Menschen im Autismusspektrum und die Corona-Pandemie
eBook - ePub

Menschen im Autismusspektrum und die Corona-Pandemie

Erfahrungen, Besonderheiten und Hilfen

  1. 86 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Menschen im Autismusspektrum und die Corona-Pandemie

Erfahrungen, Besonderheiten und Hilfen

Über dieses Buch

Die Corona-Pandemie stellt zweifellos für alle Menschen eine große Herausforderung dar. Aufgrund ihrer spezifischen Besonderheiten erleben Menschen im Autismusspektrum diese Zeit jedoch anders als die meisten anderen Menschen. Einiges wird für sie plötzlich leichter, anderes zur nun riesigen Herausforderung. Bei einer Häufigkeit von etwa einem Prozent für autistische Störungen betrifft das Thema deutlich mehr Menschen, als man lange angenommen hat. Aufgrund der verbesserten Diagnostik werden die Betroffenen zudem in Schule, Beruf und Alltag immer stärker präsent, sodass es von großer Relevanz ist, sich ihre Auffälligkeiten, Bedürfnisse und Erfahrungen anzuschauen. In diesem Buch werden die Besonderheiten dieser Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie dargestellt. Zahlreiche Betroffene schildern eigene Erfahrungen und beschreiben ihre Strategien, daneben finden sich ausführliche Hintergrundinformationen und hilfreiche Maßnahmen - für Menschen mit Autismus, aber auch für alle anderen.Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben und richtet sich an Fachleute aus Therapie, Pädagogik, Medizin etc. ebenso wie an autistische Menschen selbst, Angehörige und alle Interessierten. Es ist nach "Mit Autismus leben - Eine Ermutigung" bereits die zweite Neuerscheinung der Autorin in diesem Jahr, die es ideal ergänzt.

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Menschen im Autismusspektrum und die Corona-Pandemie von Christine Preißmann im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Psychology & History & Theory in Psychology. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.

