8; wörtl.: “sündiger Mensch”).
Wenn ich acht Monate hinter mir habe, in denen Gott nichts von sich hat hören lassen, muss es dann so weitergehen? Wenn ich neun schlechte Erfahrungen gemacht habe, muss dann die zehnte auch …?
NEUN SCHLECHTE ERFAHRUNGEN
Der Patient liegt auf dem Operationstisch und fragt:
“Wird die Operation gelingen?”
Der Arzt: “Nun, bei zehn Operationen kommt einer durch.”
“Ist das nicht eine sehr geringe Chance?”
“In Ihrem Falle nicht. Sie sind der Zehnte, und die neun vor Ihnen haben bereits die schlechte Erfahrung gemacht.”
Kleine und große GLÜCKSMOMENTE
Neben den vielen kleinen Momenten des Glücks in unserem Alltag wie der genussvollen Tasse Kaffee am Morgen oder dem aufmunternden Wort zwischendurch gibt es zum Glück auch immer wieder mal ganz große Glücksmomente: der besondere Erfolg bei der Abschlussprüfung, die Begegnung mit der Frau (oder dem Mann) des Lebens, die einmalige Chance auf eine vielversprechende Lebensveränderung …
Auch wenn die kleinen Glücksmomente nicht so großartig daherkommen, haben sie doch das Großartige an sich, dass sie immer wieder und auch dauerhaft – quasi als beständige Glücksbegleiter – mein Leben aufhellen können. Und wenn ich solche “Glücksbringer” wie die wohltuende Zeit der Meditation oder eine Sportsession dann noch in meinen Alltag einplane, dann bleibt solches Lebensglück auch nicht allein dem Zufall überlassen.
Bei den großen Glücksmomenten ist das offenbar etwas anders: Bereits während ich so einen großen Glücksmoment erlebe, ist mir klar, dass das vermutlich ein einmaliges Ereignis ist, eine unglaubliche Erfahrung, die in dieser Form so nicht wiederkehren wird.
Dass solche besonderen Glücksmomente einmalig bleiben, liegt vermutlich nicht nur daran, dass sie besonders intensiv sind, sondern auch an einer eigentümlichen Struktur dieser Momente. In solchen besonderen Glücksmomenten leuchtet etwas in meinem Leben auf, das über mein momentanes Leben hinausweist. Mir wird deutlich, wie viel mehr in meinem Leben möglich und erfahrbar wäre, wenn …
Ja, wenn was?
Wenn, ja, wenn ich bereit wäre, diesen Hinweisen des Glücks zu folgen, und wenn ich bereit wäre, mich zu verändern, um noch weitere, dann aber andere Glückserfahrungen auf meinem Lebensweg zu sammeln.
Dann verstehe ich nämlich auch, dass sich die großen Glückserfahrungen nicht einfach wiederholen können, weil ich mich mit ihnen weiterentwickle, so wie sich das Glück des erfolgreichen Schulabschlusses eben nur einmal erleben lässt, weil mein Weg dann weitergeht. Die nächsten großen Glücksmomente werden dann ganz andere sein.
So hat es wohl auch Petrus erlebt: Noch während er durch die Begegnung mit Jesus das Glück seines vermutlich größten Fischfangs erlebt, wird ihm zugleich deutlich, dass er dieses Glück nicht noch einmal erleben wird, weil er danach nie wieder derselbe Fischer sein wird, der er bis dahin war. Petrus wird sich weiterentwickeln. Und so wird sich auch der Charakter der Glückserfahrungen weiterentwickeln, die ihm in Zukunft geschenkt werden (Lukas 5,10).
Nur wer sich als Mensch nicht weiterentwickeln will, der hält auch an den alten Formen des Glücks fest und erwartet die immer gleichen Glückserfahrungen; meint vielleicht sogar, er sei vom GLÜCK ABGESCHNITTEN, nur weil es ihm nicht wieder in exakt derselben Form begegnet wie zuvor.
GLÜCK ABGESCHNITTEN
Goldberg und Rubinstein, zwei alte Freunde, treffen sich zufällig auf der Straße:
“Ich bin im Augenblick wirklich sehr deprimiert. Stell dir vor: Vor zwei Wochen habe ich 1 Million Dollar geerbt, und vor einer Woche habe ich sogar 2 Millionen Dollar in der Lotterie gewonnen – aber seit dieser Woche ist mein Glück einfach wie ABGESCHNITTEN!”
Von IDOLEN lernen
Die Welt ist voller Idole. Für jeden Lebensbereich gibt es die ganz Großen, die man für ihre Höchstleistungen bewundert und verehrt: im Fußball die Weltmeister, in der Politik die Friedensnobelpreisträger, in der Wissenschaft die Pioniere.
Dabei kennt man von solchen Idolen ja oft nur Ausschnitte ihres Lebens und Wirkens, die Seiten, die beeindruckend wirken und glänzen. Da denkt es sich dann leicht: “So würde ich auch gerne sein! So würde ich auch gerne Bücher schreiben!”
Aber wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man: So ein Spitzenleistungslebensstil der hat auch seinen Preis: hartes Training, eine auf Hochleistung disziplinierte Lebensführung, fokussierter und wohlüberlegter Umgang mit der eigenen Zeit und Lebensenergie. Und wenn ich mir das dann genauer überlege, dann merke ich: So würde ich vielleicht dann doch nicht leben wollen. Dafür müsste ich ganz viel aufgeben, woran ich jetzt noch hänge.
Aber, jetzt stell Dir mal vor, Du würdest einer dieser Lichtgestalten auf dem Feld Deiner Begeisterung persönlich begegnen und diese Person würde Dich einladen, mit ihr als Coach zu leben und von ihr zu lernen. Würdest Du das Angebot annehmen, auch wenn es von Dir verlangen würde, Dein bisheriges Leben dafür aufzugeben?
Als Petrus eines Morgens Jesus begegnete, da machte Jesus ihm dieses Angebot: “Komm mit! Du kannst ganz nahe bei mir leben und von mir lernen.”
Doch warum sollte sich Petrus darauf einlassen? Er war Ehemann, kein Single; Fischer, kein Pro...