Das Spinnennetz ist ein nicht zu Ende geführter Fortsetzungsroman von Joseph Roth, der vom 7. Oktober bis zum 6. November 1923 in der Wiener Arbeiter-Zeitung vorabgedruckt wurde. Die erste Buchausgabe erfolgte posthum 1967 in Köln und Berlin. Protagonist ist der aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrende Leutnant Theodor Lohse. Im Mittelpunkt steht Leutnant Lohse, ein enttäuschter Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg. In Berlin gerät er in die Umtriebe rechtsradikaler Organisationen und Geheimbünde, in die politischen Kämpfe jener Jahre zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, Bürgertum und Proletariat. In verschiedenen Rollen arbeitet er für eine geheime Organisation, deren Zentrale in München ist und die Verbindungen unterhält zu Ludendorff und Hitler.

- 119 Seiten
- German
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Das Spinnennetz
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Information
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ClassicsKapitel 1
Theodor wuchs im Hause seines Vaters heran, des Bahnzollrevisors
und gewesenen Wachtmeisters Wilhelm Lohse. Der kleine Theodor war
ein blonder, strebsamer und gesitteter Knabe. Er hatte die
Bedeutung, die er später erhielt, sehnsüchtig erhofft, aber niemals
an sie zu glauben gewagt. Man kann sagen: er übertraf die
Erwartungen, die er niemals auf sich gesetzt hatte.
Der alte Lohse erlebte die Größe seines Sohnes nicht mehr. Dem
Bahnzollrevisor war nur vergönnt gewesen, Theodor in der Uniform
eines Reserveleutnants zu schauen. Mehr hatte sich der Alte niemals
gewünscht. Er starb im vierten Jahre des großen Krieges, und den
letzten Augenblick seines Lebens verherrlichte der Gedanke, daß
hinter dem Sarge der Leutnant Theodor Lohse schreiten würde.
Ein Jahr später war Theodor nicht mehr Leutnant, sondern Hörer
der Rechte und Hauslehrer beim Juwelier Efrussi. Im Hause des
Juweliers bekam er jeden Tag weißen Kaffee mit Haut und eine
Schinkensemmel und jeden Monat ein Honorar. Es waren die Grundlagen
seiner materiellen Existenz. Denn bei der Technischen Nothilfe, zu
deren Mitgliedern er zählte, gab es selten Arbeit, und die seltene
war hart und mäßig bezahlt. Vom wirtschaftlichen Verband der
Reserveoffiziere bezog Theodor einmal wöchentlich Hülsenfrüchte.
Diese teilte er mit Mutter und Schwestern, in deren Hause er lebte,
geduldet, nicht wohlgelitten, wenig beachtet und, wenn es dennoch
geschah, mit Geringschätzung bedacht. Die Mutter kränkelte, die
Schwestern gilbten, sie wurden alt und konnten es Theodor nicht
verzeihen, daß er nicht seine Pflicht, als Leutnant und zweimal im
Heeresbericht genannter Held zu fallen, erfüllt hatte. Ein toter
Sohn wäre immer der Stolz der Familie geblieben. Ein abgerüsteter Leutnant und ein Opfer der
Revolution war den Frauen lästig. Es lebte Theodor mit den Seinigen
wie ein alter Großvater, den man geehrt hätte, wenn er tot gewesen
wäre, den man geringschätzt, weil er am Leben bleibt.
Manches Ungemach hätte ihm erspart bleiben können, wenn zwischen
ihm und seinem Hause nicht die wortlose Feindschaft wie eine Wand
gestanden wäre. Er hätte den Schwestern sagen können, daß er sein
Unglück nicht selbst verschuldete; daß er die Revolution
verfluchte; daß er einen Haß gegen Sozialisten und Juden nährte;
daß er jeden seiner Tage wie ein schmerzendes Joch über gebeugtem
Nacken trug und in seiner Zeit sich eingeschlossen wähnte wie in
einem sonnenlosen Kerker. Von außen her winkte keine Erlösung, und
Flucht war unmöglich.
