MEIN MEISTER
“Jedes Mal, wenn die Tugend abnimmt und das Laster vorherrscht, komme Ich herab, um der Menschheit zu helfen“, verkündet Krishna in der Bhagavad Gita. Jedes Mal, wenn unsere Welt wegen ihrer Entwicklung und der zusätzlichen Gegebenheiten eine Korrektur braucht, kommt eine Kraftwelle. Und weil der Mensch auf zwei Ebenen wirkt, der spirituellen und der materiellen, kommen diese korrigierenden Wellen auf beide Ebenen. Was die Korrektur der materiellen Ebene betrifft, war einerseits hauptsächlich Europa in der Moderne der Ausgangspunkt, und was die Korrektur der anderen, spirituellen Ebene betrifft, war durchweg Asien in der Weltgeschichte der Ausgangspunkt.
Heute braucht der Mensch eine weitere Korrektur auf der geistigen Ebene. Heute, da die materialistischen Vorstellungen ihren Höhepunkt erreicht haben, heute, da der Mensch durch seine wachsende Abhängigkeit von der Materie leicht sein göttliches Wesen vergisst und zu einer rein geldschaffenden Maschine reduziert wird, ist eine Korrektur nötig. Und die Kraft kommt, die Stimme hat gesprochen, um die Wolken des zunehmenden Materialismus zu vertreiben. Die Kraft wurde in Bewegung gesetzt, die in naher Zukunft der Menschheit einmal mehr ihr wahres Wesen in Erinnerung rufen wird. Und wiederum ist der Ort, von dem diese Kraft ausgeht, Asien. Unsere Welt ist arbeitsteilig.
Es ist eitel zu sagen, dass ein Mensch alles besitzen soll. Doch wie kindisch sind wir! Das Kind glaubt in seiner Kindlichkeit, seine Puppe sei der einzige Besitz auf der ganzen Welt, der begehrenswert sei. So glaubt eine Nation, die viel materielle Macht besitzt, das sei das einzig Begehrenswerte, und damit allein sei Fortschritt, damit allein sei Zivilisation gemeint. Und wenn es andere Nationen gibt, die diese Mächte nicht besitzen wollen und nicht besitzen, dann seien sie nicht lebensfähig. Ihre ganze Existenz sei nutzlos. Andererseits kann eine andere Nation denken, dass die rein materialistische Zivilisation völlig wertlos sei.
Aus dem Morgenland kam einst die Stimme, die der Welt verkündete: Wenn ein Mensch alles unter und über der Sonne besitzt, aber keine Spiritualität, was nützt ihm das? Dies ist der morgenländische Typus. Das andere ist der abendländische Typus. Jeder dieser Typen hat seine Größe, jeder hat seinen Ruhm. Die jetzige Korrektur wird harmonisieren und die beiden Ideale vermischen. Für den Morgenländer ist die Welt des Geistes so wirklich wie die Welt der Sinne für den Abendländer.
Im spirituellen Bereich findet der Morgenländer alles, was er will oder worauf er hofft. Er findet alles, was das Leben für ihn wirklich macht. Für den Abendländer ist er ein Träumer. Für den Morgenländer ist der Abendländer ein Träumer, der fünf Minuten lang mit den Puppen spielt. Und er lacht bei dem Gedanken, dass erwachsene Männer und Frauen sich so viel aus einer Handvoll Materie machen, die sie sowieso früher oder später zurücklassen müssen. Jeder nennt den anderen einen Träumer.
Aber das morgenländische Ideal ist für den Fortschritt der menschlichen Rasse ebenso nötig wie das abendländische, und ich glaube, es ist sogar notwendiger. Maschinen haben die Menschheit nie glücklich gemacht und werden es nie tun. Wer uns das glauben machen will, behauptet, dass das Glück in den Maschinen zu finden sei, aber es ist immer im Geist. Nur der Mensch, der Herr seiner Gedanken ist, kann glücklich werden, kein anderer. Aber was ist am Ende schon diese Macht der Maschinen? Warum sollte ein Mensch, der elektrischen Strom durch eine Leitung schicken kann, ein großartiger und sehr intelligenter Mensch genannt werden? Schafft die Natur nicht in jedem Augenblick millionenfach mehr als das? Warum soll man dann nicht niederfallen und die Natur verehren?
Was spielt es für eine Rolle, ob du Macht über die ganze Welt besitzt, ob du jedes Atom im Weltall beherrscht? Das wird dich nicht glücklich machen, bis du dich selbst überwunden hast, außer du besitzt die Kraft des Glücks in dir selbst. Es ist wahr, dass der Mensch geboren wurde, um die Natur zu überwinden. Aber der Abendländer meint mit „Natur“ nur die physische oder äußere Natur. Es ist wahr, dass die äußere Natur majestätisch ist mit ihren Bergen, Meeren, Flüssen und mit ihrer unendlichen Kraft und Mannigfaltigkeit. Doch es gibt eine majestätischere innere Natur des Menschen, die höher als die Sonne, der Mond und die Sterne ist, höher als unsere Erde, höher als das physische Universum, die unser kleines Leben überschreitet und einen anderen Forschungsbereich bietet. Hier tun sich die Morgenländer hervor, wie die Abendländer sich im anderen hervortun.
