Das Unfassbare begreifen
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Das Unfassbare begreifen

Gewalt und Missbrauch in christlichen Kreisen

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Das Unfassbare begreifen

Gewalt und Missbrauch in christlichen Kreisen

Über dieses Buch

Unfassbar, aber nicht unbegreifbar ist das, was Menschen überleben können. In diesem Buch werden Grundlagen zu Trauma und Dissoziation erklärt. Da Gewalt und Missbrauch auch in christlichen Gemeinschaften zu finden sind, wurde diese Aufklärung vorrangig für Christen geschrieben. Es ist eine leicht verständliche Verbindung zwischen Psychotherapie und biblischer Lehre. Ein besonderes Anliegen dieser Lektüre ist die Vermittlung von Folgen extremer Gewalt, die oft generationsübergreifend und völlig unbemerkt in unserer Mitte vorkommt. Folgen für den Glauben, die Psyche und für ganze Gemeinden werden sensibel aufgezeigt. Vernachlässigung, MindControl, geistlicher Missbrauch, sexuelle und Rituelle Gewalt sind die Themen. Die Folgen von organisierter und Ritueller Gewalt werden ausführlich dargelegt, weil diese Thematik unter Christen kaum bekannt ist. Erlebtes kann nicht immer erinnert werden, dafür gibt es gute Gründe. Zersplitterte Persönlichkeiten können bei schwerster Traumatisierung entstehen, Dissoziative Identitäten sind im Extremfall die Folge. Unser Denken und der freie Wille sind im Heilungsprozess bedeutsam. Genauso wichtig ist kompetente Hilfe und Begleitung für Betroffene, Helfer und Religionsgemeinschaften. Die Bedeutung menschlicher Bindungen, Konsequenzen aus der Schöpfungsidee Gottes und der Sinn des Lebens und Leidens werden ebenso thematisiert wie der seriöse Umgang mit dunklen Mächten und christlichem Befreiungsdienst im Bereich von Seelsorge und Therapie. Die Autorin hat die Inhalte von unabhängigen Fachkräften aus Medizin, Theologie und Traumatologie prüfen lassen. Sowohl fachkundige Christen aus unterschiedlichen Kirchen, als auch ungläubige Fachkräfte können den Inhalten vollumfänglich zustimmen.

