Hochsensibilität in
Kita & Schule
Obwohl sich Hochsensibilität bereits im Säuglings- und frühesten Kindesalter bemerkbar machen kann, werden die Besonderheiten hochsensibler Kinder bzw. die Unterschiede zu normalsensiblen Kindern häufig erst beim Kindergarteneintritt offensichtlich, denn dieser ist zumeist eine der ersten großen Umstellungen und Wendepunkte im Leben eines Kindes. Zu diesem Zeitpunkt verlässt es zum ersten Mal in seinem Leben sein vertrautes Umfeld mit den wichtigsten Bezugspersonen und muss sich komplett neu orientieren. Dies dürfte Kindern mit hochsensibler Veranlagung noch schwerer fallen als ihren normalsensiblen Altersgenossen.
Innerhalb des bisherigen (primär häuslichen) Umfelds mit nur relativ wenigen äußeren Einflüssen, fremden Menschen und neuen Situationen fällt die Hochsensibilität eines Kindes häufig zunächst gar nicht auf. Die weiter oben beschriebenen Auffälligkeiten und besonderen Verhaltensweisen von Säuglingen und Babys werden vielleicht zur Kenntnis genommen, aber selten schon so frühzeitig als Merkmale einer hochsensiblen Veranlagung identifiziert. Denn dafür fehlen noch zu viele charakteristische Eigenschaften, die sich tatsächlich erst im späteren Kindheitsverlauf herauskristallisieren. Viele Eltern warten deshalb erst einmal ab oder erkennen und verstehen diese frühzeitigen Hinweise erst viel später in der Retrospektive.
Mit Eintritt in den Kindergarten wird eine Reihe von Anforderungen und Erwartungen an ein Kind gestellt, welches diese erst einmal verarbeiten und umzusetzen lernen muss. Es muss sich ebenso auf einen neuen Tagesablauf und Rhythmus wie auch auf eine neue Umgebung, neue Bezugspersonen und viele andere Kinder einstellen. Auch neue Aktivitäten (Malen, Basteln, Lieder singen im Kreis, Geburtstagsfeiern, Lernprojekte etc.), bestimmte Regeln und soziales Verhalten sowie eine Gruppendynamik, zu der es selbst dazugehört und an die es sich anpassen muss, kommen nun auf das Kind zu. Selbst das Mittagessen im Kindergarten schmeckt anders als zuhause und wird nicht mehr allein bzw. am Familientisch, sondern als gemeinsame Gruppenaktivität eingenommen, wobei auch schon gewisse Tischmanieren eingehalten werden müssen.
Schon normalsensiblen Kindern fällt die Eingewöhnung in den Kindergarten und die damit einhergehende stundenweise Trennung von ihren Eltern anfänglich oft sehr schwer. Bedingt durch die starke Bindung zu den Eltern, die seit der Geburt besteht, brauchen Kinder mehrere Wochen – einige wenige sogar mehrere Monate – bis sie Vertrauen zu den Fachkräften, Kindern und in die neue Umgebung haben und tatsächlich den ganzen Tag ohne ihre Eltern im Kindergarten bleiben können.
Hochsensiblen Kindern fällt dies in der Regel noch schwerer als normalsensiblen Gleichaltrigen. Diese vielen fremden Menschen, die anderen Kinder, die neue (kunterbunte) Umgebung, die enorme Lautstärke und immer wieder die vielen und täglich neuen Eindrücke, die mit voller Wucht auf ein hochsensibles Kind einprasseln. All das kann ein hochsensibles Kind mit seiner ohnehin schon niedrigen sensorischen Reizschwelle oft an die Grenzen seiner seelischen und körperlichen Belastbarkeit bringen.
Da hochsensible Kinder alle Menschen in ihrem näheren Umfeld (unbewusst) gründlich und lange prüfen, fällt ihnen auch die Gewöhnung an neue Bezugspersonen im Kindergarten entsprechend schwerer. So brauchen sie deutlich mehr Zeit als normalsensible Kinder, sich auf eine Erzieherin einzulassen und diese als "vollwertige" Bezugsperson zu akzeptieren.
