G. Die Folgen
I. Internationale Verbreitung und
Kooperation mit der ‚Ntrangheta
Der Regisseur Woody Allen hätte die Szene nicht komischer überzeichnen können: In einem Lokal an der malerischen Bucht der süditalienischen Stadt Agropoli aßen wir während unseres Aufenthalts im Sommer 2005 zu Abend. Am Nachbartisch saß ein französisches Paar, einzelne Paare ohne Kinder an einigen der übrigen Tische. Plötzlich inspizierte ein hochgewachsener Mann, hellhäutig, kurze, blonde Haare, von osteuropäischem Einschlag, wie es im Fahndungsjargon heißt, das Lokal. Unter der dunklen Lederjacke sah man überdeutlich die Konturen einer größeren Handfeuerwaffe. Bewegungen und Habitus wirkten eher, als überblicke er ein potenzielles Gefechtsfeld als ein Restaurant. Der Mann hatte das Lokal noch nicht verlassen, als hektische Betriebsamkeit unter dem Personal einsetzte. Tische und Stühle wurden neu geordnet. Wenig später betraten drei Männer und fünf Damen die Terrasse. Der Mann mit der Waffe blieb im Hintergrund. Bevor die Mafiosi eintraten, befanden sich auf der Terrasse nur gut erzogene Menschen. Das sah man an der Sitzordnung, die sich aus guten Manieren heraus zwanglos ergibt: die Damen mit Blick auf die malerische Bucht, die Herren mit Blick auf den Innenraum. Die Herren der ‚Ndrangheta dagegen saßen aus verständlichen Gründen nebeneinander, mit dem Rücken zur Wand und Blick auf die Bucht. Die Freude an der malerischen Kulisse war allerdings ihr Motiv nicht. So witzig wie diese kleine Episode aus dem Sommer 2005 ist die Wirklichkeit nicht.
Der italienische Staatsanwalt Antonio de Bernardo äußerte sich in der Online-Ausgabe des schweizerischen „Tagesspiegel“ am 7. August 2016 zur Organisation der ‚Ntrangheta. Anlass war die Zerschlagung der „Frauenfelder Zelle der kalabrischen Mafia“. Es ist notorisch schwierig, den Aufbau einer riesigen, klandestin operierenden Verbrecherorganisation zu verstehen. ‚Ntranghetisti leben im Ausland unauffällig und tragen Reichtum nicht zur Schau.178 Sie bedienen sich eines internen Sprachcodes, der Außenstehenden nicht unmittelbar verständlich ist. Erst seit dem Jahre 2006 sei es gelungen, „die Struktur und die Funktionsweise der ‚Ntrangheta, sowie ihre Verbindungen ins Ausland sehr detailliert zu rekonstruieren“.179 Eine Zelle der ‚Ntrangheta besteht aus mindestens 40 Mitgliedern.
„Die ‚Ndrangheta ist eine globale Organisation mit einheitlichen Strukturen und Kommunikationsweisen. Hierarchien und Funktionen ihrer Ableger sind in allen Ländern gleich. Beispielsweise konnten wir feststellen, dass die Zelle im Kanton Thurgau starke Beziehungen zu einer höheren ‚Ndrangheta-Einheit in Kalabrien unterhielt. Dank Gesprächsaufzeichnungen lernten wir viel über die Redeweisen der ‚Ndranghetisti, etwa über typische Wörter und Formeln. Wir konnten nun Aussagen verstehen, die frühere Ermittler nicht verstanden hätten. Zudem stellten wir fest, dass die Frauenfelder-Zelle personelle und organisatorische Verbindungen zur ‚Ndrangheta-Zelle im süddeutschen Singen hatte.“180
Die globale Ausbreitung der Organisation ist nicht das Ergebnis eines übergeordneten Plans. Mit der Auswanderung von Kalabresen, die Mitglieder waren, verbreitete sie sich in den klassischen Einwanderungsländern: Schweiz, Kanada, Deutschland.
