Für eine trauma-existentiale Theologie
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Für eine trauma-existentiale Theologie

Missbrauch und Kirche mit Traumatherapien betrachtet

  1. 372 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Für eine trauma-existentiale Theologie

Missbrauch und Kirche mit Traumatherapien betrachtet

Über dieses Buch

In unserer Kirche haben viel zu viele Menschen Missbrauch erfahren. Kirche sollte ein Ort der Heilung und nicht ein Ort der Traumatisierung sein!Damit SeelsorgerInnen, Priester, engagierte Laien wirklich Traumatisierten beistehen können, brauchen sie ein echtes Verständnis für Traumatisierte und ein fundiertes Wissen über Traumatisierung.Wenn sich SeelsorgerInnen und TheologInnen auf dieses Thema einlassen, werden sie merken, dass dieses Thema fundamental ist, unser Menschenbild verändert und uns theologisch, pastoral, kirchlich herausfordert. Auch anhand eines Beispiels werden verschiedene Traumatherapien vorgestellt, um mehr Verständnis für Betroffene und ihre Nöte zu bekommen und um wichtige Einsichten anzubieten, um ihnen beistehen zu können. Mit diesen Traumatherapien werden dann theologische Themen, Kirche von heute und Gesellschaft kritisch betrachtet.

Häufig gestellte Fragen

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Information

Von Traumatherapien lernen,
Spiritualität neu verstehen

Wenn ich nun ausführlich verschiedene Methoden und Wege von Traumatherapien vorstelle, dann verfolge ich mehrere Ziele:
  • Das Wissen über Traumata und heilende Wege für Traumatisierte verbreitern, gerade in kirchlichen Kreisen.
  • Mit Bezügen zu Praktiken in der christlichen Spiritualität aufzeigen, dass es viele Verbindungslinien zwischen Traumatherapien und christlicher Spiritualität, insbesondere der Kontemplation gibt.
Dies will ich insbesondere durch meine eigenen Erfahrungen in der Begleitung von Anna aufzeigen. Denn meistens nutzte ich Wege und Praktiken aus der christlichen Spiritualität, um ihr zu helfen, und fand im Nachhinein die Verbindungslinien zu verschiedenen Traumatherapien heraus.
Die letzten zwei Punkte werden uns zum nächsten Kapitel führen.
  • Daraus ergibt sich auch ein Wissen, welche Wege in der Spiritualität trauma-sensibel sind und welche Wege das Trauma eher vertiefen können.
  • Und es zeigt sich immer mehr: Wenn wir von Jesus, seinem Leben, seiner Hingabe an die Schwächsten, seinem Kreuzestod ausgehen – ist dann nicht christliche Spiritualität in ihrem Ursprung auch eine trauma-existentiale Spiritualität bzw. sollte es sein?!