Doch so lange, wie sie brauchen, in die Bindung zu einer Erzieherin hineinzuwachsen, so intensiv und eng ist dann später diese Bindung. So haben hochsensible Kinder, wenn sie denn einmal eine bestimmte Erzieherin "ins Herz geschlossen" haben, danach meist für ihre gesamte restliche Kindergartenzeit das starke Bedürfnis, sich auf diese Erzieherin – und zwar nur auf diese – zu beziehen. Auch hier gilt also, dass hochsensible Kinder langjährige, aber dafür treue Beziehungen schnelllebigen und oberflächlichen Kontakten vorziehen.
Ein großes Problem für hochsensible Kinder ist der kindergartentypische und mitunter sehr hohe Lärmpegel, der recht schnell und regelmäßig zu Überforderung und Reizüberflutung führen kann.
Dies bedeutet inneren Stress für ein hochsensibles Kind, welches daraufhin mit entsprechenden Verhaltensweisen und (auch körperlichen) Stresssymptomen reagiert.
Eine Lösung für dieses Problem besteht darin, dem Kind Rückzugsmöglichkeiten (z.B. den Ruheraum, den Schlafraum oder den Entspannungsraum) anzubieten, wo es sich bei akuter Überreizung – und innerem Stress durch zu viel Lautstärke und Lärm – aufhalten und wieder zur Ruhe kommen kann. Zudem sollte das Kind die Möglichkeit haben, bei Bedarf Mittagsschlaf zu machen, auch wenn es schon zu den älteren Kindern gehört.
Ebenso wie ein zu hoher Lärmpegel sind auch zu große Gruppen problematisch für hochsensible Kinder. Wie bereits gesagt, bevorzugen diese Kinder eher wenige, dafür aber enge Freundschaften anstatt viele oberflächliche Kontakte. Je größer aber eine Kindergartengruppe ist, desto schwerer fällt es hochsensiblen Kindern, intensive Kontakte aufzubauen und Freunde zu finden. Meist fühlen sie sich deshalb wohler in kleineren Kindergärten mit überschaubaren Gruppenstärken. Allerdings ist die Auswahl zwischen verschiedenen Kindergärten eine unrealistische Luxusvorstellung, deshalb müssen Kinder und Eltern aus "ihrem" Kindergarten das Beste machen und herausholen, auch wenn er eigentlich zu groß und somit eher unpassend ist.
Dennoch können hochsensible Kinder sich auch in großen Kindergärten bzw. Gruppen wohlfühlen, insbesondere wenn sie eine feste Bezugsperson haben, die ihnen zugewandt ist und auf die sie sich jederzeit verlassen können. Die Eingewöhnungszeit und Orientierungsphase in großen Kindergärten dauern bei hochsensiblen Kindern allerdings entsprechend länger und sind vielleicht auch häufiger mit Rückfällen verbunden.
Überhaupt benötigen hochsensible Kinder deutlich mehr Zeit für die morgendliche Verabschiedung und Ablösung von den Eltern, auch wenn die Eingewöhnungszeit abgeschlossen ist. Jeder Abschied hat etwas mit "Loslassen" und "Einlassen auf etwas Neues" zu tun, was hochsensiblen Kindern generell schwerfällt, wobei die tägliche Routine diesen Prozess natürlich sukzessive erleichtert.
Wichtig und hilfreich in diesem Zusammenhang sind eine liebevolle Begleitung durch Eltern und Erzieherinnen sowie zuverlässige Absprachen, z.B. dass das Kind nach dem Mittagessen abgeholt wird oder dass es aufgrund schneller Überreizung nicht am Morgenkreis teilnehmen muss etc. Diese Absprachen sollten für Eltern wie auch für Erzieherinnen verbindlich sein, sodass das Kind sich darauf sicher verlassen kann. Dies stärkt sein Vertrauen in den Kindergarten und in seine Bezugspersonen dort und wird darüber hinaus seinem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis gerecht.