Häufig gestellte Fragen

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Hilfe für Betroffene

Vielleicht ist dies das erste Kapitel, das Sie lesen. Ich mache das oft so, dass ich mir aus den Büchern die interessantesten Kapitel heraussuche und irgendwie hoffe, ich könnte den Rest überspringen. Oft schon musste ich feststellen, dass mir einzelne Kapitel nicht viel nützen. Ohne Kontext ist das Verständnis begrenzt und der Nutzen eingeschränkt. So ähnlich können Sie sich das auch mit dem manchmal langen Weg der Heilung vorstellen. Ungeduldig möchten wir am liebsten eine Pille schlucken und alle Schwierigkeiten abschütteln. Aber ein verkürzter Weg funktioniert nicht oder wenn, dann nur vorübergehend.
Wir Christen glauben nur zu gerne an fromme Superwege und benutzen Bibelworte als Rechtfertigung für die selbsterdachten Abkürzungen. Haben Sie auch schon gehört, dass ein psychisch Kranker nur deshalb noch krank wäre, weil er nicht genug gebetet und geglaubt hätte? Vielleicht hätte er im Herzen seinen Peinigern noch nicht vergeben? Wie auch immer, die Schuld wird beim Betroffenen gesucht, so können wir am leichtesten erklären, warum Gott noch keine Heilung geschenkt hat. Heilung geht manchmal andere Wege, als uns lieb ist.
Dazu gibt es einen netten Witz: Ein Christ versinkt im Moor. Er fleht zu Gott: „Herr, rette mich vor dem Tod!“ Da kommt ein Wanderer daher und will den Mann herausziehen. Der wehrt ab: „Nicht nötig, Gott wird mir helfen!“ Ein zweiter Wanderer kommt vorbei, ebenso ein dritter. Jedes Mal wiederholt sich das Spielchen. Der Christ sinkt immer tiefer und geht schließlich unter. Seine Seele steigt auf zu Gott. Entrüstet fragt er seinen Schöpfer, warum er ihn denn nicht gerettet hätte. Schließlich hätte er das in der Bibel doch verheißen! Da antwortet Gott: „Ich habe dir doch sogar drei Retter vorbeigeschickt! Was sollte ich denn sonst noch machen?“ – Er zwingt eben niemanden, seine Hilfe als solche zu erkennen und anzunehmen.
In der Bibel lesen wir in Sirach 38, dass Ärzte eine gute Erfindung Gottes sind und dass wir auch Arznei nehmen sollen. Zusätzlich wird betont, dass wir uns im Krankheitsfall von Sünden reinigen und die Zwiesprache mit Gott suchen sollen. Gerade in der Krankheit sollen wir Gott loben, unseren Sinn auf ihn richten und dabei den Arzt seine Arbeit tun lassen. Ärzte kümmern sich um die Seele und den Körper, Gott kümmert sich um den Geist. Geist, Seele und Körper bilden eine Einheit. Heilung geschieht nur dann vollständig, wenn alle drei Ebenen berücksichtigt werden.
Ich habe schon viele Geschwister getroffen, die Gott gerne vorgeschrieben hätten, wie eine Heilung aussehen sollte. Auch habe ich Christen getroffen, die dem Kranken die Schuld für seine andauernde Krankheit gaben. Sie haben sich nicht nur zum Richter aufgespielt, sondern sind auch selbst zum Täter geworden.
Wer Gottes Weg der Heilung verstehen will, kommt an einem Thema nicht vorbei: der Buße im Sinne von Erneuerung der Gedanken. Im Kontext von Trauma und Gewalt betrifft der wichtigste Gedanke, der zu erneuern ist, die Ansicht, als Opfer sei man selbst irgendwie schuldig, schmutzig oder verantwortlich. Wer Opfer von Missbrauch wurde, ist niemals für das Handeln der Täter verantwortlich. Verantwortung können wir nur für unser eigenes Denken und Handeln übernehmen. Das, was andere Personen betrifft, ist nicht unsere Angelegenheit. Wenn einem Opfer eingeredet wird, dass es dazu beigetragen hätte, den Täter zum Täter werden zu lassen, haben wir es mit Lüge zu tun. Opfern wird z. B. vorgeworfen, der Minirock wäre zu aufreizend gewesen oder die kindlichen Kulleraugen hätten so sexy gewirkt. Dies ist eine Täterstrategie, die nur das Ziel hat, dem Opfer „das Maul zu stopfen“. Es ist feige und falsch, zu behaupten, ein Opfer hätte einen eigenen Beitrag zum Missbrauch geleistet. Täter tragen die Verantwortung alleine.
Es gibt sie noch, die Unsensiblen, die stets von sich auf andere schließen und Opfern die Welt erklären wollen. Sie behaupten z. B., wenn das Opfer dem Angreifer einfach eine Ohrfeige gegeben hätte, wäre nichts passiert. Wenn sich jeder nur richtig wehren würde, wäre kein Missbrauch möglich. Dass Menschen unterschiedliche Begabungen, Kompetenzen, Mentalitäten und Persönlichkeiten haben, vergessen diese Neunmalklugen gerne. Nicht alle können mit Schlagfertigkeit kontern oder wissen ihre Fäuste einzusetzen. Man kann das bedingt trainieren, aber wer arglos durch die Welt geht, hat erst mal keinen Grund, sich in Selbstverteidigung zu üben. Dieser Bedarf wird erst mit dem Auftreten von Schwierigkeiten offenbar.
Wer schon traumatische Erfahrungen erlebt hat, kann sich oft deshalb nicht wehren, weil die Dissoziation es nicht zulässt. Wer sein Trauma nicht vollständig in seine Lebensgeschichte integriert hat, wird leicht wieder zum Opfer. Frühe Traumata wiederholen sich manchmal lebenslang. Wer jedoch seine traumatischen Erlebnisse realisiert und aufgearbeitet hat, kann sich wirkungsvoll schützen.

