Corona und was die Seuchengeschichte lehrt
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Corona und was die Seuchengeschichte lehrt

Essay

  1. 100 Seiten
  2. German
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Corona und was die Seuchengeschichte lehrt

Essay

Über dieses Buch

Dieser Essay gibt fragmentarische Einblicke in die Seuchengeschichte und schildert die persönlichen Erfahrungen und Überlegungen des Autors in der Corona-Krise. Der Blick in die Vergangenheit erweist sich als hilfreich, um die gegenwärtige Gemengelage besser einschätzen zu können.

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CORONA-KRISEEINE ANSTECKUNG DER WELT

Zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag erreicht der rheinische Karneval seinen fiebrigen Höhepunkt. Das war auch im denkwürdigen Jahr 2020 der Fall. So zogen in Bonn die Karnevalswagen der Traditionsvereine und die Kompanien des Fußvolks im Rosenmontagszug mit Pauken und Trompeten am Alten Rathaus vorbei. Auf der berühmten Rathaustreppe begrüßte der Oberbürgermeister mit Narrenkappe die Durchmarschierenden und Durchfahrenden im Wechsel mit einem kommentierenden Redakteur des General-Anzeigers. Ihre wohlgemuten Botschaften schallten durch die Lautsprecher. Ich sah mir das alljährliche Ritual am Laptop an, der professionelle Livestream ließ nichts zu wünschen übrig. Das war am 24. Februar 2020. Zu dieser Zeit gingen schon längst die Schreckensbilder aus Wuhan um die Welt: wie leergefegte Straßen, Ordnungskräfte in Schutzanzügen, verriegelte Wohnungen, auf dem Boden liegende Seuchenopfer. Mit Erstaunen vernahm man die Nachricht, dass Millionen Menschen unter strenge Quarantäne gestellt worden seien. Aber China erschien beruhigend weit weg, und überhaupt komme ein so rigides Seuchenregime für die freiheitlich-demokratischen Gesellschaften des Westens nicht in Frage, war allenthalben zu hören. Mitte März, etwa zwei Wochen nach Aschermittwoch, war die Ernüchterung groß. Das »chinesische« oder »Wuhan-Virus« war nicht dort geblieben, wo es zuerst aufgetaucht war, sondern hatte sich über viele Länder verbreitet und war auch nach Deutschland eingedrungen. Man machte sich Sorgen, war aber doch guter Dinge, dass man seine Verbreitung eindämmen und es letztlich fernhalten könne.
Dann kam am 9. März der »Schwarze Montag«, und auch den vielen Menschen ohne Aktien und Wertpapieren wurde schlagartig klar, was auf dem Spiel stand. Es ging eben nicht nur um ein gefährliches Virus, das gerade auf bestem Wege war, eine Pandemie auszulösen, sondern um die bisherige soziale und wirtschaftliche Ordnung schlechthin. Ich spürte eine unheimliche Anspannung in mir, wie ich sie zuvor nie erfahren hatte. So mussten wohl jene empfunden haben, die vom Ausbruch des Krieges überrascht wurden und um ihre Heimat, ihre Familie, ihr eigenes Haus bangten.
Es geht gerade etwas zu Bruch, das unser bisheriges Leben ausmacht, dachte ich. Und tatsächlich ging auch etwas in mir zu Bruch. Ich stieg einige Tag später geistesabwesend von einem mir nicht vertrauten Fahrrad mit hohem Einstieg ab, blieb an demselben hängen, kippte auf die linke Seite und stürzte auf den asphaltierten Weg. Wie sich herausstellte, hatte ich mir den fünften Mittelfußknochen links gebrochen, eine typische »Jones-Fraktur«, wie der Radiologe feststellte. Auf diesen denkwürdigen Zusammen-Bruch komme ich noch einmal zurück. Zunächst aber möchte ich das oben skizzierte Panorama der Seuchen im Hinblick auf die neuartige Corona-Pandemie reflektieren.