Information

Weitere Erfahrungen und Hilfen in den verschiedenen Lebensbereichen

Erfahrungen in Schule und Familie

Wie sahen die Erfahrungen von Menschen mit Autismus und deren Angehörigen bezüglich Schulalltag und Familienleben aus? Zahlreiche Berichte wurden dazu übermittelt. Zunächst soll der Text der Mutter eines 10-jährigen betroffenen Mädchens dargestellt werden, die ihre Erlebnisse und ihre Tipps teilt:
Positive Aspekte von Corona
  • Später aufstehen!
  • Mehr schlafen!
  • Kein Stress am Morgen!
  • Kein Schwimmunterricht!
  • Weniger Reize, mehr Ruhe
  • Mehr Zeit, um alleine oder in der Familie zu spielen und Hörspiele zu hören
  • Soziale Beziehungen haben wir auf zwei Zwillingsfreundinnen reduziert, somit gab es keinen sozialen Stress
  • Klare Regeln gaben Sicherheit: allen geht es gleich
  • Online-Unterstützungsangebote der Heilpädagogin in der Corona-Zeit kamen sehr gut an
  • Weniger Wutausbrüche, vermutlich infolge des geringeren sozialen Stresses und der verminderten Reizbelastung.
Negative Aspekte von Corona
  • Rollenkonflikt: Die Mutter ist nun plötzlich auch die Lehrerin
  • Arbeitsort ist gleichzeitig auch Freizeitort
  • Wegfallen von äußeren Strukturen: zu festen Zeiten aufstehen, essen etc.
  • Wochenpläne der Lehrpersonen waren viel zu umfangreich und zu anspruchsvoll - es gab aber Verständnis, wenn unsere Tochter nicht alles geschafft hat.
Tipps
  • Ich habe mich mit einer Nachbarin zusammengeschlossen, mit der ich mir ein Atelier teile: Wir haben den Arbeitsort der Kinder dorthin verlegt. So gab es einen klaren Ort, wo gearbeitet wurde, und zuhause durfte man weiterhin die Freizeit genießen
  • Wir haben uns zudem abgewechselt mit dem Unterrichten
  • Wir erleben das Offenlegen der Diagnose immer wieder als sehr hilfreich: Plötzlich verstehen Lehrpersonen, dass unsere Tochter keine Hausaufgaben mehr machen kann, weil sie zu erschöpft ist. Sie nehmen seitdem viel mehr Rücksicht in der Schule!
  • Reduktion der Grundanforderungen: Wenn der Druck weg war, ging plötzlich mehr als nur die Dinge, die sie machen musste, so rechnete sie manchmal freiwillig spätabends!
  • Unsere Schule begann wieder mit Halbklassenunterricht – das war für unsere Tochter ein gelungener sanfter Einstieg! Dies wäre sowieso perfekt: drei Stunden Unterricht pro Tag würden ihr reichen (und uns auch) - weniger ist so oft mehr. (Coni Baumgartner)
In den meisten Berichten wurde die Notwendigkeit betont, Strukturen weiterzuführen oder, wenn das nicht möglich ist, neue Strukturen zu schaffen. Auch dann, wenn man von zu Hause aus arbeiten bzw. studieren kann oder eben auch der Schulunterricht daheim stattfindet. Man führt also die Tätigkeiten weiter, frühstückt wie gewohnt, zieht sich an, macht zwischendurch Pausen und später auch Feierabend. Geregelte Abläufe wirken stabilisierend.
Wir haben gemeinsam mit unseren Kindern einen Tagesplan erstellt: Die Kinder konnten ausschlafen, hatten aber auch feste Lernzeiten und Pausen. Schön fand ich, dass unsere drei Kinder gemeinsam am Esstisch gearbeitet und sich dabei gegenseitig unterstützt haben.
Auch eine Schulleiterin, die mehrere autistische Schüler an ihrer Schule betreut, beschrieb ihre Erfahrungen:
Unsere SchülerInnen, unsere LehrerInnen und unsere Eltern haben eng zusammengearbeitet, um diese Zeit so gut wie möglich zu meistern. Wir haben gelernt, achtsam zu sein; gelernt haben wir auch, dass diese Zeit nur gemeinsam zu schaffen war.
Corona ist ein schwieriges Thema; Corona, Autismus und Schule in dieser Kombination ist ein sehr schwieriges Thema. Die Pandemie stellte unsere autistischen Schüler vor noch größere Herausforderungen als andere, denn nichts war mehr so wie vorher. Mühsam erarbeitete Kontakte konnten nicht mehr gepflegt werden. Regelmäßigkeit, Beständigkeit und die Gesetze der Sicherheit wurden ausgehebelt, die Schüler stellten sehr schnell ihr gesamtes Leben in Frage: „Ich will dieses Leben nicht! Ich will nicht Autist sein! Ich will Corona nicht! Ich will nicht mehr leben!“ (S., 18 Jahre alt) – Ich war geschockt! Er ließ sich in eine Klinik einweisen und ist mittlerweile auf einem Weg zurück ins Leben.