Christliche Begleitung

Für mich als christliche Therapeutin ist klar, dass meine Arbeit im seelischen Bereich nur Stückwerk ist. Wenn eine Patientin die geistliche Ebene berücksichtigen möchte, ist es meine Aufgabe, sie in die Gegenwart Gottes zu führen bzw. mit ihr gemeinsam dorthin zu gehen. Wenn ich ihr als Glaubensschwester mit einem Gebet dienen kann, will ich das gerne tun. Der Handelnde auf der geistlichen Ebene ist jedoch immer Gott selber.
Bei der Recherche für dieses Buch und in Gesprächen mit unterschiedlichen Christen fiel mir auf, dass verletzte Menschen in besonderer Weise nach übersinnlichen Lösungen suchen. Liest man Rezensionen von extrem anmutender christlicher Befreiungs-Literatur, fällt auf, dass die christliche Leserschaft geteilt ist. Es scheint keine konsensorientierte Mitte zu geben.
Eine Spaltung ist nie gut und ich bin kein Freund von extremen Urteilen. Wenn ich mich mit zweifelhafter Literatur beschäftige, dann versuche ich die Spreu vom Weizen zu trennen und suche nach etwas Brauchbarem. Bisher fand ich noch bei jedem Autor einen kostbaren Gedanken, mal mehr, mal weniger. Nicht jedes Buch in meiner Literaturliste kann ich uneingeschränkt empfehlen. Ich bin aber auch kein Richter über andere Werke. Sie sind als Leser selbst dafür verantwortlich und entscheiden alleine darüber, wie Sie das geschriebene Wort für sich bewerten wollen.
In der Bibel werden wir als Christen aufgefordert, nach Einheit zu streben. Einheit schließt Toleranz und unterschiedliche Positionen in Randfragen nicht aus. Auch wenn die Fragen, die dieses Buch aufwirft, emotional stark behaftet sind, große Betroffenheit auslösen und für manche Menschen in ihrem Leben geradezu elementar zu sein scheinen, betrachte ich den gesamten Themenkomplex nicht als zentrale christliche Botschaft.
Als Christ gerettet zu sein, hat erst mal nichts mit der Frage nach der Gesundheit zu tun. Die Bibel lehrt uns, dass Verletzungen nicht im Widerspruch zur persönlichen Rettung stehen. In Römer 10,9 steht: „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst: ‚Jesus der Herr!‘, und wenn du von ganzem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, dann wirst du gerettet werden.“
Das persönliche Glaubensbekenntnis ist wichtig, da sollten sich alle Christen einig sein. Leider findet geistlicher Missbrauch auch und gerade bei denen statt, die von ihren Verletzungen geheilt werden wollen. Ich will es noch deutlicher sagen: Wenn es jemandem schlecht geht, bedeutet das nicht, dass an der Rettung durch Jesus gezweifelt werden darf.
Keine Form der Gefangenschaft steht mit Gottes Wort im Einklang. Nehmen wir ein Beispiel: Wir alle kennen das Gebot, Vater und Mutter ehren zu sollen. Es ist ein Gebot mit einer Verheißung, keine Mussforderung. Wenn nun ein Vater sein Kind missbraucht hat, denken manche Christen, sie müssten diesem Vater trotzdem dienstbar sein, um ihn zu ehren. Abgesehen davon, dass Sie gar nichts müssen, wäre zu klären, was „ehren“ überhaupt bedeutet. Es bedeutet sicher nicht eine Knechtschaft, die sich manche Menschen als fromme Last selbst auferlegen. Jesus sagt in Matthäus 11,28–30: „Kommt her zu mir, alle, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab. Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.“ Hier ist von Joch und Last die Rede, aber sehen Sie genau hin! Ein Joch, das nicht drückt, und eine Last, die leicht ist. So etwas gibt es nach unserem Verständnis nicht. Es ist kein uns bekanntes Joch und keine Last nach unserer Definition, sonst würden sie drücken und wären nicht leicht.
Jesus entlastet uns in einem Lernprozess. Lernen braucht Zeit. Entlastung ist kein Indikator für Heilsgewissheit, sondern ein Angebot Jesu. Hilfe ist in biblischen Beispielen nicht immer mit der Errettung der Seele gekoppelt.