Covid-19 und die Physiognomie von Seuchen

Alle Infektionserreger, die im Laufe der Geschichte zu Epidemien oder Pandemien geführt haben, sind auch heute noch »am Leben«. Tatsächlich »ausgerottet« ist kein einziger, selbst das Pockenvirus existiert noch in (hoffentlich sicheren) Hochsicherheitslabors weiter. Seuchen haben einen Ursprung, suchen ihre Verbreitungswege, erreichen einen Höhepunkt und offenbaren dabei ihr charakteristisches Gesicht: eine Fratze des Schreckens und Siechtums. Wie haben wir nun die Corona-Pandemie einzuordnen? Ein vergleichender Blick in die Seuchengeschichte zeigt ihre Eigenart eher ex negativo, als dass sich ins Auge fallende Ähnlichkeiten mit früheren Epidemien finden ließen. Das wäre im Einzelnen zu zeigen.
Die Lepra mit ihrer jahre- und mitunter jahrzentelangen Inkubationszeit und ihren typischen irreversiblen Verstümmelungen bietet ein manifestes Kontrastbild zu Covid-19. Eine akute, leicht übertragbare Infektionskrankheit hat mit einer chronischen Krankheit, die eine lebenslange körperliche Entstellung bzw. Behinderung zur Folge hat, wenig gemein. Allerdings gibt es eine Gemeinsamkeit: Beide Infektionskrankheiten sind übertragbar und die Abwehrmaßnahmen bestehen aus einer Separierung der Erkrankten von der übrigen Gesellschaft sowie einem Regime der Kontaktvermeidung bzw. strikter Schutzmaßnahmen bei Kontaktaufnahme.
Die Pest war keineswegs auf das »große Sterben« in der Mitte des 14. Jahrhunderts beschränkt. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Europa von immer wiederkehrenden Pestzügen heimgesucht. Die stets drohende Seuchengefahr prägte das Alltagsleben und schuf ein Bewusstsein für die Hinfälligkeit des Lebens schlechthin. Das plötzliche massenweise Sterben in den Städten, die Leichenberge, die beseitigt werden mussten, der Abtransport von Pestkranken in spezielle Spitäler (»Pesthäuser«), prophylaktische Quarantäne-Maßnahmen, der pestilenzialische Gestank, den die Kranken verbreiteten, prägte sich im kollektiven Gedächtnis ein. Die ökonomischen, kulturellen und religiösen Folgen waren, abgesehen von den medizinischen und gesundheitspolitischen, enorm. Spiegelt dieses umwälzende Geschehen der Pest nicht das der Corona-Pandemie wider, was gegenwärtige Debatten manchmal nahelegen? Nach meinem Eindruck: keineswegs. Trotz der dramatischen Bilder aus Wuhan, Norditalien und New York konnte von Leichenbergen in den allermeisten Städten – zumindest in Deutschland – nicht die Rede sein. Soweit ich im Kollegen- und Bekanntenkreis um mich schaue, ist niemand an (oder mit) Covid-19 gestorben. Auch die so genannte Übersterblichkeit ist zumindest hierzulande im Vergleich zu Pestzügen in früheren Jahrhunderten kaum der Rede wert. Es fällt auf, dass im heutigen Kulturleben kaum mehr emotionale Reaktionen im Kollektiv ausgelebt werden (können), die auch nur annähernd mit jenen Massenbewegungen vergleichbar wären, welche die Pest seinerzeit auslöste. Vielleicht auch deshalb, weil trotz aller Pandemie-Ängste der Todeshammer nicht mit voller Wucht zugeschlagen hat. So wenig vergleichbar die medizinischen und gesundheitspolitischen Folgen der Pest mit denen der Corona-Pandemie in der gegenwärtigen Lage auch sein mögen – politökonomische Umwälzungen, gewissermaßen die Neuordnung der Welt, wie sie durch die Pest bewirkt wurden, könnten – freilich in moderner Form – auch nach der Corona-Krise eintreten. Dies kann niemand vorhersagen.
Wie steht es mit der Syphilis oder »Franzosenkrankheit«, wie sie in Deutschland seit ihrem Auftauchen in der Renaissance genannt wurde? Sie hatte durchaus die Qualität einer Pandemie. Sie verbreitete sich in kurzer Zeit global, vor allem in Verbindung mit Kriegszügen. Als »Geschlechtskrankheit« wurde sie besonders durch Geschlechtsverkehr übertragen, wobei Promiskuität und Prostitution entscheidend zu ihrer Ausbreitung beitrugen. Die Spätfolgen (progressive Paralyse, Tabes dorsalis), die erst Ende des 19. Jahrhunderts als vom Syphilis-Erreger hervorgerufen erkannt wurden, hatten seinerzeit ein ungeheures Ausmaß erlangt. Der Unterschied zu Covid-19 liegt auf der Hand: insbesondere der sehr spezielle Übertragungsweg, die gravierenden Spätfolgen bei Nichtbehandlung, die effektive antibiotische Therapie. So hat die Syphilis heute trotz ihrer weltweiten Verbreitung nicht mehr die Qualität einer bedrohlichen Pandemie.