Anvertrauen können und Neurozeption

Warum entschloss sich Anna, mir von ihrem Missbrauch durch einen Priester zu erzählen? Sie wurde so oft enttäuscht und tief verletzt, nicht nur von den zwei Männern, die sie missbrauchten. Sondern auch durch Ärzte, die zwar entsetzt über ihre Schnittwunden reagierten, aber unfähig waren, die Gründe dahinter zu erahnen; von Menschen in der Gemeinde, die gesehen haben, dass sie vom Pfarrer immer wieder geohrfeigt wurde und nichts taten.
Sie erlebte mich bei einem Gottesdienst und ihre Neurozeption, ihr Bauchempfinden signalisierte ihr: Dem kannst Du vertrauen! Sie schaut in die Augen eines Menschen und versucht darin zu erkennen, ob die Person ehrlich ist. Porges betont in seiner Polyvagaltheorie, dass mit dem Stammhirn Nerven verbunden sind, die die Gesichtszüge lenken und die mit den Sinnen des Gesichts verbunden sind. So können wir Menschen unbewusst zwischen echtem Lächeln von einem künstlichen Lächeln unterscheiden. Dann „senken sich die Augenlider leicht, die Wangen streben aufwärts, und die Haut um die Augen „runzelt“ sich ein wenig. Ein echtes Lächeln übermittelt dem ANS (= autonomen Nervensystem) aller Menschen in der unmittelbaren Umgebung eine Neurozeption von Sicherheit und in Verbindung damit eine Einladung zur Annäherung.“68
Bei traumatisierten Menschen ist die Neurozeption hochsensibel! Sie untersucht wachsamer als bei anderen Menschen die Umgebung, ob sie sicher ist, ob der andere Mensch gegenüber ehrlich ist.
Leider entstand bei einer nächsten Begegnung zwischen uns ein blödes Missverständnis. Sie misstraute mir nun und sagte: „Ich mag Sie nicht!“
Doch als ich an Weihnachten in der Pfarrei aushalf, tat ich etwas, das ihr Vertrauen in mir auf sehr starke Weise verstärkte:
Ich lud Anna dazu ein, bei dem Weihnachtsgottesdienst zu ministrieren. Die Pastoralreferentin in der Pfarrei wollte nicht, dass Anna ministrierte. Denn Anna war ja immerhin schon über 45 Jahre alt, auch wenn sie jünger aussah. In der Pfarrei hatte Anna verschiedene Hilfsdienste zu erledigen. Sie war in der kirchlichen und gemeindlichen Hierarchie auf der untersten Stufe. Und so durfte sie höchstens manchmal an Wochentagen ministrieren, wenn keine anderen normalen Ministranten da waren.
Nun hatte aber Anna vor dem Altar die großen Figuren Maria, Joseph und die Krippe mit viel Geschmack hingestellt und verziert. Und im Weihnachtsgottesdienst sollte die Figur des Jesuskindes an einer bestimmten Stelle des Evangeliums in die Krippe gelegt werden. Ich habe schon immer ein Gefallen daran gefunden, gesellschaftliche Schubladen und Grenzen spielerisch zu übergehen. Ich weiß noch, dass das ein Motiv war, warum ich Anna ministrieren ließ. Die Engstirnigkeit der vorherigen Pastoralreferentin fand ich völlig unsinnig. Außerdem hatte Anna die Figuren schön gestellt, dann sollte sie auch das Jesuskind in die Krippe legen. Damit das liturgisch gut ausschaut, musste sie ein Ministrantengewand anziehen und ministrieren.
