III Institutionen im Würgegriff des Darwiportunismus: Darwinismus und Opportunismus
Ausgehend vom grundlegenden Unternehmenskonzept erfolgte in den bisherigen Abschnitten eine schrittweise Übertragung des Darwiportunismus auf Institutionen. So offensichtlich sich der darwiportunistische Befall von Institutionen anhand der in Abschnitt 3 (Kapitel II) beschriebenen Fallbeispiele auch aufzeigen lässt, exemplarischen Einzeldarstellungen fehlt es meist an konzeptioneller Fundierung und analytischer Durchdringung.
Ziel der Ausführungen in diesem Kapitel III ist es daher, die anhand der Beispiele aus verschiedenen institutionellen Bereichen im letzten Abschnitt gemachten Andeutungen einer konzeptionellen Rahmung zu unterziehen und mittels einer separaten Analyse für die zwei Dimensionen des Darwiportunismus zu vertiefen. Dazu widmet sich Abschnitt 1 der darwinistischen und der daran anschließende Abschnitt 2 der opportunistischen Dimension.80
1 Darwinismus: Selektion und Erosion von Institutionen
Tendenzen der Pluralisierung und Ausdifferenzierung sind auf dem Gebiet von Institutionen unübersehbar.81 Einerseits erhöht sich dadurch für Selektionsprozesse das Alternativenspektrum. Andererseits führt dies für die damit vermehrt zur Auswahl stehenden Alternativen – zumindest im Durchschnitt und ohne entsprechendes Wachstum auf der Nachfrager-/Nutzerseite – zur Reduktion ihrer Frequentierung bzw. Nutzungsintensität. Für Institutionen (z. B. Parteien) kann dies zu quantitativen Erosionserscheinungen82 führen, die sich beispielsweise im Verlust von Mitgliedern niederschlagen, aber daneben auch qualitative Erosionen provozieren (Abschnitt 1.1). Die darwinistische Markt- und Wettbewerbslogik pflanzt sich intrainstitutionell fort und setzt dadurch im Innenbereich von Institutionen Selektionsprozesse in Gang (Abschnitt 1.2). Für die Beschäftigungsverhältnisse in Institutionen resultieren daraus ebenfalls Selektions- und Erosionstendenzen. Sie sind u. a. mit einem Anstieg der atypischen Beschäftigung verbunden (Abschnitt 1.3) – eine Entwicklung, von der die Vertreter des Darwiportunismus (vermutlich aufgrund der Perspektivenverengung auf Führungs-(nachwuchs-)kräfte) abstrahieren. Im Verbund mit einer Vermarktlichung der intrainstitutionellen Strukturen ermöglicht die mit atypischen Beschäftigungsverhältnissen induzierte „Verflüssigung der Arbeit“ eine kaskadenartige Durchreichung des darwinistischen Prinzips bis auf die Ebene des einzelnen Arbeitsplatzes und des dort arbeitenden Menschen. Hier konkretisiert sich die Wettbewerbs- und Marktlogik durch Selbstökonomisierungstendenzen und die Mobilisierung der Subjektivierung, die aktuell u. a. durch die durch die Corona-Krise im vermehrten Umfang zum Einsatz kommende Home-Office-Arbeit zusätzlichen Auftrieb bekommen (Abschnitt 1.4)
1.1 Selektion und Erosion klassischer gesellschaftlicher Institutionen
Auf einer übergeordneten (Makro-) Ebene offenbaren sich Pluralisierungs- und Ausdifferenzierungstendenzen bei den Institutionen der politischen Willensbildung. So hat sich die deutsche Parteienlandschaft in den letzten 25 Jahren immer mehr aufgefächert. Neben der CDU/CSU und der SPD als so genannte klassische Volksparteien sowie der FDP haben sich inzwischen die Parteien der Grünen und der Linken sowie in der jüngeren Vergangenheit auch die Alternative für Deutschland (AfD) im Parteienspektrum weitgehend etabliert.