„Die internationale Ausbreitung der ‚Ndrangheta ist vielmehr eine Begleiterscheinung der Auswanderung von Kalabresen. ‚Ndranghetista wird man, weil man einer Familie angehört, die Teil der ‚Ndrangheta ist. Wenn sich solche Leute im Ausland niedergelassen haben, beginnen sie dann, kriminelle Geschäfte zu tätigen, wenn sich ihnen die Chance bietet. In ihrem Jargon sprechen sie von ‚Arbeitsmöglichkeiten“. Das kann Drogen- oder Waffenhandel sein, Erpressung oder Geldwäscherei und einiges mehr. Sobald eine Zelle entsteht, tendiert sie dazu, ihr Territorium zu kontrollieren.“181
Territoriale Kontrolle, wirtschaftliche und politische Macht sind die grundlegenden Ziele. Das Verbrechen kann man nicht abschaffen, aber begrenzen. Hellsichtig stellt der italienische Staatsanwalt Antonio de Bernardo fest:
„Wo die ‚Ndrangheta ist, wird sie immer versuchen, die Wirtschaft zu infiltrieren – eben auch über das öffentliche Beschaffungswesen. Aber: Die Einflussnahme gelingt der Mafia umso weniger, je stärker und pluralistischer eine Wirtschaft aufgestellt ist und je besser die staatlichen Institutionen funktionieren. Die Schweiz ist – im Vergleich zu Italien – immuner gegen die ‚Ndrangheta. Dennoch sollte sie sehr wachsam sein.“182
Die europäische Kokainindustrie hat einen geschätzten Umsatz von 34 Milliarden Dollar pro Jahr. Beherrscht wird der Markt von der ‚Ndrangheta. Der Kontakt zu den Zetas ermöglichte es der ‚Ntrangheta, neben den direkten Transportwegen aus Kolumbien, einen neuen Weg für kolumbianisches Kokain, und zwar über die USA, vor allem New York, einzurichten.183 Das sichert die Versorgung, wenn ein Transportweg ausfällt oder gestört wird. Die Zetas organisieren den Transport über die USA in den sicheren Hafen Gioia Tauro in Süditalien.184 Kokain aus Kolumbien wird heute (2018) verstärkt in Schiffscontainern transportiert. Neue Zielhäfen sind Algeciras, Antwerpen und Rotterdam.185
Am 18. März 2016 verhaftete die spanische Polizei den mexikanischen Staatsbürger Juan Manuel Muñoz Luévano. US-Behörden identifizierten ihn als hochrangiges Mitglied der Zetas und verlangten die Auslieferung. Die Ermittlungen der spanischen Polizei ergaben überraschende Ergebnisse: Muñoz arbeitete offenbar unabhängig für mehrere Kartelle gleichzeitig. Er knüpfte in Europa Geschäftsverbindungen nicht nur für die Zetas, sondern auch für das Golfkartell, das Sinaloakartell und für die Beltran-Leyva-Organisation.186 Internationale Kooperation erlaubte es auch dem Sinaloakartell, ein Netzwerk in Australien aufzubauen.187 Dort wurde Anfang 2019 Metamphetamin im Wert von 1.29 Milliarden US-Dollars auf einen Schlag beschlagnahmt. Experten gehen von einer Kooperation zwischen dem Kartell von Sinaloa und chinesischen Banden aus, die den Vertrieb in Australien regeln.188 Zwischen beiden gibt es schon über eine längere Zeit Geschäftsbeziehungen. Aus China bezog das mexikanische Kartell die Chemikalien, die man zur Herstellung synthetischer Drogen braucht.189
Man darf es nie aus den Augen verlieren: Verbrecherkartelle sind illegale multinationale Unternehmen mit Verbindungen zur legalen Wirtschaft. Diese werden durch die Deregulierung von Waren- und Finanzströmen weltweit gefördert. Die Präsenz der mexikanischen Kartelle in anderen Staaten Amerikas muss nicht immer mit Waffeneinsatz verbunden sein. Es geht auch nicht nur um Expansion und Diversifikation des Drogenangebots (Kokain, Heroin, Methamphetamin etc.). Der Aufbau transnationaler Strukturen erschwert auch die polizeiliche Ermittlung und Verfolgung.190 Die Generalstaatsanwaltschaft Mexikos, die Procuraduría General de la República (PGR), geht davon aus, dass neun Kartelle den Drogenmarkt in 51 Ländern beherrschen. Vier mexikanische Kartelle sind in Honduras aktiv. Das Sinaloakartell, Jalisco Nueva Generatión, Los Zetas und das Golfkartell erhalten operative Hilfe von den Maras und von lokalen Banden im Land. Sie haben die Transportwege unter Kontrolle und unterhalten Stützpunkte für den Waffenhandel und den Transport von Kokain, Metamphetamin, Heroin und chemischen Grundstoffen zur Weiterverarbeitung von Kokapaste. Transportmittel sind Amphibienfahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und Autos. Um die Kontrolle der Transportwege stehen alle Kartelle untereinander in Konkurrenz. Das Urteil eines honduranischen Fahnders: Honduras ist keine reine Transportzone mehr, sondern eine Operationsbasis.191
Idealtypisch kann man bei der organisierten Kriminalität zwischen Organisationen und Netzwerken unterscheiden. Organisationen sind in der Regel hierarchisch strukturiert und haben eine feste Kommandostruktur und Aufgabenverteilung. Netzwerke sind dezentral und agieren semiautonom. Die Hernandéz-Familie aus Matamoros gehörte eher zu einem Netzwerk und führte übergeordnete Aufträge aus. Netzwerke sind in der Regel schwerer zu ermitteln als klare Organisationsstrukturen.192 Das wird an der neuen Struktur des Heroinhandels in New York deutlich. Nach Auskunft des Spezialagenten James J. Hunt, Chef der Drug Enforcement Adminstration (DEA) in New York, wurden die alteingessenen Mafiafamilien im Heroinhandel vom Markt verdrängt. Die gehandelte Menge habe sich in den letzten acht Jahren verzehnfacht. Händler aus der Dominikanischen Republik würden auf individueller Basis mit mexikanischen Lieferanten die Preise aushandeln. Die Strukturen der organisierten Kriminalität hätten im Gegensatz zu früher eine flache, weniger formale Hierarchie.193 Die organisierten Mafiafamilien könnten angesichts der neuen Lage wenig ausrichten. Ein gegnerisches Kartell, gegen das man einen klassischen Machtkampf führen könnte, sei nicht vorhanden. Gegen ein Heer individueller Dealer, die auf eigene Rechnung arbeiten, würden einzelne Morde nichts ausrichten und nur Aufsehen erregen. Letzteres mag einer der Gründe dafür sein, dass Mafianetzwerke verstärkt in Kolumbien aktiv werden, um Teile der Kokainproduktion zu monopolisieren.194
Durch das Dark-...