Aber er sagte nichts, immer war er schweigsam gewesen, immer
hatte er die unsichtbare Hand vor seinen Lippen gefühlt, immer, als
Knabe schon. Nur das auswendig Gelernte, dessen Klang schon fertig
und ein dutzendmal lautlos geformt in seinen Ohren, seiner Kehle
lag, konnte er sprechen. Er mußte lange lernen, ehe die spröden
Worte nachgiebig wurden und sich seinem Gehirn einfügten.
Erzählungen lernte er auswendig wie Gedichte, das Bild der
gedruckten Sätze stand vor seinem Auge, als sähe er sie im Buch,
darüber die Seitenzahl und am Rande die Nase, gekritzelt in müßigen
Viertelstunden.
Jede Stunde hatte ein fremdes Gesicht. Alles überraschte ihn.
Jedes Ereignis war schrecklich, nur weil es neu war, und
verschwunden, ehe er es sich eingeprägt hatte. Aus Furchtsamkeit
lernte er Sorgfalt, wurde fleißig, bereitete sich mit hartnäckiger
Ruhelosigkeit vor, und wieder und wieder entdeckte er, daß die
Vorbereitung noch zu mangelhaft gewesen. Aber er verzehnfachte
seinen Eifer, brachte es bis zum zweiten Platz in der Schule.
Primus war der Jude Glaser, der leicht und lächelnd, von Büchern
und Sorgen unbeschwert, durch die Pausen strich, der in zwanzig
Minuten den fehlerlosen lateinischen Aufsatz ablieferte und in
dessen Kopfe Vokabeln, Formeln, Ausnahmen und unregelmäßige Verba
zu wachsen schienen, ohne mühevoll gezüchtet zu werden.
Der kleine Efrussi war Glaser so ähnlich, daß
Theodor Mühe hatte, vor dem Sohn des
Juweliers Autorität zu bewahren. Theodor mußte eine leise,
hartnäckig aufsteigende Zaghaftigkeit unterdrücken, ehe er seinen
Schüler zurechtwies. Denn so sicher schrieb der junge Efrussi einen
Fehler hin, so selbstbewußt sprach er ihn aus, daß Theodor am
Lehrbuch zu zweifeln und seines Schülers Irrtum gelten zu lassen
geneigt war. Und immer war es so schon gewesen. Immer hatte Theodor
der fremden Macht geglaubt, jeder fremden, die ihm gegenüberstand.
In der Armee nur war er glücklich. Was man ihm sagte, mußte er
glauben, und die andern mußten es, wenn er selbst sprach. Theodor
wäre gern sein Leben lang bei der Armee geblieben.
Anders war das Leben in Zivil, grausam, voller Tücke in
unbekannten Winkeln. Gab man sich Mühe, sie hatte keine Richtung,
Kräfte verschwendete man an Ungewisses, es war ein unaufhörliches
Aufbauen von Kartenhäusern, die ein geheimnisvoller Windzug
umblies. Kein Streben nutzte, kein Fleiß erlebte seine Belohnung.
Kein Vorgesetzter war, dessen Launen man erkunden, dessen Wünsche
man erraten konnte. Alle waren Vorgesetzte, alle Menschen in den
Straßen, die Kollegen im Hörsaal, die Mütter sogar und die
Schwestern auch.
Alle hatten es leicht, am leichtesten die Glasers und Efrussis:
der wurde Primus, und der Juwelier, und jener Sohn des reichen
Juweliers. Nur in der Armee waren sie nichts geworden, selten
Sergeanten. Dort siegte Gerechtigkeit über Schwindel. Denn alles
war Schwindel, Glasers Wissen unredlich erworben wie das Geld des
Juweliers. Es ging nicht mit rechten Dingen zu, wenn der Soldat
Grünbaum einen Urlaub erhielt und wenn Efrussi ein Geschäft machte.
Erschwindelt war die Revolution, der Kaiser betrogen, der General
genarrt, die Republik ein jüdisches Geschäft. Theodor sah das alles
selbst, und die Meinung der anderen verstärkte seine Eindrücke.
