Christenthum und Sozialismus
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Christenthum und Sozialismus

Eine religiöse Polemik zwischen Herrn Kaplan Hohoff in Hüffe und A. Bebel (dem Verfasser der Schrift: Die parlamentarische Thätigkeit des Deutschen Reichstags und der Landtage und die Sozialdemokratie)

  1. 36 Seiten
  2. German
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Christenthum und Sozialismus

Eine religiöse Polemik zwischen Herrn Kaplan Hohoff in Hüffe und A. Bebel (dem Verfasser der Schrift: Die parlamentarische Thätigkeit des Deutschen Reichstags und der Landtage und die Sozialdemokratie)

Über dieses Buch

Als das sich mitten im Kulturkampf befindliche Deutschland Ende 1873 auf die Wahl zum Zweiten Reichstag zusteuerte, erreichte die Redaktion des Volksstaats der Brief eines aufgebrachten Kaplans namens Wilhelm Hüffe. Hüffe beschwerte sich darüber, dass die Sozialisten die Katholische Kirche mit derselben Vehemenz angriffen wie die Liberalen und Bismarck. Der Brief hätte im Papierkorb landen können, doch tatsächlich wurde er abgedruckt und von Bebel als relevent genug erachtet, um eine längere Gegendarstellung auszuarbeiten. Auf diese Weise schuf er eine der bedeutendsten Streitschriften des Atheismus in deutscher Sprache, die in der Erkenntnis endet: "Der sogenannte gute Kern im Christenthum, den Sie, aber nicht ich darin finde, ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das Christenthum eigentlich bildet, der Lehren= und Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich."