Das verbreiterte politische Angebot könnte zumindest als schwaches Indiz dafür interpretiert werden, dass sich die Pluralität der politischen Präferenzen der Wähler nur durch eine entsprechende Pluralität der Parteienlandschaft parlamentarisch einfangen lässt – bzw. die Ausdifferenzierung der Präferenzen zu einer Ausdifferenzierung des Parteienangebots führt.83
Nachdem der Deutsche Bundestag über mehrere Jahrzehnte hinweg von drei bzw. vier Parteien bestückt wurde, sind – darwinistischwettbewerblich betrachtet – zunächst mit den Grünen und dann mit den Linken sowie jüngst mit der AfD drei weitere Mitwettbewerber hinzugekommen. Damit ergeben sich für die Wahlbürger mehr (realistische84) Alternativen im Rahmen der Selektion. Dies setzt die Parteien sowie ihre jeweiligen Repräsentanten unter zusätzlichen Wettbewerbs- bzw. Selktionsdruck. Sie müssen sich daher nun mehrfach und intensiver gegenüber den Konkurrenten (sowohl zwischen als auch innerhalb der Parteien) abheben und abgrenzen sowie Differenzierungsmerkmale generieren und mobilisieren.85
Überdies zeichnet sich bei den Parteien in quantitativer Hinsicht ein Erosionstrend ab. Er lässt sich anhand der Entwicklung ihrer Mitgliederzahlen deutlich erkennen. Abbildung 2 zeigt hierzu den Verlauf der Mitgliederzahlen der Parteien in Deutschland in der Zeitspanne von 1990 bis 2018.86
Abb. 2: Entwicklung der Mitgliederzahlen deutscher Parteien
Für die Mitgliederverluste ist jedoch weniger ein Verdrängungswettbewerb aufgrund der Zunahme der institutionellen Alternativen im klassischen Sinne (Parteien) verantwortlich. So hat sich die so genannte Rekrutierungsfähigkeit von 1990 bis 2017 um weit mehr als die Hälfte reduziert:87 Ende 2017 lag die Rekrutierungsfähigkeit über alle Parteien hinweg bei nur noch 1,72 (nur 1,72% der jeweiligen Parteibeitrittsberechtigten in der Bevölkerung waren Parteimitglieder). Demgegenüber lag dieser Wert 1990 noch bei 3,65. Eine weitere Ursache des indizierten Mitgliederschwunds ist zumindest ergänzend in den aufkommenden Substituten für politische Betätigung und Einflussnahme jenseits der Parteien zu erkennen. Zu derartigen „Parteisubstituten“ für politische Willensbildung und -durchsetzung gehören u. a. auch regional agierende Bürgerbewegungen und Protestgruppen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), internetbasierte Polit-Plattformen, politische Influencer, parapolitische Institutionen wie attac. Sie sind in der Lage, themen- und interessenspezifisch sowie ad hoc politisch zu mobilisieren, wodurch sich letztlich zwangsläufig Machtverluste für Parteifunktionäre und Vertreter der Legislative auf der Bundes- und Landesebene ergeben.88
Ähnliche institutionelle Erosionserscheinungen wie bei den Parteien sind bei den deutschen Gewerkschaften festzustellen. Auch die Bindungsfähigkeit dieser Institutionen hat offensichtlich nachgelassen (vgl. Abbildung 3).
Abb. 3: Entwicklung der Mitgliederzahlen der DGB-Gewerkschaften89
Gewerkschaften übernehmen für die kollektivrechtliche Gestaltung von Arbeitsbedingungen (z. B. Mitbestimmungsrechte, allgemeine Tarif-, Entgelt- und Arbeitszeitpolitik) eine wichtige Funktion und sind die Verhandlungspartner der Arbeitgeberverbände. Ob und inwieweit sie im gesellschaftspolitischen Diskurs sowie bei Parteien und Regierungen Gehör finden und sich in Tarifverhandlungen gegenüber Arbeitgeberverbänden mit ihren tarifpolitischen Forderungen durchsetzen können, ist vor allem eine Machtfrage, für die ihrerseits besonders auch die Mitgliederzahlen entscheidend sind.
Die Entwicklung der Mitgliederzahlen der DGB-Gewerkschaften fällt (mit Ausnahme der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW) jedoch eher ernüchternd aus. Von 1990 bis 2019 haben die im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Einzelgewerkschaften rund 40% ihrer Mitglieder verloren. Die Gründe können beispielsweise darin gesehen werden, dass sich in einer Zeit der zunehmenden Pluralisierung und Ausdifferenzierung von Berufsbildern und Arbeitnehmerinteressen – u. a. angesichts der Tertiärisierung, womit der Wandel von typischen Arbeiter- zu Angestelltentätigkeiten verbunden ist90 – eine kollektive Bündelung immer schwerer fällt.91 Außerdem werden in Tarifverhandlungen erzielte Errungenschaften der Gewerkschaften (z. B. Verkürzung der tariflichen Wochenarbeitszeit, Lohn- und Gehaltssteigerungen) in aller Regel auch auf gewerkschaftlich nicht organisierte Beschäftigte übertragen. Derartige Verhandlungserfolge weisen daher die Eigenschaften von Kollektivgütern auf, wodurch Potenziale für opportunistisches Trittbrettfahrertum entstehen und Nutzenabsorbierungen ohne Aufwandsbeteiligungen (z. B. keine Beteiligung an Streiks, kein gewerkschaftlicher Mitgliedsbeitrag) ermöglicht werden.92
Im Zusammenspiel mit der Erosion des gewerkschaftlichen Organisationsgrades93 und der sinkenden Mitgliederzahlen ergibt sich dadurch insgesamt ein Verlust für die gewerkschaftliche Durchsetzungsmacht und -fähigkeit. Dies begünstigt einerseits die „Erosion der Tarifvertragsstrukturen“94.
Auf der anderen Seite fördert dies die Tendenz, die Aushandlung von institutionellen Regelungsmechanismen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen in der Praxis kaskadenförmig immer weiter „nach unten“ zu delegieren. „Unten“ umschreibt insbesondere die den tarifpolitischen Institutionen (insbesondere Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände) nachgelagerten Ebenen von eher situativ anpassbaren Betriebsvereinbarungen und individuellen Arbeitsverträgen sowie die Ebene der direkt ad hoc und face-to-face orientierten Anweisungen durch Vorgesetzte. Im Extremfall reicht die Delegationskaskade bis zur individualisierten und verinnerlichten Selbststeuerung nach weitgehend marktlichen Prinzipien bzw. bis zur Aktivierung der Logik der Subjektivierung.95