Allgemein kommen hochsensible Kinder mit Struktur und Klarheit, Planbarkeit, Routinen und festen Abläufen besser zurecht als mit gut gemeinten Überraschungen, die sie eher als unberechenbar, belastend und stresserzeugend empfinden. Ausflüge, neue Gruppenaufteilungen, unvorhergesehene Veränderungen oder Aktivitäten, Martinszüge, Weihnachtsfeiern oder Geburtstagsfeiern überfordern und irritieren hochsensible Kinder schnell.
Hier sind ebenfalls Absprachen mit dem Kind bzw. eine sorgfältige Planung hilfreich, etwa neben wem das Kind während der Weihnachtsfeier sitzen will, ob es an bestimmten Gruppenaktivitäten teilnehmen will, dass seine Lieblings-Erzieherin sich beim Kindergartenausflug in den Zoo um das Kind kümmert und bei ihm bleibt oder ob es seinen eigenen Geburtstag im Kindergarten überhaupt feiern will. Auch kleinere hochsensible Kinder, die ihre Bedürfnisse noch nicht artikulieren können, haben bereits ein gutes Gespür dafür, was sie brauchen, was ihnen guttut und was nicht. Hier gilt es als verantwortungsvolle und zugewandte Eltern und Bezugspersonen, das Kind möglichst da abzuholen, wo es steht. Druck jedweder Art sowie Vergleiche ("die anderen Kinder mögen/ können/ machen/ wollen das auch, warum du nicht?") sind kontraproduktiv und sollten unbedingt vermieden werden, da sich das Kind andernfalls "falsch" oder nicht angenommen/akzeptiert fühlt. Im ungünstigsten Fall zieht es sich dann völlig zurück, ist gar nicht mehr zugänglich oder will sich nicht mehr mitteilen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Kindergartenzeit auch und vor allem für Kinder mit hochsensibler Veranlagung eine sehr wertvolle Erfahrung und Bereicherung sein kann, die sie später nicht missen wollen werden und die durch nichts anderes zu ersetzen ist (insbesondere nicht durch ausschließlich häusliche Erziehung bis zur Einschulung). Auch hochsensible Kinder brauchen Altersgenossen und soziale Kontakte (nicht nur Geschwister) und müssen genauso auf das Leben außerhalb des Elternhauses und der Familie vorbereitet werden wie normalsensible Gleichaltrige. Ein hochsensibles Kind ausschließlich zuhause erziehen zu wollen, macht es gegebenenfalls noch dünnhäutiger und verhindert den Aufbau von Stressresistenz und Alltagskompetenz. Ein hochsensibles Kind jahrelang "in Watte zu packen" und in seiner häuslichfamiliären "Komfortzone" zu belassen, ist langfristig gesehen also keine adäquate Lösung. Vielmehr bedarf es der richtigen Begleitung sowohl in der Eingewöhnungszeit als auch im weiteren Kindergartenalltag, sodass die (sozialen, kommunikativen, diplomatischen, empathischen, künstlerischen, kreativen etc.) Qualitäten des Kindes im Idealfall hier bereits zum Vorschein kommen.
Somit wird das Kind bereits im Kindergarten mit einem gesunden Selbstbewusstsein und dem Wissen um seine Fähigkeiten und Kompetenzen ausgestattet, was in jedem Falle eine gute Voraussetzung für den Beginn einer erfolgreichen Schullaufbahn darstellt.
Gleichzeitig sollten natürlich alle Beteiligten (Eltern, Erzieherinnen, Kita-Leitung, Sozialpädagogen etc.) das emotionale, seelische und körperliche Wohlbefinden des Kindes weitestmöglich im Auge behalten, um mögliche Stressreaktionen rechtzeitig zu erkennen und eingreifen zu können. Es sollte dafür Sorge getragen werden, dass die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt werden. Dies kann z.B. dadurch geschehen, dass das Kind sich, soweit dies im trubeligen und durchgetakteten Kindergartenalltag möglich ist, bei Bedarf und in Situationen der inneren Überforderung und Reizübe...