Geteiltes Land, gespaltene Familien?
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Geteiltes Land, gespaltene Familien?

Eine Oral History der DDR-Ausreise von Familien

  1. 288 Seiten
  2. German
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Geteiltes Land, gespaltene Familien?

Eine Oral History der DDR-Ausreise von Familien

Über dieses Buch

Seit dem Mauerbau verließen mehr als eine halbe Million Menschen per Ausreiseantrag die DDR, ab Anfang der 1980er-Jahre zunehmend (Ehe-)Paare mit minderjährigen Kindern.
Laura Wehr sprach mit 28 Personen aus acht Familien, die sich in den 1980er-Jahren aus unterschiedlichen Motiven entschieden, einen Ausreiseantrag zu stellen. Auf der Basis von lebensgeschichtlichen Interviews zeichnet sie nach, wie Eltern und Kinder den langjährigen Ost-West-Migrationsprozess erlebten und wie sie mit den damit verbundenen Herausforderungen umgingen, und sie wendet sich familialen Beziehungen zwischen West und Ost zu. Dabei zeigt sich, dass die Migrationsgeschichten von Familien oftmals schon in der Nachkriegszeit ihren Ausgang nahmen – und dass sie bis heute nachwirken, etwa wenn in den Familien über die Ausreiseerfahrung gesprochen oder das Thema »Remigration« zwischen den Generationen ausgehandelt wird.

Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783962891060
eBook-ISBN:
9783862844869
DGeteiltes Land, gespaltene Familien?

1Ausreise/n – erzählte (Familien-) Migrationserfahrungen

Nachfolgend soll auf der Basis von qualitativen Interviews gezeigt werden, wie Eltern und Kinder, die in den 1980er-Jahren gemeinsam per Ausreiseantrag aus der DDR emigriert sind, den familial geteilten Ost-West-Migrationsprozess erlebt haben und welche familialen Praktiken und Strategien hierbei zum Einsatz kamen. Dabei folgt die vorliegende Oral History der DDR-Ausreise von Familien der Chronologie des langjährigen Migrationsprozesses: von der Genese des Emigrationsentschlusses und der von vielen Herausforderungen geprägten Phase der Antragstellung und -bewilligung über die faktische Ausreise und den Neubeginn im Westen bis hin zur Wahrnehmung der »Wende« und der damit verbundenen Frage der Remigration, die manche von ihnen bis heute beschäftigt.

