
- 284 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Heimsuchung vor der Bücherwand: Lesen zwischen Anziehung und Abwehr, Offenheit und Widerstand, Verheißung und Bedrohung.Auf der Endstrecke einer langen Lesepraxis erzählt Pitt Geschichten aus dem Spannungsfeld zwischen Literatur und Leben, im "Ineinander von Fiktion und Wirklichkeit".Hinter dem Transparent der Bücherwand leuchtet die höhere Tatsächlichkeit der Literatur auf und legten ihren Schleier über die Tatsachen des Alltags und der Arbeit. Der Zauber der Wortwelt dringt irritierend in die Sachwelt ein, wenn Autoren von den Bücherborden in unser Leben springen. Letzten Endes haben sie mit der so genannten "schönen Literatur" die Schlüsselgewalt im Leserheim.
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Information
Vor der Bücherwand: Faszination und Distanz
Das Pittpaar musste nicht nach Prag reisen. Der „zauberhafte Zirkus“ ist, nach dem Fall der Mauern, zu ihm in seine Stadt gekommen, die „Laterna Magica“. Da ist es wieder: das zwischen den Illusionen der Leinwand und den realen Aktionen auf der Bühne hin- und herspringende Lebensspiel, das irritierende Ineinander von Fiktion und Wirklichkeit. Die Show ist perfekter geworden, figuren- und ereignisreicher; in der Konkurrenz zur Multimediawelt haben sich die Effekte vervielfältigt. Ein symbolischer Roman wird in Szene gesetzt: im Licht der Leinwand ziehen die Clowns an dem Tau, das auf der Bühne den Vorhang hebt.
Das ganze Leben ist zum Thema geworden. Zwei Clowns – „Klone“ heißen sie im Programmheft – schlüpfen aus Eiern und werden von den Meereswellen ans Land, auf die Bretter der Bühne, getragen. Kaum stehen sie, verwundert, leicht verstört, auf dem harten Boden der humanen Realität, naht schon der Verführer in Frack und Zylinder, Zigarre schmauchend, der unzuverlässige Führer durch das Labyrinth der Sackgassen, Fallen und vermauerten Querwege, der Trompe-l’oeils und aller Säle der verlorenen Schritte. Aber schon entsteigt Venus dem Schaum und wird in einer Muschel aus dem mythischen Glanz der Bildwand auf die Bühne getragen, wo die Pilgerfahrt der Clowns beginnt. Das Bild der unberührbaren Schönheit tanzt ihnen voran, ist Ziel, Wegweiser, Verheißung und Trost auf der Irrfahrt, die in Beglückung und Schrecken zu keiner anderen Erfahrung führt, als dass die Clowns mit jungen Herzen alt werden. (Oh, wenig überraschende Erfahrung der 80 Jahre!)
„Farbig glitzerts in der Ferne, irrend leuchten bunte Sterne, wie von magischer Laterne“, sagt Goethes Herold in der Kaiserpfalz zum Knaben Lenker, der das von Flügelpferden gezogene Viergespann des Plutus durch die Menge führt. Es schwebt über ihren Köpfen, so wie sich die Prager Clowns und die Venusfee in ihrem Ballon in die Wolken erheben. Der Knabe Lenker ist Euphorion, den Himmelsmächte das „A.B.C.“ der Verführung gelehrt haben: „bin die Verschwendung, bin die Poesie, bin der Poet, der sich vollendet, wenn er sein eigenst Gut verschwendet“. Der Poet sieht sich dem Plutus gleich, dem alle Schätze der Erde zu Gebote stehen: er ist aber freigebiger: er teilt aus, denn „seine reine Lust zu geben ist größer als Besitz und Glück“. In der Pluto-Maske steckt, wie Eckermann erfuhr, Faust selber, der Reichtumsbringer, der das korrupte und verkrachte Land des Kaisers sanieren soll.