Kluge Köpfe, wie Wilhelm Tiedemann, Professor Koethe, der Dozent
Bastelmann, der Physiker Lorranz, der Rassenforscher Mannheim,
behaupteten und bewiesen die Schädlichkeit der jüdischen Rasse an
den Vortragsabenden des Vereines deutscher Rechtshörer und in ihren
Büchern, die in der Lesehalle der »Germania« ausgestellt waren.
Oft hatte der Vater Lohse seine Töchter vor
dem Verkehr mit jungen Juden in der Tanzstunde gewarnt. Beispiele
gibt es, Beispiele! Ihm selbst, dem Bahnzollrevisor Lohse,
passierte es mindestens zweimal im Monat, daß ihn Juden aus Posen,
welche die schlimmsten sind, zu bestechen versuchten. Im Kriege
wurden sie enthoben, für den Kriegsdienst ungeeignet erklärt, saßen
sie als Schreiber in den Lazaretten und in den
Etappenkommandos.
Im juridischen Seminar meldeten sie sich immer wieder zu Wort
und schufen neue Situationen, in denen Theodor sich heimatlos
fühlte und zu neuerlichen, unangenehmen, eifervollen, hartnäckigen
Arbeiten gedrängt.
Nun hatten sie die Armee vernichtet, nun beherrschten sie den
Staat, sie erfanden den Sozialismus, die Vaterlandslosigkeit, die
Liebe für den Feind. Es stand in den »Weisen von Zion« – das Buch
bekamen alle Mitglieder des Reserveoffiziersverbandes zu den
Hülsenfrüchten am Freitag –, daß sie die Weltherrschaft
erstrebten. Sie hatten die Polizei in Händen und verfolgten die
nationalen Organisationen. Und man mußte ihre Söhne unterrichten,
von ihnen leben, schlecht leben – wie lebten sie selbst?
Oh, wie herrlich lebten sie! Durch ein graues, silbern
schimmerndes Gitter von der gemeinen Straße getrennt war das Haus
Efrussis und von grünem, weitem Rasen umgeben. Weiß schimmerte der
Kies, noch heller die Treppe, die zur Tür führte, Bilder in
Goldrahmen hingen im Vestibül, und ein Diener in grün-goldener
Livree empfing und verneigte sich. Der Juwelier war hager und groß,
immer schwarz gekleidet, in einer hohen, schwarzen Weste, deren
Ausschnitt nur ein Stückchen schwarzer, mit einer haselnußgroßen
Perle geschmückter Kragenbinde frei ließ.
Theodors Familie bewohnte drei Zimmer in Moabit, und das
schönste enthielt zwei wackelige Schränke, als Prunkstück die
Kredenz und als einzigen Schmuck jenen silbernen Aufsatz, den
Theodor aus dem Schlosse von Amiens gerettet und auf dem Grunde des
Koffers geborgen hatte, noch knapp vor der Ankunft des gestrengen
Majors Krause, der solche Dinge nicht geschehen ließ.
Nein! Theodor lebte nicht in einer Villa
hinter silbrig glänzendem Drahtgitter. Und kein Rang tröstete ihn
über die Not seines Lebens. Er war ein Hauslehrer mit gescheiterten
Hoffnungen, begrabenem Mut, aber ewig lebendigem quälendem Ehrgeiz.
Frauen, mit einer süßen, lockenden Musik in den wiegenden Hüften,
gingen an ihm vorbei, unerreichbar, und er war doch geschaffen, sie
zu besitzen. Als Leutnant hätte er sie besessen, alle, auch die
junge Frau Efrussi, die zweite Gattin des Juweliers.
Wie ferne war sie, aus jener großen Welt kam sie, in die Theodor
beinahe schon gelangt wäre. Sie war eine Dame, jüdisch, aber eine
Dame. In der Uniform eines Leutnants hätte er ihr entgegentreten
müssen, nicht im Zivil des Hauslehrers. Er hatte einmal, in seiner
Leutnantszeit, auf Urlaub in Berlin, ein Abenteuer mit einer Dame.