1.1Ausreisen …? Vom diffusen »Weg-Wollen« bis zur konkreten Antragstellung

Motivlagen
In keiner der befragten Familien war der Entschluss, das Land zu verlassen, Ausdruck einer spontanen Idee: Dafür waren nicht nur die Anforderungen, die es zu bewältigen galt, zu extrem, sondern auch die (erwartbaren) Einbußen zu groß (vgl. Hürtgen 2014, 66). Insbesondere Eltern minderjähriger Kinder nahmen mit der Migrationsentscheidung immense Verantwortung auf sich: Schließlich verließen die ausreisewilligen Familien aus damaliger Sicht für immer ihre Heimat, ließen Verwandte und Freund*innen zurück, gaben ihre günstige Wohnung, den sicheren Arbeitsplatz, die vertraute Schule auf. Dabei hatten die meisten Antragsteller*innen nur unklare Vorstellungen davon, was sie im Westen erwarten und wie sich ihr Leben in der Bundesrepublik gestalten würde: »Wir kannten ja im Prinzip nur die ›Quelle‹-Kataloge. Und das West-Fernsehen natürlich«, erzählt Paul West, der bei der Ausreise elf Jahre alt war. Er resümiert: »Letztendlich hatte man keine Vorstellung. Eine vage, dass alles bunter ist, schöner … Aber das ist natürlich sehr unkonkret.«
Fragt man die Angehörigen der Elterngeneration heute – rund ein Vierteljahrhundert nach der Ausreise –, was sie damals dazu bewogen hat, ihre sichere Existenz und ihren vertrauten Alltag gegen eine unabwägbare Zukunft einzutauschen (»Was hat Sie angetrieben?«), nennen sie eine Vielzahl unterschiedlicher Gründe und Motivationen: die Angst vor Bespitzelung, Verfolgung und Inhaftierung; den Wunsch nach Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit; den Überdruss an der permanenten Bevormundung durch den SED-Staat; den Ärger über die bildungs- und berufsbiografischen Einschränkungen; die Unzufriedenheit mit dem politischen und sozioökonomischen System; die Furcht vor inadäquater medizinischer Versorgung; die Sorge um die Zukunft und das Wohl der Kinder; die Angst vor der drohenden Einberufung der Söhne zur Nationalen Volksarmee (NVA); die Sehnsucht nach Reisefreiheit; soziale Verpflichtungen gegenüber den Westverwandten und das Bedürfnis nach Familienzusammenführung.
Anhand der Familienfallporträts im vorherigen Kapitel ist bereits deutlich geworden, dass es immer ein ganzes Bündel von zusammenwirkenden Motiven war, welches die Eltern1 letztlich dazu brachte, den Ausreiseantrag zu stellen und sich den damit verbundenen Risiken und Schikanen auszusetzen. Am besten illustrieren lässt sich dieser zentrale Befund anhand der Eingangssequenz des Interviews mit Clara Kowalski: »Es gab verschiedene Motivationen. […] Zum einen gab’s die KSZE, und da gab’s den Korb für Familienzusammenführung, und nachdem wir beide […] die Einzigen von zwei Familien waren, die in der DDR übrig geblieben sind, war das natürlich für uns so ein Wort, ›Familienzusammenführung‹. Wobei wir uns ja bewusst entschieden hatten, in der DDR zu bleiben. Ich denke, da war viel Motivation dabei, dass wir kirchlich so eingebunden waren. Und die Kirche hat immer gesagt, es können […] nicht alle aktiven und lebendigen Leute nach dem Westen gehen, sondern sie brauchen auch dort [im Osten] Leute, die bereit sind, Kirche und Staat zu verbinden. Und dann kam aber noch dieser Punkt mit der Zwangserhöhung dazu, dadurch, dass die Westgeschwister und meine Mutter immer alle kamen, da haben die den Zwangsumtausch wieder erhöht, und wir fanden das eine Unverschämtheit. Nachdem du eh mit dem Geld dort immer nichts anfangen konntest, also, die Verwandten konnten es uns schenken, aber sonst… Das Zweite war, dass der Hans den Solschenizyn gelesen hat, und da gibt’s dieses Bild von den Kaninchen, die sich immer in den Feldgruben ducken, und dieses Gefühl hatte der Hans ganz stark. Und das Dritte war, dass er zunehmend mehr Schwierigkeiten gekriegt hat in der Firma. Und noch dazu sein Wunsch, dass unsere Kinder mit den Kindern seines Bruders [im Westen] aufwachsen sollten. Und ich hab gemerkt, der Hans war unruhig, und dann hab ich ihn immer wieder gefragt: ›Was ist mit dir?‹ Bis er mir eines Nachts erzählt hat, er will einen Ausreiseantrag stellen. Und da hab ich aber gesagt: ›Ich will nicht mit.‹ Und dann haben wir halt lange miteinander hin und her geredet, und für mich war dann im Grunde der Punkt, dass ich gesagt hab, okay, wir wagen es, als ich gesehen hab, wie … Da gab’s in der DDR in den Schulen das ›Fest des Liedes und des Spiels‹. Und da mussten die Kinder auf dem Schulhof rummarschieren wie Soldaten. Und dieses gesamte Militante der DDR, das war für mich dann so, dass ich gesagt hab: ›Das will ich nicht. Ich will nicht, dass meine Kinder in so einem militanten Staat aufwachsen.‹«