Der Poet, der Funken und Flammen schlägt, „erwartend wo es zünden kann“, wird von Goethe dem Propheten gleichgestellt: „Beyde sind von Einem Gott ergriffen und befeuert, der Poet aber vergeudet die ihm verliehene Gabe im Genuß, um Genuß hervorzubringen, Ehre durch das Hervorgebrachte zu erlangen, allenfalls ein bequemes Leben.“ Hat er, der Poet, „der sich vollendet“, wirklich nichts anderes im Sinn? – seit den Tagen Byrons, dem Goethe im Euphorion sein Denkmal setzte, bis hin zu Benns Mystifikation des „Erlebnisses“, seinen Schwärmereien vom „glorreichen Tag“ der Büchner-Preisverleihung und dem aufblinkenden Traum vom Haus auf der Darmstädter Rosenhöhe, das der Stadtkämmerer offerierte.
Wie die Prager Magier und Märchenerzähler zum Staunen der Clowns (und der Klone im Publikum) die Venus auf die Leinwand projizieren, zaubert Faust, der Magier in der Rolle des Dichters, die dorischen Mythen Helena und Paris zum Ergötzen der Hofgesellschaft in der „dämmernden Beleuchtung“ des Rittersaals mit aller „Lust am Trug“ und der Scheinkraft der laterna magica auf den „dunstigen Nebel“, der aus der Kohlenpfanne auf dem Dreifuß steigt, auf eine schwebend-zerfließende Leinwand. Für den Faust war die Laterna Magica, durch die sich das Publikum schon seit dem medial kargen 17. Jahrhundert bezaubern ließ, ein unentbehrliches Requisit: Wie sonst sollte der Geist erscheinen oder der Pudel, dessen körperliche Präsenz auf der Weimarer Bühne der Theater direktor Goethe doch strikt verboten hatte? Goethe, der an der Rittersaal-Szene arbeitet, lässt sich ausweislich des Tagebuchs aus dem physikalischen Museum die Laterna Magica kommen, „mit der dazugehörigen Linse und Lampe“ und den „bemalten Gläsern“.
Der im Rittersaal erscheinende Faust kommt geradewegs „von den Müttern“ und „großartig“ kündet er den Zuschauern und Lesern:
„Die einen faßt des Lebens holder Lauf,
Die andern sucht der kühne Magier auf.“
Heimsuchung der Magier. Wir Leser stehen im Leben und lassen uns vom Geist verzaubern. Der aber braucht ein bisschen Trick, Zauber und Manipulation. Das Leben ist nicht Geist an sich, er ruht als ein Funken in ihm, der geschickt angeblasen werden muss, mit den Mitteln der Illusion und Überwältigung. Beim Versuch des Zündens darf der Teufel nicht fehlen: Mephisto hockt im „Souffleurloche“. Als Paris die Helena kraftvoll um die Taille fasst, als wollte er sie entführen, wird Faust von seiner eigenen trickreichen Imagination überwältigt und ruft in grimmiger Eifersucht: „das ist zuviel!“ Der eingeweihte Mephisto in seinem Kasten knurrt verächtlich: „Machst du’s doch selbst das Fratzengeisterspiel.“ Ihr Urheber verirrt sich im „Doppelreich“ von Sein und Schein, und wir Leser mit ihm. Er greift nach dem Bild, will es fassen, berührt die imaginäre Gestalt, und der Rest ist fatale Regieanweisung: Explosion, Faust liegt am Boden, die Geister gehen in Dunst auf.
In der amazing family of Mann gab es einen Dissens: Klaus Mann meinte, sie habe ihr Oberhaupt Zauberer genannt, weil es einmal tatsächlich durch persönlichen Einsatz das Gespenst eines Albtraums, den „enthaupteten Gast“, ein für allemal in die Flucht geschlagen habe. Wer sogar in der Gespenstersphäre herrsche, könne nur ein Zauberer sein. Dagegen erinnert sich Erika Mann, der Name sei ganz natürlich entstanden: sie habe den Vater, der am Zauberberg arbeitete, in einem improvisierten Kostüm zu einem Maskenfest dirigiert: „du gehst als Zauberer“. Wie immer das hübsche Klischee seinen Weg gemacht hat: die literary twins müssen ihre Namenswahl nicht begründen. In ihrer natürlichen Begabung haben sie erkannt: Literatur meint die Tatsächlichkeit, die im Zauber liegt.
