Planung
Die VUCA-Welt
Seit einigen Jahren finden sich in der Presse und Fachliteratur Artikel zu neuen und sich verändernden Herausforderungen, welchen sich die Wirtschaft wie auch die Menschen gegenübersehen. Beispiele dafür sind schnelle Veränderungen, Dynamik von Märkten und Modeströmungen, immer höhere Komplexität und Vernetzung von Themen und Systemen, globaler Wettbewerb, die Geschwindigkeit, in der sich Märkte und Technologien verändern, und der Zusammenprall unterschiedlicher Denkweisen, Philosophien und politischer Systeme.
Viele Fachleute fassen diese Situation unter dem Begriff “VUCA” oder VUCA-Welt” zusammen. Was aber bedeutet es, in einer VUCA-Welt zu leben und in dieser zu planen, und wofür steht VUCA eigentlich genau?
VUCA steht für
- Volatility (Volatilität)
- Uncertainty (Unsicherheit)
- Complexity (Komplexität)
- Ambiguity (Mehrdeutigkeit)
Volatilität (Volatility)
Volatilität bezieht sich auf die Geschwindigkeit des Wandels in einer Branche, einem Markt oder der Welt im Allgemeinen. Sie ist durch Nachfrageschwankungen, Turbulenzen und kurzen Markteinführungszeiten gekennzeichnet. Wir erkennen eine zunehmende Volatilität beispielsweise in der Geschwindigkeit, mit der sich technologischer Wandel vollzieht. Durch immer höher entwickelte Technologien und den Einsatz immer schnellerer Rechner und ausgefeilterer Entwicklungswerkzeuge sprechen wir in manchen Branchen davon, dass sich beispielsweise Kapazitäten und Entwicklungsgeschwindigkeiten in manchen Technologien jährlich verdoppeln. Je volatiler die Welt ist, desto schneller ändern sich die Dinge.
Unsicherheit (Uncertainty)
Unsicherheit bezieht sich auf das Ausmaß, in dem wir die Zukunft sicher vorhersagen können. Ein Teil der Unsicherheit wird wahrgenommen und mit der Unfähigkeit der Menschen verbunden, zu verstehen, was vor sich geht. Unsicherheit ist jedoch auch ein objektiveres Merkmal einer Umgebung. Wirklich unsichere Umgebungen sind solche, die keine Vorhersage zulassen, auch nicht auf statistischer Basis. Je unsicherer die Welt ist, desto schwieriger sind Vorhersagen.
Komplexität (Complexity)
Komplexität bezieht sich auf die Anzahl der Faktoren, die wir berücksichtigen müssen, ihre Vielfalt und die Beziehungen zwischen ihnen. Je mehr Faktoren eine Situation bestimmen oder beeinflussen, desto größer ist ihre Vielfalt und je mehr sie miteinander verbunden sind, desto komplexer ist eine Umgebung. Bei hoher Komplexität ist es unmöglich, die Umwelt vollständig zu analysieren und zu rationalen Schlussfolgerungen zu gelangen. Je komplexer die Welt ist, desto schwieriger ist sie zu analysieren.1
Mehrdeutigkeit (Ambiguity)
Mehrdeutigkeit bezieht sich auf einen Mangel an Klarheit darüber, wie etwas zu interpretieren ist. Eine Situation ist beispielsweise nicht eindeutig, wenn Informationen unvollständig, widersprüchlich oder zu ungenau sind, um klare Schlussfolgerungen zu ziehen. Allgemeiner bezieht sich Mehrdeutigkeit auf Unschärfe und Unbestimmtheit in Ideen und Terminologie. Je mehrdeutiger die Welt ist, desto schwieriger ist sie zu interpretieren. Mehrdeutigkeit ergibt sich oft auch durch einen unterschiedlichen Kontext des Betrachtenden. Unterschiedliche Weltanschauungen, Bildungsstandards, kulturelle Hintergründe oder Ähnliches können dazu führen, dass dieselben Informationen von verschiedenen Personen unterschiedlich verstanden und interpretiert werden.