Die Pocken haben die Menschheit wahrscheinlich heimgesucht, seit es Menschen gibt. Sie gehören zu den gefährlichsten und tödlichsten Infektionskrankheiten, die ein Massensterben verursachen, weswegen ihr potenzieller Einsatz als biologische Waffe überaus gefürchtet ist. Zu den verheerendsten Seuchenzügen gehört die Pockenepidemie nach der »Entdeckung« und Eroberung Amerikas durch die Europäer, welche die indigene Bevölkerung dezimierte. Ende des 18. Jahrhunderts starben in Europa etwa 10 Prozent der Kleinkinder an »Kindsblattern«. Vor dem Hintergrund von jährlich vielen Hunderttausend Toten war die von Edward Jenner eingeführte Pockenschutzimpfung (Vakzination, 1796) eine lebensrettende Großtat. Verglichen mit dem Corona-Virus war das Pocken-Virus tatsächlich ein Superkiller, der alle Lebensalter betraf, eine hohe Letalität aufwies und nicht nur entstellende Narben auf der Haut hinterließ, sondern in schweren Fällen auch Organe dauerhaft schädigen und zur Erblindung führen konnte. Auch das Corona-Virus kann für vulnerable Personen bestimmter Risikogruppen höchst gefährlich werden und tödlich sein – aber ein Killervirus, der die Bevölkerung von Großregionen dezimieren könnte, ist es sicherlich nicht.
Kaum eine andere Infektionskrankheit hängt so eng mit dem Hygienestandard einer Gesellschaft zusammen wie die Cholera. Die »Pest des 19. Jahrhunderts« grassierte in einer Zeit des sozialen Umbruchs mit elenden Lebens- und Wohnverhältnissen, die mit der industriellen Revolution einherging und für das wachsende Proletariat und Subproletariat besonders bedrohlich waren. Offensichtlich ist aber ein epidemischer Brechdurchfall nicht mit Covid-19 zu vergleichen: Entstehungsbedingungen, Übertragungswege, Symptomatik und therapeutische Möglichkeiten sind grundverschieden. Ein Ausbruch der Cholera signalisiert direkt einen allgemeinen hygienischen Notstand, dem mit medizinischen und sozialen Hilfsmaßnahmen umgehend wirksam abgeholfen werden kann oder könnte. Bei Covid-19 ist dies anders, obwohl auch hier der schlechtere Gesundheitszustand von sozialen Randgruppen als Risikofaktor eine Rolle spielt. So wird vermutet, dass der prozentual erheblich größere Anteil von Covid-19-Erkrankungen bei Farbigen in den USA auf schlechtere Lebensverhältnisse und mangelnde Gesundheitsversorgung zurückzuführen ist.
Die Tuberkulose und hier vor allem die Lungentuberkulose war im Zeitalter der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Pauperisierung der Bevölkerung eine schreckliche Plage. Mangelernährung, schlechte Wohn- und Arbeitsverhältnisse begünstigten die »Schwindsucht«. Freilich konnten auch besser Situierte von der Krankheit betroffen werden. Ihr chronischer Verlauf zeichnete den »Schwindsüchtigen«. Sein Siechtum zehrte an seinen Kräften, ohne seine Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit gänzlich zu blockieren. Unter den Infektionskrankheiten ist die Lungentuberkulose in der Medizingeschichte die ästhetisch ansprechendste. Künstler konnten weiterhin kreativ sein, ehe ihnen die Krankheit die letzten Kräfte raubte. Die Reihe tuberkulosekranker Schriftsteller oder Maler ist lang, es sei nur an Novalis und Franz Kafka oder Aubrey Beardsley und Ernst Ludwig Kirchner erinnert. Die »Schwindsucht« ist nicht sehr ansteckend und viele Menschen werden mit dem Erreger fertig, ohne zu erkranken. Wer jedoch erkrankte, hatte vor der antibiotischen Therapie seit Mitte des 20. Jahrhunderts mit einem schleichend fortschreitenden, oft jahrelangen Siechtum zu rechnen. Die akute spezifische Lungenentzündung von Covid-19-Kranken hat mit dem Krankheitsbild der Lungentuberkulose nichts gemein.