Die benannte Vielzahl von Migrationsmotiven respektive -auslösern (in diesem Fall: der Wunsch nach Familienzusammenführung, die Sehnsucht nach Meinungsfreiheit, die ökonomische Unzufriedenheit, Konflikte am Arbeitsplatz, die Abscheu gegenüber der militaristischen schulischen Erziehung, …) einerseits und der darauffolgende rhetorische Abgleich mit den individuellen Haltepunkten2 andererseits – in diesem Fall vor allem: »die Kirche« – sind für alle erhobenen Familienmigrationsgeschichten charakteristisch.3
In der (überschaubaren) Übersiedler*innen-Forschung ist die Frage nach den Migrationsmotiven seit Mitte der 1980er-Jahre wiederholt diskutiert worden. In mehreren sozialwissenschaftlichen Studien wurden die Motive der Ausgereisten vornehmlich quantitativ erhoben, kategorisiert, hierarchisiert (vgl. z. B. Schumann et al. 1996, 67–92) – und infolgedessen auch bewertet, etwa, wenn (noch immer) die Rede davon ist, dass sie »sehr oft rein familiär oder wirtschaftlich« (Eckert 2016, 97) ausgerichtet gewesen seien.
Dass die Gründe für die Antragstellung stets in einem Motivbündel zu sehen sind und »private und wirtschaftliche Gründe […] oft nicht von den politischen getrennt betrachtet werden [können], da sie in vielen Fällen durch das DDR-System bedingt waren« (Bispinck 2005, 50), ist von der Forschung erst in jüngerer Zeit anerkannt worden. Dem vorausgegangen war eine sozial- und geschichtswissenschaftlich informierte Debatte über den politischen respektive unpolitischen Charakter der Ausreisebewegung: Während die einen den Akt der Antragstellung als per se widerständig definierten und damit allen Antragsteller*innen politische Motive zuschrieben (vgl. Eisenfeld 1995), unterstellten die anderen den Antragsteller*innen einen lediglich konsumorientierten und damit egoistischen Charakter (vgl. Roesler 2003; zur entsprechenden Debatte vgl. Hürtgen 2014, 81 f.).
Dass derartige Polarisierungen und Bewertungen wenig zielführend sind, hat die Historikerin Renate Hürtgen in ihrer Studie über Antragsteller*innen im Kreis Halberstadt betont. In Abgrenzung dazu unternahm sie den Versuch, anhand von einem breiten Konvolut an Akten über Antragsteller*innen sowie von Interviews mit ehemals Ausgereisten etwaige »Motivationen vergleichbaren Musters« und »wiederkehrende Motive« aufzuspüren. Im Ergebnis kam sie zu fünf »Typen« von Antragsteller*innen, nämlich:
1)Menschen, die schon früh in ihrem Leben durch die Staatsgewalt kriminalisiert worden waren, fortan mit Stigmatisierungen kämpften und als »Staatsfeinde« galten (vgl. Hürtgen 2014, 83–87);
2)Menschen, die darauf hofften, »mithilfe des Antrags einen persönlichen Missstand beseitigen zu können, etwa eine akzeptable Wohnung zugewiesen zu bekommen oder die Genehmigung für eine Besuchsreise in die BRD zu erwirken« (Hürtgen 2014, 87);
3)Menschen, die aufgrund ihres Herkunftsmilieus – sie waren z. B. in einer Pfarrersfamilie oder als Kinder eines selbstständigen Handwerkers aufgewachsen – »aus dem gesellschaftlichen Mainstream gefallen« (Hürtgen 2014, 90) waren, vielfältige Ausgrenzungen erlebt hatten und sich in ihrer Bildungsbiografie eingeschränkt sahen;
4)Menschen, die vor allem eine Familienzusammenführung mit Verwandten im Westen anstrebten (vgl. Hürtgen 2014, 93–96);
5)Menschen, die aus der Mitte der DDR-Gesellschaft kamen, sich aber mit dem bisher Erreichten nicht zufriedengaben: Sie wollten »ihr Leben nicht weiterhin im Mangel verbringen«, sondern endlich »Dinge […] tun können, die ihnen bisher versagt« (Hürtgen 2014, 103) geblieben waren.
Setzt man diese Einteilung mit den Familienfallporträts aus Kapitel C in Bezug, so fällt auf, dass in der Gruppe der interviewten Familien keinesfalls alle fünf Motivgruppen vertreten sind: Antragsteller*innen, die schon in ihrer Kindheit oder Jugend mit der Staatsgewalt massiv in Konflikt geraten und kriminalisiert worden waren (Gruppe 1), finden sich im Sample ebenso wenig wie Personen, die den Ausreiseantrag »nur« als Mittel benutzten, um eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse in der DDR zu erreichen (Gruppe 2). Vielmehr lassen sich die interviewten acht Familien ausschließlich den Motivgruppen 3, 4 und 5 zuordnen – und stellen fast immer4 »Mischtypen« dar.
Dass sich die in Interviews und Vernehmungsprotokollen genannten Ausreisemotive nicht trennscharf den fünf Gruppen zuordnen lassen, sondern stets Überschneidungen vorhanden sind, konstatiert auch Renate Hürtgen. Die Historikerin behilft sich damit, einen »kleinsten gemeinsamen Nenner« aller Antragsteller*innen zu benennen – die »Hoffnung auf einen Neuanfang im Westen« (Hürtgen 2014, 103). Diese Aussage trifft definitiv auch auf die hier interviewten Familien zu: Auch sie »fanden sich mit den Beschränkungen in der DDR nicht ab und wollten die Weichen für ihr Leben neu stellen. […] Sie wollten dort hingehen, wo sie gut arbeiten und besser leben konnten« (Hürtgen 2014, 104).