Deshalb ist es richtig, dass jedes Mal, wenn es eine spirituelle Korrektur geben muss, sie vom Morgenland kommen sollte. Es ist ebenso richtig, dass der Morgenländer, der etwas über Maschinenbau lernen will, zu Füßen des Abendländers sitzen und von ihm lernen sollte. Wenn das Abendland etwas über den Geist, über Gott, über die Seele, über die Bedeutung und das Geheimnis des Universums lernen will, so muss es zu Füßen des Morgenlandes sitzen und lernen.
Ich möchte euch das Leben eines Mannes vorstellen, der eine solche Welle in Indien in Bewegung gesetzt hat. Aber bevor ich in das Leben dieses Mannes einsteige, möchte ich versuchen, euch das Geheimnis von Indien darzulegen, die Bedeutung von Indien. Wenn jene, deren Augen vom Glanz der materiellen Dinge erblindet sind, deren ganzes Leben dem Essen, Trinken und Genießen gewidmet ist, deren einziges Ideal von Besitz der von Land und Gold ist, deren einziges Ideal von Vergnügen in den Sinnesfreuden besteht, deren Gott das Geld ist, deren Ziel ein sorgloses Leben und Bequemlichkeit in dieser Welt ist und danach der Tod, die nie vorwärts schauen und kaum an etwas Höheres als die Sinnesobjekte denken, in deren Mitte sie leben, wenn solche Menschen nach Indien gehen, was sehen sie da? Armut, Elend, Aberglaube, Unwissenheit, Abscheulichkeit überall. Warum? Weil Aufklärung nach ihrer Vorstellung Kleidung, Bildung und Höflichkeit bedeutet. Während die abendländischen Nationen jede Anstrengung darauf gerichtet haben, ihre materielle Lage zu verbessern, hat Indien etwas anderes getan.
Dort lebt die einzige Rasse der Welt, die in der ganzen Menschheitsgeschichte nie ihre Landesgrenzen überschritten und Land erobert hat, die nie den Besitz von jemand anderem begehrt hat und deren einziger Fehler es gewesen ist, dass ihr Land so fruchtbar war und sie so scharfsinnig waren, dass sie durch die harte Arbeit ihrer Hände Reichtum angesammelt und dadurch andere Nationen in Versuchung geführt haben zu kommen und sie auszuplündern. Sie sind damit zufrieden, beraubt und Barbaren genannt zu werden. Im Gegenzug wollen sie Visionen des Höchsten in diese Welt senden, der Welt die Geheimnisse der menschlichen Natur offenlegen, den Schleier zerreißen, der den wirklichen Menschen verbirgt, weil sie den Traum kennen, weil sie wissen, dass hinter dem Materialismus das wahre göttliche Wesen des Menschen lebt, das keine Sünde trüben, kein Verbrechen beschädigen, keine Lust töten, kein Feuer verbrennen und kein Wasser nass machen kann, das weder die Hitze austrocknen noch der Tod töten kann. Für sie ist dieses wahre Wesen des Menschen so wirklich wie jeder materielle Gegenstand für die Sinne eines Abendländers.
Genauso, wie ihr so tapfer seid, um mit einem Hurra vor die Mündung einer Kanone zu springen, genauso, wie ihr so tapfer seid, euch im Namen der Vaterlandsliebe zu erheben und euer Leben für euer Land zu geben, so sind sie im Namen Gottes tapfer. Dort ist es so, dass wenn ein Mensch erklärt, dass dies eine Welt der Vorstellungen ist, dass das alles ein Traum ist, er seine Kleidung und seinen Besitz fortwirft, um zu zeigen, dass das, was er glaubt und denkt, wahr ist. Dort ist es so, dass ein Mann am Ufer eines Flusses sitzt, wenn er erkannt hat, dass das Leben ewig ist, und seinen Körper aufgeben will, als sei er ein Nichts, genauso wie du einen Strohhalm aufgeben kannst. Darin liegt ihr Heldenmut. Sie sind bereit, dem Tod als einem Bruder entgegenzutreten, weil sie davon überzeugt sind, dass es für sie keinen Tod gibt. Darin liegt die Kraft, die sie durch Jahrhunderte von Unterdrückung, Invasionen und Fremdherrschaft unbesiegbar gemacht hat.
Diese Nation lebt noch heute, und selb...