Die Spanische Grippe von 1918/19 gilt als das Musterbeispiel einer Pandemie, die sich innerhalb kurzer Zeit global verbreitete, zu umfassenden Abwehrmaßnahmen führte und eine riesige Anzahl von Opfern forderte. Sie wird heute regelmäßig mit dem pandemischen Geschehen von Covid-19 verglichen und als historischer Bezugspunkt herangezogen. Im Vordergrund der Symptomatik stand die Lungenentzündung. Zeitgenössische Abbildungen zeigen Pflegekräfte und Ärzte mit Mund-Nasen-Schutz und in Schutzkleidung, die ganz an das heutige Outfit erinnert. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede zwischen der Spanischen Grippe und Covid-19. Zum einen sticht die unvergleichlich höhere Zahl von Todesopfern bei der Spanischen Grippe ins Auge, die vorzugsweise junge Erwachsene befiel; zum anderen fiel ihr Ausbruch mit den sozialen Erschütterungen am Ende des Ersten Weltkriegs und deren gesundheitlichen Folgen zusammen. Beide Aspekte treffen auf die Corona-Pandemie nicht zu. Bei einer Weltbevölkerung von derzeit 7,6 Milliarden Menschen müssten heute – verglichen mit der Spanischen Grippe (geschätzt 20-50 Millionen Tote bei einer Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden Menschen) – an Covid-19 zwischen 80 und 200 Millionen Menschen sterben! Tatsächlich meldete die WHO Mitte September 2020 weltweit weniger als 1 Million Todesfälle.9 Die Vergleichszahlen zeigen, welch unterschiedliche Ausmaße eine Pandemie annehmen kann.
Auch AIDS gilt als Pandemie. Ihre rasche globale Verbreitung seit den 1980er Jahren stellt bis heute eine großes Problem der Gesundheits- und Sozialpolitik weltweit dar. Insgesamt haben sich etwa 75 Millionen Menschen mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) infiziert und etwa 38 Millionen leben mit der Krankheit, die inzwischen gut behandelbar ist. Die Besonderheit der Übertragung durch Körperflüssigkeiten, die über verletzte Schleimhäute oder auf anderem Weg in die Blutbahn gelangen, markiert den Unterschied zu Covid-19, wo die Übertragung durch Tröpfchen oder Aerosole in der Atemluft geschieht. Während die Ansteckungsgefahr durch mit Covid-19-Virus Infizierte bei Nichtbeachten der Hygieneregeln im öffentlichen Raum recht hoch ist, geht von AIDS-Kranken im Alltagsleben keine Infektionsgefahr aus.
Unser Streifzug durch das »Seuchenpanorama« hat einen merkwürdigen Befund zutage gefördert: Seuchen, die wir als Epidemien oder Pandemien bezeichnen können, haben in ihrer jeweiligen Eigenart (Übertragung, Infektiösität, Krankheitsbild) weniger miteinander gemein, als man zunächst annehmen würde. Wie können wir Covid-19 – mit unserem augenblicklichen Wissen – einordnen? Zweifellos haben wir es mit einer Pandemie zu tun. Aber die »Bösartigkeit« des Erregers kann keineswegs mit der des »Schwarzen Todes« oder der »Blattern« vergleichen werden. Ein Blick in die Sterbestatistiken genügt. Aber wie lässt sich der Lockdown oder Shutdown begründen, der in so vielen Ländern weltweit fast gleichzeitig durchexerziert wurde? Der katastrophale wirtschaftliche und soziale Auswirkungen gehabt hat und noch haben wird? Eine mögliche Erklärung könnte sein: Nicht das physische Virus und seine Ausbreitung zwangen zu den drastischen Maßnahmen, sondern das mit ihm verquickte »psychische Virus«. Dieses löste eine Art Massenpsychose aus, die sich als kollektive Panikreaktion äußerte, der sich auch die meisten Politiker und Wissenschaftler nicht entziehen konnten. Insofern wäre nicht die Spanische Grippe der historische Bezugspunkt, sondern der von den Massen gefeierte Marsch von Millionen junger Männer auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, der der Spanischen Grippe vorausging.
Die Katastrophenerwartung kann in die Katastrophe führen, man denke an die self-fulfilling prophecy, die der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton als sozialen Mechanismus definierte. Es ist interessant, dass die Corona-Krise just dann ausbrach, als das Dauerfeuer der Klimaretter einen Höhepunkt erreicht und seine größte Durchschlagskraft in der politischen und medialen Öffentlichkeit entfaltet hatte. Fridays for Future, Extinction Rebellion und Greta Thunberg im Schulterschluss mit etablierten Klimaforschern und Wissenschaftsakademien, wohlwollend begleitet vom Chor der so genannten Mainstream-Medien und der Politik, abgesegnet von den Kirchen bis hin zum Papst – diese Symphonie, welche Untergangsangst und Panikbereitschaft förderte (»I don't want you to be hopeful, I want you to panic! I want you to feel the fear I feel every day …« sagte Greta Thunberg in Davos 2019), endete mit einem Paukenschlag, als die WHO am 11. März 2020 die Covid-19-Epidemie zur Pandemie erklärte.