Man konnte schon sagen: Dame; Gattin eines Zigarrenhändlers, der in
Flandern stand; seine Photographie hing im Speisezimmer; violette
Unterhöschen trug sie. Es waren die ersten violetten Unterhöschen
in Theodors männlichem Dasein.
Was ahnte er jetzt von Damen! Sein waren die kleinen Mädchen für
billiges Geld, die hastige Minute kalter Liebe im nächtlichen
Dunkel des Hausflurs, in der Nische, umflattert von der Furcht vor
dem zufällig heimkehrenden Nachbarn, die Lust, die in der Angst vor
dem überraschenden Schritt erlosch, wie die Glut erkaltet, die roh
in Flüssigkeit geschleuderte; sein war das barfüßige einfache Mädel
aus dem Norden, das Weib mit den eckigen, harthäutigen Händen,
deren Liebkosung rauh war, deren Berührung abkühlte, deren Wäsche
schmutzig, deren Strümpfe durchschwitzt waren.
Nicht von seiner Welt war sie, die Frau Efrussi. Während er ihre
Stimme hörte, fiel ihm ein, daß sie gut sein müsse. Niemand hatte
ihm so viel Schönes so einfach und herzlich gesagt. Sie verstehn es
vortrefflich, Herr Lohse! Gefällt es Ihnen hier? Fühlen Sie sich
wohl bei uns? Oh, wie war sie gut, schön, jung. Theodor hätte sich
so eine Schwester gewünscht.
Einmal erschrak er, als sie aus einem Laden trat. Als wäre es
plötzlich in ihm hell geworden, erinnerte er sich in diesem
Augenblick, daß er auf dem ganzen Wege ihrer gedacht hatte.
Es erschreckte ihn die Entdeckung, daß sie in
ihm lebte, daß er wider Willen und ohne es zu wissen
stehengeblieben war, daß er ihre Einladung annahm, mit ihr ins Auto
zu steigen, und fast hätte er es vor ihr getan. Manchmal wurde er
gegen sie geworfen, ihren Arm berührte er und bat schnell um
Verzeihung. Ihre Frage überhörte er. Er mußte angestrengt
achtgeben, um nicht wieder an sie zu stoßen. Dennoch ereignete es
sich. Eifrig bereitete er sich auf den Moment des Aussteigens vor.
Aber früher, als er gedacht hatte, hielt der Wagen, und nun war
keine Zeit mehr auszusteigen, ihr hilfreich die Hand zu bieten. Er
blieb sitzen und ließ sie warten, bis er unten stand, die
Schachtel, die er gerade ergreifen wollte, hielt schon der
Chauffeur. Aus einer sehr weiten Ferne traf ihr Abschiedswort sein
Ohr, aber in unentrinnbarer Nähe lebte ihr Lächeln vor seinen
Augen; als lächelte das Spiegelbild einer fern sprechenden
Frau.
Niemals erreichte er sie, wie wollte er es? Glühend war sein
Wunsch. Aber erloschen der Glaube an seine Kraft, zu erobern, da er
nicht mehr Leutnant war. Er hätte es erst wieder werden müssen. Er
wollte es werden, Leutnant werden oder sonst etwas. Nicht bleiben
in der Verborgenheit und nicht mehr geborgen sein, nicht ein
bescheidener Ziegelstein im Gefüge einer Mauer, nicht der Letzte
der Kameraden, nicht ihr Lauscher und Lacher, wenn sie Anekdoten
erzählten und Zoten rissen, nicht mehr einsam unter den vielen,
allein mit seiner vergeblichen Sehnsucht, gehört zu werden, und mit
der ewigen Enttäuschung des Überhörten, Geduldeten und wegen seiner
dankbaren Aufmerksamkeit Beliebten. Oh, glaubten Sie, er wäre
harmlos und ungefährlich? Sie sollten sehen. Alle sollten es sehen!
Bald wird er aus seinem ruhmlosen Winkel treten, ein Sieger, nicht
mehr gefangen in der Zeit, nicht mehr unter das Joch seiner Tage
gedrückt. Es schmetterten helle Fanfaren irgendwo am Horizont.