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Mein Herr!
Sie haben in Nr. 9 ein Schreiben veröffentlicht, worin Sie als ein „Diener der Kirche“ sich gegen die Angriffe zu vertheidigen suchen, welche ich in der von mir herausgegebenen Bruschüre: „Die parlamentarische Thätigkeit des deutschen Reichstags u. s. w.“ gegen die Kirche und die Religion überhaupt erhoben habe. Ihre Vertheidigung erheischt eine Antwort, und zwar von mir als Verfasser jener Broschüre. Erfolgte diese nicht eher, so wollen Sie dies durch ein längeres Unwohlsein entschuldigen, das mich am Schreiben verhinderte, und fällt sie etwas länger aus, so mögen Sie daraus schließen, daß ich Ihre Einwände für wichtig und bedeutend genug halte, um sie in einer längeren Ausführung zu widerlegen.
Sie fühlen sich durch einige Stellen meiner Broschüre persönlich getroffen und verletzt, wozu Sie, wie Sie bei nochmaligem Durchlesen derselben vielleicht selber zugeben werden, keine Ursachen haben. Ich habe kirchliche Personen nicht angegriffen, ich habe nirgends bestritten, daß es unter den „Dienern der Kirche auch eine Anzahl gäbe, die aus innigster, ehrlichster Ueberzeugung ihrem Berufe obliegen“; ich konnte dies um so weniger, als ich einigermaßen die Präparanden=Anstalten kenne, welche bestimmt sind, junge, unbefangene und noch unwissende Gemüther zum „Dienste der Kirche“ zurechtzukneten und zu erziehen. Ich gehe noch weiter: ich gebe zu, daß es Tausende von Männern giebt, selbst auf vorgeschrittener Bildungsstufe, welche mit Leib und Seele der Kirche und ihren Lehren ergeben sind, daß es Tausende und Abertausende giebt und Millionen gegeben hat, welche durch große Opfer aller Art sich ihr Seelenheil bei der Kirche zu erkaufen suchten. Aber was beweist das gegen die von mir entwickelten und hier in Frage stehenden Ansichten? Einfach nichts, absolut nichts. Dieselbe Opferwilligkeit, Selbstpeinigung und Askese, derselbe fanatische Glaube, mit welchem Millionen Menschen an dem Christenthum gehangen haben und noch hängen, alle diese Eigenschaften haben Millionen Anhänger des Judenthums, der Lehren des Buddha, des Confucius, des Muhamed bewiesen, sie alle können mit demselben Rechte wie Sie auf die Erfolge ihrer Religion, auf die Opfer ihrer Gläubigen hinweisen.
Wollte man statistisch feststellen, in welcher Religion Millionen von Menschen am eifrigsten geglaubt und gestrebt, die größte Entsagung, die größte Selbstpeinigung, die größte Aufopferung stattgefunden hat, es unterläge keinem Zweifel, die Religion des Buddha würde in allen Beziehungen den Katholizismus und das Christenthum überhaupt übertreffen.
Nach Ihrer Schätzung des Werthes der Religion müßte also eigentlich der Buddhaismus die wahre und wirkliche Religion sein und hätte ich mich einer großen Sünde schuldig gemacht, indem ich erklärte, daß trotz alledem der Buddhaismus so gut wie das Christenthum die Menschenentwicklung zur Freiheit und Selbständigkeit nur gehindert und unterdrückt habe. Sie selbst aber sind genöthigt, kraft der Lehren Ihrer Kirche den Buddhaismus als falsch, verkehrt, ketzerisch zu betrachten, obgleich sich mit Leichtigkeit nachweisen läßt, daß, was Moral und Sittenstrenge betrifft, der Buddhaismus nicht nur dem Christenthum vollständig ebenbürtig ist, sondern die Moralsätze, viele christliche Gebräuche und Dogmen aus dem älteren Buddhaismus in das 400 Jahre jüngere Christenthum herübergenommen sind.
Und hier kommen wir auf den Hauptkern der Frage. Was ist denn das Christenthum? Antwort: Wie jede andere Religion Menschenwerk. Der Mensch, der auf niedriger Kulturstufe keine klare Vorstellung von der Natur und von den Naturereignissen, die ihm bald nützten, bald ihn schädigten, besitzen kann, der keinen Begriff von seiner Stellung als Mensch besitzt, schiebt alles Unverstandene, das um ihn vorgeht, übersinnlichen Wesen zu, welche die für ihn unbegreiflichen Erscheinungen nach Laune und Willkür hervorriefen, deren Gunst er dann, um sie sich geneigt und freundlich gesinnt zu erhalten, durch Bitten, Gebete, Zeremonien und Opfer zu erlangen sucht. Je nach dem Bildungszustand der Völker, der in erster Linie von ihren materiellen Existenzbedingungen abhängt, ferner von der Bodenbeschaffenheit, dem Klima, nehmen die unverstandenen Naturgewalten als übersinnliche Wesen verschiedene Eigenschaften und Gestalten an. Demgemäß bildet sich auch die Verehrungsweise, die, da die Formen für dieselbe bald sehr komplizirt und verwickelt werden, von pünktlicher und gewissenhafter Verfolgung der religiösen Vorschriften aber Erfolg oder Nichterfolg bei den höchsten Wesen abhängt, Männern übertragen werden, die sich ausschließlich mit den religiösen Bedürfnissen befassen. Da hierzu naturgemäß nur die Klügsten und Gewandtesten gelangten, wurden diese auch die Herrschenden. So entstand die Priesterklasse, die unterstützt von den herrschenden Klassen jedes einzelnen Volks, es bei allen Völkern der Welt verstanden hat, in kurzer Zeit ihre Macht immer mehr auszudehnen, indem sie den Völkern den Glauben von ihrer Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit immer stärker einzuflößen suchte und, um dies mit Erfolg zu können, von vornherein jeder Aufklärung und Weiterentwicklung des Menschen entgegen treten mußte. Zu der Unkenntniß der Natur und der...

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweise
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort zur neuen Auflage
  4. Schreiben Wilhelm Hohoffs
  5. Antwort August Bebels
  6. Impressum