Erst viel später erzählte mir Anna, dass an diesem Weihnachtsfest ihre seelische Dunkelheit einen solchen großen Höhepunkt erreichte, so dass sie alles für den Selbstmord vorbereitet hatte. Die Tabletten, den Abschiedsbrief, Hinweise für die Beerdigung. Und da durfte sie das erste Mal in ihrem Leben an einem großen Festgottesdienst ministrieren! Das war das erste Mal, dass ich ihr Leben rettete. Und ich wusste gar nichts davon. Da hat mich wohl der Hl. Geist geführt! Anna selbst schrieb über dieses Ereignis: Man schreibt das Jahr 2006, es ist Weihnachten. Jeder wünscht frohe Weihnachten. Was froh ist, da spüre ich schon lange nicht mehr. Gefühle gibt es nicht mehr, mein Körper spürt nichts, keine Freude, es ist nur dunkel, es gibt kein Licht, und keine Hoffnung. An Weihnachten gibt es wie immer nur der Gedanke, was soll ich noch auf dieser Welt, das ist doch kein Leben, mein Leben habe ich schon mit fünf Jahren verloren. Aber wie jedes Weihnachten schmücke ich die Kirche, im Kopf ist immer noch der schlimme Gedanke, Schluss zu machen. Ich habe Tabletten gekauft. Ich wollte keine Weihnachten mehr miterleben, ohne Spüren und Gefühle. Ja es ist anders gekommen. Eigentlich bin ich Kaplan Michael aus dem Weg gegangen. Ich brauche lange, bis ich Vertrauen zu Menschen habe. Aber es soll an diesem Weihnachten anders kommen. Kaplan Michael holte mich aus dem Dunkeln, ich konnte es gar nicht glauben. Ich Anna, soll beim Weihnachtsgottesdienst ministrieren. Ich war ja schon sehr lange in der Pfarrei. Aber bei so einem Festgottesdienst durfte ich nie ministrieren. Ich kann gar nicht sagen, ich spürte auch zum ersten Mal Weihnachten. Es war hell und nicht mehr so dunkel. Für mich war es, als ob Michael bei mir einen Schalter eingeschaltet hätte. Ich wollte an diesem Weihnachten nicht mehr aus dem Leben scheiden. Ich wollte leben. Ich spürte in mir so eine Kraft und Wärme.
Wie es dazugekommen ist, dass ich ministrieren durfte? Ich hatte ja die Krippe und die Kirche geschmückt. Ich kann nicht sagen, ob es schön war. Viele haben es gesagt, dass es wunderschön geschmückt ist. Die Krippe war noch zugedeckt. Sie stand direkt vor dem Altar. Ich hab mir fest vorgenommen, dass es mein letztes Weihnachten wird. Also ging ich durch die Sakristei und wollte zur Tür. „Anna, zieh dich an und ministriere mit.“ Ich konnte das nicht glauben. Ich, Anna soll bei einem Weihnachtsgottesdienst ministrieren. Das durfte ich nie! Was wäre gewesen, wenn das nicht passiert wäre, dass mich Kaplan Michael aus diesem schlimmen Vorhaben geholt hätte?! Von diesem Tag an spürte ich langsam Vertrauen zum Kaplan Michael.
Aber da gab es ja noch dieses Missverständnis zwischen uns. Ich wollte das nun klären und fuhr in diese Pfarrei, um mit Anna das zu klären. Meine unbewusste Rettung an Weihnachten hatte genug Vertrauen aufgebaut, so dass sie mir ihren Missbrauch erzählte:
Heute ist wieder so ein Tag, da möchte ich auf und davon, nur raus aus diesem Pfarrbüro. Die Sekretärin merkt, dass es heute schwer ist mit mir. „Anna, du musst mit Kaplan Michael sprechen, er hat mich schon gefragt, warum du immer zu ihm sagst: Ich mag Sie nicht. Er weiß doch nicht, was dir passiert ist.“
Wie es sein soll, kommt Kaplan Michael rein. „Guten Morgen Anna“, sagt er. Ich gleich wieder: „Ich mag Sie nicht.“ Und er antwortet: „Jetzt möchte ich wissen, warum.“ Er zog einen Stuhl an meinen Schreibtisch und hat die Tür geschlossen. „Was ist los?“ Ich hatte keine Angst vor ihm, weil seit Weihnachten das Vertrauen da war. „Du kannst mir alles erzählen, auch wenn ich etwas falsch gemacht habe.“ „Ja, da war schon etwas. Sie haben gesagt, wie ich mit der Kollekte gekommen bin, „Nicht aufs Volksfest damit gehen“. Aber nicht Sie haben mich mit diesen Worten verletzt, sondern ein Pfarrer. Es sind Bilder gekommen, die etwas mit Geld zu tun haben.“ Er antwortet: „Das tut mir sehr leid, das wollte ich nicht, ich habe nur einen Spaß machen wollen. Kannst du mir verzeihen?“ Ja, das kann ich, weil ich spürte, so ein großes Vertrauen und die Bilder wollten raus. „Herr Kaplan, ich wurde von einem Pfarrer jahrelang sexuell missbraucht. Ich ritze jeden Tag bis zu siebenmal.“ Gleich konnte ich das nicht erzählen, Kaplan Michael sagte immer wieder: „Lass dir Zeit.“ Und dann kam es aus meinem Mund. Kaplan Michael hatte so ein Mitgefühl.
Ich sah auch Tränen in seinen Augen. Auch ich hätte gerne geweint, aber das konnte ich schon sehr lange nicht mehr. „Danke, Anna, für dein Vertrauen, und dass du mir das erzählt hast. Wenn du willst, werde ich dir helfen, und mit dir den Weg gehen, das aufzuarbeiten.“ Ich spürte schon lange meinen Körper nicht mehr, und es war alles so dunkel. Zum ersten Mal spürte ich Hoffnung. Es muss dieses Gefühl sein, weil es war warm und hell und auch Leben in diesem Wort Hoffnung. Kaplan Michael schaute auf, „Ich komme gleich, ich hole etwas aus meinem Rucksack. Ich bin gleich wieder da.“ Der Druck zum Ritzen war sehr stark und die Bilder flogen durcheinander. Ich hatte das Messer in der Hand und wollte zur Toilette. Da kam Kaplan Michael, er sah das Messer und hat es genommen. „Schau, Anna, ich habe für dich dieses Buch: Kontemplative Exerzitien von Franz Jalics. Bete jeden Tag das Jesusgebet: Jesus erbarme dich meiner. Ich glaube für heute reicht es.“ Eine Vertrauensverbindung zwischen Traumatisierten und Begleiter ist das Grundlegendste für die heilende Arbeit miteinander. Die traumatisierte Person muss von ihrem Bauchgefühl her dem Begleiter vertrauen können. Ich begann die Gespräche erst nachdem bei Anna das Vertrauen durch meine Tat an Weihnachten gefestigt war. Traumatisierte können normalerweise nicht schnell Vertrauen aufbauen. Deswegen muss man sich Zeit lassen mit dem Vertrauensaufbau.