Zur Zeit des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses, 1946, zitierte der britische Ankläger, Sir Hartley Shawcross, Goethes warnende Worte über die Deutschen: sie sollten „durch Mittlertum und Geist“ in der Welt wirken und sich davor hüten, „als Originalnatur sich zu verstocken, in abgeschmackter Selbstbetrachtung und Selbstverherrlichung sich zu verdummen oder gar in Dummheit zu herrschen über die Welt“. Die Times hatte Auszüge seines Plädoyers veröffentlicht und kundige Leser auf die Fährte gelockt: Der Ankläger hatte nicht Goethe, sondern den Goethe in Thomas Manns Lotte in Weimar zitiert. Der Autor bekundete angesichts eines kritisch nachfragenden Botschafters und Außenministeriums in seinem Tagebuch „Verlegenheit“. Musste ihm die Mystifikation peinlich sein? Er hatte Goethe in der laterna magica seines Siebenten Kapitels beschworen und in eine sinnliche, berührbare Gegenwart gestellt. Er hatte Goethe Worte sprechen lassen, die wahr sind. Das war ja Goethes Regel für alles, was „Dichtung und Wahrheit“ ist: das zu verwirklichen, „was von der Vergangenheit noch herauszuzaubern wäre“, der Weg, das Vergangene „sogar zu einem höheren Leben“ emporzusteigern. Sir Hartley hatte recht, als er Goethe in seinen idealen Zeugenstand rief. „Geistverstärkt“, sagt dieser Goethe in Lotte in Weimar, müssten wir das Leben noch einmal leben, das Leben sei „Steigerung“.
Die Zauberbilder aus der Trickkiste der Laterna magica gehören ins Reich der Metaphorik, sagt Albrecht Schöne in seinem Faust-Kommentar: sie stehen für die „Projektion der dichterischen Einbildungskraft“. Sie gehören zum Phänomen des Regenbogens über Benns „Brückenwehr“: „formen, bis die Hülle die ganze Tiefe trägt“. Die Zauberlaterne, in ihrer simplen Form das „visuelle Massenmedium der Goethezeit“ (Schöne), steht nicht am Ende einer Epoche, sondern sie ist Trailer und Präludium der neuen literarischen Großepoche, die auf die täuschenden Bilder der Zauberlaterne setzt. „Nicht Goethes, Byrons Welt“ – so bringt Big Benn (so die Werbefloskel seines Verlags) die Zäsur auf eine Formel.
Es ist der in großen Zeiträumen denkende Astrologe – vielleicht einer der Jüngerschen Wassermann-Propheten mit einem Programm der „Erdvergeistigung“ –, der im Rittersaal der Kaiserlichen Pfalz Faust ankündigt, den „Wundermann“ im „Priesterkleid“. Er ist aber nicht nur der Laternenkünstler, der „herrliche verwegene Phantasterei“ bietet, er ist auch der Urheber des Gebots „Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden“, dem alle Meister der Illusion lustvoll gehorchen. Es ist das Gebot, das alle unsere Widerstandskraft aufruft, weil es uns fesselt. Dem Zauber erliegend, müssen wir den Zauber zerstören.
Was suchen wir vor der Bücherwand, im Schein der Leselampe, in unserer kleinen privaten Bibliothek? Gottfried Benn hat uns in seinem Gedicht „Staatsbibliothek“ ein paar Stichworte gegeben. Suchen wir im „Resultatverlies“ das Archiv des nützlichen Wissens? Trachten wir in der „Kaschemme“ danach – wie ein Held Paul Austers es versucht – die „Leere durch Lektüre auszufüllen“? Finden wir im „Satzbordell“ die paradierenden Objekte käuflicher Lust? Versumpfen wir tatenlos in der „Maremme“ wie eine der verlorenen Figuren Dostojewskis, die Tag und Nacht „trotz ihres an sich prächtigen Charakters“ liest (oder in Dos Passos’ USA-Trilogie: „interessiere dich für Literatur aber bleibe ein Gentleman“)? Verlassen wir mit roten Ohren und brennenden Augen ein „Fieberparadies“? Fühlen wir das „Wortvibrier“ auf der Erkenntnissuche in der Wirrnis von Stilen, Systemen und Begriffen? Suchen wir die Antwort auf die Frage, die Benn in seinem letzten vollendeten Gedicht im Anblick der Totenbetten der Drostes, Hölderlins, Rilkes, Georges, Nietzsches stellt: „wer trennte sie, die Worte und die Dinge“?