Angesichts der Singularität und Drastik der individuellen (Familien-)Schicksale fällt es generell schwer, verallgemeinernde Aussagen über die Motive der interviewten Antragsteller*innen zu treffen. Zudem soll es nachfolgend nicht darum gehen, »eine Vielzahl von politischen und materiellen Gründen für Unzufriedenheiten aufzuzählen, und sie womöglich noch in ihrer Bedeutsamkeit hierarchisch zu ordnen« (Hürtgen 2014, 18). Die Rekonstruktion der Familienbiografien und der empirische Vergleich der acht Familienfälle offenbaren jedoch, dass die »biografische Wahrscheinlichkeit«, einen Ausreiseantrag zu stellen, unterschiedlich hoch war. Entsprechend ist jenseits der oben zitierten Einteilung nach Motivgruppen auch eine andere Form der Kategorisierung denkbar, nämlich in:
a)Fälle, bei denen die Antragstellung, aus der erzählerischen Retrospektive betrachtet, »nur eine Frage der Zeit« (Hürtgen 2014, 84) war: Die Betreffenden hatten aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Herkunftsmilieu – etwa als Angehörige christlich orientierter Familien oder als Kinder von beruflich Selbstständigen – schon früh strukturelle Nachteile und Stigmatisierungen erfahren (Maria Fink: »Seit der Schulzeit wollte ich in diesem Staat schon nicht mehr leben, da es in unserer Familie […] immer nur Komplikationen mit diesem Staat gab.«). Zwar war es ihnen dann gelungen, sich mit einem/einer ähnlich denkenden Partner/in ein relativ befriedigendes Leben in der DDR aufzubauen. Die Option Ausreise war den Männern und Frauen aber stets bewusst. Zumeist war es dann ein Schlüsselerlebnis (wie der Tod des Ehemanns, ein demütigendes Polizeiverhör, eine berufliche Degradierungsmaßnahme …), das den letzten Anstoß gab, den Ausreiseantrag für sich und die Familie zu stellen.
b)Fälle, bei denen die Antragstellung innerhalb kürzester Zeit und für die Betroffenen selbst vollkommen überraschend zur einzigen Option geworden war: Durch ein unvorhersehbares biografisches Schlüsselereignis – ein Haus-Erbe im Westen oder die Hochzeit der Tochter mit einem (westeuropäischen) »Ausländer« – sahen sich die Eltern zu dieser Exit-Strategie veranlasst, die sie ansonsten wohl kaum für sich und ihre Familie gewählt hätten, da sie sich mit dem Leben in der DDR weitestgehend arrangiert hatten. Jedoch hatten auch diese Menschen unbefriedigende Erfahrungen mit dem SED-System gemacht: Im Interview werden diese Negativerfahrungen wiederholt herangezogen, um den Migrationsentschluss zu rechtfertigen – respektive die eigene agency erzählerisch zu wahren. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung von Bernhard Lieb, der in der Rekonstruktion der Migrationsmotive zwar die Hochzeit seiner Tochter als entscheidenden Faktor benennt, diese jedoch im Sinne des zu behauptenden Handlungsvermögens narrativ umdeutet – vom externen Ereignis, auf das zwangsläufig reagiert werden musste, hin zur günstigen biografischen Gelegenheit, die von den tatkräftigen elterlichen Akteuren sogleich ergriffen wurde: »Wir passten da eigentlich nie rein in diese ganze Geschichte, so eine doktrinäre Gesellschaftsordnung, das passte uns alles nicht. […] Obwohl ich eigentlich gar keinen Anlass hatte, die DDR zu verlassen. Ich hatte ja [früher] einen super Job als freischaffender Fotograf, ich war nirgendwo eingebunden und ich war ja privilegiert, allein vom Verdienst her und auch vom Lebensstil, ne? Aber das passte uns alles nicht, und das hat sich dann nachher, Anfang der 80er alles zugespitzt, man sah ja, das ging alles den Bach runter. Alle verließen das sinkende Schiff, also haben wir gesagt: ›Dann müssen wir schauen, dass wir nicht die letzten sind [lacht], die das Licht ausmachen.‹ Und dann musst du ja ’nen Weg finden, wie du das [englisch:] handeln kannst, und das ging über Julia, dass sie nach Schweden geheiratet hatte, und wir da hinterher. So war das.«
c)Fälle, bei denen der konkrete Anlass zur Antragstellung dem sprichwörtlichen »Tropfen« entsprach, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte (Rudolf Franke: »Weil das alles immer so zusammenkam, haben wir dann den Antrag gestellt«). Diese Familien kamen aus der Mi...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. A DDR-Ausreise von Familien – ein unerforschtes Thema
  6. B Ausreisegeschichten, Familiengeschichten. Methodische Überlegungen
  7. C Die Familien und ihre Ausreise/n: Neun Migrationsverläufe im Porträt
  8. D Geteiltes Land, gespaltene Familien?
  9. E Familienprojekt Ausreise? Ein Fazit
  10. Anhang

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