Probleme traditioneller Planung
Leben in einer “VUCA-Welt” hat Auswirkungen darauf, wie wir planen respektive wie sich erfolgreiches Planen gestaltet. Traditionell findet Planung oft so statt, dass wir von einer Art von Lastenheft oder Anforderungsdokument ausgehen. Ziel ist es, den Zustand nach der Veränderung oder Entwicklung so genau wie möglich zu beschreiben und zu planen. Oft werden die entsprechenden Informationen auch Teil einer Vereinbarung oder eines Vertrages, den es im Rahmen eines Projektes oder eines Veränderungsprozesses zu realisieren gilt. Die darauf basierende Umsetzung kann Monate oder in manchen Fällen auch Jahre in Anspruch nehmen, innerhalb derer die bestehenden Pläne abgearbeitet werden. Projekte gelten im Allgemeinen dann als erfolgreich, wenn die spezifizierten Anforderungen im festgelegten Kosten- und Zeitrahmen umgesetzt wurden und die festgelegten Qualitätskriterien erfüllen. Immer wieder lässt sich dabei feststellen, dass im Verlaufe des Projektes Rahmenbedingungen, Märkte, Gesetzgebungen, eigene Unternehmenspositionierungen, bestehende Kundenanforderungen oder technologische Gegebenheiten einer Veränderung unterliegen. Bei kurzen Projekten fällt dies weniger ins Gewicht, bei Projekten mit Realisationsdauern von teils mehreren Jahren können die Auswirkungen der VUCA-Faktoren erheblich sein.
Natürlich sind Änderungen auch im Rahmen eines traditionell geführten Projektes möglich. Allerdings wird diese Form von Projekt im agilen Bereich nicht zufällig “Wasserfall”- Projektmanagement genannt, denn solange dem Prozess gefolgt wird, also die einzelnen Projektphasen wie geplant durchgeführt werden, kann mit der Durchführung quasi ein bekanntes Bachbett durchlaufen werden. Das bedeutet zwar Aufwand, wird aber durch den bekannten Prozess geleitet. In dem Augenblick, wo Veränderungen (VUCA) nicht nur wahrgenommen werden, sondern auch Auswirkungen auf das Projekt haben sollen, haben wir grundsätzlich zwei verschiedene Möglichkeiten:
- Fortführen des bestehenden Projektes wie definiert, wissend, dass nach Projektabschluss weitere Projektphasen angesetzt werden müssen, um bestehende Change Requests umzusetzen.
- Das bestehende Projekt anpassen und damit den vorliegenden Prozessplan verlassen.
Fortführen des bestehenden Projektes
Das Fortführen des bestehenden Projektes bietet im vorliegenden Fall den Vorteil, dass zumindest kurzfristig alles so weiterlaufen kann, wie es geplant war. Budgets, Kosten, Zeitrahmen, Personalbedarf usw. werden zumindest bis zum Ende des ursprünglichen Projektes weiter bestehen und während der entsprechenden Zeit besteht die Möglichkeit, das Nachfolgeprojekt ausgiebig zu planen. Nachteil ist zweifellos, dass Gelder und Zeiten potentiell für die Umsetzung von Anforderungen verwendet werden, welche gar nicht (mehr) in der umgesetzten Art benötigt werden und für das Nachfolgeprojekt weitere Kosten und Umsetzungszeiten entstehen werden, was auch dazu führt, dass von den Resultaten des Projektes erst später profitiert werden kann. Die Tatsache, Dinge umzusetzen, welche womöglich gar nicht gebraucht werden, wird sich auch kaum positiv auf die Motivation und Projekt-Identifikation des Teams auswirken, was potenziell zu weiteren Kosten, Verzögerungen und ggf. sogar zur Reduktion von Qualität führen kann.
Anpassen des bestehenden Projektes
Die Alternative besteht darin, das bestehende Projekt anzupassen. Abgesehen davon, dass dadurch der bestehende Prozess nicht wie bisher weiterlaufen kann und entweder komplett abgebrochen werden oder basierend auf “Ad...