Kapitel 2
Manchmal überfiel ihn sein eigener Stolz wie eine fremde Gewalt, und er fürchtete seine Wünsche, die ihn gefangenhielten. Aber sooft er durch die Straßen ging, hörte er Millionen fremder Stimmen, flimmerten Millionen Buntheiten vor seinen Augen, die Schätze der Welt klangen und leuchteten. Musik wehte aus offenen Fenstern, süßer Duft von schreitenden Frauen, Stolz und Gewalt von sicheren Männern. Sooft er durch das Brandenburger Tor ging, träumte er den alten, verlorenen Traum vom siegreichen Einzug auf schneeweißem Roß, als berittener Hauptmann an der Spitze seiner Kompanie, von Tausenden Frauen beachtet, vielleicht von manchen geküßt, von Fahnen umflattert und Jubel umbraust. Diesen Traum hatte er in sich getragen und liebevoll genährt vom ersten Augenblick seines freiwilligen Eintritts in die Kaserne, durch die Entbehrungen und Lebensnöte des Krieges. Die schmerzende Beschimpfung des Wachtmeisters auf der Exerzierwiese hatte dieser Traum gelindert, den Hunger auf tagelangem Marsch, das brennende Weh in den Knien, den Arrest in dunkler Zelle, das betäubende, qualvolle Weiß der verschneiten Wachtpostennacht, den stechenden Frost in den Zehen.
Der Traum drängte zum Ausbruch wie eine Krankheit, die lange unsichtbar in Gelenken, Nerven, Muskeln lebt und alle Blutgefäße des Körpers erfüllt, der man nicht entrinnen kann, es sei denn, man entrinne sich selbst. Und zufolge jener unbekannten Gewalt, welche Theodor schon oft geholfen hatte und die ihn lehrte, daß der Erfüllung jeder qualvollen Sehnsucht im letzten Moment eine günstige äußere Bedingung auf halbem Wege entgegenkommt, ereignete es sich, daß er den Doktor Trebitsch im Hause Efrussis kennenlernte.
In der ersten Viertelstunde ihrer Bekanntschaft sprach der Doktor Trebitsch unermüdlich, und sein blonder, langer, in sanften, dunkelnden, an den Rändern gelichteten Strähnen herabfließender Bart bewegte sich vor den Augen Theodors in regelmäßigem Auf und Ab und störte die Aufmerksamkeit des Zuhörers. Leise plätscherten die Worte des Blondbärtigen,eines und das andere blieb eine Weile in Theodor haften und verwehte wieder. Noch nie war er einem Vollbart so nahe gewesen. Plötzlich stöberte ihn der Klang eines Namens aus seiner betäubten Zerstreutheit auf. Es war der Name des Prinzen Heinrich. Und mit dem Instinkt eines Mannes, der zufällig einem Prunkstück aus seiner verschütteten Vergangenheit begegnet und es mit rettend hastiger Gebärde an die Brust reißt, rief Theodor: »Ich war Leutnant im Regiment Seiner Hoheit, des Prinzen Heinrich!«
»Der Prinz wird sich sehr freuen«, sagte Doktor Trebitsch, und seine Stimme war nicht mehr fern, sondern ganz, ganz nahe.
Der Stolz füllte, wie etwas Körperliches, Theodors Brustkorb, und sein gestärktes Hemd wölbte sich.
Sie fuhren im Auto ins Kasino. Und Theodor saß im Wagen, nicht wie vor einer Woche, als er mit Frau Efrussi fuhr. Nicht mehr fühlte er, gedrückt und dünn, die Ecke zwischen Seitenwand und Rückenpolster. Er breitete sich aus. Sein Körper fühlte durch Paletot, Rock, Weste die sanfte, kühle Nachgiebigkeit des Leders. Die Füße lehnte er gegen den vorderen Sitz. Die Zigarre erfüllte das Coupé mit dem satten Duft einer überflüssigen Behaglichkeit. Theodor öffnete das Fenster und fühlte die schnelle, schießende kalte Märzluft mit der Wollust eines innerlich Durchwärmten.