Metanoia

Buße ist ein missverstandenes Wort. Es wird in der heutigen Zeit vollkommen anders interpretiert und verwendet, als es die ursprüngliche Bedeutung vorsieht. Das griechische Wort für Buße lautet metanoia, es bedeutet so viel wie „den Sinn erneuern“. Im psychologischen Kontext sprechen wir von „kognitiver Umstrukturierung“, im Volksmund würden wir vielleicht „Umdenken“ sagen.
Wussten Sie, dass Jesus gar nicht primär auf diese Welt gekommen ist, um uns unsere Schuld zu vergeben? Jesus hat von sich selbst gesagt, dass er gekommen ist, um die Sünder zur Buße zu rufen (Lukas 5,32). Sünde bedeutet Zielverfehlung. Wer vom Weg abgekommen ist, soll umdenken. In Römer 3 lesen wir, dass wir alle Sünder sind und dass da keiner ist, der vor Gott bestehen kann. Die erste Sünde ist eine Lebensausrichtung, die Gott nicht zum Ziel hat. Das leite ich aus dem ersten Gebot ab, das gerne und oft übersehen wird. Nach meinem Bibelverständnis sind alle Menschen aufgefordert, umzudenken, weil sie am Ziel vorbei leben. Es geht gar nicht um die Frage, wer böse ist, sondern wer das Ziel erreicht. Gute und böse Taten sind nur die Folge unserer Art zu denken und zu leben, sie sind nicht das Ziel. Das Ziel, das Jesus für uns Menschen im Sinn hatte, als er diese Erde betrat, war die Erneuerung unserer Gedanken und Sinne. Erst wenn wir umgedacht haben, können wir das Ziel unseres Lebens erreichen. Damit sind wir bei der nächsten großen Frage, an der sich zahlreiche Philosophen erfolglos versucht haben, nämlich der Frage nach dem Sinn des Lebens.
Der Sinn des Lebens ist erstaunlich einfach zu verstehen, wenn man nach christlichem Verständnis bedenkt, dass Gott uns nach seinem Bild als ein Gegenüber geschaffen hat. Gott selbst will mit uns zusammenleben, so wie es im Garten Eden vor dem Sündenfall war und wie es in der Ewigkeit (die schon da ist) auch wieder sein soll. Ziel unseres Lebens ist also die Gemeinschaft mit dem Schöpfer dieser Welt. Dieses hohe Ziel ist verblüffend leicht zu erreichen. Wir brauchen nur umzudenken. Gott selbst hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir in seine Gegenwart kommen können. Es ist alles getan, wir müssen gar nichts leisten. Es genügt tatsächlich ein Umdenken, griechisch: metanoia, biblisch: Buße.
Warum ist das Umdenken so wichtig?
Zunächst einmal ist es logisch, dass man sein Ziel nicht erreichen kann, wenn man in die falsche Richtung läuft. Wer die heilsame Gemeinschaft mit Gott nicht zum Ziel hat, läuft automatisch in andere Richtungen. Ob die Familie, Karriere, gute Taten, Ehrenämter, Ruhm und Ansehen oder die Bequemlichkeit, alles kann zum Ziel und damit zu einem persönlichen Gott werden. Es ist völlig unerheblich, ob wir als gut oder als böse definierten Lebenszielen nachjagen, denn sie enden alle mit unserem Tod. Nur die Gemeinschaft mit unserem ewigen Schöpfer kennt keine Todesgrenze und gibt unserem Mühen und Schaffen auf dieser Welt einen Sinn, der nicht vergeht. Davon abgesehen ist es extrem heilsam, schon in diesem Leben mit einem Bein in Gottes Herrlichkeit zu stehen. In der Gemeinschaft mit Gott geschieht eine fortdauernde Heiligung, weil Gott selbst heilig ist. Wir tun uns selbst einen Gefallen, wenn wir die Nähe Gottes suchen und in seinem warmen Licht Veränderung erfahren. Meine Mutter meinte immer: „Sage mir, mit wem du Umgang hast, und ich sage dir, wer du bist.“
Das mit dem „warmen Licht“ möchte ich noch kurz erklären, weil es eine Konsequenz unserer Hinwendung zu Gott darstellt und für unsere Heiligung notwendig ist. In der Gegenwart Gottes erfahren wir eine Art Psychoanalyse, die in Freundlichkeit, Wohlwollen, Gnade und Güte daherkommt. Teile meiner Psychotherapie-Ausbildung habe ich mit analytisch arbeitenden Ärztinnen absolviert, und eins kann ich Ihnen sagen: Das war nicht immer angenehm! In der Therapeuten-Ausbildung ist es üblich, viele Selbsterfahrungsanteile zu durchlaufen. Wir lernen, wie es für einen Patienten ist, der sich in Behandlung begibt. Ich habe erlebt, dass kleinste Gesten und nebensächlich erscheinende Kommentare reflexartig gedeutet wurden. Damit wurde mir ein Spiegel vorgehalten, in den ich nicht immer sehen wollte. Das fühlte sich manchmal beschämend und unangenehm an, aber es war tatsächlich hilfreich.
Eine Analyse kann zu einer harten Konfrontation mit dem eigenen Ich werden und hat Potenzial, schonungslos Dinge aufzudecken, die eigentlich niemand sehen soll. So ähnlich ist das in Gottes Gegenwart auch, allerdings mit dem Unterschied, dass Gott keine Abstinenzregel kennt. Seine wohlwollende Liebe lässt alles, aber wirklich auch alles, erträglich werden. Das Ergebnis ist eine Form der Heiligung und Korrektur, die tiefer reicht, als jede therapeutische Aufarbeitung es könnte.