Als besonders schwierig habe ich die drei Wochen Homeschooling empfunden, denn unsere Schüler waren mit ihren Gefühlen, ihren Aufgaben, ihren Familien, ihrer Strukturlosigkeit und ihrer Angst allein.
Wir versuchten, das Problem bestmöglich zu lösen: Die Aufgaben wurden vom Klassenlehrer täglich gegen 9 Uhr versandt. In der Zeit von 9 bis 13 Uhr standen die Klassenlehrer als Ansprechpartner zur Verfügung und setzten sich mit den Schülern in Verbindung. Wichtig war es bei unseren Autisten, konsequent zu sein, ohne Druck aufzubauen, was nicht immer einfach war.
Ein Schüler, 17 Jahre alt, mit der Diagnose Asperger-Syndrom und Hochbegabung, war nicht in der Lage, überhaupt irgendetwas zu lernen. In Gesprächen mit den Eltern konnte ich diese beruhigen, denn die kognitiven Fähigkeiten ließen sich in den ersten Präsenzstunden wieder aktivieren. Es fällt ihm leicht, Dinge aufzuarbeiten, wenn er sich wohlfühlt.
Wir versuchten also, für jeden einzelnen Schüler individuelle Möglichkeiten zu finden. Das tun wir immer – aber Corona war noch einmal eine ganz neue Herausforderung.
Gemeinsam mit unserem Team, den Schülern und Eltern konnten wir einige Hürden nehmen. Manche sind noch nicht ganz gemeistert, aber insgesamt geht es unseren autistischen Schülern gut mit positiver Tendenz und dem Wahrnehmen, dass wir alle gemeinsam im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten daran gearbeitet haben. Wir haben miteinander und voneinander gelernt. Und wir haben das Leben ein wenig langsamer leben können. (Christa Heyer, Theodor-Frings-Privatschule)
In manchen Fällen zeigten sich in der Pandemie Fortschritte, an die man nie zu denken gewagt hätte:
An der Tür steht ein kleiner blonder 8-jähriger Junge und fragt, ob mein Sohn rauskommen kann zum Rollerfahren. Mein kleiner Held horcht auf, schnappt sich in Windeseile seine Sandalen und fragt mich mit seinen braunen Kulleraugen, während er an mir vorbeihuscht: „Darf ich, Mama?“
`Ob er darf?´, schießt es mir zeitgleich mit tausend Gedanken, zwischen Jubelschrei und Feuerwerk, durch den Kopf. `Ich habe dafür gebetet.´
Vor der Corona-Zeit war diese Situation völlig undenkbar. Rausgehen und mit anderen Kindern spielen - dazu war er kaum zu motivieren. Ganz zu schweigen von seinem fehlenden Bewegungsdrang.
Rückblickend bin ich der Corona-Zeit in Teilen sehr dankbar, denn mein Sohn hat unglaubliche Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht. Als der Lockdown ausgerufen wurde, stand unsere Welt erstmal still, musste ich mich erst einmal neu sortieren. Ich bin 40 Jahre alt, habe ADHS und bin alleinerziehend. Mein kleiner Held ist 7 Jahre alt und besucht die 2. Klasse einer Regelschule. Er hat die Diagnosen Asperger-Syndrom und ADHS.
Ich begann also, den Alltag neu zu strukturieren. Jeden Morgen um 9:30 Uhr ertönte die Schulglocke aus meinem Handy. Anfangs, als er nur zu Hause unterrichtet wurde, lief alles reibungslos. Die Aufgaben wurden gern und am Vormittag erledigt; mehr als 2 Stunden Unterricht gab es nicht pro Tag. Feste Struktur – gute Routine.
Dann wurde diese plötzlich geändert. Er sollte an einem Tag der Woche in die Schule gehen und die restlichen vier Tage zu Hause unterrichtet werden. Das verursachte ein großes Chaos in seinem Kopf - und zu Hause ging auf einmal gar nichts mehr.