Man trank Schnaps und Bier, und der Abend im Kasino erinnerte an eine Kaiser-Geburtstagsfeier. Graf Straubwitz von den Kürassieren hielt eine Rede. Man brach in ein dreifaches Hurra aus. Jemand erzählte Anekdoten aus dem Kriege. Theodor war Gast an der Seite des Prinzen. Nicht einen Moment verlor er Seine Hoheit aus den Augen. Er ignorierte seinen Nachbarn zur anderen Seite. Es galt, allezeit auf eine Frage des Prinzen vorbereitet und zur Stelle zu sein. Nicht für die Dauer eines Augenblicks vergaß Theodor, daß er jetzt endlich die Gelegenheit ergreifen konnte, Teile seines Traums zu verwirklichen. War er noch der kleine, unbekannte Hauslehrer eines jüdischen Knaben? Kannte ihn der Prinz nicht? Kannten ihn nicht alle Herren, die hier um den Tisch saßen? Und obwohl der ungewohnte Alkohol allmählich Theodors Sinn für die augenblicklichen kleinen Wirklichkeiten einschläferte, blieb doch eine große helle Heiterkeit zurück, und die Sicherheit kehrte ihm so oft wieder, als er sie brauchte, um dem Prinzen eine Serviette, ein Glas, Feuer für die Zigarette zu reichen.
Als ihn der Prinz aufforderte, von jener Schlacht bei Stojanowics zu erzählen, die das Regiment so löblich mitgemacht hatte, begann Theodor aufs Geratewohl, etwas lauter, als er gewöhnlich zu sprechen pflegte. Es ging eine Weile ganz gut, bis er bemerkte, daß er die Erzählung angefangen hatte, ohne sich den Schluß zurechtgelegt zu haben. Er hielt ein, und es erschütterte ihn die große, lauschende Stille. Er wußte noch, daß seine letzten Worte »Hauptmann von der Heidt« gewesen waren. »Dieser Hauptmann also«, fuhr Theodor fort, aber das Ende des Satzes fand er nicht mehr. »Er lebe hoch! Hurra!« fiel der Doktor Trebitsch ein, und man feierte den Hauptmann von der Heidt.
Dann stellte es sich heraus, daß Theodor und der Prinz denselben Weg nach Hause hatten, und sie saßen zusammen im Auto. Theodor redete unterwegs. Frau Efrussi fiel ihm ein, und er erzählte von ihr dem Prinzen. Ihre großen grünen Augen sah er. Ihre Schultern. Er streifte ihr die Kleider ab, sie stand vor ihm in der Unterwäsche. Sie trug violette Unterhöschen. Er erzählte alles dem Prinzen, was er sah, tat, erlebte. »Ich streife ihr das Hemd ab«, sagte Theodor, »Hoheit müssen wissen, sie hat braune Brustwarzen … ich beiße in ihre harte Brust!«
»Sie sind ein famoser Junge«, sagte der Prinz.
Er wiederholte diesen Satz auch später noch, als sie im Zimmer saßen und einen schwarzen Kaffee tranken und noch einen Likör. So nahe saßen sie beieinander, ihre Schenkel berührten sich, und der Prinz hielt Theodors Hand und drückte sie. Und auf einmal war Theodor nackt und der Prinz Heinrich ebenfalls. Der Prinz hat eine dichtbehaarte Brust und sehr dünne Beine. Seine Zehen sind ein bißchen verkrümmt. Theodor hat den Kopf gesenkt, und obwohl es ihm peinlich...
Inhaltsverzeichnis
- Kapitel 1
- Kapitel 2
- Kapitel 3
- Kapitel 4
- Kapitel 5
- Kapitel 6
- Kapitel 7
- Kapitel 8
- Kapitel 9
- Kapitel 10
- Kapitel 11
- Kapitel 12
- Kapitel 13
- Kapitel 14
- Kapitel 15
- Kapitel 16
- Kapitel 17
- Kapitel 18
- Kapitel 19
- Kapitel 20
- Kapitel 21
- Kapitel 22
- Kapitel 23
- Kapitel 24
- Kapitel 25
- Kapitel 26
- Kapitel 27
- Kapitel 28
- Kapitel 29
- Kapitel 30
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