Betroffene stärken

Mag sein, dass Sie ein Kapitel mit der Überschrift „Therapie“ vermissen. Stattdessen ermutige ich Sie, Betroffene zu stärken, ihnen zu mehr Halt zu verhelfen und sie zu begleiten. Diese Lektüre richtet sich nicht an Therapeuten und will auch keine Ermutigung zur Laientherapie sein. Nur diesen einen Bereich der Traumatherapie können Laien risikofrei unterstützen. Darauf möchte ich näher eingehen. Besonderheiten beim Umgang mit Dissoziativen Identitäten behandele ich später.
Grundsätzlich kann man eine Traumatherapie in drei Abschnitte einteilen, wobei die Stärkung und Stabilisierung des Patienten immer am Anfang steht. Sie nimmt den größten Raum ein. Stabilisierungsarbeit (und nur diese) können Sie als Helfer gut unterstützen, sofern Sie Ihre Neugier zügeln und darauf verzichten, Traumainhalte zu erfragen. Die zweite und kürzeste Phase der Therapie besteht häufig, aber nicht immer, aus dem Durcharbeiten der prägnantesten Traumainhalte. Bei einem Monotrauma ist es oft vorteilhaft, wenn die dissoziierten Traumainhalte nach dem BASK-Modell17 zusammengefügt werden. Bei komplexen Traumatisierungen ist ein Durcharbeiten nicht immer sinnvoll (Reddemann, 2004). Integration und Trauerarbeit ist der dritte Teil der Therapie. Sie beinhaltet nicht selten die Frage nach dem Warum, der Trauer und die Klärung, wie es im Leben weitergeht.

Ressourcenarbeit

Ressourcen sind die wichtigsten Werkzeuge in der Stabilisierung. Sie sind wie Muskeln, die man sich vor einem sportlichen Wettkampf antrainiert. Stellen Sie sich vor, Sie müssten in der Disziplin des Kugelstoßens bei den nächsten Olympischen Spielen für Ihr Land antreten! Wenn Sie nicht zufällig gerade sowieso begeisterter Kugelstoßer sind, dann brauchen Sie ein hartes Training, viele Muskeln, Technik und Geschick, um beim Wettkampf eine gute Figur abzugeben. Das Training dauert Monate und ist sehr anstrengend, während der Wettkampf nach ein paar Minuten vorüber ist. Ressourcenarbeit ist mit dem vorbereitenden Training vergleichbar. D...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort
  6. Danksagung
  7. Einleitung
  8. Grundlagen
  9. Formen der Gewalt
  10. Folgen der Gewalt
  11. Täter und Kirche
  12. Hilfe für Betroffene
  13. Hilfe für Täter
  14. Hilfe für Helfer
  15. Heilung für Gemeinden
  16. Literaturverzeichnis
  17. AnlageZitate
  18. Endnoten
  19. Weitere Bücher