Wir wissen, dass wir immer wieder in die farbige Aura der Bücherwand eintreten und in den Schein der Zauberlaterne eintauchen müssen, „wenn die Stunde stockt, weil im Satz der Seiten eine Silbe lockt“. Wir suchen nichts vor der Bücherwand: wir werden von denen, die sie schufen, heimgesucht.
Im Sprachgebrauch des modernen Menschen sind die heimsuchenden oft die übelwollenden Mächte. Unglück und Krankheit nennt der Duden als Beispiele für die treffende Wortwahl. In der Pest von Albert Camus glauben die Optimisten nicht an die Heimsuchung, weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteige, doch der Pater Paneloux sieht die Strafe Gottes: „darum lässt er die Geißel euch heimsuchen, wie er alle sündigen Städte heimgesucht hat, seitdem die Menschen eine Geschichte haben“. Auch die Frankfurter Allgemeine beschreibt im April 2020 einen großen Artikel über die Corona-Folgen mit der Überschrift „Die Heimsuchung“.
In den Romanen Dostojewskis wird oft von Heimsuchungen gesprochen: „Gott hat Sie heimgesucht und Sie dem Teufel überantwortet“, ruft das entsetzte Mädchen Sonja, dem der Mörder Raskolnikoff seine fadenscheinig begründete Untat beichtet. Wenn Klaus Mann die intellektuell-moralische Katastrophe des Jahrhunderts beschreibt, spricht er von der „Heimsuchung des europäischen Geistes“. Als bedrohlich empfindet er auch die „Heimsuchung des Eros“. Sein Vater dagegen hat in seiner letzten Erzählung davon sprechen lassen, dass seine „Betrogene“ das „beglückte Opfer“ einer erotischen Heimsuchung sei – allerdings aus der Sicht ihrer in Liebesdingen höchst skeptischen Tochter. Heimsuchungen sind eben von höchster Ambiguität, um eines der von Thomas Mann nicht selten benutzten Fremdwörter zu benutzen. Von harmloseren „Martern des Knabenalters“ – an die sich auch Pitt erinnern kann – spricht der junge Lyriker in Nabokovs Gabe, nämlich von den „Heimsuchungen des Winters in der Stadt, wenn, zum Beispiel, gerippte Strümpfe in den Kniekehlen scheuern“ – die hat er zum Thema eines zwölfzeiligen Gedichts gemacht.
Literarische Beispiele für einen positiven Gebrauch des vieldeutigen Worts gibt Günter Grass. Oskar Matzerath, der „Zauberer, Gesundbeter“, ja „Messias“ schickt sich an, mit seiner Trommel-Tournee „die Städte im Ruhrgebiet heimzusuchen“ – unter anderem mit dem für „alte Leutchen“ komponierten Trommel-Thema „Lange wollene Strümpfe kratzen“: und der andere berühmte Musiker, Satchmo, der sich im Czikos (dem berühmten „Zwiebelkeller“) unverhofft mit seiner Trompete zu Flöte, Banjo und des Dichters Waschbrett gesellt, evoziert in der Lebensgeschichte Beim Häuten der Zwiebel den Ausruf: „Welch bedeutsame Heimsuchung!“
Die Bibel – die Nr. 1 der Liste der Bücher, die nach John Carter und Percy H. Muir die Welt verändern – kennt die segnende Heimsuchung. Naht der heilige Gott einem guten Menschen – sucht er zum Beispiel Sarah heim (1. Mose 21,1) –, so wird dieser gesegnet; naht er einem Frevler, so wird dieser untergehen. Im Neuen Testament ist Gottes Heimsuchung die Offenbarung seiner helfenden Nähe in Christus. „Gott hat sein Volk heimgesucht“, heißt es bei Lukas, und das bedeutet, er habe es in seinem Heim und seiner Heimat aufgesucht oder besucht: „durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, auf dass er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“. Joseph, Thomas Manns größter Held, sprach vor seinem Tod zu seinen Brüdern: „Ich sterbe, und Gott wird euch heimsuchen und aus diesem Land führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat“ (1. Mose 49,24). Von der Apostelversammlung wird erzählt, wie Gott ein Volk heimgesucht und angenommen hat „aus den Heiden zu seinem Namen“.