Seine Integrationshelferin übernahm den Part des Homeschoolings und besuchte uns zu Hause. Mit ihr verband er lernen und Schule und mit mir Spiel und Spaß. Mit ihrem Klingeln an der Haustür setzte er sich freiwillig und erwartungsvoll an seine Aufgaben und fing selbstständig mit den Aufgaben an. Großartig. Er freute sich wieder auf den Unterricht und es klappte wunderbar mit dem Lernen.
Die restliche Zeit des Tages erfanden wir uns neu. Ich hatte leider meinen Job im März verloren und somit viel Zeit zur Verfügung. Wir verbrachten anfangs sehr viele Tage allein, in Ruhe, abgeschottet von Lärm, Druck und sozialen Herausforderungen.
Die Tage liefen fest ritualisiert, um ihm weiterhin Halt und Orientierung zu geben. Morgens fünf Tage die Woche Unterricht, mittags wurde gekocht, im Anschluss gemeinsam gespielt oder gebastelt. Nach dem Abendessen um 18 Uhr folgte das abendliche Ritual, damit es pünktlich um 20 Uhr ins Bett gehen konnte.
Ich spürte immer mehr, wie mein Sohn sich entspannte – sich aber auch zunehmend langweilte. Selbst sein iPad flog irgendwann in die Ecke, weil er „keinen Bock mehr drauf“ hatte. Welch ein Lichtblick. Plötzlich änderte sich seine Einstellung und er verlangte nach mehr Outdoor-Unternehmungen. Sofort füllte ich freudig die Tage mit Geocaching-Touren, Ausflügen im Wald, um zu schnitzen oder Weidenhäuser zu bauen. Wir verbrachten Stunden am Rhein, um Steine ins Wasser zu werfen und große Türme mit ihnen zu bauen. Wir bemalten einige davon und schickten sie, ausgelegt für andere, auf Reisen. Beim Mathe-Parcours, welchen wir auf den Asphalt malten, knüpfte er Kontakt zu seinem Schulkameraden, der neugierig aus der Nachbarschaft zuguckte.
Jede Unternehmung brauchte zwar ein klares Ziel, aber es war wundervoll zu erleben, welche Freude er plötzlich daran entwickelte. Von den Abstandsregeln profitierte er dabei sehr. Denn plötzlich kam ihm kein Mensch mehr zu nahe, und auch den Mundschutz betrachtete er durchaus als Vorteil: „Mama, ich muss nicht mehr lange verwirrt raten, ob die Menschen böse oder freundlich gucken, denn ich kann den Mund ja nicht sehen.“
In der Schule blühte er förmlich auf, als er diese endlich wieder besuchen durfte. Es gab nun eine überschaubare Klasse von sieben Kindern mit festen Regeln, an die sich alle strikt hielten. Raufen, Schubsen und anderer Körperkontakt waren nicht erlaubt. Er liebte es so, wie es war. Drei Wochen später erhielt ich einen Anruf aus der Schule. Mein Sohn interagierte plötzlich im Unterricht mit den anderen Kindern. Er teilte sich und sogar seine Emotionen verbal der Klasse mit und war wesentlich konzentrierter.
Seine Entwicklung schritt in rasendem Tempo voran. Zwei Jahre lang musste ich ihn mit dem Auto zur Schule bringen. In der Corona-Zeit war die Schule selten und wurde von ihm als „besonders“ geschätzt. Also entschied er sich aus heiterem Himmel, gemeinsam mit seinem Klassenkameraden zur Schule zu gehen - ohne Mama. Fortan ging er an jedem Schultag zusammen mit seinem Schulfreund.
Als der Unterricht wieder täglich in der Schule stattfand, versuchte ich ihn zu bestärken, doch allein nach Hause zu gehen, da sein Schulkamerad in der Nachmittagsbetreuung blieb. Aber mein Sohn fürchtete, er könnte sich allein verlaufen. Also lief er den ersten Tag in Begleitung seiner Integrationshelferin nach Hause. Er wirkte deprimiert, da er den Mut nicht aufbrachte, es ganz allein zu versuchen.
Am Folgetag schmückte ich den gesamten Schulweg während des Unterrichts mit blauen Wollfäden in Augenhöhe. Sie befanden sich an Zäunen, an Straßenschildern und Ampeln, die es zu überqueren galt. Seiner I-Helferin überbrachte ich die Botschaft: „Er soll alle blauen Wollfäden zählen. Sie führen ihn direkt nach Hause. Wenn er am letzten Faden angekommen ist, soll er mir sagen, wie viele er gezählt hat.“ – Eifrig zog er los, den Tornister gefüllt mit Mut und Elan. Er war so sehr konzentriert darauf, die Fäden richtig zu zählen, dass er keine Zeit hatte, über die Möglichkeit des Verlaufens nachzudenken – und als er aufblickte, stand er freudestrahlend vor unserer Wohnungstür. Mit diesem neu gewonnen Selbstbewusstsein läuft er seitdem selbstständig den Schulweg, als wenn er nie etwas anderes getan hätte.