Mittwoch, der 18. März 2020

Es gibt Tage, die man nicht vergisst. An denen etwas Umwerfendes passiert, das sich für alle Zeit ins Gedächtnis einbrennt. So etwas trifft wahrscheinlich weniger auf Glückstage, als vielmehr auf Unglückstage zu – gerade auch dann, wenn das Unglück in seinem katastrophalen Lauf noch vom Glück abgefangen wird. Die Redewendung vom »Glück im Unglück« bringt es auf den Punkt. Für mich war ein solcher Tag der 18. März 2020, ein Mittwoch. Im Folgenden zitiere ich den Eintrag aus meinem Notebook-Tagebuch.
Ein merkwürdiger Tag. Zum ersten Mal fahre ich mit Mundschutz zum Bäcker, um Brot zu kaufen. Siehe da, es geht, auch wenn sonst noch niemand einen Mundschutz trägt. Aber die tschechische Regierung hat heute angeordnet, dass alle Bürger Mundschutz tragen müssen. Nachmittags Radtour mit einem neuen E-Bike zum Waldkrankenhaus, auf dem Rückweg halte ich vor der Baugrube des neuen Lehrgebäudes an, wo das frühere Medizinhistorische Institut (MHI) unter neuem Namen mit untergebracht werden soll, um die schnell wachsenden Fortschritte des Baus zu fotografieren. Ich vergesse aber den höheren Einstieg am Rad und kippe praktisch im Stehen um. Der linke Fuß und auch die linke Seite knallen auf den Asphalt, starker Schmerz im Fuß, aber ich kann zur Not auftreten, der Fuß scheint nicht gebrochen, aber doch schwer verstaucht oder verrenkt. Zuhause stelle ich das Rad noch ordnungsgemäß in die Garage, schließe ab und lasse mir nichts anmerken, als ich ins Haus und in die Küche gehe. Dann aber verrate ich den Unfall und die anderen sind sehr besorgt. Ich bekomme kalte Umschläge, zwei Unterarmstützen, Voltaren Salbe, Mineralwasser zum Trinken, Bandagen. Mit Stützen geht das Laufen gut, muss aber die Technik noch erlernen. Der Sturz als Fehlleistung ist nach S. F. [Sigmund Freud] leicht erklärt: Konfrontiert mit der Baustelle, an der das geliebte MHI schon bald in einem großen Baukörper verschwinden wird, verliere...

Inhaltsverzeichnis

  1. Motto
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorbemerkung
  4. Panorama der Seuchen – Ein Historischer Schattenriss
  5. Corona-Krise – Eine Ansteckung der Welt
  6. Bildergalerie
  7. Schlussbetrachtung
  8. Impressum