Einerseits also die Gerichtsheimsuchungen Gottes, andererseits ein gnädiges Sichannehmen, eine helfende Zuwendung – das ist der Doppelsinn eines schönen alten Wortes, dass wir pejorativ zu benutzen geneigt sind. Auch der Mörder, der dem Staretz Sosima in Dostojewskis Brüder Karamassoff sein viele Jahre verborgenes Verbrechen bekennt, sagt: „Gott hat mich heimgesucht, ich will es sühnen“. Jenseits aller Interpretationen eines geheimnisvollen Wortes steht die spirituelle Durchdringung, die „Transverberation“, durch den Flammenpfeil, der auf das Herz zielt, im Gedicht der großen Mystikerin und Kirchenlehrerin Theresa von Ávila: „Ach, wann geruhst du, / mich heimzusuchen“. Friedrich Dürrenmatt hätte sein fabelhaftes Stück auch die „Heimsuchung der alten Dame“ nennen können, denn die Güllener werden von der reichen Claire Zachanassian, die in ihr Städtchen wie ein Fatum einbricht, aufs schwerste geprüft. Er hat es beim „Besuch“ belassen, wohl nicht nur aus stilistischen Gründen.
Oft – nicht nur im Wort von der „Heimsuchung des Lesers“ – irritiert in dieser Genitivbildung die vertrackte Austauschbarkeit von Subjekt und Objekt. „Mariä Heimsuchung“ meint ja nicht, dass Maria heimgesucht wird, sondern Maria besucht die Elisabeth, wohingegen „Mariä Verkündigung“ nicht ein aktives Handeln Marias, sondern den Empfang der Engelsbotschaft meint. Oder im Beispiel von der „Furcht des Herrn“ im Psalm 111,10, die der Weisheit Anfang sei. Schon der Schüler Hans Blumenberg hatte den Spruch an der Stirnseite der Aula im Katharineum so verstanden, dass nicht, wie als selbstverständlich angenommen, der Mensch um seiner Weisheit willen Gott fürchten solle, sondern dass Gott allen Anlass habe, sein Geschöpf, den Menschen in seiner angemaßten Allwissenheit und Eigenmacht, ja späteren Gottesempörung (auch in diesem Wort Verwechslungsgefahr!), zu fürchten – wie der Philosoph als „alter Mann“ in seiner Matthäuspassion ausgeführt hat.
Pitt beutet die grammatikalische Offenheit des Genetivs aus, wenn er von der Heimsuchung des Lesers spricht. Ob der Leser in seiner Heimsuchung nun als Genitivus obiectivus oder als Genitivus subiectivus erscheine: ans „Heim“ wollen wir vor allem denken, wenn wir von Heimsuchungen sprechen, nicht an das bösartige oder spöttische Präfix der Heimtücke, des Heimleuchtens oder des Heimzahlens.
Den negativen, ja bedrohlichen Akzent hat das alte heimelige Wort dadurch erhalten, dass jeder Heimsuchung etwas Überraschendes und Überfallartiges eigen ist, etwas Unerwartetes. Wenn Gott sich seinem Volke oder den Menschen näherte, kündigte er sein Kommen nicht an. Heimgesucht werden wir auch von willkommenen Gästen zu einem Zeitpunkt, in dem der Besuch als Störung empfunden wird. „Der Besuch der schönen Götter dauert fort“, schrieb Goethe einmal in sein Tagebuch; natürlich hätte er nicht von einer Heimsuchung gesprochen. Oft sind Heimsuchungen mit Botschaften verbunden, die tief ins Leben eingreifen: wenn Dostojewskis Figuren eine andere heimsuchen, meist in Aufgeregtheit und voll hintersinnigen Aplombs, ahnt der Leser Lebenswenden.