Ich bin sehr dankbar für diese Auszeit – wir mussten uns neu erfinden und haben dabei so vieles über uns gelernt. (Ramona Schmitz-Pfaller)
„Freie Fahrt im Corona-Lockdown oder Zum ersten Mal war es für mich leichter als für die anderen“, so überschrieb eine 15-jährige Schülerin mit Asperger-Autismus und Hochbegabung ihren Bericht, den sie gemeinsam mit ihrer Mutter erstellte und in dem sie zahlreiche Anregungen für künftigen Schulunterricht machte:
Dass plötzlich die Schule ausfiel und ich einschließlich der Osterferien fünf Wochen am Stück frei hatte, war für mich einfach nur gut, denn normalerweise dominiert der Schulstress unser gesamtes Familienleben. Es war sehr entlastend, dass ich in der Corona-Pause nicht jeden Tag mit so vielen Menschen zusammen sein musste. Wieso glauben bloß alle, man könnte nur in der Gegenwart von Lehrern und Mitschülern etwas lernen? Bei mir ist es umgekehrt: Ich muss lernen TROTZ deren Gegenwart. Die Anwesenheit meiner Mitschüler und Lehrer stört mich, auch wenn manche ganz nett sind. Bei uns zu Hause hingegen kann jeder für sich sein, wann er möchte. Verpflichtende Gemeinschaft gibt es in der Regel nur zu den Mahlzeiten. Häufig wird das Argument angeführt, der tägliche Schulbesuch würde die Kinder auf das Berufsleben vorbereiten. Ich frage mich dann immer: Worauf sollen wir dadurch vorbereitet werden? Auf das Arbeiten im Großraumbüro? Ich finde das fragwürdig.
Als die Schule ausfiel, habe ich einfach in den Ferienmodus geschaltet. Das war nichts Fremdes oder Bedrohliches für mich. Zu Hause kann ich fast alles machen, was mir guttut: malen oder basteln, lesen und Musik hören, turnen und tanzen. Andere Menschen brauche ich dazu nicht. Ins Kino, ins Schwimmbad und an andere Orte, wo sich Menschenmassen aufhalten, gehe ich ohnehin nicht gern, das hat mir überhaupt nicht gefehlt.
Allerdings muss man sagen, wir sind echt gut ausgestattet: Jeder hat einen Rückzugsraum, mein Vater sogar ein eigenes Home-Office. Dazu der Balkon und der Garten, auch wenn er klein ist. Wir haben einiges zum Turnen, ausreichend Geräte zur Internet-Nutzung, es gibt Mamas Nähmaschine und im Keller die Holzwerkstatt. Da ist vieles möglich. Nur zu Beginn, als der Spielplatz geschlossen war, das war richtig blöd. Zu Hause haben wir keine Reckstange, und unsere Wiese ist zu klein. Ich laufe gern auf den Händen – das habe ich dann eben auf der Straße gemacht, mit Handschuhen. Und für alles, was mit Springen zu tun hatte, musste ich mir mit einer Matratze auf dem Fußboden behelfen. Als ich dann endlich wieder auf den Spielplatz konnte, war ich echt froh. Genauso, als für die Trompete meiner Schwester endlich der Dämpfer beschafft war.
Ein toller Effekt der Corona-Regeln: Gruppenarbeit gibt es weiterhin nicht in der Schule. Gruppenarbeit ist schrecklich. Meistens machen doch nur zwei Schüler die Arbeit und die anderen nerven nebenbei. So richtig Teamwork ist das nicht. Ich finde, Gruppenarbeit sollte viel öfter freiwillig sein. Man sollte die Aufgaben stattdessen auch allein bearbeiten und p...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Einleitung
  3. Gleiche Ängste, Sorgen und Nöte wie alle
  4. Autismusspezifische Aspekte der Coronakrise und ihre Auswirkungen auf das Befinden der Betroffenen
  5. Was fehlte Menschen mit Autismus am meisten?
  6. Was hat sich im Laufe der Wochen verändert?
  7. Was half Menschen mit Autismus in dieser Zeit?
  8. Weitere Erfahrungen und Hilfen
  9. Was bleibt, was kommt, was geht? – Ein persönlicher Ausblick
  10. Impressum