In die Gegenwart zurückkommen

Wer kontemplative Exerzitien macht, beginnt mit der Wahrnehmung der Natur, des Körpers und des Atems. Der Exerzitant wird eingeladen, in die Gegenwart zurück zu kommen. Er kommt ins Hier und Jetzt zurück und verlässt seine Gedankenwelt, wenn er mit allen Sinnen die Natur wahrnimmt, wenn er seinen Körper aufmerksam, absichtslos, akzeptierend wahrnimmt, wenn er dem Atem nachspürt, ohne einzugreifen. Und dies ist nicht nur bei kontemplativen Exerzitien so. Ignatius lädt z. B. seinen Exerzitanten ein, eine Bibelstelle zu vertiefen, indem er sie mit allen fünf Sinnen erlebt.
Auch nichtchristliche Spiritualität betont das Zurückkehren in die Gegenwart und achtsames Wahrnehmen des Körpers und des Atems. das finden wir in der hinduistischen und buddhistischen Spiritualität, bei Achtsamkeitstrainings aber auch bei Eckhart Tolle.
Für die Traumabehandlung ist die Übung, in die Gegenwart zurück zu kommen, zentral: Das Buch „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“ stellt „Lernen, präsent zu sein“ gleich als erste Übung vor. Im ganzen Buch wird immer wieder auf diese Übung zurückgegriffen.
Die Anweisungen für traumatisierte Menschen müssen sehr konkret sein, damit der traumatisierte Mensch gerade auch in Situationen von Panik, erhöhtem Stress und Flashbacks darauf zugreifen kann:
„Suchen Sie sich drei Gegenstände im Zimmer aus. Nehmen Sie Ihre Details (Form, Farbe, Oberflächenstruktur, Größe usw.) sehr aufmerksam war. Achten Sie darauf, dass Sie diesen Teil der Übung ohne jede Hast durchführen. Lassen Sie den Blick auf jedem der Gegenstände ruhen. Dann sprechen Sie jeweils drei Eigenschaften laut aus, zum Beispiel: „Er ist grün. Er ist groß. Er ist rund.“ [...] Konzentrieren Sie sich, während Sie die Dinge ansehen, auf die Tatsache, dass Sie sich zusammen mit diesen Gegenständen hier und jetzt in der Gegenwart, in diesem Raum befinden.“69
Wenn ich mit Anna Gespräche führte und sie in ihre schlimmen Bilder verfiel, merkte ich schnell, dass sie abdriftete: Sie schaute ziellos umher und kratzte sich wild die Hände. Ich frage sie schnell: „Was siehst Du? Schau dich um! Sage es mir!“ Und dann sagte sie z. B.: „Einen Stuhl! Ein Bild von den Bergen!“ Oft sagte sie auch noch: „Dich sehe ich!“
Ich habe dieses Zurückkommen in die Gegenwart aus der kontemplativen Meditation gelernt und wendete es bei Anna an. Erst später las ich bei Janina Fisher, dass für heutige Traumatherapeuten dieses Eingreifen selbstverständlich ist, aber bei früheren Therapeuten nicht üblich war: „Auch der neurobiologisch geschulte Therapeut kann die Rolle einnehmen, Zeuge der Geschichte der Betroffenen zu sein, aber er tut es auf andere Weise, als traditionelle Therapiemodelle das vorsehen. Nach dem psychodynamischen Modell ist der Therapeut in der Zeugenrolle ein rezeptiver Zuhörer, der es aushält, die Geschichte auch in den schrecklichsten Details zu hören, und dabei immer noch für die Erzählende „da ist“. Ein in diesem Sinne guter Zeuge unterbricht die Klientin nie, auch dann nicht, wenn diese in autonome Aktivierungszustände verfällt oder den Geschehnissen einen Sinn zu geben versucht, indem sie ein gegen sich selbst gerichtetes Narrativ konstruiert, etwa nach dem Muster „Es war meine Schuld“. Aus neurobiologisch orientierter Sicht ist diese Vorgehensweise problematisch:“70 Denn die Klientin kann mit dem, was in ihr vorgeht, völlig überfordert sein. Ihr präfrontaler Kortex kann wegen dem hohen Arousal (Übererregung, Kampf/Flucht-Modus) oder auch wegen zu niedrigem Arousal (Untererregung, Erstarrungsmodus) abgeschaltet sein.71
Dann ist es wichtig, dass der Begleiter hilft, in die Gegenwart zurück zu kommen. Nur dort, in der momentanen sicheren Gegenwart, merkt der traumatisierte Mensch, dass er sich beruhigen kann und „darf“, weil keine Gefahr droht.
Um ihr das Gefühl von Sicherheit in unserem Gespräch zu geben, sagte ich auch immer wieder zu Anna: „Überlege mal. Die nächsten 10 Minuten kann nichts Schlimmes passieren. Du kannst dich sicher fühlen.“
Es ist wichtig, den traumatisierten Menschen anzuleiten, in seinem Alltag Gegenwartsanker zu haben. Zum Beispiel wenn die Person aus einem Albtraum erwacht, ist die erste Empfehlung in „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“: „Der erste Schritt besteht immer darin, sich in der Gegenwart zu orientieren. Nehmen Sie alle Gegenwartsanker zu Hilfe, die Sie in Ihrem Schlafzimmer aufbewahren. Sprechen Sie beruhigend zu sich selbst und versichern Sie sich laut, wo Sie sind. Schalten Sie das Licht an und stehen Sie auf. Sie können einen Schluck Wasser oder Tee trinken und irgendetwas Beschauliches tun, um sich abzulenken.“72
Gerade weil traumatische Trigger durch verschiedene Sinne ausgelöst werden, ist es wertvoll, mit den verschiedenen Sinnen in die Gegenwart zurück zu kommen:
„...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Vorwort
  3. Ouvertüre
  4. Trauma-existentiale Anthropologie
  5. In einen traumatischen Menschen hineinfühlen
  6. Von Traumatherapien lernen, Spiritualität neu verstehen
  7. Eine trauma-sensitive Haltung und Hermeneutik
  8. Die offene Ungleichung: Die Täter
  9. Trauma-existentiale Theologie – Ringen um das rechte Menschenbild
  10. Trauma-existentiale Ekklesiologie und die Machtfrage
  11. Eine trauma-sensitive Kirche werden
  12. Für eine trauma-sensitive Gesellschaft
  13. Schluss
  14. Anhang: Übersicht Spiral Dynamics
  15. Literatur
  16. Impressum