Die Heimsuchung bleibt etwas Quälendes, selbst wenn das Heimsuchende ein Eindringling ist, der erwünscht ist. Die Heimsuchung bedeutet Reiz, Spannung, Berührung. Den „Menschen, der am meisten heimgesucht war von all den wunderbaren Ängsten und allen Geheimnissen des Geistes“ sieht Paul Valéry in Rilke. Salonfiguren und „Gesellschaftsmenschen“ bei Proust sind heimgesucht von der „Hinneigung zum Neuen und Neugiererweckenden“, und der Erzähler wird durch ein zweideutiges Wort seiner Geliebten heimgesucht, das sich, da nicht entschlüsselt, seinem Gedächtnis eingräbt. Freundliche Erinnerungen können stören wie helle Sonnenstrahlen ein Auge, das in problematische Tiefen blickt, und dann schüttelt Adalbert von Chamisso das „greise Haupt“ (und ist nicht einmal sechzig geworden): „Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, die lang ich vergessen geglaubt?“ (Verse aus einem Dichterquartett der 50er Jahre, die Pitt mächtig beeindruckt haben).
Heimsuchung: das ist die Situation des in seinem Heim Besuchten zwischen Überraschung und Abwehr, Aufgeschlossenheit und Widerstand, Neugier und Verstockung.
Lasst uns noch einmal an die von James Joyce beschworenen Heimsuchungen durch die „Ziegelbücher“ des Mondgottes Thot erinnern. Es sind die Bücher, die wir nur lesen können, wenn wir, am besten am Tisch sitzend, die Stirn der Leselampe zuwenden, damit die Schatten der gelesenen oder ungelesenen Stapel nicht auf die Seite fallen können, die wir gerade lesen. Was sagt Thots Befehl? Den Ziegelbüchern ihren Willen zu tun, nämlich sie zu lesen.
Unendlicher Spaß auf 1400 Seiten – als einen weißen Stein hat der Verlag den Roman von David Foster Wallace gestaltet. Doch macht er Spaß? Ist er nicht, wie ein zitierter gleichnamiger Film, „tödlich unterhaltsam“? Er liegt als ein Schwergewicht auf unserer Leseseele, die sich immer fragt: ja, musst du alles lesen? Musst du etwas erfahren über den 17. November im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“? Gut, in einem kleinen, in eine vielbändige Reihe verpackten Roman widmet auch Andreas Maier etliche Seiten der Unterhose seines pubertären Protagonisten. Dagegen beschreibt die Inspektion einer Unterhose durch die unvergleichliche Alterspoetin Elizabeth Strout an ihren Langen Abenden (zu denen uns das Literarische Quartett einlud) ein ernstes Altmännerproblem. Diese allwissenden Autoren, die zu Alleswissern mutieren und nicht aufhören können, von ihrem schier verstörenden Wissen zu erzählen! („Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe, / Anfang und Ende immer fort da...
Inhaltsverzeichnis
- Motto
- Inhaltsverzeichnis
- Die Steine aus dem Goethehaus
- Auf der Spur eines Leserbriefs
- Die Schlangenkönigin
- Der Kopf des toten Dichters
- Im Archiv des Schreckens
- Der Arbeiter
- Lasst den Zecher allein!
- Brüder
- Leser im Doppelleben
- Die Ziegelbücher
- Die Gegenwart der Zeichen
- Agent ohne Auftrag
- Der Deutschlehrer
- Die Zauberlaterne
- Der Zeitzeuge
- Heimsuchungen in der Fremde
- Kriegskameraden
- Vor der Bücherwand: Faszination und Distanz
- Leserdank an die Lektoren
- Der Autor siegt immer
- Impressum